felderbriefe.at - Rößlestreit http://felderbriefe.at/taxonomy/term/701/0 de VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-39 <div><span class="date-display-single">9. Februar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber tapfrer Freund,</p> <p>Ich kann den Sonntag nicht vorüber lassen, ohne brieflich an Dich zu denken. Ich habe lange nicht so mit Wärme und Interesse nach Schoppernau und an Dich gedacht als in die­ser Zeit, und mit mir Deine hiesigen Freunde. Leid thut es uns freilich, daß Dich die Kämpfe für Licht und Recht von Deinem gemüthlichen Schreibtische wegziehen. Aber ich denke mir Dich auch gern als Vorkämpfer des Guten, ja ich beneide Dich im Grunde darum. Und doch möcht ich Dich bitten, Dich so bald es irgend geht, wieder davon los zu machen, daß Du zu Deiner Hauptaufgabe kommst. Wie steht es denn jetzt mit der Wahlsache? Ich bin höchst begierig .. . In der N. freien Presse war ja in einem Bericht aus Vorarlberg von Feuer zu lesen, das die Gegner in die Wahlurne gewor­fen hätten. Ist das möglich?! Da hätten sie ja euch die beste Waffe gegen sich in die Hand gegeben! Erfreulich ist mir daß der gute Felder so durchgekommen ist, grüß ihn doch von mir, der Club hat an seiner Heldenthat freudigen Theil genommen. Auch daß Du dabei mit Seifertitz in persönliche Berührung gekommen bist, ist mir außer­ordentlich angenehm; bitte, schick mir doch seinen ersten Brief an Dich einmal mit, ich möchte gern von Ton und Hal­tung seiner Ansprache an Dich einen Begriff haben. In Blu­denz und auf der politischen Reise hast Du doch an unsere poetische Wanderung damals gedacht? Ich habe in den Tagen von Bludenz hier viel erzählt, möchte auch gern einmal Dei­nen guten Schwager über diese Dinge hören. Auch die ver­sprochene Nummer des Volksblattes möcht ich schon sehen, ich schicke Dir sie wieder. Ich schicke Dir heute ewas Poeti­sches mit (zum Behalten), es war neulich im Schützenhause ein Concert, wo ich im Winkel sitzend und lauschend Dich lebhaft zugegen wünschte, besonders bei den von mir an­gestrichenen Nummern; laß Dir die Lieder einen Lichtblick in Deinem jetzigen Sturm sein, freilich hättest Du sie von den Wellen der Töne umspült hören müssen wie ich. Warum kannst Du nicht öfter hier sein!? Doch diesen Sommer — Eure Brixener werden jetzt blind und taub vor Fanatismus wie es scheint. In der Augsburger oder der Presse waren neu­lich Proben aus einem „Amuletft] für christliche Eltern und Kinder", die lustig waren; könntest Du mir etwa ein Exem­plar davon verschaffen? d. h. nur wenn Dirs ganz leicht zu­gänglich sein sollte, Du kannst es nach der neuen Postord­nung billig unter Kreuzband schicken. Auch Deinen Bericht in der östr. Gartenlaube möcht ich gar zu gern lesen. Glück zu zum weiteren Kampfe - nur kein Blut wieder! sondern kaltes Blut, Anton! sei um Gottes Willen euer Wahlspruch. Was sagst Du dazu, daß Deine Sonderlinge jetzt nach Holland gehen? Hirzel sagte mirs neulich mit Freude, ein einziger Amsterdamer Buchhändler hatte 8 Exemplare verlangt. Viel­leicht wird also in diesem Jahre eine zweite Auflage. Auch ich hab übrigens jetzt Kämpfe in Aussicht, mit Vor­urtheilen von Universitätsprofessoren; es würde zu lang sein dies brieflich klar zu machen. Unser Ministerium hat mich jetzt mit in eine Prüfungscommission für Philologen berufen, in der sonst nur Professoren Mitglieder sind. Meine Freunde sehen mich schon als Professor - doch ich rechne nicht etwa darauf. Bitte, vergiß doch nicht im nächsten Briefe mir folgende kleine Frage zu beantworten, ich brauche es fürs Wör­terbuch. In den Sonderlingen 2, 210 kommt vor: Der Barthle läßt sich nie so auskommen, daß . .. Das hab ich doch richtig erklärt? Sagt ihr aber nicht auch: er läßt sich nicht auskom­men mit Geldeoder ähnlich? Bitte vergiß nicht mich zu belehren.</p> <p>Deine Liebeszeichen haben wir im Club in 3 Abenden ge­lesen (d. h. ich habe sie gelesen), uns herzlich dran gefreut; es ist echte Poesie drin, obwol in der Exposition auch hie und da kürzer verfahren sein könnte. Aber an den entscheidenden Stellen trifftst Du die Stelle im Herzen, wo die echte Poesie sitzt, mit voller Wirkung! Doch blieben uns einige Fragen. Heute nur noch die eine. Mehrere von uns meinten, die Philomena komme für ihren Leichtsinn zu gut weg, werde zu wenig gestraft gegenüber der schweren Buße, die auf Franzsepp fällt; auch daß ihre Mutter nach dem schweren Aufbegehren übers Küssen dann so schnell wieder gut ist mit der Tochter, wollte nicht recht einleuchten. Ich habe Dich nach Kräften vertreten, möchte aber wissen wie Du Dich dar­über aussprichst, und bin eigentlich beauftragt, Deine Äuße­rungen darüber einzuholen. Du wirst jetzt freilich dazu nicht Lust und Stimmung haben, es hat ja keine Eile. Doch mit dem Papier ist meine Zeit alle, schönste Grüße an das Wible usw., für Dich aber wünscht des Himmels Schutz</p> <p>Dein R. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Liebeszeichen Rößlestreit Sonderlinge Wahlaffäre Sun, 09 Feb 2014 08:00:00 +0000 st 520 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-54 <div><span class="date-display-single">9. Februar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Sieg zum ersten u zweiten Mal. Meine Auslegung des Geset­zes war denn doch die richtige und nach dieser wurde nun am Freitag im Beisein des Bezirksvorstehers gewählt. Wir hatten so lange zu thun, daß ich dem Bothen keinen Brief mehr mitgeben konnte. Auch heut werde ich mich kurz fas­sen müssen und hätte Dir doch so vieles mitzutheilen. Zuerst von der Wahl. Im 3ten Wahlkörper verloren wir mit 31 Stim­men gegen - 33, im 2ten aber gewannen wir mit 15 gegen 8 u im Ersten mit 8 gegen 6 Stimmen. Unter den 12 Ausschuß­männern stehen also mit mir selbst ihrer 8 auf meiner Seite. ­Albrecht wird Vorsteher bleiben und Du kannst ihm und uns gratulieren. Von der Unterbrechung der Wahl am vorletzten Sonntag wirst Du in der neuen freien Presse vom 4 Februar gelesen haben. Der Artikel wörtlich wahr, ist wol von Baron von Seyffertitz, den ich besuchte und mit dem ich natürlich allerlei teuflische Pläne schmiedete. In Feldkirch hab ich der Staatsanwaltschaft die Geschichte Felders geklagt und unser Bezirksamt nicht geschont. Jetzt ist die Untersuchung einge­leitet. Der Gerichtsartzt Dr Greber findet den Zustand des Uhrenmachers noch immer bedenklich. Wäre das nicht so würde es mich beinahe freuen, nun endlich Waffen in die Hand bekommen zu haben, mit welchen ich meinen Kampf zu Ende bringen kann. Ich habe wunderbar viel gethan in der letzten Zeit, habe auf meiner Reise, von der man die Spuren noch lange sehen dürfte, neue Bekanntschaften ge­macht und nur der Finanzminister schnitt mir daheim ein ernstes Gesicht. Na, lassen wir das, ich brauche gute Men­schen viel nötiger als Geld und die Wahlgeschichte wird für mich ein gutes Ende nehmen. Den Ärger des Pfarrers und der Seinen kannst Du Dir kaum denken. Es ist geradezu lächerlich was alles ihr Haß jetzt auskocht, aber die Sache hat auch eine sehr sehr ernsthafte Seite. Morgen haben wir hier wieder einmal eine Hochzeit. Mein drittes Geschwisterkind seit einem Vierteljahr. Der nämliche Junge der in den Son­derlingen ein Vogelnest findet, er ist seit Jahren Knecht im Bräuhause und bleibt nun als Herr bei der einzigen noch lebenden Tochter. Nun weiß ich dann doch, wo ich allenfalls einen Thaler zu leihen bekomme. Ich gönn dem Burschen sein Glück, denn ich glaube die beiden werden sich verste­hen obwol das Mädchen eigentlich etwas zu alt ist. Also morgen schon wieder ein Freimaurerfest. Schade daß der Uhrenmacher nicht dabei sein kann. Er ist noch meistens im Bett, doch mag er jetzt wieder lesen. Gelesen wird hier jetzt überhaupt sehr viel und meine Leihbibliothek ist schon viel zu klein. Könnte ich doch billige Unterhaltungsschriften bekommen wenns auch ältere Sachen wären. Es ist überhaupt erfreulich, wie mutig und treu die eine Hälfte der Gemeinde mit mir vorwärts geht. Wir kommen weiter als sonst in Jah­ren. Nur mit meinem Roman komme ich nicht weiter, da es mir bald an Zeit bald an Stimmung fehlt. Hoffentlich wird das nun besser. Ich habe nun auch unter den Geistlichen Freunde die mir Hoffnung machen, daß man uns den Pfarrer Rüscher denn doch bald nehmen werde. Das wäre ein großes Glück denn Rüscher, gemein stolz und rachsüchtig schüret das Feuer immer wieder und seine Werkzeuge dürfen sich alles erlauben. Gilt doch unter ihnen die Heldenthat im Rößle für ein gutes Werk. Aber gerade das treibt uns noch alle Tüchtigen zu. Nun wolauf! es grüßt Dich und die Deinen Dein</p> <p>Freund</p> <p>Franz Michael Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Finanzminister Gemeindewahl Rößlestreit Sun, 09 Feb 2014 08:00:00 +0000 st 519 at http://felderbriefe.at VON FERDINAND KOHLER AUS SCHOPPERNAU http://felderbriefe.at/brief/von-ferdinand-kohler-aus-schoppernau <div><span class="date-display-single">8. Februar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Grüß Gott.</p> <p>Heute vormittag erfuhr ich vom Rößlewirts Knecht selber das der Bezirchs-Richter im Sinn gehabt habe, die ganze Stiefel-Geschichte nieder zu drücken u. zu Vergeßen. F. Michel, aber, hab es nicht liegen laßen, denn er sei nach Feldkirch hab die ganze Sache dem Kommißär übergeben, welcher dann die Anzeige nach Bregenz gemacht hat, von dort sei es nach Bezau gekommen, u. dann schnell ein Zustellung für sü — Was weiter geschehe wiße man nicht.</p> <p>Mann hätte heute nach Bäzau ins Verhör sollen, sei aber wieder geändert worden.</p> <p>Mit Gruß Ferdinand Kohler</p> </div> <div> </div> Ferdinand Köhler Schoppernau Franz Michael Felder Rößlestreit Sat, 08 Feb 2014 08:00:00 +0000 st 517 at http://felderbriefe.at VOM K.K. KREISGERICHT FELDKIRCH http://felderbriefe.at/brief/vom-kk-kreisgericht-feldkirch <div><span class="date-display-single">8. Februar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>An</p> <p>Franz Michael Felder zu</p> <p>Schoppernau</p> <p>Es wird Ihnen hiemit bekannt gegeben, daß Ihre am 3. d. Mts. hier zu Protokoll gegebene Anzeige wider den Hausknecht des Rößle­wirthes in Schoppernau wegen schwerer körperlicher Beschädi­gung des Joh. Josef Felder alldort an das k.k. Bezirksamt Bregenz als Untersuchungsgericht zur kompetenten Amtshandlung u. die Anzeige wegen der Störung der Wahl am 26. v. Mts. zu Schop­pernau an das k.k. Bezirksamt Bezau zur eigenen Amtshandlung heute abgetreten worden sey. K.K. Kreisgericht Feldkirch am 8. Februar 1868.</p> <p>Der k.k. Präses Trentinaglia</p> </div> <div> </div> K.K. Kreisgericht Feldkirch Franz Michael Felder Rößlestreit Wahlaffäre Sat, 08 Feb 2014 08:00:00 +0000 st 516 at http://felderbriefe.at KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-franz-michael-felder-73 <div><span class="date-display-single">26. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Auf Deinen gestern nachts erhaltenen Brief noch mit heutiger Post folgendes: Wie ich die Sache auffaßte und im letzten Brief mitteilte, war eben Deine Ruhelust mitten im Kampf, ja als der Kampf recht angehen sollte, d. h. Ende Juni und anfangs Juli d. Js. der Grund, daß wir sofort in die ungünstige Position im Land gerieten, die Dir nun lästig ist. Du warst eben, als es galt, zu ruhelustig, das war der Fehler. Nicht daß Du im Frühling fort bist, tadle ich, aber daß Du mitten im Kampf ruhesüchtig Dich zeigtest und so uns zur Untätigkeit verurteiltest, das ist's, um was sich mein Brief dreht und worüber ich in Deinen langen Auseinandersetzungen kein Wort finde. Wenn Du den Brief auch gelesen hast, hast Du ihn, wahrscheinlich, weil Deine Ruhe noch keine eisige ist, dem Inhalt nach nicht ruhig zerlegt. Du irrst, wenn Du meinst, ich betrachte die Niederauer Geschichte isoliert, ich sehe sie und anderes vielmehr als Folge des Übermuts unserer Gegner an, der sich infolge unserer traurigen Haltung im Kampfe auf ganz natürliche Weise bilden konnte. Was ist's, wenn man Dir sagt, Du stehest als Lügner im Protokoll zu Bezau? - Denke ruhig nach. -</p> <p>Die Mosaik schickst Du mir einfach zurück. - Wenn wir zusammen kämpfen sollten, müssen wir ein gleiches Pro­gramm haben und fest zusammenstehen zum Schutz und Trutz. Wie reimt sich die Rücksendung meines Programms, ohne es eines Wortes zu würdigen, mit dem allem Anschein nach noch bestehenden Wunsch, mich an Deiner Seite zu haben? Oder hast Du es bei abhanden gekommenem Ruhe­stand mir konfusionsweise retourniert? Jedenfalls bedenk­lich.-</p> <p>Übrigens sehe ich nicht ein, wie Ihr unsrer Hilfe im jetzigen Stadium der Sache nötig seid. Wendet Euch unverhohlen und entschieden ans Gericht in Bezau. Dort wird Euch jetzt gewiß geholfen werden. Ihr werdet nur dann ohne gesetzlichen Schutz sein und bleiben, wenn Ihr das Amt ignoriert. Zuerst suche man die nächste Hilfe, dann die weitere. Sollte wider alles Vermuten das Amt seine Schuldigkeit wieder nicht tun, kann man ja durch die Öffentlichkeit einen Druck üben, wozu ich unter allen Umständen bereit bleibe, wenn Du nicht wieder Ruhe gebieten solltest. Überhaupt soll es an mir nicht fehlen, wenn ich Euch wo immer verhilflich sein kann. Was Du vom Kämpfen für die heilige Sache des Volkes und nicht für die Führerschaft sagst und davon, daß man den vierten Stand nicht in die Hand der Ultramontanen spielen soll, verstehe ich in der von Dir gewählten Form nicht. Die Gründe, aus welchen man die Wahl zum Vorsteher ablehnen kann, sind im § 19 der Gem.Ord. angeführt. Mit 100 Fl. kann man sich auch frei machen.</p> <p>Wie geht es dem Bruder Pius? Dem Berchtold habe ich ver­sprochen, nicht indiskret zu sein. Du wirst nicht Anlaß geben, daß er mich tadeln könnte. -</p> <p>Also klage gegen Rüscher, auch der Vorsteher sollte klagen. Machet Euch die Gesetze zunutze, lasset das leere Lamen­tieren, packet die Gegner und führet sie hin vor die Gerichts­schranken, damit ihnen ihr Lohn werde und jedem, was ihm gebührt. -</p> <p>Mit Gruß und Handschlag Dein Freund</p> <p>K. Moosbrugger</p> </div> <div> </div> Kaspar Moosbrugger Bludenz Franz Michael Felder Rößlestreit Sun, 26 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 506 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-38 <div><span class="date-display-single">23. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber guter Franzmichel,</p> <p>Wie freute ich mich, als ich, ohnehin verstimmt und leidend, heute Mittag Deinen dicken Brief vorfand, und welcher Inhalt war darin. Ich konnte kaum essen vor zitternder Unruhe und Bestürzung, jetzt such ich mich bei der Arbeit zu beruhigen, aber ich denke fortwährend an Dich dabei und an den armen Uhrmacher, dessen Bild vor mir liegt, zumal ich ge­rade mit der schweizerischen, also Eurer Mundart zu thun habe. Ich muß Dir wenigstens ein Wort der Theilnahme schreiben, obwol ich nicht sicher weiß ob der Brief noch vor demSonntagzu Dir kommt; aber ich werde dann ruhiger arbei­ten können, und wenn Hugo aus der Schule kommt, soll er ihn gleich in den Bahnhofsbriefkasten tragen, daß er heute noch fortkommt. So ist also der Kampf zum blutigen Aus­bruch gekommen, ein Vorspiel dessen was Euch in der neuen Ära bevorsteht, und der tapfere Felder ist der erste Held und Märtyrer des Kampfes mit dem Körper, der die Seelen befreien soll. Drücke dem Tapferen meine, unsere wärmste Theilnahme aus, und was Du für ihn thun kannst, das ist: flöße ihm von Deinem höheren Standpunkte aus so viel Ruhe und Geduld ein, daß er das Heilen seiner Wunde nicht durch Grollen und Zorn und Haß erschwert; das mußt Du können und er wird in der Krankenstimmung Dich hören, Du brauchst ihn nur auf die Höhe der geschichtlichen Be­deutung dieser Vorgänge zu heben, auf der Du ja stehst. Was Du mir von seiner Frau schreibst, ist mir höchst ange­nehm, der umgekehrte Fall wäre furchtbar. Übrigens muß ja der Kampf ein wahrer Heldenkampf gewesen sein auf Felders Seite, ich kann mirs nicht vorstellen, wie er drei Mann in die Flucht geschlagen hat. Besser wärs freilich ge­wesen, er hätte das Wort Lügner in Gedanken behalten und das Weitere auch. Er wird ja aus dem Vorfall auch lernen. So weit ich sonst die Geschichten nach Deinem Bericht be­urtheilen kann, hättest Du das Amt als Wahlcommissar jeden­falls ablehnen sollen als Betheiligter, und ein furchtbarer Fehler ists von der Statthalterei, in dieser Aufregung die Wahlen anzuordnen. Das ist so dumm, daß es Zeit gewesen wäre, Einspruch dagegen zu thun und Aufschub zu verlan­gen; hat doch der herrliche Rößlewirth schon einer bloßen Hochzeit wegen Sorge gehabt! Da es aber einmal so ist, scheint mir das Nöthigste für Deine Partei das zu sein, daß Ihr Euch heilig gelobt, nur mit Ruhe und Gelassenheit zu ver­fahren, alle Heftigkeit in Wort und That den Gegnern zu überlassen, also den Fanatismus durch überlegene Höhe und Ruhe des Geistes zu entwaffnen und - womöglich eine Bresche hinein zu machen zur Anbahnung einer Verständi­gung. Wenn Ihr dazu kommen könntet, durch Deine Über­redung, daß Ihr in einer Versammlung das heilig gelobet, so würde Euch das ein Sicherheitsgefühl geben, das alles noch in gute Bahnen lenken könnte. Was soll das mit Österreich werden, wenn überall die neue Zeit so beginnen soll? Ich wollte ich wäre dort, um mit zum Frieden zu reden. Doch ich muß an die Arbeit. Ich werde am Sonntag in Ge­danken bei Dir sein, da ich nichts weiter thun kann. Heute Abend werde ich einem zusammengerafften Theil des Clubs Deinen Brief vortragen und mir selbst da mit Trost holen, werde auch hier sonst die Sache weiter verbreiten. Gott schütze Dich und die Deinen.</p> <p>Deine Liebeszeichen lese ich jetzt im Club vor, wir erfreuen und erwärmen uns daran, ein paar neue Mitglieder die von Dir noch nichts gelesen haben, sind wahrhaft entzückt. Ein paar Erinnerungen dazu später.</p> <p>Grüß mir Deine gute Frau und Mutter, und Deine Freunde, und habt guten Muth, Ihr fechtet ja für eine bessere Zeit, man kann sagen für das wahre Gottesreich auf Erden. Dich aber, Herzensfreund, schütze der Himmel in den bevor­stehenden Prüfungen.</p> <p>Dein R. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Liebeszeichen Rößlestreit Thu, 23 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 503 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-116 <div><span class="date-display-single">22. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ein Brief von Dir in Quart läßt schon zum voraus auf eine Erregtheit schließen, wenn sie sich auch, wie im letzten, hinter eisiger Ruhe verbirgt. Ich antworte in gleicher Weise. Du magst nicht immer mit dem Strom schwimmen? Mir wird's nachgerade unerträglich, meilenweit davon im Sumpfe zu stecken. Du da droben atmest die frischere Luft des kürzesten Tages, den man den jüngsten des Konkordats nennen kann. Da muß es Dir wunderbar vorkommen, daß das Volksblatt einen Religionskrieg predigt. Meine Berichte sind aus dem Mittelalter, das ist wahr; aber höre sie!</p> <p>Dein Vergleich paßt, indem sich zwei Menschen, oder vier von bäurischer Abstammung, schlugen. Auf der einen Seite stand der Uhrenmacher, dessen Berchtold zu gedenken scheint. Der Rößlewirt und sein Vetter hielten ihn, der Knecht schlug mit einem eisenbeschlagenen Stiefel, der gefroren war, auf seinen Kopf. Eine ganz gemeine Schlägerei, wenn man sie nur so obenhin berichtet, wie ich's tat in der Voraus­setzung, daß Du findest, was daraus erwachsen mußte und auch wirklich zum Teil schon erwachsen ist. Am Montag war das Vereinsfest, ich schrieb Dir, wie wir da des Pfarrers Eitelkeit verletzten. Am Dienstag schon war Wehklagen auf allen Gassen, in allen Häusern. Der Rößlewirt wußte kaum sich genug zu lügen, was alles der Uhrenmacher gesagt habe. Am Mittwoch langte die Entscheidung der Statthalterei an und befahl, die Neuwahlen vorzunehmen. Die Agitation bei den jubelnden Alten und den erbitterten Neuen begann mit allen Mitteln. Unsere Parteien sind sich an Kopfzahl so ziemlich gleich. Der Uhrenmacher rennt wie ein Wütender herum und klagt dann wieder über schreckliches Brennen. Am Don­nerstag muß er sich legen und das Dökterle rufen, welches sofort beim Gerichte Anzeige macht. Großes Hallo der From­men. Der Uhrenmacher soll sich nur so verstellen, um den Rößlewirt noch vor der Wahl in eine Untersuchung zu ver­wickeln. Auch der Pfarrer behauptet das. Bis zum Freitag ver­schlimmert sich Felders Zustand. Ein losgeschlagener Bein­splitter am Wirbel beginnt stark zu eitern. Am Samstag fordert das Amt genaue Erklärungen. Das Dökterle findet eine schwere Verletzung. Wenigstens drei Wochen werde Felder liegen müssen und die Sache könne sogar noch lebensgefähr­lich werden. Es fordert eine gerichtliche Kommission. In der Gemeinde, auch in Au, redet man so laut vom Schlagen, die Neuen von Rache, die Alten von einer Demütigung der Freimaurer, daß unser ultramontaner Rößlewirt am letzten Montag in der Niederau eine Hochzeit nicht ohne Gendarmen zu halten wagte, obwohl die Rache des kranken Uhren­machers nicht zu fürchten war. Das tat der Rößlewirt, der jede</p> <p>Erregung mit seiner bekannten Frechheit leugnete, obwohl sein Haus jetzt als frommes Brutnest, als Lügenfabrik, er selbst als der unverschämteste Hetzhund in zwei Gemeinden be­kannt und gerade darum von Freunden und Gegnern seltener als je besucht ist. Du hast keinen Begriff, was dieses Männ­chen über mich, die beiden Vorsteher und meine übrigen Freunde aufbringt. Es ist kein Wunder, wenn einem da die Seele in die Faust fährt. Am letzten Freitag, als es dem Dökterle erzählt hatte, daß Felder sich nur verstelle und gar nicht verletzt sei, teilte es diesem auch mit, ich hätte vor einem Jahr einer liederlichen Person das Huren erlaubt, wenn man ihrem Liebhaber, dem Pächterle, das Bürgerrecht nicht gebe. Du weißt, daß ich ihm wirklich half und im Ausschuß siegte. Daß ich mich zu solchen Zugeständnissen aber nicht aufgelegt fühlte, kannst Du Dir denken. Es soll diese Angabe nur die Tätigkeit des Rößlewirts bezeichnen.</p> <p>Des Pfarrers Vater goß noch öl ins Feuer, er verdrehte die vom Rößlewirt gehörten Reden des Uhrenmachers, den man immer wie Berchtold mir nahe stehend und mein Sprachrohr nennt, noch ärger, klagte über die Zurücksetzung, die der Pfarrer am Montag erlitt, hetzte, spöttelte, schimpfte, drohte sogar mit dem Gerichte und tat alles, was wirken sollte und wirkte. Jedermann sagte am Samstag, die Aufregung habe noch nie so hohen Grad erreicht. Uns allen bangt vor der Neuwahl, wir fürchten eine Schlägerei, wenn die Alten durchfallen sollten. Bei Gott aber, ich war ruhig genug, und Du bist der erste, der mich mutlos nennt. Wer nicht vom Pfarrer blind gemacht ist, sieht ganz klar, daß ich im letzten Frühling recht hatte, sogar der Rößlewirt in Au. Viele glaub­ten, am Sonntag werde der Pfarrer nun endlich doch ein beruhigendes Wort an die Gemeinde richten.</p> <p>Ich dachte, der Pfarrer werde es machen - wie Du, er werde die Geschichte nicht mit dem Frühem in Zusammenhang bringen wollen, werde allem den Schein des Lächerlichen geben.</p> <p>Am Sonntag blieb ich länger beim Uhrenmacher als eigentlich meine Absicht war; sein Zustand hatte sich verschlimmert. Doch ich hatte zuverlässige Leute in der Predigt, die mir schon sagen konnten, was etwa vorkam.</p> <p>Krebsrot bestieg Rüscher die Kanzel und hielt einen geradezu wütenden Vortrag, mit Faustschlägen und Stampfen verziert. Mein ganzes Sündenregister brachte er vor, nahm offenbar den Rößlewirt wegen der Schlägerei in Schutz und forderte jeden Christen um seines Seelenheiles willen auf, so männlich zu ihm zu halten. Denke Dir nur, sogar meine Mutter kam aus der Fassung. Mit den bittersten Vorwürfen sagte sie mir mittags, wie es ein Elend sei und wie die Weiber und Mädchen geweint und nachher gejammert hätten. Vielleicht kannst Du Dir, wenn auch nur fern, annähernd vorstellen, wie es in den übrigen Häusern, auf der Gasse, dem Kirchen­platz und in den Wirtshäusern zuging. Ich bin in die Wahl­kommission ernannt. Ich beantragte, eine gerichtliche Kom­mission zu berufen. Der ganze Gemeindeausschuß, zwei M[ann] ausgenommen, teilt meine Besorgnisse, doch viele Leute und Ausschüsse wünschen die ohnehin nicht zu ver­meidende Schlägerei beinahe, um das Gericht, mit dem der Pfarrer von der Kanzel drohte, zum Einschreiten zu zwingen. Ist doch unser Vorsteher, ja selbst der alte, fast krank vor Aufregung. Hier gibt mir Freund und Feind Zeugnis, daß ich der ruhigste sei von allen. Und ist's ein Wunder, unser Dorf steht unter keinem Pfarrer mehr. Rüscher ist nur erregter Parteimann, der jedes Mittel gutheißt und sich nicht scheut, mich als Schriftsteller in der Kirche öffentlich selbsterdachter, nie von mir gemachter, nein von ihm erfundener Fehler zu beschuldigen. Als Beweis nur folgendes:</p> <p>Am vorletzten Sonntag christenlehrte er von der Unkeusch­heit. Schließlich sagte er rot und röter werdend: Zur Un­keuschheit führt auch der Tanz, doch davon will ich heute nichts mehr sagen. Vor einem Jahr habe ich davon gepredigt, und ist dann von meinen Gegnern genug in Wort und Schrift ein&nbsp; Langes und Breites gemacht worden. Wann? Wer ist gemeint?!!!</p> <p>Unsere Gemeinde steht aber tatsächlich auch nicht mehr unter dem weltlichen Gesetz. Am letzten Sonntag und schon früher wurde der Reichsrat, die Landesvertretung durch Predigten und besonders in Wirtshäusern in den Kot gezogen. Pfarrer Rüscher nimmt auch der Majorität der Gemeindevertretung allen Einfluß. Letzthin sagte er: das weltliche Gericht würde, wenn es keine Neuwahl gäbe, bald einschreiten und den Vorsteher absetzen müssen. Am Montag ging Rüscher nach Au, um den dortigen Pfarrer zu begraben helfen. Im Rößle kamen ein Kapuziner und zehn Geistliche, darunter auch Berchtold, zusammen. Der Bezirksvorsteher war auch dabei. Rüscher schimpfte und log so unverschämt, gebärdete sich so wütend, daß es auch dem Müller zu arg wurde, wie er nachher zum Rößlewirt sagte. Rüscher nahm vor dieser Ge­sellschaft die Partei derer, welche den Uhrenmacher ver­letzten und trotzte dem Bezirksvorsteher mit der Behauptung, Felder sei nicht krank, sondern verstelle sich und ihm müsse noch ein rechter Doktor her, da der in Au zu den Feldern halte und ihm nicht der rechte Mann zu so etwas sei. Der Rößlewirt ist selbst von Au heraufgekommen und hat mir das alles erzählt. Das Dökterle hat Pfarrer Rüscher ver­klagt und abermals eine gerichtliche Kommission verlangt. Die Wahlbewegung wächst furchtbar. Wir sorgen, es könnte am Sonntag schlimm zugehen, die eine Hälfte des Dorfes steht der ändern gegenüber. Uns halten die Frommen für Diebe, Spitzbuben, Gottesleugner, und eine andere Partei will uns an die Spitze der Gemeinde stellen, damit wir diesen Lügenpfarrer fortbringen. Verwirrung und Unklarheit hier, Fanatismus dort, Haß und Erbitterung auf beiden Seiten. Du siehst, ich habe eine ganz andere Illustration zu meiner Uhrenmacheriade als Du. Wir wollen aber sehen, ob nicht eine Einigung möglich wäre, wenn wirklich eine Meinungs­verschiedenheit vorhanden sein sollte. Wir haben die neuen Grundgesetze, aber nach Lassalle könnten sie auch nur ein beschriebenes Blatt sein, wenn nur eine Klasse dahinter steht. Sind sie hier wirklich, hier bei uns und noch weitum etwas mehr? Ist der Kampf aus oder geht er an? Sind wir mit den Ultramontanen fertig und ist's ratsam, ihnen augenblicklich den vierten Stand in die Hand zu spielen? Ich gestehe offen, daß ich mehr um die heilige Sache des Volkes als um die Führerschaft kämpfe und kämpfen werde, wenn ich auch allein stehen müßte.</p> <p>Ich hätte Dir geschrieben, wenn kein Brief gekommen wäre, und Dich ersucht, alles in geeigneter Weise vor die Öffent­lichkeit zu bringen, meine Stellung hier brauchtest Du in keiner Weise zu schonen. Nun aber, seit ich Deinen Brief gelesen, kann ich Dir diese Bitte nur noch erzählungsweise vorbringen. Noch wende ich selbst mich nicht an die Öffent­lichkeit, da die Tatsachen sich selbst stündlich häufen und ich immer noch etwas abwarten möchte, so jetzt das Ergebnis der Wahlen. Wenn Du aber nichts tust, so melde mir's oder schreibe was und rede frisch weg, wie das letzte Mal. Was das Leipziger Literatentum betrifft, so wird es durch die Gartenlaube bei Keil vertreten. Mit diesem Blatt hab ich gebrochen oder brechen müssen. Ich fand dafür bei der österreichischen sehr freundliche Aufnahme und dachte schon für den Sommer an eine Reise nach Graz und aufs Schützen­fest in Wien. Jetzt aber muß ich hier zusehen und mittun, doch gestehe ich Dir, daß ich auf Deine Hilfe hoffte. Heut erhielt ich einen wunderlichen Brief von Seyffertitz. Der Mann beneidet mich um meinen Glauben ans Volk. Der ist ihm unerklärlich. Vielleicht ist's doch gut, später, wenn Du Dich nicht an die Öffentlichkeit wendest, sich ihm vorsichtig ein wenig zu nähern. Bis jetzt hab ich nur Hildebranden die hiesigen Geschichten erzählt. Der wird aber bald Lärm schlagen, da nun meine frühern Angaben sogar blutig be­stätigt sind. Ich weiß, ihm käme das ganz erwünscht, wenn er nichts für meine Person fürchtete. Ich hab ihm drum geschrieben, für mich sei nur jetzt das ruhige künstlerische Schaffen aus, übrigens aber gebe es hier nach Rüschers Ausspruch 500 Seelen und darunter 300 Freimaurer, ich stünde also nicht mehr allein und hätte persönliche Angriffe so wenig zu fürchten als die ändern.</p> <p>Diesen Brief, auf den ich umgehend zu erfahren hoffe, was Du, was Ihr da oben für mich, für uns tut, gebe ich Muxel mit nach Bregenz, den Brief vom Berchtold aber möchte ich ab­schreiben, und Du bekämst ihn daher erst das nächste Mal. ­Auf Vonbuns Urteil über die Liebeszeichen bin ich begierig. Arm und Reich wächst in erfreulicher Weise. Die hiesigen Un­ruhen greifen mich weit weniger an als vor einem Jahr, sonst hätte ich lange gehen müssen. Albrecht denkt, auch wenn unsere Partei siegt, nicht mehr Vorsteher zu bleiben. Ich glaube zwar, darum diese Ehre doch nicht fürchten zu müssen. Es gibt aber Leute, die dem Pfarrer zum Trotz den Baum vor meinem verrufenen Hause sehen möchten. Ich möchte aber nur aus Trotz nicht drei schöne Jahre hinter Steuerregistern und Akten verderben. Sag mir daher, ob mir mein Beruf oder sonst etwas nicht helfe, wenn allenfalls meine Beredsamkeit vergebens sein sollte. Noch aber hoffe ich, daß Albrecht noch bleibt, besonders wenn Rüscher auf den Schnabel gehauen werden sollte. Es gab noch manches zu berichten, aber heut hab ich keine Zeit mehr. Ihrer drei warten, vielleicht noch ungeduldiger als Du, auf den Schluß dieses Briefes, der sich ein wenig gegen den Deinen kehrt; doch darum keine Feind­schaft. Ich hoffe, bald etwas, sogar etwas Tröstliches, zu er­fahren. Diesen Brief darfst Du als Fahne zu allfälligen Feld­zügen benützen, mit welchen ich im voraus einverstan­den bin.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag Dein Freund</p> <p>Franz Michael Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Rößlestreit Wed, 22 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 502 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-52 <div><span class="date-display-single">21. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich vergaß das letzte mal Dir zu schreiben, daß mir, oder eigentlich Herrn Quellmalz nur Nr 33 des Ausland Jahrg. 1866 fehlt. Meine Bestellung hab ich widerrufen, fürchte aber daß es nur wenig helfen werde. Sonst alles ziemlich beim Alten. Rüscher nennt den Uhrenmacher u das Dökterle ziemlich deutsch Betrüger, die „Krankheit" des erstem Verstellung. Das Dökterle hat gerichtliche Hülfe gegen Rüschers Verleum­dungen gesucht. Es findet die Verletzung bedenklich und verlangte zur Ehrenrettung gegen Rüscher eine amtliche Commission, bisher vergeblich.</p> <p>Für den Wahltag fürchte ich weniger weil sich alles zu fürch­ten scheint; man wird sehr ängstlich und vorsichtig sein. Übrigens&nbsp; erfahre&nbsp;&nbsp; ich&nbsp;&nbsp; eben,&nbsp;&nbsp; daß&nbsp;&nbsp; Rüscher&nbsp; höchstselbst&nbsp; die Stimmzettel für den Sonntag austheilt! - ! Ich habe die jüngsten Erlebnisse in gedrängter Kürze zusam­mengestellt&nbsp; und&nbsp; der geharnischte Artikel&nbsp; geht mit diesem Brief an die Redaction der österr Gartenlaube ab. Ich sehe nicht ein, was ich noch verderben könnte; am Mon­tag schreib ich nicht, wenn nichts besonderes vorgefallen ist. Lebt wol ihr da drunten. Mit Gruß u Handschlag</p> <p>Dein Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Österreichische Gartenlaube Rößlestreit Wahlaffäre Tue, 21 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 501 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-51 <div><span class="date-display-single">20. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Das Vereinsfest ist vorüber, über das Schicksal meiner Leih­bibliothek und noch über manches bin ich nun ins Klare ge­kommen, Du erlaubst mir aber wol, daß ich meinen heutigen Bericht mit einer kurzen Einleitung beginne. Nur ein ganz kleines Opfer für meine Selbstbespiegelungssucht! Als meine kümmerliche Gestalt mit dem staubigen Hut sich einzuleip­zigern begann, selbst noch als ich aufzuthauen begann, ist auch offenen Gemüthsmenschen in freier Luft meine Ver­schlossenheit, oder Ungemüthlichkeit oder Strenge aufge­fallen. Mir aber war und ist das, nicht als Dichter, wol aber als Bauer furchtbar nothwendig. Die schneebedeckten Hügel müssen frieren, sonst würde sie die erste Lauine wegreißen und Lauinen giebts in meinem Leben mehr als selbst in dem der Sonderlinge. Ich bin doch noch nicht hart genug wie oft mich auch der Uhrenmacher um meine eisige Ruhe beneidet. Er thaut auch wirklich viel eher auf als ich, er hat viel zu viel Seele für das Leben in meiner Heimath, oder wenigstens ist die sie umhüllende Rinde zu schwach. Dafür liegt er nun da­heim - und flucht.</p> <p>Am vorletzten Sonntag den 12 giengen wir Abends 7 Uhr mitsammen von Au heim. Wol mancher warf den beiden Ketzern Blicke des Hasses zu die eine aufgelegte Mißtrauens­adresse an Baron v Seyffertitz und den Reichsrath nicht unter­zeichneten, wie streng das auch auf den Kanzeln von jedem gefordert wurde, der noch fürderhin beim katholischen Glau­ben zu bleiben gedenke und nicht die „verschönerte - Hur­rerei" in Form des neuen Ehgesetzes gutheißen wolle. Bald lachend, bald ärgerlich erzählten wir uns die Gerüchte, welche des Pfarrers Werkzeuge über meinen Freundeskreis in Umlauf gesetzt hatten. - Das Hurrenbuch der Bibliothek ist dagegen nur ein Schatten - doch ich will Dich mit diesen Erbärmlichkeiten verschonen.</p> <p>Wir, ich, der Uhrenmacher und seine Schwägerin ein liebes lebhaftes Kind, kamen in unbeschreiblicher Stimmung vor das Haus des Rößlewirths, der des Pfarrers bester Freund zu sein das Glück hat. Sein Haus unter Schoppernau, hart am Schrannenbach, ganz einsam stehend, haben wir Dir mit allerlei Bemerkungen gezeigt und eben darum wol hast Du diesen Ritter traurigster Gestalt nie sehen wollen. Das ist schade, denn nun bin ich zu einer kurzen Beschreibung ge­nöthigt, die ich lieber unterließe. Es ist ein kleines gelbes Männchen mit struppigem schwarzem Haar. Sein Gesicht ließ früher einen sehr leidenschaftlichen Menschen errathen. Jetzt ists starr. Nur im Zorn oder bei unflätigen Reden zuckt es drüber hin, wie ein Blitz über einen gefrorenen Teich, dann hört man auch sein heiseres Lachen, bei dem einem gleich das Wort teuflisch einfällt. Doch ich will dieses Bild für das eines Spitzbubens aufbewahren. Ich darf es ja ganz in einen Roman nehmen, wenn ich nur weglasse, daß er in einer Schlägerei das eine Auge verlor und ­Genug dieser früher allgemein unbeliebte Man ist der Freund, das Werkzeug des Pfarrers. Sein Haus wird jetzt häufig be­sucht weil es auch manchem, der ihn verachtet, noch Spaß macht, des Pfarrers Schatten zu verhöhnen. Mir ist dieses verkommene, ausgetrocknete, frömmelnde meistens halb betrunkene Männchen recht in der Seele zuwider. Ich er­schrack ordentlich mit der Schwägerin des Uhrenmachers als dieser durchaus in seinem Neste einkehren wollte. Nur weil wir ihn nicht alein hinlassen wollten, giengen wir mit ihm, nachdem er mir versprochen, daß er keinen Streit anfangen werde, wie gemein man uns auch begegne. Das Männchen ist nämlich stolz darauf, wird auch vom Pfarrer und den seinen dafür gelobt, daß es mit jedem freier Denkenden Streit anfängt und ihm die unverschämtesten Grobheiten und Lügen sagt. Es dauerte auch gar nicht lang, bis meine Leih­bibliotheck geschimpft wurde, dann war ich ein Feind des Pfarrers, meine im letzten Frühling gemachten Angaben Lügen und die Reichsräthe Spitzbuben und die Presse in Wien ein Judenblatt. Jetzt fuhr der Uhrenmacher auf: Der Redacteur der n fr Presse Dr Lecher sei aus dem Bregenzer­wald und hier hab es doch keine Juden. „Der Bischof" mekerte der Wirth „hat gesagt er sei ein Jude und der Bischof ha ha ha, der wirds denn doch wissen und der hats gesagt."</p> <p>„Dann ist er ein Lügner!" schrie der Uhrenmacher. „Was?" fragten der Rößlewirth, sein Vetter, sein Knecht und ein Schnäpsler „Soll mans nicht Lüge nennen, wenn einer die Unwahrheit sagt?" schrie der Uhrenmacher und ohne meine Mahnereien zu beachten, ohne auf die Bitten der Schwägerin zu hören fuhr er in furchtbar schöner Erregung fort, „Wenn die Kapuziner den wakern Feurstein in Bezau verläumden wenn man meinem Freund jede Stunde verbittert, jeden Athemzug unter uns vergiftet, ist das recht? Hat alle Erbärm­lichkeit ein Recht, wenn sie in einem Kleide steckt, welches nicht durch uns, sondern durch sie selbst entheiligt wird?" Der Rößlewirth sprang auf, sein Vetter stürzte auf den Uhren­macher. Ich sorgte vor allem für die Schwägerin. In der Stube wälzte sich eine schwarze Masse herum, bald richtete sich eine Hand, bald ein Fuß zum Schlag auf, der Knecht hatte einen gefrorenen Bauernstiefel mit eisenbeschlagenem Ab­satz erwischt und hämmerte damit dem Uhrenmacher auf den Kopf daß mir das Blut ins Gesicht spritzte. Doch mein Vetter räumte die Stube. Die Elenden flohen nach allen Sei­ten. Ich hatte die größte Noth den vom Blute triefenden von der Verfolgung abzuhalten. Endlich verließ er, über diese Räuberhöhle fluchend, mit dem Messer in der Hand auf einen neuen Überfall gefaßt das Haus. Ach Freund, ich fürchte, daß aus diesem Blute Schreckliches für unser Dorf wachse. Am ändern Tage sollte das Vereins­fest gefeiert werden. Da hätte aus der furchtbaren Erregtheit der Gemüther Schreckliches entstehen müssen, wenn auch unsere Gegner zu erscheinen gewagt hätten. Mir, der eigentlieh an allem Schuld sein muß, hätte es so bald als einem angehen müssen und doch blieb ich nicht daheim, da ich doch vielleicht etwas Schlimmes verhindern konnte. Es lief gut ab. Der Verein dankte mir für meine Bemühungen be­sonders mit der Bibliothek und es ist mir der erfeuliche Auf­trag geworden, Dr Flügel für seinen Beitrag herzlich zu dan­ken und ihn im Nahmen aller Mitglieder zu grüßen. Ich weiß nicht, ob das den Pfarrer mehr ärgerte oder der Um­stand, daß er unerhörter Weise nicht einmal zum Festmahl eingeladen wurde. Er flüchtete nach Au, doch auch da feierte ein von mir „angerichteter" Verein sein Fest so friedlich wie wir. Am Dienstag aber gab es in manchem Hause Händel, daß man nicht einmal den Pfarrer einlud, die frommen Wei­ber tadelten eben jeden, weil kein einzelner die Schuld hatte. Am Mittwoch kam eine Verordnung der Statthalterei und ordnete neue Gemeindewahlen an. Das war von dieser ultra­montanen Regierung oder Behörde zu erwarten wenn sie Wind bekam, worum es sich handle. Nun begann die Wahl­bewegung gegen uns lutherische Hunde. Der Uhrenmacher kümmerte sich in der Aufregung dieser schrecklichen Tage nicht viel um seine Verletzung wie ihn auch sein Kopf brannte. Am Donnerstag aber mußte er sich zu Bette legen und das Dökterle rufen welches die Sache ziemlich ernsthaft fand und sofort Anzeige beim Gerichte machte. Am Freitag kam der Vater des Pfarrers ins Dorf und seine aufhetzenden Schimpfreden gössen Öhl ins Feuer. Der Zustand des Uhren­machers verschlimmerte sich, die Frommen erklärten alles für Betrug, das Dökterle für einen Freimaurer, mich für Satan selbst.</p> <p>Am Samstag brachte ein Schreiben vom Bezirksamt Schreck und neue Aufregung unter die Frommen. Diese fürchten, die Anklagen, die ich im letzten Jahr erhob, könnte man nun doch noch thätlich bestättigt meine Furcht sehr begründet finden. Der Uhrenmacher liegt noch im Bett er mag nicht essen u kann nicht schlafen. Im Dorfe geht seine Rede beim Rößlewirth furchtbar übertrieben herum. Die Aufregung wächst, Krieg auf der Gasse und in den Häusern, wer ein­greifen, aufklären will, der ist auch ein Freimaurer schon ists eine Sünde, nicht aufgeregt zu sein. Niemand kann etwas thun und man hofft daß nun doch endlich der Pfarrer der über die der Belehrung Unzugänglichen alein Gewalt hat, von der Kanzel aus zur Ruhe ermahnen werde. Er muß, meinen viele.</p> <p>Der Sonntag kommt, ein trüber stürmischer Tag. Rüscher be­steigt die Kanzel und glühend roth mit dröhnenden Schlägen auf dem Buchpult beginnt er bald eine Strafpredigt an uns wie man sie hier selbst noch nimmer hörte. Er begehrte fürch­terlich auf über die so die Diener Gottes zu beschimpfen wagten, erzählte, was er wegen solchen im letzten Jahr ge­litten, nahm den Rößlewirth und alle Rasenden als die Ge­treuen des Herrn in Schutz, forderte sie auf tapfer zu ihm zu halten, wenn man ihn in Wort und Schrift verfolge, wünschte jedem um seines Heiles Willen zu ihm [zu] halten und schloß den 3 Viertelstunden langen Wuthausbruch mit weinerlichen Schimpfereien auf einzelne Abgeordnete. Nachmittags wurde ich mit 7 von 10 Stimmen vom Gemeinde­ausschuß in die neue Wahlkommission gewählt. Wie wenig mich das freut, kannst Du Dir denken.</p> <p>Die Wahl findet nächsten Sonntag statt. Wir sehen ihr mit klopfendem Herzen entgegen. Die eine Hälfte unseres sonst so musterhaft friedlichen Dorfes wird der ändern in furcht­barster Erregung gegenüber stehen. Wenn wir Neuen ver­lieren so werden die Frommen regieren, gewinnen wir, so fürchten unser viele etwas Schreckliches. Heute ist im Rößle nun Hochzeit. Der Rößlewirth selbst hat Gensdarmerie ge­fordert. Der Fromme fürchtet also selbst Händel. Seit sieben Jahren hatte man hier keine Gensdarmen mehr nötig. Kein Mensch weiß, was heut was bis zum Sonntag noch geschieht und was dann. Das ultramontane Volksblatt hat gestern einen förmlichen Religionskrieg gepredigt. Wenn ich kann, will ich dir eine Nummer schicken. Heut erhältst Du mit der Schilde­rung meiner Charwoche Felders Photographie und seinen herzlichen Gruß. Wenn ich fort könnte, ich würde mich bald nicht mehr besinnen. An ein ruhiges künstlerisches Schaffen ist hier kaum noch zu denken. Und ich hätte jetzt so viel Zeit da ich das von Leipzig mitgebrachte Geld verwendete, die rauhen Winterarbeiten zu verdingen. Du wirst fragen, warum ich hier bleibe. Nun Du kennst meine dürftigen Verhältnisse. Das Honorar für die Liebeszeichen ist mir noch nicht ein­gegangen und so bin ich denn auch durch Noth an der Flucht gehindert, durch Schulden gebunden. Ach ich weiß nur zu gut, wie peinlich Dir diese Mittheilungen sein müssen. Ich bitte um Verzeihung, daß ich Dich so auf die Folter spannen muß. Aber wen hab ich als Dich und den Schwager. Viel­leicht muß ich bei ihm eine Zuflucht suchen dann will ich Dir es gleich schreiben und auch dem Postamt wegen Deinen Briefen Anweisung geben. Grüße mir den Club und lies ihm diesen Brief vor wenn du willst. Am nächsten Sonntag, wäh­rend den Wahlen denk an mich, an uns, von 3-6 Uhr gehts los. Wir sind auf schlimmes gefaßt aber ich glaube doch es sei besser, wenn ich hier bleibe. Felders Gattin hat in der letzten Woche mein Herz gewonnen. Selbst die gestrige Pre­digt konnte sie nicht aus der Fassung bringen. Meine Mutter kam so rathlos heim, wie ich sie noch nie gesehen habe. Nun aber keine Klage mehr. Du hast jetzt genug, ich weit drüber, aber sagen mußte ich Dir das. Sei unbesorgt um mich. Meine Freunde werden mich schützen, wenns zum Ärgsten kom­men sollte.</p> <p>Die übersendeten Photografien haben uns recht sehr gefreut. Sie gefallen allen die sie sehen, wenn es nicht solche sind, die vor mir das Kreuz machen.</p> <p>Ach Gott ich werde schon wieder bitter und das will ich nicht mehr. Der täglichen Post ist nichts mehr im Weg, nur muß der Posthalter noch seine Prüfung ablegen. Schreib mir doch auch bald wieder. Mit herzlichem Gruß u Handschlag</p> <p>Dein Freund Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Flucht Rößlestreit Rössle Schlägere wichtiger Brief Mon, 20 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 499 at http://felderbriefe.at