felderbriefe.at - Leipzig http://felderbriefe.at/taxonomy/term/7/0 de FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-8 <div><span class="date-display-single">2. Juli 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Die Reise wäre nun wieder glücklich überstanden. Sie war mir in mancher Beziehung sehr interessant, und ich würde mit genauem Berichte den Brief schon schwer genug machen können. Das Wetter war erwünscht kühl, und ich kam am Sonntag abends wohlbehalten bei meinen Freunden im Bahn­hof an. Die alten Bekannten hab ich wieder gefunden und auch neue, die mir mit Wärme entgegenkommen. Ich fühle mich hier viel heimischer als im letzten Jahr und lebe ganz behaglich, nur bedauernd, daß das schlechte Wetter häufi­geres Ausgehen hindert. Hildebranden finde ich sehr leidend. Ich glaube, ein Leben, wie wir es in Hopfreben hatten, würde ihm sehr wohl tun, aber er sorgt mehr fast für andere als für sich. Hoffen wir, daß es besser wird.</p> <p>Von ,Reich und Arm' hab ich gestern den ersten gedruckten Bogen gelesen. Es nimmt sich nicht übel aus. Hirzel ist in einem Bade, ich habe daher nur seinen Geschäftsführer spre­chen können. Bedeutende Erhöhung des zugesagten Honorars scheint schwer durchgesetzt werden zu können.</p> <p>4. Juli</p> <p>Bei meinem Schreiben werde ich stets und auf die ange­nehmste Weise unterbrochen, so daß ich an schriftstellerische Tätigkeit gar nicht denke. Ich streiche mehr herum als im letzten Jahr. Gestern abends hab ich den Lehrer Thurnher von Dornbirn getroffen. Er mit seinem Volksblattblut scheint sich doch nicht recht eingeleipzigert zu haben. Luger fühlt sich schon eher daheim, obwohl der keine Artikel fürs Volksblatt schreibt. Ich sehne mich nach schönem Wetter, welches Spa­ziergänge erlaubt. Das aber ist auch alles, was mir augenblick­lich fehlt. Mitunter besuche ich die Universität. Gestern hörte ich Wutke über 1848, heute Minkwitz über Literatur, morgen vielleicht eine protestantische Predigt. Aber was brachtest Du noch zusammen? Wie steht's mit dem Kasino, was macht das Dökterle und wie kämet ihr nach Bludenz? Über das alles möcht ich hören. Hier ist so viel die Rede von meiner Heimat, daß mir alles gegenwärtig bleibt.</p> </div> <p>5.Juli</p> <p>Gestern abends hättest Du dabei sein sollen! Es war der erste Spaziergang des Klub. Hildebrands Vortrag aus Platten [soll wohl heißen: Platen] rührte mich und zauberte mich in eine herrliche Welt. Dieser Abend dürfte meinem nächsten Werke zugute kommen. Der Heimzug mit Gesang ersetzte mir die Prozession, die heute in Schoppernau gehalten wird. Am nächsten Sonntag ist Vogelweide ausgeschrieben. Ich freue mich recht auf die Reise ins Thüringer Land. Vom Schützenfest weiß man hier nicht viel, von unserm Sängerfest natürlich nichts. Sei doch so gut, mir das Volksblatt vom 1. Juli ab und für den ganzen Monat zu besorgen, da Du doch mit Vonbank bekannt bist. Ich vergaß es in Bregenz, und hier hab ich keine Banknoten. Schreibe bald.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dem Franz M. Felder.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Leipzig Kaspar Moosbrugger Leipzig Sängerfest felderbriefe.at newsletter Wed, 02 Jul 2014 07:00:00 +0000 st 584 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER IN UNTERÄGERI/SCHWEIZ http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-unter%C3%A4gerischweiz <div><span class="date-display-single">12. September 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>„Ein Bauer in Leipzig." So könnte schlechterdings die Auf­schrift eines pikanten Gartenlaube Artikels lauten der über meine letzten Erlebnisse Bericht erstatten wollte. Doch jetzt schreib ich einen Brief und hier dürfte vielleicht genug sein, die glückliche Wiederkehr in die Heimath zu melden. Ich kam in jeder Beziehung reicher und die Reise mit Freund Hilde­brand, welcher mich in Schoppernau abholte, wird mir fürs Leben ein hoher Gewinn sein, dessen Zinsen meinem künfti­gen Schaffen zu gute kommen müssen. Was der Menschen­geist sich in Jahrhunderten errang, ich hab es genossen, hab mich erfreut am Größten, am Schönsten und bin nun neu­kräftig von der Quelle zurück, voll Muth an alles was immer kommen mag. Ich habe so recht das Gefühl gewonnen, daß ich letzten Frühling in meinem berühmt gewordenen Grenz­bothen Artikel „Zwei Geburtstage" meine Stellung sehr rich­tig bezeichnete. Doch da fällt mir eben ein, daß Du davon ja vermuthlich noch gar nichts weißt. Wars mir doch in der letz­ten Zeit rein unmöglich, allen an mich gestellten Anforderun­gen zu genügen. Gott, mir wird ordentlich bang, wenn ich die Menge Briefe sehe, die noch gar nicht - geschrieben sind. Und nun auch noch die Aufträge von Zeitungsredactionenü Und mein Roman! Du siehst, daß an das Heuen kaum noch zu denken ist, besonders da mir auch die nun konstituirte Käshandlungsgesellschaft neuen Muth zu ähnlichem Schaffen giebt.</p> <p>Die Aufnahme der Sonderlinge ist im Ganzen eine Günstige. Es dürfte nächstens eine neue Auflage nötig sein. Das Urtheil der Landeszeitung laßt sich hören. Die Ultramontanen schei­nen das Werk mit Verständniß zu lesen und mich als Katholi­ken würdigen zu lernen. Wir können es noch erleben, daß Rüscher auch von seiner Partei aufgegeben wird. Die Beweise freilich behalte ich einstweilen für mich. Es dürfte Dir für jetzt genügen, zu erfahren daß ich meinem Ziele mit Riesenschrit­ten näher gekommen bin und gerade meine Feinde haben hiezu mehr beigeholfen, als sie als Freunde im Stande gewe­sen wären. Verdruß ist auch ein Theil des Lebens. Jetzt sind wieder Neuwahlen für die Gemeinden ausgeschrie­ben. Draußen in Vorarlberg sind die Wahlen bereits vorüber und die geheime Abstimmung hat gar wunderliche Resultate zu Tage gefördert. So z B sind die Dicken in Bludenz mit Glanz - durchgefallen und Posthalter Wolf (Socialdemokrat) ist Bürgermeister von Bludenz. Hier freilich rührt es sich weni­ger und nur die Frommen wollen bei uns andere Vertrettung. Ich lache, denn ich komm erst diese Woche von Leipzig und Du glaubst gar nicht, wie kleinlich mir solch Getriebe vorkommt, seit ich dort größern Volks- und Arbeiterver­sammlungen beiwohnte, seit ich Männer mit Klarheit und Verständniß über Fragen reden hörte, welche für sie die wich­tigsten sind, und deren Lösung erst da recht als Bedürfniß empfunden wird. Erwarte daher nicht daß ich Dir heute in aller Eile den ganzen elenden Dorfklatsch auftische sammt allem was drum und dran hängt und nicht werth ist, auf so schönes weißes Papier geschrieben zu werden. Wahrhaft rührend ist mir das tiefe Interesse, welches Deine Base Mariann für meine Angelegenheiten gewann, Noch gestern war es hier und sprach den Wunsch aus, recht bald einen Brief von Dir zu erhalten. Es werde Dir gelegentlich schreiben. Die tägliche Post ist nun ausgeschrieben u die Bewerber haben sich gemeldet wer weiß ich nicht so genau da ich damahls nicht hier war. Sonst wenig Neues von Bedeu­tung; die Hochzeiten, von denen man jetzt redet werden wol alle noch im Gerede sein wenn Du wieder kommst. Man nennt den kleinen Schuhmacher, das Metzgerle, Koarado­buobo usw. Der letztere beginnt sich denn doch etwas einzu­wäldern. Unser Ländchen war heuer von vielen Reisenden besucht - Auch Bergmann war hier - gerade zur Zeit, als ich in Leipzig weilte. Von Zeit zu Zeit entsteht auch das Gerücht, Rüscher gehe fort; da es aber die gewünschte Wirkung nicht mehr thut, wird es gar bald wieder still. Überhaupt scheint dieses fromme Treiben mit der Zeit auch ändern Leuten lächerlich oder verächtlich zu werden.</p> <p>Kunz Feldkircher-Zeitungsmacher ist nach Amerika ich traf ihn den letzten Abend in Leipzig auf dem bairischen Bahnhof. Das Blatt wird vom 1 Oktober ab vom Gaßner, dem Bruder von Vorstehers Magd herausgegeben. Albrecht ist in Dornbirn und kommt zuweilen heim, um beim Heuen zu helfen. Doch nun bin ich zu Ende für jetzt. Leb wol Es grüßt Dich den Strolz u alle Wälder</p> <p>Dein Freund Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter 2 Geburtstage eines Bäuerleins Bergmann Frommen Gemeindewahl Leipzig Post felderbriefe.at newsletter Thu, 12 Sep 2013 07:00:00 +0000 st 412 at http://felderbriefe.at VON JOSEF FEUERSTEIN AUS BEZAU AN FRANZ MICHAEL FELDER IN BLUDENZ [FRAGMENT] http://felderbriefe.at/brief/von-josef-feuerstein-aus-bezau-franz-michael-felder-bludenz-fragment <div><span class="date-display-single">1. August 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Wie wir verabredet, so theile ich Dir mit, daß ich mich ent­schlossen Deine u. des Dr. Hildebrandt gemachte freund­schaftliche Einladung zur Reise nach Leipzig nicht anzuneh­men, obwohl ich diesen Antrag im Herzen sonst mit tausend Freuden angenommen hätte. Die Gesellschaft des Hr. Dr., dessen Wesen mich ganz für ihn eingenommen hat, dann der Genuß mit Dir die Eindrücke von allem was Jahrtausende geschaffen theilen zu können, das waren reizende Versuchun­gen. Auf der anderen Seite aber war der Gedanke - /: Wir sprechen allezeit offen mit einander:/ entscheidend, daß ich doch nicht eine solche Summe Geldes, wie sie diese Reise kosten würde, zu meinem Vergnügen ausgeben dürfe, das sei meinen jetzigen Vermögensverhältnissen nicht angemessen. Zudem wäre ich, wenn ich in Leipzig in Gesellschaft gezogen worden wäre, immer wie auf Kohlen gewesen. Also recht glückliche Reise, u. wenn Du zurückkömmst mußt Du mir von allem erzählen.</p> <p>Gestern war ich bei der Tafel des Hochw. Bischofs; sie war eigentlich nicht interessant, denn er erzählte immer, so daß sonst gar Niemand zu Wort kam. Bei der Tafel waren außer den geistl. Herrn der Hr. Bezirksvorsteher u. Dr. Leit[n]er. Nach der Tafel verfügte sich der Bischof noch ins obere Zimmer zum Vorbereiten auf die Abreise, der Hr. Bezirksvorsteher benützte diese Zeit um den zurückgebliebenen geistl. Herrn mitzutheilen, daß die Untersuchungssache Felders zu gar nichts führe, u. daß namentlich die letzten Zeugen die Felder berufen, gar nicht Stand gehalten. Indessen kam der Bischof zurück, u. Hr. Bezirksvorsteher sagte, daß man eben von Fel­ders Angelegenheit gesprochen habe. Hochw. Bischof fing hierauf gleich von der Klarstellung an zu reden, u. sagte er habe dieselbe studirt u. das Ergebniß sey gewesen: Klarstel­lung - Sillabus - Sillabus - Klarstellung - Klarstellung - Silla­bus. Das heiße entweder man sei Katholik u. verwerfe die Klarstellung oder man trette der Klarstellung bei u. höre auf Katholik zu sein. Er kam noch auf das Vorarlberger Volksblatt zu sprechen, u. sagte daß man ihm Artikel zur Prüffung vor­gelegt, daß er diese Prüffung aber zurückgewiesen, daß er also mit dem Volksblatt sich nicht eingelassen habe u. auch mehrere Artickel desselben nicht billige. Mittlerweilen mußte man abreisen bevor man noch vom Fel­der sprechen konnte u. Hr. Bezirksvorsteher küßte der fürst­bisch. Gnaden herzlich die Hand. Ich zweifle nicht, daß nicht der Gdevorsteher v. Schoppernau wirt vorgeladen werden u. bin begirig auf das Resultat der Verhandlung, hoffentlich wird er fest auftretten, es kömmt hierauf sehr viel an.</p> <p>Ich war auch nicht am Schwarzenberg wegen schlechten Wet­ters, jedoch war Kaufmann draußen, und hat mit Feurstein geredet, der selbst einen neuen Entwurf der Hauptgrundsätze gemacht habe, jedoch mit Hirschwirth u. Ignaz wegen des Schießens keine Gelegenheit zur Rücksprache hatte. Bis Du wieder von Bludenz kömmst hoffe ich werde ich Dir genaues schreiben können. Es grüßt Dich Dein Freund</p> <p>Josef Feuerstein Viele Grüße von meiner Frau u. mir an Dr. Hildebrandt</p> </div> <div> </div> Josef Feuerstein Bludenz Schwarzenberg Franz Michael Felder Bezirksvorsteher Bischof Klarstellung Leipzig felderbriefe.at newsletter Thu, 01 Aug 2013 07:00:00 +0000 st 209 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-25 <div></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund,</p> <p>Heute muß ich. an Sie schreiben, obwol Sie eigentlich heute noch nicht darangekommen wären. In der gestern erschiene­nen neuesten Nummer der Gartenlaube im Feuilleton kom­men Sie mit vor, wie neulich in der Beilage dazu, den deut­schen Blättern, beidemal von Keils eigner Hand. Die gestrige Notiz besagt, daß die Gartenlaube selbst an Ihrer Bildung einen wesentlichen Antheil habe, wie aus guter Quelle in Erfahrung gebracht worden sei. - Nun durfte ich denn nicht länger zögern, selbst meinen Gang zu Keil zu thun und mich persönlich als beste Quelle vorzustellen, nachdem bei Keil das Interesse an Ihnen von selbst so weit gediehen war. Ich hatte den Gang, der mir aus ändern Gründen nicht ganz an­genehm war, deßhalb noch immer verschoben, weil ich Ihre ersten Briefe immer noch nicht zurück habe aus Halle. Nun aber brauchte ich sie nicht mehr, und machte mich also heute vor Tische auf, nachdem ich Ihren Tannbergaufsatz in die Tasche gesteckt, samt der allerliebsten Zeichnung von Schröcken, auch Ihrer Photographie und einigen Briefen von Ihnen, gerade wie eine Batterie Munition einlädt ehe sie in die Schlacht fährt. Keils Haus ist mir zufällig nahe, etwa acht Minuten Weges, in unserm Stadtviertel, unmittelbar an einen großen Raum anstoßend, der mit lauter Gärten besetzt ist, das sogenannte Johannisthal, in das es von einer kleinen Höhe hinein schaut, wie ich aus meinen Fenstern etwas ferner hinein schaue. Da steht das Palais, das sich Keil von den Erträgnissen seines Blattes vor einigen Jahren gebaut hat. Ich hatte es noch nie betreten, nur im Vorbeigehen mit eignen Gedanken von außen bewundert. Jetzt aber trat ich hinein durch die Vorhalle, steinerne Treppe, Corridore, alles wahr­haft fürstlich, mit schönstem Geschmack, ich kam mit dem Gefühl des sichersten Erfolgs, innerlich, lächelnd; ich wußte ja voraus wie ich nun aufgenommen wurde.&nbsp; Keil war im Comptoir, wohin mich sein anmuthiges langlockiges Töchter­lein führte. Ich nannte mich und Ihren Namen. „Ah das ist ja vortrefflich!&nbsp; Ich&nbsp; habe vor acht Tagen dorthin&nbsp; geschrieben und ihn aufgefordert, ob er mir nicht ein Charakterbild von seinem Ländchen schreiben wolle, ich wollte ihm 100 fl. für den&nbsp; Bogen geben."&nbsp; Denken Sie sich&nbsp; mein&nbsp; Erstaunen&nbsp; und meine Freude.&nbsp; Ich klopfte auf meine Tasche, „das hab ich hier!" langte auch die Zeichnung heraus, die ihm sehr gefiel und die er noch heute zum Holzschneider geben wollte. So war das Geschäft abgemacht, ehe ich noch kaum zu reden angefangen - Sie sind ein Glückskind, Freund. Ich blieb dann noch über eine Stunde bei ihm, die uns sehr rasch vergieng, erzählte von Ihnen und wie ich Sie kennen gelernt, und von Nümmamüllers und von den Sonderlingen, auch warum ich jetzt erst mit dem Aufsatze und Ihrem Briefe an ihn käme, und es war alles gut, als hätte alles mit einander nur gerade auf diesen Augenblick gewartet. Er bat mich dringend, ein­mal überhaupt aus meiner Wissenschaft ihm zuweilen Bei­träge für die Gartenl. zu liefern (dieß als Schmerzensgeld für die damalige Zurückweisung, die ich nicht verschwieg), be­sonders aber, so bald als möglich einen Aufsatz über Sie zu machen, wozu er denn Ihr Bild wünscht. Die jetzige Photo­graphie, meinte&nbsp;&nbsp; er, würde&nbsp;&nbsp; dem&nbsp;&nbsp; Zeichner zu&nbsp;&nbsp; viel&nbsp;&nbsp; Mühe machen, ein gutes Bild daraus zu gewinnen; er bat, ob Sie sich nicht etwa in Lindau bei einem besseren Photographen könnten abnehmen lassen. Ihre Antwort an ihn könnten Sie ja in einem Brief an mich einschließen. Ob ich in der näch­sten Zeit den Aufsatz über Sie werde machen können, weiß ich gar nicht; es ist mir eigentlich auch noch zu früh, obwol ich längst schon entschlossen bin, eben so das Publicum mit Ihrer Person bekannt zu machen. -</p> <p>In Gosches Aufsatz über Sie wird nun auch schon von den Sonderlingen die Rede sein. Das wird möglich, weil in der Ausgabe des 2. Bandes seines Jahrbuchs eine Verzögerung eingetreten ist, wieder ein Glücksumstand für Sie. Gosche bat mich neulich um Einsendung der Sonderlinge, und Hirzel hat ihm den damals eben fertigen ersten Band geschickt. Ich bin unsäglich gespannt auf Gosches Urtheil. Auch der Redac­teur der Europa, Dr. Steger, den ich neulich kennen lernte, seine Bekanntschaft Ihretwegen suchte, ein frischer interes­santer Mann, der schon von Nümmamüllers her sehr für Sie eingenommen ist, erwartet die Sonderlinge mit Ungeduld und spitzt schon seine Feder zu einem Artikelchen über Sie. Meine Bekanntschaft mit Steger machte mir übrigens sehr wenig Mühe (um Sie zu beruhigen), ich brauchte nur in einer Bierwirtschaft zwei Häuser weiter auf meiner Windmühlen­straße Abends mein Glas Bier zu trinken, wo Steger am Stammtische sitzt und die Unterhaltung beherrscht, unter Leuten die zum Theil zu meinen Freunden und guten Be­kannten gehören - sehen Sie, so ist in Leipzig alles hübsch nahe beisammen, wenn sichs darum handelt, für einen Vor­arlberger Bauerdichter Propaganda zu machen. Auch Hirzels Geschäft und Wohnung ist nur etwa acht Minuten von mir entfernt und vier Minuten von Keil, es ist dieß unser Buch­händlerviertel, wo die Verleger zu Dutzenden beieinander sit­zen. Diese Erwähnungen sollen Sie einstweilen auf Ihren Besuch hier ein wenig vorbereiten, auf den sich schon so mancher freut.</p> <p>Ihre Flugschrift war mir sehr interessant. Die Einleitung ist der ganze gute Felder, das Weitere, wo Sie Geschichtsphilo­sophie nach Lassalle vortragen, erweckt freilich meine Kritik; es fehlt da genauere Kenntniß der wirklichen geschichtlichen Vorgänge, und mir behagt der Begriff Staat nicht, dieser eigentlich romanische Begriff, mit dem man jetzt zu viel hantirt, er birgt eigentlich so viele Verdunkelungen der Wirk­lichkeit wie der Begriff Kirche, der in der Geschichte so viel Unheil angerichtet hat, doch das wäre zu weitschichtig für heute. Ich wünschte aber sehr, daß Ihr Aufsatz ganz gedruckt würde, hier geht das wol nicht gut. Die Flugschrift Ihres Schwagers hab ich noch nicht ganz lesen können, sie spricht mich aber mehr an als die erste, ja manches hat mich lebhaft angesprochen, Ihr Schwager muß auch ein Original sein ­und ein warmherziger Mensch. Aber mein Papier ist alle und meine Zeit auch, also Gott befohlen,</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>PS. I. Nächstens werd ich Ihnen auch eine Flugschrift von mir schicken, die in meinen Wörterbuchsferien zu Stande gekom­men ist, sie wird Sie theilweis wol auch interessieren, sie kämpft auch gegen Zopf und verknöchertes Herkommen, freilich auf einem ganz ändern Gebiete, das sich aber doch mit dem Ihrigen nahe berührt.</p> <p>PS. II. Neulich lief bei mir ein briefliches Urtheil von dem Dichter des Ekkehard, Scheffel, über Ihr Schwarzokaspale bei mir ein, Sie können damit sehr zufrieden sein, ich werde Ihnen den Brief schicken, jetzt hat ihn Hirzel noch, der dar­über sehr erfeut war.</p> </div> <div> </div> Leipzig Sun, 10 Mar 2013 08:00:00 +0000 st 363 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-17 <div><span class="date-display-single">10. Juni 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber Herr Felder,</p> <p>Ich bin schon seit einiger Zeit fertig mit den Sonderlingen, sie sind mir sehr lieb geworden, und ich will nicht länger verschieben, Ihnen auch vom Ganzen zu sagen wie es mir gefallen hat. Ich bin von der weiteren Entwickelung durchaus befriedigt, der eigentliche Umschwung durch den Lawinen­sturz ist vortrefflich erfunden und ausgeführt, von ergreifen­der Wahrheit und Feinheit in der Zeichnung äußerlich und innerlich. Daß Barthle stirbt, ist entschieden passend, Sepps Bekehrung ganz vortrefflich, die Entfernung des Pfarrers und seine Ersetzung die beste Lösung der religiösen Spannung, usw. usw. - ich bin begierig es gedruckt ausgehen zu sehen. Aber in dieser Woche wird wol das blutige Trauer- oder Pos­senspiel im Vaterlande beginnen! Dazu hat Hr. Hirzel in letz­ter Zeit ein tiefes schweres Leid in der Familie erfahren, das ihn fast beugte (es hangt auch mit der Kriegsnoth zusammen), so müssen wir leider auf hellen Himmel warten, und wer weiß wie lange. Vielleicht klärt sich wider Willen der Anstif­ter mehr nachher als die Menschen jetzt denken. Ich hab inzwischen schon ein paarmal aus den Sonderlingen in kleinem Freundeskreise einzelne Kapitel vorgelesen, und Sie können mit dem Erfolg sehr zufrieden sein. Auch hab ich vorige Woche in Halle auf einem geschäftlichen Besuch mei­nen dortigen Freunden über Sie Vortrag erstattet, darunter drei Herren von der Universität, mit gleichem Erfolg wie im Mai in Schulpforta; hab auch kürzlich bei Scheffel in Karls­ruhe brieflich angefragt, was er zu Ihrem Schwarzokaspale sagt. Er hat mir zugesagt es nun zu lesen und will mir sein Urtheil darüber mittheilen, ich bin sehr neugierig darauf. Der Redacteur der Europa, Dr. Steger, sprach mir neulich den Wunsch aus, Ihre Briefe an mich zu einer Mittheilung in sei­nem Blatte zu benutzen. Das hielte ich nun zwar an sich für ganz wünschenswerth, aber nur jetzt nicht wie mir scheint, was sagen Sie dazu? Er sprach von einem auszugsweisen Ab­druck der Briefe.</p> <p>Ihre Ausführungen auf meine kritischen Bedenken waren mir sehr interessant; aber überzeugt haben sie mich freilich nicht allenthalben, z. B. in dem Punkte von Sepps Seelenheil in den Augen der Mari. Aber ich sehe wie mißlich es ist, dem Dichter in seine Arbeit hineinreden zu wollen, sonst hätt ich noch ein paar kleine Fragen der Art - z. B. daß die Bauern sich um die großen Ereignisse in Italien damals nur so gar kühl kümmern, daß selbst Franz sich die Zeitungen eben in dieser Zeit auch nicht einmal auf die Alp nachbringen läßt, während er bei seinem Gesichtskreis doch wol auch den Zusammenhang der großen politischen Entwickelung mit seinen persönlichen Interessen empfinden müßte, daß auch die Mariann ihn nach seiner Verwundung gar nicht fragt, sie die Liebende------- aber ich will nichts gesagt haben, es sind nur so Einfalle.</p> <p>Mein Besuch im Bregenzerwalde ist bei jetzigen Umständen leider sehr fraglich, während ich eine Zeit lang dazu fest ent­schlossen war, als man noch Hoffnung auf Friede hatte. Ihr Besuch in Leipzig würde mir aber eben so lieb und erwünscht sein, und wenn das Schwarzokaspale eine zweite Auflage erlebt, oder wenigstens wenn erst die Sonderlinge zum zwei­ten Mal gedruckt werden sollten, auf diesen Fall möcht ich Ihnen eigentlich das Gelübde Ihres Besuchs bei mir abneh­men. Ich wäre wahrhaftig begierig Ihnen die Kunst in Concert und Theater und Malerei vorzuführen-Sie kennen die eine ganze Hälfte der Seelenwelt noch nicht wirklich, wenn Sie die Kunst in ihrer Blüthe noch nicht haben auf sich wirken lassen können - nun das muß ja noch werden, und ich freue mich darauf Sie da einmal einzuführen. Hier in Leipzig wären Sie natürlich mein Gast; aber im Sommer werden Sie nicht kön­nen, eher wol im Herbst, etwa im October? Die Reisekosten würden sich, um auch das einstweilen zu erwähnen, auf höchstens 25 Thaler belaufen, freilich Geld genug. Ich möchte Sie gar zu gern einmal ein paar Wochen um mich haben, und am liebsten wäre mir das allerdings hier auf dem Ihnen neuen Boden. Nun, kommt Zeit kommt Rath. Ich weiß nicht wie viel Sie bis jetzt von unserer Vorzeit wis­sen, die mein Liebstes im Studium ist; ich möchte Sie gern ein wenig dazu heranziehen. Da ich zu meiner Überraschung von Ihnen ein altdeutsches Wort angeführt fand, erlaube ich mir Ihnen als einen Appetitsbissen aus unserm engeren Stu­dienkreise einen Vortrag von mir mitzuschicken, aus dem Sie sehen können was für den gebildeten Deutschen überhaupt etwa aus unsern Studien herausspringt - wir arbeiten daran, unser eignes verschüttetes und verkanntes Alterthum wieder auszugraben ans Licht, den Faden wieder anzuspinnen, der unsere Gegenwart mit dem Leben und Denken unsrer Vor­fahren verknüpft oder verknüpfen sollte, denn er ist im 17. Jahrh. abgerissen worden.</p> <p>Um weitere Spähne aus Ihrer Sprache bitte ich angelegent­lich. Aber Ihr f und s setzt mich in Verlegenheit, weil ichs nicht unterscheiden kann.*) Ist das Klipso das Sie mir gaben, klipfo wie ichs gelesen habe, oder klipso? Da es jetzt zum Druck kommen soll, möcht ich gern baldige Berichtigung haben, ich habe den Druck noch warten heißen. - Wie nen­nen Ihre Landsleute das Echo? Echo doch wol hoffentlich nicht; Sie nennens einmal das antworten der Berge, und das ist der Ausdruck unserer Vorfahren, bezeugt aus dem 13. Jahrh.:</p> <blockquote><p>von Muten und von hünden | der schäl was so gröz,</p> <p>daz in (ihnen) da von antwürte | der berc und oüch</p> <p>der tan (Wald).&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nibel .883,3</p> </blockquote> <p>Wie kommt klapf zu der Bedeutung Menge? Ich komme nächstens daran, klapf ist alem. eigentlich Schlag, Krach u. ähnlich, es muß noch eine erklärende Zwischenbedeutung geben. Haben Sie klamper oder ähnlich = Klammer? haben Sie eine Redensart einem ein klempferle anhängen oder ähnlich = einem etwas seiner Ehre Schädliches nachsagen? Haben Sie etwa ein Wort klampe oder ähnlich = Klumpen, großer Bissen? Wie sprechen Sie Ihr lauine Lawine aus, laufne oder läuine? wol das letztere. Wir sagen, als wäre es romanisch, lawine.</p> <p>Ich habe noch mehr Fragen, wenn wir erst zum Druck kom­men, so Gott will. Manches kann ich auch nicht sicher lesen. Mir ist eingefallen, daß ich Ihnen Ihre Zeitschriften am Ende von hier aus billiger besorgen könnte, d. h. gelesene, und später erst, wenn Ihnen das nichts verschlägt. Doch für heute guten Abend, ich hätte eigentlich noch ein halb Dutzend Briefe zu schreiben.</p> <p>Grüßen Sie mir Ihr liebes Wible, ich grüße Sie mit den Mei­nigen, in freundschaftlichster Gesinnung ,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; ., . , .</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Ich lege noch ein paar Correcturbogen bei, die vielleicht theilweis Interessantes für Sie enthalten.</p> <p>Die gedruckte Bitte von Mannhardt ist bestimmt, möglichst verbreitet und - beantwortet zu werden. Es sind schon tausende von Exemplaren durch Deutschland verschickt.</p> <p>*) nicht wahr: grübeln und grilleln, nicht grisseln?</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Deutsches Wörterbuch Dialekt Hirzel Leipzig Sonderlinge Sonderlinge/Rezeption felderbriefe.at newsletter Sun, 10 Jun 2012 07:00:00 +0000 st 305 at http://felderbriefe.at VON GUSTAV WAGNER AUS LEIPZIG http://felderbriefe.at/brief/von-gustav-wagner-aus-leipzig <div><span class="date-display-single">3. Juni 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Hochgeehrter Herr!</p> <p>Sie haben mir durch Ihren „Nümmamüller und das Schwarzo­kaspale" eine große Freude bereitet, wofür ich Ihnen meinen tiefgefühltesten Dank sage.</p> <p>Obgleich ich seit 24 Jahren Sachse bin habe ich doch nicht aufgehört der Allgeuer (Kemptner) zu bleiben. Als solcher kann ich um so mehr die richtige Schilderung der mir wohl bekannten „Wälderer" beurtheilen. Ich muß gestehen, daß mich von Allem, was in der Neuzeit über die Aelpler erschie­nen ist, nichts so sehr angezogen hat, als Ihr „Nümmamüller". Lassen Sie hochgeehrter Grenznachbar die Feder nicht ruhen! Erfreuen Sie die Freunde der Alpen und ihrer Bewohner bald wieder mit einer Schöpfung Ihrer hellen Augen wie warmen Herzens! In Sachsen haben Sie Sich bereits viele Freunde erworben, deren Zahl ich durch die Empfehlung erwähnten Werkes zu vermehren suchen werde.</p> <p>Im Juli d. J. werde ich meine alte Heimath und bei dieser Gelegenheit auch Sie besuchen. Letzteres nur in der Voraus­setzung, daß ich Ihnen angenehm bin. Bis dahin grüßt Sie ein treues Alpenherz mit ganzer Wärme.</p> <p>Ihr ergebener</p> <p>Gustav Wagner.</p> <p>Oberlehrer an der ersten deutschen Lehranstalt für erwachsene Töchter, Lehrer an der öffentl. Handelslehranstalt und Mitglied des deutschen Schriftsteller-Vereins.</p> </div> <div> </div> Gustav Wagner Leipzig Franz Michael Felder Leipzig Leser Nümmamüllers felderbriefe.at newsletter Sun, 03 Jun 2012 07:00:00 +0000 st 112 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-16 <div><span class="date-display-single">22. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber verehrter Herr Felder, Sie wunderbares „Bäuerlein",</p> <p>Es läßt mir keine Ruhe, Ihrer Unruhe von der Sie schreiben, ein Ende zu machen, daß Sie erfahren wie mir Ihre Sonder­linge gefallen, obwol ich noch nicht durch bin und eben erst den Faschingsdienstag ausgelesen habe. Zum Glück könnt ich bei leichterer Arbeit endlich seit acht Tagen so viele Stunden erübrigen, um Ihr Werk zu lesen. Es sind Feststunden für mich, ich drücke Ihnen die Hand im Geiste dafür, oder noch lieber möcht ich Sie umarmen und küssen - das ist eine Be­reicherung unserer Literatur, auf die Sie und Ihre Heimat stolz sein können. Literatur - ich kann das Wort eigentlich nicht recht leiden, es erinnert an Literaturgeschichte, an ein Herbarium, wo die armen Pflanzen wie abgestochene Kälber saftlos eingelegt oder zerlegt werden (das Bild ist mir mis­rathen, es sind zwei).</p> <p>Sie haben da ein originelles Stück deutscher Welt aufgefaßt und verarbeitet, daß einem oft das Herz im Leibe lacht, so frisch und voll und saftig, und dabei so tief und fein und warm - echt realistisch und echt idealistisch zugleich. Wenn ich jetzt ausgehe, begleiten mich vor mir her schwebend die Gestalten Ihres Werks, der Franz und die Mariann, und der Barthle usw., und das alles mit dem Hintergrund der groß­artigen Alpenlandschaft und den für uns Norddeutsche so eigentümlich tiefen Reizen des Alpenlebens. Ich habe tiefe Sehnsucht, Ihr Bergleben bald wieder einmal zu schmecken, womöglich noch gründlicher als bisher, womöglich noch die­sen Sommer. Mich drängts, Ihre Geisteswelt noch aus näherer Nähe kennen zu lernen, ich empfinde zwischen Ihnen und mir nahe Berührungspunkte, mehr und tiefer als Sie bis jetzt wissen können. Ich habe selbst eine sehr ähnliche Entwickelungsgeschichte an mir erlebt, wie Ihr Franz, d. h. wie Sie, nur daß ich praktisch noch nicht so weit gekommen bin wie Sie, ich stecke noch im Franz des ersten Theils manchmal ziemlich tief drin, ich hoffe mehr durch Schuld der Umstände, meines berufsmäßigen Studierstubenlebens als meiner Natur, die neben großer Neigung zur Beschaulichkeit zugleich seit meinem Bewußtwerden zum Thun drängt - die innere Ge­schichte Ihres Franz ist mir in ihrem Kern wie auf den Leib gepaßt, sie ist mir wie eine Auferbauung, wie ein Trost und eine Erfrischung wie sie Andere in der Kirche suchen. Hab ich doch selbst mit meinem Vater ähnliche Kämpfe gehabt, wie Ihr Franz mit dem seinen. Mein Vater verwarf, in Folge schwerer Erfahrungen, das Gefühl als Leitstern des Thuns, und prägte mir das von Kind auf ein; durch blutsaure Arbeit hab ichs mir erst wiedererobern müssen. Mich hat Göthe vor Verzweiflung gerettet. Doch genug mit diesen Selbst­bekenntnissen, sehen Sie nur daraus, wie tief mich Ihre Ge­bilde ergriffen haben. Ich segne den Zufall der mich mit Ihnen bekannt machte.</p> <p>Aber ich will nicht nur Lob sagen, sonst glauben Sie mir das nicht. Ich war aufs höchste gespannt, wie Sie die in Ihrem ersten Briefe an mich angegebenen Tendenzen behandeln würden, die ja künstlerisch wie sachlich zu den gefährlich­sten Klippen der Dichtung gehören. Ich will nicht leugnen, daß ich in dieser Beziehung mit Besorgnissen ans Lesen gieng - aber wie haben Sie die zerstreut; wie ist die Tendenz in die Sache hinein verarbeitet, und wie werden Sie auch der angefochtenen Richtung gerecht! Mir wills sogar scheinen, als stellten Sie den Freimaurer mit seinen berechtigten An­sichten zu weit in Schatten, wie er mir überhaupt im Verlauf der Entwickelung von Franz und Barthle zu sehr in den Hin­tergrund tritt - man sieht ihn da immer nur spöttisch lächeln und zweifeln, und wendet sich allmälich von ihm ab; warum tritt nicht wieder einmal seine Anschauung von den Welt­dingen kräftig heraus? Seit dem Besuch auf der Alp geschieht das nicht wieder, und doch sollte ihn, scheint mir, der da auftauchende Widerspruch seines Sohnes dazu auftreiben. Auch kommt mir das Bedenken, ob denn nicht seine Frau wegen seines Seelenheils Gewissensangst haben müsse? ob nicht gar der Pfarrer im Beichtstuhl sie dazu anstacheln müßte? Oder vielmehr, es müßten solche Kämpfe zwischen ihm und ihr vorausgegangen und längst ausgefochten sein, ich erinnere mich aber nicht, davon etwas Entschiedenes ge­funden zu haben. Möglich daß Sie mich da mit ein paar Wor­ten zurückweisen können; aber ich war gerade auf das Aus­fechten solcher Fragen von den zwei verschiedenen Stand­punkten besonders gespannt.</p> <p>Sonstige Bedenken hab ich nicht, als etwa daß die Mariann im Vorsaß sich um Franzens Verwundung nicht weiter küm­mert, dächt ich; müßte sie nicht, da sie ihn das erste Mal wiedersieht, ängstlich danach sehn? Ferner, Längen sind doch wol da, hie und da in der Auseinanderlegung der Empfin­dungen und Erwägungen einzelner Personen, die dann das Gefühl des Fortschritts, der Handlung manchmal zu sehr zu­rücktreten lassen. Besonders wollte mir das bei der hypo­chondrischen Selbstvernichtung Franzens nach der Wirtshaus­scene so vorkommen, wo er auch gar zu sehr das hohe sitt­liche Recht seines Benehmens dort vergißt (mich hat dieses Cap. etwas gequält); freilich fühlte ich nachher wol, wie das wieder den rechten Hintergrund gibt zu seinem Auftreten im Vorsaß nachher. Auch sein Benehmen beim Zerklopfen des Pfeifenkopfes erkennt man zwar nachher als nothwendig im ganzen Gewebe; aber es quält einen im Augenblick auch und das Cap., in dem der Sache nach zu wenig Handlung ist, ist dafür wol zu lang ausgesponnen. Hab ich unrecht, um so besser. Endlich die Sprache Ihrer Bauern entfernt sich doch wol zu oft von der Wirklichkeit und tritt zu weit in die ab­stracte Büchersprache hinüber. Ich meine natürlich nicht die belesenen Sepp und Franz, ich meine auch nicht die Ge­danken. Es ist ein alter Lieblingssatz von mir, daß sich auch das Abstracteste in der Volkssprache sagen läßt und daß wir unsre gebildete Sprache, ohne ihren eignen Werth irgend aufzugeben, aus der Volkssprache neu anfrischen und ihr nähern sollten, zur Ausfüllung der unseligen Kluft zwischen Studiert und Unstudiert. Ich habe seit Jahren gesucht nach Mitteln und Männern, die dazu hülfen; Sie könnens vortreff­lich, und nun fallen Sie mir doch zu oft wieder in die ab­stracte Redeweise, oder lassen vielmehr Ihre Bauern drein fallen. Weiter weiß ich nichts zu vermissen; es sind Kleinig­keiten gegen die vielen glänzenden Vorzüge Ihrer Arbeit, die ich gar gern auch aufzählen möchte so weit ich sie er­faßt habe. Wie aber Ihnen jemand hat sagen können, ein Bauer könne keine Dorfgeschichte schreiben, ist mir unver­ständlich.</p> <p>Für die Sprachspäne aus Ihrer Heimat meinen besten Dank, ich kann sie vortrefflich brauchen. Sie äußern sich darüber mit einer Bescheidenheit, die nach dem Franz des I.Theils schmeckt, ich müßte Ihnen in der Sprache des Sennen ant­worten. Aber das Geschlecht der Hauptwörter, wo es nicht von selbst klar ist, brauch ich dabei; ist z. B. das merkwürdige klipso = Spalt masc. oder fem., der oder die klipso? Bitte, melden Sie mir das noch. Haben Sie ein Wort klapastern oder ähnlich? Bitte, sammeln Sie einstweilen aus k weiter. Haben Sie klagt = Klage?</p> <p>Auch zu den Erläuterungen Ihrer mundartlichen Wörter in den Sond. müssen Sie mir noch helfen. Was ist z. B. Ried? ein Moorgrund? was heißt hintersinnen? was wurf auf Bo­gen 2 Seite 3? Ich werde so noch mehr fragen müssen. Auch nicht sicher zu lesen ist manches; heißt es z. B. „grübeln und grisseln" oder grilleln? Es wäre gut, wenns zum Druck kommt, Sie läsen eine Correctur, haben Sie das nicht auch bei Nüm­mamüllers gethan? Übrigens läßt Sie Hr. Hirzel grüßen und um Entschuldigung bitten, daß für jetzt von einem Vorgehen mit dem Druck abgesehen werden müsse; es wäre ja in Ihrem eignen Interesse. Erst muß der Geschäftshimmel wie­der geklärt sein, hoffen wir daß der Pariser Congreß das zu Wege bringt. Man fängt aber schon an, an das Entsetzliche sich zu gewöhnen! Höchst interessant war mir und Anderen die Stelle aus dem Soldatenbriefe, ich fühle was Sie daran interesstrt - der Beweis was Ihre Landsleute eigentlich werth seien - mich freut der Beweis aber auch, ich bin seit Jahren beflissen in Volksrede und Volksgedanken Geist und Kraft aufzusuchen und aufzuzeigen, gegenüber den in sich verliebten studierten Verächtern des Volks - ich hasse die wie Gift.</p> <p>Herzliche Grüße von meiner Frau und Mutter, grüßen Sie mir auch Ihre liebe Frau herzlich, ich bin neugierig sie ken­nen zu lernen, studieren Sie nicht zu viel!</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Der nächste Kreis meiner Bekannten, der in herzlichster Wärme für Sie gewonnen ist, besteht aus: Dr. F. Flügel und Frau, Dr. med. Meißner und Frau, Rendant Ledig nebst Frau und Tochter, Dr. Meißners Schwester, Fräul. Bertha Meißner, Lehrer Albert Richter, Apellationsrath Dr. Schmiedt, u. A. Kann man nicht eine Photographie von Ihnen haben? und haben Sie meine erhalten? Es ist für Ihre schon ein Platz in meinem Germanisten-Album frei gelassen, welchen, will ich Ihnen sagen, wenn ich Sie habe.</p> <p>Noch ein P.S.: In dem Cap. vom Faschingsdienstag heißt es einmal: Man muß ein Dorfbewohner gewesen sein, um... die Gewalt der Musik voll zu empfinden u. dgl. Wollen wir da nicht das gewesen streichen? Denken Sie sich, was der Senn dazu sagen würde!</p> <p>Heißt es nicht vorsäß? mir ist als hätt ich auf der Gemselalp von meinem Führer Karl Fritz aus Mittelberg so gehört. Das war ein frischer anziehender Mensch, er wollte mich da be­halten auf seiner Alp.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Kritik Sonderlinge Leipzig Studiert-unstudiert Tue, 22 May 2012 07:00:00 +0000 st 302 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-15 <div><span class="date-display-single">8. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber Herr Felder,</p> <p>Seit Wochen hätt ich gar zu gern an Sie geschrieben und habe es immer wieder verschieben müssen. Auch heute werde ich mich leider kurz und rasch fassen müssen. Aber Sie müssen Nachricht haben, daß Ihre Sonderlinge am Sonn­abend richtig bei mir eingegangen sind, zu meiner großen Freude. Mit dem Lesen bin ich freilich noch nicht über die ersten Seiten hinausgekommen, aber ich darf Sie doch mit meinem Weiterlesen nicht auf die Anzeige des Eintreffens warten lassen. Ich will es erst ganz durchlesen, ehe ichs an Hirzel abgebe, und das soll möglichst rasch geschehen. Ob freilich, auch wenn wie ich hoffe Hirzel bei seiner Zusage bleibt, jetzt zum Druck vor[ge]schritten werden kann, ist augenblicklich ganz unsicher, denn wir sind in der Kriegs­gefahr mitten drin und wissen nicht was der nächste Tag bringt. Alle Geschäftsverhältnisse, die nicht dem Tage dienen, sind in der Auflösung begriffen, Hunderte von Arbeitern werden täglich entlassen, alle Werthpapiere sind im raschen Sinken, man schwankt zwischen Bestürzung und auftauchen­den Hoffnungsschimmerchen. Aber ich habe eben wieder einmal Hoffnung (gestern ist in Berlin auf Bismarck geschos­sen worden, fünf Schüsse aus großer Nähe, und unverletzt!) und vielleicht kehren wir in wenigen Wochen doch wieder in das Gleis stiller Culturarbeit zurück. Für Ihr Manuscript seien Sie außer Sorge, eine Beschießung der Stadt ist in kei­nem Falle zu fürchten, höchstens eine Schlacht in der Nähe, Leipzig ist ja jetzt ein offener Ort. Übrigens auch wenn der entsetzliche Bruderkrieg entbrennte, ich sehe ihm jetzt ent­schlossen entgegen, in der Überzeugung daß Besseres daraus kommen würde als die bösen Leidenschaften der Anstifter sich träumen lassen. Unser Deutschland ist jetzt im Herzen zu gesund, um am Körper dauernd Schaden leiden zu kön­nen. Sie selbst sind mir mit ein Beleg dafür. Ich habe inzwi­schen für Sie nach Kräften gewirkt, nur mit Ihren ersten zwei Briefen in der Hand und mit Empfehlung Ihres Schwarzo­kaspale. Die Wirkung ist allenthalben dieselbe, Bewunderung Ihres Bildungsganges, der an und für sich eine Heldenthat ist wie nur eine, Bewunderung der geistigen und seelischen Reife die Sie offenbaren, und tief innige Freude an der Art wie Sie da die Verhältnisse Ihrer Heimat künstlerisch zu ver­arbeiten wissen. Die Frauen meines Bekanntenkreises sind entzückt von Ihrem Roman, es ist schon öfter das Wort ge­fallen, ob man Sie denn nicht einmal in Person hier haben könnte, und ich selbst wünschte mir das innig - vielleicht? Auch meine Freunde theilen mein Urtheil, sie verdanken Ihnen glückliche Stunden im reinsten Sinn des Wortes. Nur Hirzel und Freytag sind leider noch nicht zum Lesen gekom­men, ersterer durch die Buchhändlermesse, letzterer durch eine literarische Arbeit zu sehr beschäftigt. Ich kanns kaum erwarten, bis sie dran kommen. Frau Dr. Hirzel hats mit gro­ßer Befriedigung gelesen. Dem Dr. Freytag hab ich Ihre zwei ersten Briefe vorgelesen, er war tief interessirt daran und meinte, das Ganze wäre „eigentlich unbegreiflich". Es ist gut, daß ich Sie habe vor mir sitzen sehn.</p> <p>Vorgestern hatte ich Ihre Briefe mit in Thüringen, wo wir, d. h. ein Häuflein Germanisten (altdeutsche Philologen) im Sommer mehrmals einen wissenschaftlich-geselligen Verein abhalten, unter dem Sie sofort als Mitglied eintreten könn­ten, seit Sie in Ihrem Thale Sprichwörter und Redensarten sammeln und auf Grund Ihres Schwarzokaspale, denn die Pflege des Volksmäßigen liegt uns am meisten am Herzen. Da hab ich denn, vor 7 Zuhörern (aus Gotha, Eisenach, Weimar, Jena, Schulpforta, Zeitz, Leipzig), meinen Vortrag ge­halten, und Sie werden wol in Folge davon Zusendungen erhalten; etwaige Dankbriefe schicken Sie nur mir mit ein, ich würde sie besorgen. So hab ich gestern Ihre Briefe an G. Mayer und Hirzel abgegeben. Mayer ist ein sehr merk­würdiger Mann, kurz und trocken wie wenige, aber sehr welterfahren und von warmem Herzen namentlich für He­bung der Volksbildung. Er hat in Ihrer Nähe eine Sommer­frische, in Oberstdorf, wohin ich eben vor drei Jahren von Ihnen aus ging. Ich soll diesen Sommer wieder hin kommen, und soll Sie mitbringen; Lust dazu hätt ich die allergrößte, wenn die Verhältnisse es erlauben. Aber ich habe eine Fa­milie von 6 Köpfen und kann nicht oft tief in den Beutel greifen. Ich möchte gar zu gern einmal mehr von Ihnen hören und mit Ihnen eine kurze Zeit Zusammensein. Nun wenn nicht diesen Sommer, so den nächsten. Ihr Bregenzerwälder Wörterbuch geht mir nahe, könnte ich. es nicht für unser deutsches Wörterbuch zur Verwerthung gewinnen? Wenn Sie Zeit fänden, mir zunächst nur etwa die Wörter mit K (von klappen an, denn so weit ist bald ge­druckt) könnten zukommen lassen, würde es mich sehr freuen, und ich würde Ihnen dann den ersten Correctur­bogen wieder zuschicken, wo Ihre Sammlung mir Dienste geleistet hätte.</p> <p>Der von Ihnen erwähnte Schimpfartikel in Ihrer Landeszei­tung interessirt mich, ich möchte schon wissen, von welcher Seite die Herren Sie angegriffen haben; könnten Sie mir das Blatt wol einmal zuschicken unter Kreuzband? Auch möcht ich. die Anzeige Ihrer Nümmamüllers in den Brockh. lit. Bl. lesen, in welchem Jahrgang und welcher Nummer war das? ich kann mirs leicht hier verschaffen. Mir thut es ordentlich weh zu lesen, mit welchen Kosten Sie sich die geistige Nah­rung verschaffen müssen. Hier zu Lande lesen z. B. Land­pastoren diese Sachen in Lesecirkeln für ein Billiges, oder die Exemplare aus Kaffehäusern gehen von da den andern Tag weiter. Könnten Sie sichs nicht ähnlich aus Lindau oder Bregenz oder Feldkirch verschaffen? im Nothfall aus Augs­burg oder Innsbruck?</p> <p>Noch etwas. Im Schwarzokaspale war doch nicht alles erklärt, was uns unverständlich ist, z. B. Schulden gleich Schuldner, was ich aus dem Altdeutschen wußte (im Wörterbuch werden Ihre Stellen mit als Belege erscheinen). Darf ich wol an sol­chen Stellen die Erklärung kurz hinzufügen in den Sonder­lingen? Auch möcht ich gern in einem kurzen Vorwort dem Leser Nachricht von Ihrer Lebensstellung gegeben sehen. Doch ich muß schließen.</p> <p>Glück zur&nbsp; Feldarbeit&nbsp; und&nbsp; allem&nbsp; andern,&nbsp; herzlich&nbsp; grüßend</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Die Frauen meines nächsten Bekanntenkreises (Gevatter­kränzchen nennen wir uns) lassen Sie herzlich grüßen, das hält ich bald vergessen. Wegen des Honorars haben Sie nichts erwähnt, ich werde, wenns zur Verhandlung kommt, Ihre Interessen möglichst vertreten. Wie war denn das bei Nüm­mamüllers?</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Bismarck Gustav Freytag Krieg Leipzig Manuskript Sonderlinge Tue, 08 May 2012 07:00:00 +0000 st 298 at http://felderbriefe.at VON GUSTAV MAYER AUS LEIPZIG http://felderbriefe.at/brief/von-gustav-mayer-aus-leipzig <div><span class="date-display-single">13. April 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Werther Herr</p> <p>Dr Hildebrand, der uns schon im Sommer 1863, als er uns in Oberstdorf im Allgäu, wo wir von Mai-Oct. wohnen, von Ihnen erzählt hatte, theilte uns gestern Mehreres über Ihre Dorfgeschichte und aus Ihren Briefen an ihn mit - bei der Schwierigkeit der Wahl und Beschaffung von Büchern fiel mir ein daß Ihnen vielleicht mit dem Schwab &amp; Klüpfel'schen Wegweiser nebst Nachträgen den ich gerade für Leute welche die Frage „was soll ich lesen" beschäftigt, habe bearbeiten lassen gedient sein könnte und da mir der Commissionair des Herrn Teutsch in Bregenz wissen lässt, er expedire Morgen an diesen so sende ich Ihnen das Werk mit dem Wunsch daß es Ihnen dienlich sein möge.</p> <p>Mit achtungsvollem</p> <p>Gruss Gustav Mayer</p> </div> <div> </div> Gustav Mayer Leipzig Franz Michael Felder Hildebrand Leipzig felderbriefe.at newsletter Fri, 13 Apr 2012 07:00:00 +0000 st 105 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-13 <div><span class="date-display-single">11. März 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Werthester Herr Felder,</p> <p>Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir schenken, es macht mir große Freude, ist es ja eins der wohlthuendsten Gefühle die die Erde bietet, sich das Vertrauen eines Andern zu verdienen. Es ist auch bei mir nicht an den Unrechten gekommen, ja ich kann noch mehr sagen, obwol Sie es wohl nicht recht begreifen werden: Ihr Brief hat mir den Tag, als er anlangte, zu einem wahren innerlichen Festtage gemacht, und wie meine Familie, so müssen auch alle meine Freunde und Bekannten meine Freude theilen - sie kennen Sie näm­lich durch mich schon aus Ihrem Schwarzokaspale, und wer das Buch noch nicht kennt, dem geb ichs nun zu lesen. Doch zur Hauptsache. Ich war nach Lesung Ihres Briefes ent­schlossen, für Ihre Sonderlinge alle Mittel anzuwenden die mir etwa zu Gebote stünden, um Ihnen einen namhaften Verleger zu verschaffen. Ich entwarf meinen Feldzugsplan, der vermöge verschiedner freundschaftlicher Verhältnisse mehrere angesehene Firmen ins Auge fassen konnte, auch eine in Wien (Braumüller), die Ihnen als Ostreich. Landeskind vielleicht die angenehmste gewesen wäre? Aber bequemer hatte ichs freilich hier in Leipzig, und da ist mir denn auch gleich der erste Angriff über Erwartung geglückt, nämlich bei meinem eignen Verleger, S. Hirzel, der für neue Bücher und Autoren im allgemeinen sehr schwer zugänglich ist, wie ich selbst schon erfahren habe. Ich bat ihn darum auch nicht um den Verlag, ich erzählte ihm nur meine Bekanntschaft mit Ihnen und was ich von Ihnen wußte und las ihm dann Ihren Brief vor - da erbot er sich selbst, Ihr neues Buch zu drukcken, als ich vom Suchen eines Verlegers sprach und den Dichter Scheffel erwähnte, mit dem ich vorigen Herbst in Heidelberg Bekanntschaft gemacht habe und dem ich da Ihr Schwarzokaspale zu lesen und zu prüfen dringend empfahl; ich dachte mich nun an ihn zu wenden und ihn um seine Verwendung bei seinem Verleger zu bitten. Aber Hirzel lehnte das als unnöthig ab und bot sich wie gesagt selbst zum Verlag an - freilich, wie Sie begreifen werden, mit der Bedingung, daß er erst das fertige Werk sieht und sich die endgültige Entscheidung vorbehält nach eigner Einsicht ins Manuscript.</p> <p>Wenn es Hirzel nimmt, und ich zweifle kaum daran, wenn Ihre Sonderlinge dieselben Vorzüge zeigen wie Ihr erstes Buch, zumal an einen noch tieferen und bedeutenderen Stoff gewendet, so haben Sie allen Grund sich zu freuen. Denn die Firma S. Hirzel ist eine der angesehensten in ganz Deutschland, die sonst bloß wissenschaftliche Literatur wo möglich ersten Ranges druckt, schöne Literatur nur in streng­ster Auswahl. Gustav Freytags Sachen sind in Hirzels Verlag. Haben Sie unter den vielen Ihnen theuren Schriftstellern in Leipzig, die Sie zu grüßen bitten, Freytag mit gemeint? Ich bin selbst mit ihm gut bekannt, ja befreundet, und werde ihn nächster Tage examiniren, ob er Ihr Schwarzokaspale kennt oder nicht; sein Urtheil ist ein entschiedenes, aber durchaus menschenfreundlich, und ich bin neugierig darauf. Auch Hr. Dr. Hirzel (er ist kürzlich von unserer philosoph. Facultät zum Dr. phil. gemacht worden für seine Verdienste um die Goetheliteratur) kannte Ihr Buch noch nicht, ich habe es ihm nun gegeben, und er hat es zuerst seiner Frau ge­geben, die ganz dazu geschaffen ist, die eigenthümlichen Vorzüge Ihrer Dichtung zu empfinden und zu würdigen, eine einfach sinnige Natur, obwol eine geborene Berlinerin - nun ist sie gerade jetzt Patientin in Folge eines Armbruches, aber gerade da ist man offener als sonst für das einfach Ächte wie es Ihr Schwarzokaspale bietet, weil in jeder Krankheit die Seele wieder in sich selbst einkehrt. Was übrigens Hirzels an Ihrem Buche auch ansprechen wird, das ist das Aleman­nische darin, die Anklänge an die Schweiz, weil Hr. Hirzel selbst Schweizer ist, aus Zürich.</p> <p>Auch mir war an Ihrem Buche besonders anziehend, ja hoch erfreulich die alemannisch alterthümliche Luft die darin weht, Ihr ganzes Ländchen ist für uns deutsche Alterthumsfreunde eine Fundgrube zur besseren Erkenntniß unserer Vorzeit, das hab [ich] in den paar Tagen deutlich empfunden, die ich dort zugebracht habe und die ich zu den angenehmsten rechnen muß die ich je verlebt habe. Ich empfand dort als Deutscher eine tiefinnere Befriedigung, wie selten, fand die­selbe Befriedigung in Ihrem Buche wieder, nur noch, vertieft und geklärt, und so ist mirs doppelt angenehm, mit Ihnen als dem rechten Ausleger vom Werthe Ihrer Heimat in nähere Beziehung zu treten - vielleicht verstehen Sie nun meine oben erwähnte Freude an Ihrem Briefe schon besser.</p> <p>Aber noch ein Punkt ist, den ich Ihnen gleich klar machen kann. Was Sie von der Stellung des Bauernstandes der Bil­dung gegenüber sagen, ja das ist eine brennende Frage für die Entwickelung unserer Zukunft, und sie liegt mir nahe am Herzen; der große Riß zwischen Studirt und Unstudirt, zwi­schen Gebildet und Ungebildet muß bis auf einen gewissen Grad aufgehoben werden (wie er es in gewissem Sinne in Amerika schon ist); wir die Studirten brauchen Sie, die Leute aus dem Volke, zur Erneuerung unseres Seelenblutes, und zur nationalen Wiedergeburt, das ist ein Grundgedanke mei­nes ganzen Denkens und Strebens, und mit einem Bauer wie Sie sind befreundet zu werden, macht mir die Berührung mit Ihnen dreifach lieb, zumal wo es sich wie hier darum handelt, das lange entfremdete Süddeutschland, das wir alle so lieb haben, für das Deutschland der Zukunft voll und ganz wiederzugewinnen.</p> <p>Aber ich verlaufe mich zu weit ins Blaue. Sie haben sich krank gearbeitet? um Gottes Willen thun Sie das nicht wie­der, und was das Nachholen für Ihr Wissen betrifft, das über­eilen Sie um Gottes Willen nicht, thun Sies wo möglich nie so, daß Sie sich davon angestrengt fühlen, daß darüber die innere Stimme Ihrer Naturfrische zu schweigen anfängt. Ich möchte schon über Ihre Lectüre genauer unterrichtet sein, man begreift nicht wie Sies unter Ihren Verhältnissen zu die­ser Bildung gebracht haben.</p> <p>Doch genug für heute, grüßen Sie mir doch die Wirthsleute in der Au, wenn sie sich meiner erinnern; was macht denn unsre Sängerin von damals, Frl. Korber aus Feldkirch? Nun,&nbsp; liebes tapfres Bregenzerwälder&nbsp; Bäuerlein,&nbsp; ich&nbsp; drücke Ihnen im Geiste die Hand mit aller Hochachtung</p> <p>Dr. R. Hildebrand.</p> <p>Meine Adr. ist: Leipzig, Windmühlenstr. Nr. 29.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Gustav Freytag Hirzel Leipzig Riss Sonderlinge wichig Sun, 11 Mar 2012 08:00:00 +0000 st 291 at http://felderbriefe.at