felderbriefe.at - Josef Natter http://felderbriefe.at/taxonomy/term/67/0 de AN JOSEF NATTER IN UNTERÄGERI/SCHWEIZ http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-unter%C3%A4gerischweiz <div><span class="date-display-single">12. September 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>„Ein Bauer in Leipzig." So könnte schlechterdings die Auf­schrift eines pikanten Gartenlaube Artikels lauten der über meine letzten Erlebnisse Bericht erstatten wollte. Doch jetzt schreib ich einen Brief und hier dürfte vielleicht genug sein, die glückliche Wiederkehr in die Heimath zu melden. Ich kam in jeder Beziehung reicher und die Reise mit Freund Hilde­brand, welcher mich in Schoppernau abholte, wird mir fürs Leben ein hoher Gewinn sein, dessen Zinsen meinem künfti­gen Schaffen zu gute kommen müssen. Was der Menschen­geist sich in Jahrhunderten errang, ich hab es genossen, hab mich erfreut am Größten, am Schönsten und bin nun neu­kräftig von der Quelle zurück, voll Muth an alles was immer kommen mag. Ich habe so recht das Gefühl gewonnen, daß ich letzten Frühling in meinem berühmt gewordenen Grenz­bothen Artikel „Zwei Geburtstage" meine Stellung sehr rich­tig bezeichnete. Doch da fällt mir eben ein, daß Du davon ja vermuthlich noch gar nichts weißt. Wars mir doch in der letz­ten Zeit rein unmöglich, allen an mich gestellten Anforderun­gen zu genügen. Gott, mir wird ordentlich bang, wenn ich die Menge Briefe sehe, die noch gar nicht - geschrieben sind. Und nun auch noch die Aufträge von Zeitungsredactionenü Und mein Roman! Du siehst, daß an das Heuen kaum noch zu denken ist, besonders da mir auch die nun konstituirte Käshandlungsgesellschaft neuen Muth zu ähnlichem Schaffen giebt.</p> <p>Die Aufnahme der Sonderlinge ist im Ganzen eine Günstige. Es dürfte nächstens eine neue Auflage nötig sein. Das Urtheil der Landeszeitung laßt sich hören. Die Ultramontanen schei­nen das Werk mit Verständniß zu lesen und mich als Katholi­ken würdigen zu lernen. Wir können es noch erleben, daß Rüscher auch von seiner Partei aufgegeben wird. Die Beweise freilich behalte ich einstweilen für mich. Es dürfte Dir für jetzt genügen, zu erfahren daß ich meinem Ziele mit Riesenschrit­ten näher gekommen bin und gerade meine Feinde haben hiezu mehr beigeholfen, als sie als Freunde im Stande gewe­sen wären. Verdruß ist auch ein Theil des Lebens. Jetzt sind wieder Neuwahlen für die Gemeinden ausgeschrie­ben. Draußen in Vorarlberg sind die Wahlen bereits vorüber und die geheime Abstimmung hat gar wunderliche Resultate zu Tage gefördert. So z B sind die Dicken in Bludenz mit Glanz - durchgefallen und Posthalter Wolf (Socialdemokrat) ist Bürgermeister von Bludenz. Hier freilich rührt es sich weni­ger und nur die Frommen wollen bei uns andere Vertrettung. Ich lache, denn ich komm erst diese Woche von Leipzig und Du glaubst gar nicht, wie kleinlich mir solch Getriebe vorkommt, seit ich dort größern Volks- und Arbeiterver­sammlungen beiwohnte, seit ich Männer mit Klarheit und Verständniß über Fragen reden hörte, welche für sie die wich­tigsten sind, und deren Lösung erst da recht als Bedürfniß empfunden wird. Erwarte daher nicht daß ich Dir heute in aller Eile den ganzen elenden Dorfklatsch auftische sammt allem was drum und dran hängt und nicht werth ist, auf so schönes weißes Papier geschrieben zu werden. Wahrhaft rührend ist mir das tiefe Interesse, welches Deine Base Mariann für meine Angelegenheiten gewann, Noch gestern war es hier und sprach den Wunsch aus, recht bald einen Brief von Dir zu erhalten. Es werde Dir gelegentlich schreiben. Die tägliche Post ist nun ausgeschrieben u die Bewerber haben sich gemeldet wer weiß ich nicht so genau da ich damahls nicht hier war. Sonst wenig Neues von Bedeu­tung; die Hochzeiten, von denen man jetzt redet werden wol alle noch im Gerede sein wenn Du wieder kommst. Man nennt den kleinen Schuhmacher, das Metzgerle, Koarado­buobo usw. Der letztere beginnt sich denn doch etwas einzu­wäldern. Unser Ländchen war heuer von vielen Reisenden besucht - Auch Bergmann war hier - gerade zur Zeit, als ich in Leipzig weilte. Von Zeit zu Zeit entsteht auch das Gerücht, Rüscher gehe fort; da es aber die gewünschte Wirkung nicht mehr thut, wird es gar bald wieder still. Überhaupt scheint dieses fromme Treiben mit der Zeit auch ändern Leuten lächerlich oder verächtlich zu werden.</p> <p>Kunz Feldkircher-Zeitungsmacher ist nach Amerika ich traf ihn den letzten Abend in Leipzig auf dem bairischen Bahnhof. Das Blatt wird vom 1 Oktober ab vom Gaßner, dem Bruder von Vorstehers Magd herausgegeben. Albrecht ist in Dornbirn und kommt zuweilen heim, um beim Heuen zu helfen. Doch nun bin ich zu Ende für jetzt. Leb wol Es grüßt Dich den Strolz u alle Wälder</p> <p>Dein Freund Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter 2 Geburtstage eines Bäuerleins Bergmann Frommen Gemeindewahl Leipzig Post felderbriefe.at newsletter Thu, 12 Sep 2013 07:00:00 +0000 st 412 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER IN NEUÄGERI/SCHWEIZ http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-neu%C3%A4gerischweiz <div><span class="date-display-single">12. Juli 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund</p> <p>Seit ich fast immer am Schreibtisch sitze, bekommen meine Freunde nur selten noch einen Brief. Sie werden mir aber glauben und sich sogar noch darüber freuen daß ich so man­cherlei zu thun habe. Wenn manches nur etwas fruchtbarer wäre! Ich meine damit nicht meine Dichtungen, sondern ich denke an sehr traurige Wahrheiten. Ich bin nach Bludenz geflohen um geistig u. körperlich sicher zu sein, doch Du wirst ja davon auch im Bund gelesen haben. Auf Ansuchen des Gustav Freitag hab ich dann die ganze Hetze u. meinen Lebenslauf kurz zusammengestellt; der Artikel ist eben in den Grenzbothen erschienen. Auch sonst hab ich durch die Presse gewirkt, doch das gehört nicht aufs Papier - genug - es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Leider aber will unser Amt es mit dem Klerus nicht verderben und legt mir immer und überall Ketten an. Mann Gottes es gibt eine verfluchte Geschichte, wenn das Amt mich noch mehr ärgert, mich völlig zwingt seine Pfiffe an die große Glocke zu hängen wie Ichs jetzt könnte. Mir selbst schadet die Geschichte keineswegs ­gerade das war die rechte Illustration zu den Sonderlingen, drum haben auch meine Freunde so für Veröffentlichung gesorgt. Eine Recension soll eben die Europa gebracht haben. Hildebrand hat mir nur kurz davon gemeldet daß ich damit zufrieden u. froh sein dürfe. Er bringt sie wol selbst mit, denn Dienstag den 16 d M kommt er nach Schoppernau, da bleiben wir dann oder in der Gegend wenigstens bis ich am 5 August wahrscheinlich mit nach Leipzig wandere und fahre. Ich freue mich, dort manchen Freund zu finden. So hat mir der Germa­nisten Club zum Geburtstag, den ich in Bludenz erlebte, ein herrliches Gedicht „an den Dichter der Sonderlinge" überschickt aus dem ich Dir heut nur folgende Kraftstellen mit­theilen will</p> <blockquote><p>So wollt ich daß ich wäre</p> <p>Dein vielgeliebter Wald</p> <p>Ich schüttelt Dir zur Ehre</p> <p>Die Tannenhäupter alt</p> <p>Die Vögelein ließ ich singen</p> <p>Die schönsten Melodein</p> <p>Die solln Dir lieber klingen</p> <p>Als schwarze Raben schrein.</p> <p>Laß krächzen nur die Raben,</p> <p>Sie brüten allerwärts</p> <p>Laß krächzen nur wir haben</p> <p>Für Dich ein treues Herz</p> <p>Nie hat das Volk vergessen</p> <p>Wers treu mit ihm gemeint</p> <p>Blick auf - schon hats gemessen</p> <p>Den Kranz für seinen Freund! -</p> </blockquote> <p>Doch genug, Du siehst wol, daß ich mich dort wieder auf­richte wenn sie mich hier niederschlagen sollten. Ich bin aber nicht niedergeschlagen, sondern trotzig und wehe, wenn ich die mir zur Verfügung stehenden Schleußen benütze, das gesammelte Gift auszuleeren, daß es ihnen in die Galgenge­sichter spritzt. Meine Corespondenz dehnt sich mehr und mehr aus. Interessant dürfte Dir sein zu erfahren, daß ange­regt durch den Gartenlaube Artickel sich auch Leute aus dem Volk, die über ihre argen Verhältnisse hinausstreben an mich wenden und in mir weiß Gott was sehen. Ich hab leider beim besten Willen nicht Zeit mich mit allen zu beschäftigen und möchte lieber auch Ihre gegenseitige Bekanntschaft vermit­teln. Die Sonderlinge gehen gut und soll die erste Auflage nächstens vergriffen sein. Am stärksten verhältnißmäßig wird das Buch in Innsbruck gekauft - auch ein Zeichen der Zeit. Mit den Grenzbothen hab ich mir einen Platz erobert, von dem aus man überall hin kann, als Freund Hildebrand mir Freitags Ansuchen um Beiträge meldete rief er: Nun sind Sie in der Besten gesellschaft: ein Bauer in diesem Kreise, uner­hört! Nun ich bin begierig, mir das alles mal in der Nähe zu besehen.</p> <p>Die Frommen hier platzen fast vor Ärger, weil sie mich nicht mehr gar so erbärmlich leben u. in anständigen Hosen herum­gehen sehen. Nu! Die verderben mir nichts mehr, sondern ihr Treiben wird mir nur noch nützen. Eben lese ich eine Bespre­chung meines Werkes in der Vorarlberger Landes-Zeitung. Sie ist mit Wärme und Sachkentniß geschrieben und im Ganzen außerordentlich günstig. Ich fange doch auch hier Boden zu gewinnen an mit Hülfe der Deutschen. Der erwähnte Artikel ist von R B[ayer] (Robert Byr). Die Allgemeine hat bei Ankün­digung meines Grenzbothen-Artikels meiner Sonderlinge vor­läufig nur kurz gedacht und sie ein vortreffliches Buch genannt. Daß der Verfasser der Klarstellung sich nannte und die Verfolger der Schrift in die Schranken forderte, haben auch die Schweizerzeitungen gemeldet denn auch in der Schweiz hab ich Freunde und nenne Dir heute nur den Natio­nalrath Dr Joos, der sich brieflich an mich wendete und mir, wie noch mancher, seine Unterstützung antrug. Doch darüber läßt sich besser schwätzen als schreiben. Zudem geht mein Platz mir aus und meine Zeit auch. Wir alle sind gesund. Koarado Buob läßt Dich grüßen. Die Deinen auch Mit Gruß und Handschlag Dein Freund</p> <p>F M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter Hosen Kritik Sonderlinge Schweiz felderbriefe.at newsletter Fri, 12 Jul 2013 07:00:00 +0000 st 202 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER [IN GENEUILLE] http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-geneuille-0 <div><span class="date-display-single">11. September 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Deinem letzten Schreiben, welches ich mit viel Vergnügen gelesen, entnehme ich, daß es sehr gemüthlich ist keine Zei&shy;tungen zu lesen, noch gemüthlicher aber sei es, solche zu lesen. - Gemüthlich ists also auf jeden Fall. Nun dagegen hab ich nichts einzuwenden. Auch ich habe längst nicht mehr Zeit mich zu ärgern denn jetzt muß gehandelt werden. Laut nikelsburger Friedensvertrag mit Preußen vom 23 August sind wir östreicher von Deutschland und dem neuen (nord)deut&shy;schen Bund ausgeschlossen. Jetzt gilts zu zeigen daß wir Deutsche sind trotz Nikelsburg und Prag. Tausendjähriges sahen wir in diesem Jahr zusammenstürzen. Hannover als Königreich ist nicht mehr, Frankfurt, Hamburg etc gehört zu Preußen, im Norden liegt nun faktisch der Schwerpunkt Deutschlands und wir im Süden, besonders wir östreicher haben uns zu rühren, wenn wir nicht ganz überholt und wahrhaft Schmerzenskinder werden wollen wie man uns in Frankfurt schon Vorjahren nannte. Nun an mir liegts nicht wenns nicht geht. Daß ich die Unterdörfler so ziemlich jetzt im Sack hätte und es keine Schande mehr ist bei mir gelesen zu haben, daß nun auch der Pfarrer mir gegenüber den Artigen macht; - das und Ähnliches versteht sich wol von selbst, doch das ist mir jetzt &shy;offen gesagt zu wenig. Ich gehöre nicht mehr nur meinem Dorf. Ich möchte eben hinausgabeln und es freut mich daß mir einmal etwas, wenigstens theilweise, gelungen ist. Die vorarlberger Handelskammer (Fortschrittspartei) hat laut Feldkircher Zeitung, Veranlaßt durch die Nachricht vom bevorstehenden Friedensschluß mit Italien, ein Petit an das Ministerium des Handels abgehen lassen um die bei den Zoll&shy;verträgen zu erwirkende Begünstigung der Mannufakte der Fabrikation, die Käsproduzenten aber, also die halbe Bevölkerung Vorarlbergs, wurden dabei natürlich!!! nicht berücksich&shy;tigt. Infolge dessen machte ich die letzte Woche eine Agita&shy;tionsreise (Nr 3). Es kamen dann in Bezau auf meine und Feu&shy;ersteins meines lieben Freundes Verwendung die Landtagsab&shy;geordneten, so wie auch die wichtigern Vorsteher Au Hütisau etc (Schoppernau war eben durch Deinen Freund gehörig vertretten) zusammen und es wurde Namens der Käsprodu&shy;zenten eine eigene Adresse ans Ministerium des Handels abgeschickt. Was für Folgen das haben wird weis ich noch nicht außer daß ich durch diesen Schritt als Agitator nur gewann so wie auch mein Verein durch die Folgen desselben unberechenbar viel gewinnen kann. Das genauere dieses Vor&shy;ganges wäre wol interessant und ich freue mich schon recht darauf, Dir bald davon erzählen zu können, für jetzt nur so viel: Es regt sich immer mehr, es muß gehen und - es geht! Auf meinen Reisen im Vaterländchen gewinne ich in jeder Beziehung. Man lernt so allerlei kennen was auch für den Literaten Werth hat. Auch den Professor Elsensohn hab ich getroffen. Es ist ein sehr gewöhnlicher Mensch gerade wie sein Buch über unsere Sagen zu dem ich Beiträge lieferte. Das Werk zeichnet sich durch verschiedenes eben nicht zu seinem Vortheil aus und man kann froh sein, daß es nicht mehr gele&shy;sen wird. - Wahrscheinlich bringt die Gartenlaube nächstens einen größern Aufsatz von mir begleitet von einer Zeichnung meines Freundes Feurstein. Der Aufsatz wird ein würdiger Vorgänger der Sonderlinge sein und hier herum nicht in den Papierkorb geworfen werden. Der letztgenannte Roman wird hoffentlich - wenigstens der erste Band - noch diesen Herbst erscheinen. Jetzt habe ich Beiträge fürs Wörterbuch zu schrei&shy;ben einen Auftrag von Dr. Mannhardt zu erledigen für Feuer&shy;steins lithografische Anstalt Volkslieder zu dichten, die Statu&shy;ten einer Salzhandlungsgesellschaft, die Du wirksam finden wirst, zu entwerfen und kurz so viel zu thun daß es - eine Lust ist. Offen gestanden, lebe ich erst diesen Sommer so ganz auf meine Art. Die Stöße von Schriften und Büchern u d g wachsen mit jeder Woche und es fehlt meinem Schaffen auch nicht an Theilnahme. Nächstens erwarte ich den Besuch zweier nammhafter Gelehrten deren Ankunft mir Hildebrand schon vor 14 Tagen meldete. Ich bin begierig sie kennen zu lernen. Sonst sah man nur selten einen Vergnügungsreisen&shy;den, nur jetzt scheint sich dann und wann einer hieher zu verirren.</p> </div> <div> <p>Daß Du gar keine Bücher zu bekommen scheinst bedaure ich einestheils recht von Herzen, doch wills mir scheinen, das Unglück sei nicht groß wenn Du einmal Zeit hast, das Gele&shy;sene zu verdauen. Deine Briefe beweisen dem der Dich so gut kennt wie ich, daß Du gerade diesen Sommer weit vorge&shy;kommen. Glück zu, auf dem eingeschlagenen Wege können wir mitsammen gehen. Dieses Jahr hat so vieles gekrümmt und verbogen, daß es einem wohl thut, etwas aufrechtes zu sehen.</p> <p>Hast Du das Norddeutsche Wahlgesetz nicht gelesen.&nbsp; Ich möchte&nbsp; Dir die&nbsp; Freude gönnen, diesen Thriumpf&nbsp; unserer, Lasalles, Ideen zu sehen. Allgemeines direktes Wahlrecht.</p> <p>Wo ein Volk eine Absolut sein wollende Regierung zu solchen Zugeständnissen bringt, da ließe sich dabei sein, doch auch auf uns ferne Deutsche mit dem ? wird ein Strahl dieses Lich&shy;tes fallen wenn wir uns nicht allzusehr ducken und nicht zu der Partei gehören die sich im Volks?Blatt breit macht. Ja so, der tausend! So viel ich mich erinnere, hab ich Dir im letzten Briefe von diesem Wunderkinde noch gar nichts gesagt, während ich doch sogar den Herren in Leipzig schon davon erzählte. Nun verlohnt sichs doch noch einen Bogen herzunehmen.</p> <p>Von den sich durch lange Röcke von andern männlichen Menschenkindern auszeichnenden Vätern unseres engern Vaterlandes wurde längst schmerzlich eine fromme Zeitung vermißt. Nun endlich, im Jahre des Unheils 1866 als die Welt&shy;ereignisse wie noch nie vorher alle Welt zum Lesen drängten, schien der günstige Zeitpunkt zu einem derartigen frommen Unternehmen gekommen und einem Tiefgefühlten Bedürfniß sollte durch das Erscheinen eines - klerikalen Blattes abgehol&shy;fen, wollte sagen, es sollte befriedigt werden. Ich will Dir nicht sagen, auf welche Art das nötige Kapital herbeigezogen wurde. Gut. Im Juli kam unter unsäglich vielen Wehtagen das Probeblatt zur Welt mitsammt dem Landeswappen Vorarl&shy;bergs und wurde sogar bis zum Adlerwirth in Schoppernau versendet. Es war aber damahls eine so aufgeregte Zeit, daß meine guten Bauern nur für Schimpfartikel gegen die Feldkir&shy;cher Zeitung, gegen die Presse usw. nicht vierteljährlich zwei Gulden zahlen wollten. So machte denn das Volks?Blatt mit sammt dem Wappen selbst unter den Bauern nur schlechte Geschäfte. -</p> </div> <div> <p>Es sollte aber noch ärger kommen.</p> <p>Das Gelächter der Gebildetem könntest Du Dir selbst den&shy;ken, wenn Du das Probeblatt sähest. Man fand das Blättchen unwerth des Wappens welches zwischen dem Titel war wo ich das Fragzeichen hingemacht habe Dir zum Zeichen daß das Wappen schon auf der dritten Nummer des wöchentlich 2 Mal erscheinenden Blattes weggenommen werden mußte. Du weißt, ich rede immer mit Achtung von einem guten katholischen Blatt, doch hier haben wir kein solches und es ist bezeichnend, daß die Herren hier herum doch gar nichts Anständiges zu Tage fördern. (Register)</p> <p>Am letzten Sonntag wurde eine neue Bruderschaft verkündet. Die Emporstiege in Schröcken wird vor der Kirchthür gebaut. Unser Pfarrer hat mit der Rößlewirthin in Au, ebenso auch mit dem Doktor Händel bekommen. Die Landwehrler werden demnächst erwartet. Daß es unserm Volk nicht an Kunstsinn fehlt hab ich vorgestern von neuem gesehen. Ich machte mit dem Wible eine Vergnügungsreise auf Schiedein. An der Gadenthür fand ich zu meiner Überraschung vom kleinen Schmiedler Josef folgenden Vers.</p> <p>Josef Moosbrugger in Schoppernau geboren<br />War sechszehn Sommer hier und&nbsp; dann&nbsp; zum&nbsp; Söldnerstand erkoren<br />Er hat es feierlich geschworen Getreu zu dienen Gott und Vaterland<br />Dieses tröstet ihn in seinem Stand.</p> </div> <p>Freilich fehlt Platens Glätte, aber was auch wußte der Schrei&shy;ber von Platen und allen Dichtern. Mir war der einfache Aus&shy;druck des Gefühls von diesem Menschen so rührend daß ich Dir ihn mittheilen mußte.</p> <p>Eben lese ich die Briefe eines sehr verkommenen Wälders die mir Feurstein mittheilte, sie sind sehr interessant. Das wäre ein Talent gewesen, doch ich fürchte das Schlimmste. Ach nur zu häufig haben die Bauern recht mit ihrem Urtheil über gute Köpfe; aber immer sollen sie doch nicht recht haben. Denn sie hier zu widerlegen wäre eben der schönste Sieg über unsere Aristokraten und alles was in diesen Kratten steckt und drum und dran hängt.</p> <p>Über Änderung im Paßwesen war bisher nichts Neues mehr zu erfahren.</p> <p style="text-align: right;">11 September 66</p> <p>Also noch in dieser Woche wird die Rückkehr der Landwehr erwartet, die Vorbereitungen zum festlichen Empfang sind getroffen. In Leipzig ist nun die Cholera, Hildebrand, der mich nun als „lieber Freund" anredet ist also in Gefahr doch hoffen wir das Beste! Die Bairische Kammer fordert Anschluß an Preußen! Das scheint bald eine allgemeine Forderung zu werden. Mit der Triäselei ists also aus wie sonst noch mit Vielem. Österreich zahlt 45 Millionen an Preußen davon 30,000,000 baar Geld nun wir habens ja. Die Banknoten sind zu Staatsnoten geworden, also nur Schuldverschreibungen von uns. Unsere Schulden sind heuer mehr gewachsen als Korn und Heu.</p> <p>Sonst von hier wenig Neues da ja dumme Streiche und Bett&shy;schwesterhezen etwas Altes sind. Wie bald wirst Du kommen Schreibe bald und recht viel Deinem</p> <p style="text-align: right;">Dich herzlich grüßenden Freund</p> <p style="text-align: right;">Franz Michel Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter Cholera Handelskammer Norddeutscher Bund Salzhandlungsverein Volksblatt Volksliedtexte Tue, 11 Sep 2012 07:00:00 +0000 st 128 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER IN GENEUILLE http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-geneuille <div><span class="date-display-single">21. Juli 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Endlich ist das Heu glücklich untergebracht und ich finde Zeit, Dir dein liebes Briefchen zu beantworten. Sei nur froh, daß Du keine Zeitungen zu lesen bekommst, denn das erspart Dir manchen Ärger. Die Preußen stehen hart vor Wien, der König von Sachsen ist landsflüchtig, der Kaiser zieht nach Ungarn. Venedig ist an Napoleon verschenkt damit er Öster­reich nicht ganz fallen lasse. Die Stimmung der deutschen Völker vermag ich kurz nicht zu schildern und sage nur so viel: Sogar die A. Allgemeine Zeitung wendet sich gegen die süddeutsche Großmacht. Eine Rekrutenaushebung unter den jetzigen Umständen wäre von der Regierung etwas gewagt. In der Schlacht bei Königsgrätz verlor unsere Nordarmee 100.000 Mann, usw usw.</p> <p>Genug hievon! Daß meine Käsgesellschaft jetzt nicht zu Stande kommt, könntest Du dir wol denken wenn Du die Aufregung Deiner Landsleute sähest, jeden Sonntag ist mein Arbeitszimmer voll Zeitungsleser. Das macht mir Freude. Es ist wol die erste, vielleicht einzige gute Frucht dieses furchtbar­sten aller Kriege. Meine Korespondenz mit den Freunden in Leipzig ist unterbrochen. Es ist mir seit einem Monath nicht mehr möglich gewesen, einen Brief an Hildebrand zu bringen und doch sollte das höchst nötig geschehen. Ich wollte ich hätte mein Manuskript wieder da es wäre hier wohl sicherer als in Leipzig.</p> <p>In der Norddeutschen Zeitung erhielt ich letz[t]hin einen län­geren Artikel aus Vorarlberg der eine Biografie Deines Freun­des bringt und den Sonderlingen schon im Voraus Freunde gewinnen soll. Über genanntes Werk äußern sich Kenner überraschend günstig. „Das" schreibt Hildebrand „das ist eine Bereicherung unserer Literatur, für die ich Sie umarmen, küs­sen möchte; so ganz realistisch und doch auch so ideal. Über­all hin begleiten mich jetzt Ihre Gestalten. Die Lösung ist vor­trefflich usw usw."</p> <p>Das heißt: Es ginge ganz gut, aber es geht nicht, der Krieg verdirbt alles und nimmt einem sogar die Lust am künstleri­schen schaffen. Wenn Du mich fragst was ich denn jetzt wie­der thue so muß ich Dir antworten: „Ich ärgere mich." Wor­über? Das will ich Dir später sagen. Unser Pfarrer fängt an ungemein freundlich gegen mich zu werden, er sieht, daß er als mein Gegner den kürzern zieht. Nun fängt er meine Wege zu gehen an. Viel Kopfarbeit machte ihm und ändern, daß ich meinen jüngsten Buben Hermann taufen ließ. Er zweifelte, ob es je einen christlichen Heiligen dieses Nahmens gegeben, Du siehst, man ist hier noch fromm, d.h. wol stolz. Ja stolz ist man und hält das kleine für schlecht und das Glänzende für groß. Drum diese Sittenlosigkeit, drum ist dem alten Salomon mit den trockenen Knochen alles eitel, drum findet der, der seine Bahn übersprang keinen sittlichen Halt mehr, darum endlich nahm Muxels Josef in Au (Schrecken) vorige Woche einen Strick und erhängte sich, die Passiven belaufen sich auf etwa 20.000 fl. „Da hat mans", sagte der Bischof auf dem Landtag.</p> <p>Dein letzter Brief hat mich recht gefreut. Er zeigt daß Du noch nicht verseucht bist, da ist Leben und - Fortschritt. Ich brauche dieses Wort absichtlich. Doch nur muthig vorwärts. Dir paßt also die alte Gottesidee von der Schule nicht mehr. Gut. Die Geschichte wird Dich eine neue finden lassen. Es wäre gefehlt, den Wein zu tadeln, weil Du plötzlich die Ent­deckung machtest, daß der den Du bisher bekommen allzu­sehr nach dem alten Faß roch. Das wird sich schon geben, wie im thätigen Leben sich alles findet, also nur vorwärts. Auf meinen Agitationsreisen durch unser Land hab ich den schönsten Lohn für mein Bemühen, einen Freund gefunden. Feuerstein, der Vorsteher in Bezau ist ein Mann, um den ich seine Heimath beneide. Ich glaube nicht, daß unser Ländchen ein halbes Dutzend solche habe. Es ist ein Glück für den gan­zen Wald, daß das erste Dorf ihn zum Leiter hat, den das wird auch andren Gemeinden vortheilhaft sein, in denen sich in der jetzigen Zeit der Rathlosigkeit oft genug zeigt, wie schlimm sie dran sind. Daß ich dabei auch an unsere Heimath denke, brauche ich Dir wol nicht erst zu sagen. Nun aber noch eine Neuigkeit, die Dir beweisen soll, 1) daß der Wälder doch auch von der Zeitströmung mitgenommen wird 2) daß ich nicht ganz umsonst mich heiser schwätze. Wir werden in kurzer Zeit eine tägliche Post bis Schoppernau bekommen, unter den sich um die Stelle bewerbenden ist auch Dein Vetter des Adlerwirths Michel. Wie das gekommen will ich Dir später erzählen. Daß ich die Hand auch im Spil hatte, kannst Du Dir denken. Wenn Michel der Rößlewirthin in Au überligt, könntest Du noch gar Postknecht werden, da er das schwerlich selbst zu übernehmen gedenkt. Die Meinen so wie alle Deine Bekannten sind wol und lassen Dich grüssen.</p> <p>Unsere Landwehrler stehen an der Tyroler Gränze hart neben Garibaldi, sie sollen schon 40 Mann verloren haben deren Namen ich Dir leider noch nicht mitzutheilen weiß. Die Heuernte ist etwas dürftig ausgefallen, die Preise der Lebensmittel sind im Steigen nächstens werden wir Einquar­tierung verwundeter Soldaten bekommen. Doch genug, der Brief, dem ich meine Photografie beilege, möchte sonst zu schwer werden schreibe bald wieder Deinem Freund</p> <p>F M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter Feuerstein Hermann Krieg Sonderlinge felderbriefe.at newsletter Sat, 21 Jul 2012 07:00:00 +0000 st 119 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER IN BESANCON http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-besancon <div><span class="date-display-single">29. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Wenn Du so beschäftiget bist wie ich in den letzten Tagen, so wirst Du mir meine Nachlässigkeit im Schreiben gern verzei­hen denn Du würdest dann doch kaum Zeit haben, einen Brief von mir zu lesen. Gestern habe ich die Statuten für die Käshändlergesellschaft ausgearbeitet die nun wahrscheinlich unter der Leitung des Josef Anton Ratz in Bezau zu Stande kommen wird. Die Geschichte machte mir in der letzten Zeit recht verteufelt Arbeit. Aber das ist noch bei Weitem nicht Alles. Ich stehe in lebhafter Korespondenz mit Dr. Hildebrand derselbe glaubt in mir ein Talent entdeckt zu haben und ich bin nun Mitarbeiter des deutschen Wörterbuchs geworden, da gibts nun zu schreiben, Männchen! Seine, Hildebrands, Briefe werden immer Herzlicher. Er hat mich bereits in einen Verein von Germanisten eingeführt. In Folge dessen hab ich schon bedeutende Zusendungen erhalten und noch weitere sind versprochen. Die Sonderlinge sind abgereißt, S Hirzel übergab sie Hildebranden zur Prüfung und derselbe ist, obwol er das Werk noch nicht zu Ende gelesen, voll begei­sterten Lobes. Er nennt es nachgerade eine Bereicherung der deutschen Literatur. Ob ihm wol auch der Schluß gefallen wird. S Hirzel hat sich gern zum Verleger erklärt, doch kann jetzt der Druck wegen dem Druck der politischen Lage Deutschlands nicht beginnen. Es wird wol nicht rathsam sein, jetzt viel über Krieg und Frieden zu schreiben, wenn unsere Corespondenz nicht unterbrochen werden soll. Wir stehen jedenfalls am Vorabend großer Ereignisse und bis die Sonder­linge gedruckt werden, können noch gar wunderliche Dinge geschehen. - Der König von Sachsen hat seinen Familien­schatz bereits ins ausland bringen lassen, um ihn vor preußi­schen Gästen zu sichern. In Österreich steht bereits eine Million Mann gerüstet da und wartet der Dinge die da kommen sollen. Die hiesige Landwehr hat Morgen sich in Andelsbuch zur Verfügung zu stellen. Es wäre möglich daß Du bald zum Spielen aufgefordert würdest, jedenfalls würde ich mich dar­auf gefaßt machen und schreiben was ich dann zu thun gedächte.</p> <p>Deinen letzten Brief hab ich mit innigem Interesse gelesen Ich war - offen gesagt - begierig wie Dir zu Muth sein würde wo Du nur als Mensch als Null galtest bei Deines Vaters Anwesen u.d.g.l. nicht mehr als feste Zahl vor Dir stand, Du hast Erfah­rungen gemacht, die ich jedem Wälder von Herzen gönnte und etwas besser wirst Du nun unser Land würdigen, eher auch die sociale Frage in ihrer ungeheuerlichen Größe begrei­fen. Ich weis, obwol imer daheim, doch auch was es heißt, mit der Welt ringen und sich einen Platz suchen müssen. Dein Brief hat mich aber auch in anderer Beziehung gefreut. Im ganzen Winter hast Du keine Stunde so natürlich, so offen edel geredet als hier. Ich bin beim Lesen auf allerlei Gedan­ken gekommen, die Dir ferner liegen, die Dir aber nicht fremd bleiben werden, wenn Du als Mann in des Worts edel­stem Sinn Deine Zeilen wieder überliesest. Solche Briefe werden mir immer erfreulich sein und ich werde Dir gern darauf antworten wenn auch mir jede Stunde kostbar ist. - In Bludenz hab ich frohe Tage verlebt. Ich las dem Kaspar aus meinem Werke vor und er war zuletzt so begeistert, daß er eine Punschnacht veranlaste. Auch andere Herren waren dabei und es ging großartig zu. Der Bezirksvor­stand Mathis war auch dabei und erhielt Mittheilungen über die Bedeutung des Festes. Er scheint sehr interessiert für mich und hat mich sogar ein sehr Werthvolles, seltenes Buch von Bludenz mit heim nehmen lassen. Ich schreibe Dir das nur um Dich mit einem Mann zu versöhnen, den Du wol für einen Gegner gewisser Leute halten möchtest. Du wirst Dir nun Kaspars Stellung neben ihm denken können. Als ich von Blu­denz heim kam mußte auch staunen, hier alles so schmucklos und erfroren zu finden. Noch jetzt sind kaum die [Sorgend] blumen (Saubluomo) heraus und auf den Bergen glänzt der Schnee. - Für das deutsche Wörterbuch sammle ich jetzt die Wörter mit K. Auch hier sind die Wichtigsten: Krieg und Käs­handel. Mit Ersterem sind wir - fertig. Mein Anhang hier wird täglich größer und ich wette, daß an der übermorgen beim Löwenwirth statthabenden Volksversammlung wenigstens 100 Mann Theil nehmen. Das letzte Mal waren 66. Nun wer­den dann die Statuten vorgelesen u. geprüft, wozu öffentlich eingeladen wurde. Ich hab selbst mit dem Räutzle geredet und es zeigte sich geneigt, die Leitung des Geschäftes zu übernehmen. -</p> <p>Die von Dir mir aufgetragenen Grüße hab ich ausgerichtet und bin beauftragt dieselben zu erwidern, die Oberhauser halten sich jetzt vortrefflich und auch sonst finden sich zum großen Plan immer mehr Tüchtige. Mein Urtheil über die Wälder scheint sich bestättigen zu wollen. Ich sagte oft: Gebt Ihnen allen Einen großen Gedanken und sie werden sich daran aufrichten. Ja sie sind schon weit, aber noch bei Wei­tem nicht so weit als sie selbst meinen. Von hier gibts nicht viel mitzutheilen, Weder Hochzeiten noch Dir nahe gehende Todfälle. Klausmelkers Ansicht mag im Allgemeinen unrich­tig sein, bisher sinds noch so zimlich die alten Hasen, Joseffe Marien u.d.g. In der nächsten Woche ziehe ich nach Hopf­reben. Ich werde dort allerlei wunderliches Zeug zusammen­schreiben und im Carey lesen den ich mir habe kommen las­sen. Für die Roman Zeitung hab ich wol bald weder Geld noch Zeit, die Ausländer beschäftigen mich jetzt zu sehr. Auch die Zeitungen nehmen manche Stunde weg; ich lese nun neben der Allgemeinen auch die „Neue freie Presse". Da mir letztere gut gefällt, gedenke ich erstere bald zu verab­schieden. Du hast vergessen mir zu sagen, was Städte für einen Eindruck auf Dich machten mit ihrem bunten Durch­einander. Auch von Deinem Aufenthaltsort hast Du nur wenig mitgetheilt. Es ist ein bedeutender, der z.B. eine Bibliothek von vielen tausend Bänden, gute Schulen u.d.g.l. hat. Nun, man kann ja nicht alles auf einmal, ich hoffe daß Du doch die Augen und das Herz offen habest, wo es gilt Gutes und Liebes aufzunehmen. Hast Du noch nicht französisch zu lernen angefangen? Mich freut es schon, im nächsten Winter von Dir zu lernen. Hast Du noch nicht Gelegenheit gefunden Dich im Zeichnen unterrichten zu lassen? Was ists mit Deinen Freun­den? Hast Du welche? Ist Dir die Zeit lang? Wie findest Du Deine jetzige Lebensart wenn Du sie mit der frühern ver­gleichst; Heut hab ich einen Brief von Severin Felder gelesen und gefunden daß derselbe in der Fremde in geistiger Hinsicht sehr zurük ging seit er unser Dorf verließ. Leider sind unsere Verhältnisse der Art, daß gewöhnliche, auch ganz gut geartete Menschen für Manches sogar den Sinn verlieren. Wenn nun Leidenschaften diese Triebfedern des Wesens sich regen, so wird der Mensch leicht überrumpelt, wenn seine Kräfte nicht geübt, sondern gebunden waren, nun aber plötzlich entfesselt sind.</p> <blockquote><p>Wolthätig ist des Feuers Macht Wenn sie der Mensch bezähmt bewacht Doch furchtbar wird die Himmelskraft Wenn sie der Fesseln sich entrafft</p> </blockquote> <p>Schiller</p> <p>Die Meinen lassen Dich freundlich grüssen und Dir sagen Hier werde jetzt nur wenig laut gelesen. Jakob hat die ersten Hosen bekommen, Kaspar einen neuen Rock und das Mikle hat das Gehen gelernt für sein ganzes Leben. Da siehst Du daß doch auch etwas geschieht in Deiner Kaffeesatzüber­nebelten Heimath. Die Mutter ist bei den Kühen in der Bunt, da ich immer etwas zu schreiben und auszukopfen habe. Auch das Lesen wird ganz planmäßig. Hildebrands Aufträge bringen mich auf ein weites Feld, auf dem ich gerade vertraut genug bin, um den Unterrichtsplan selbst machen zu können. Die Sagen für Elsensohn hab ich mit einigem Widerwillen gesammelt. In der jetzigen Zeit gibts mehr zu thun als so einem Bourgeoiis Arbeiten zu liefern und sich ausbeuten zu lassen einer Professorengrille wegen. Doch das sind Sachen</p> <p>die Dir ferner liegen.</p> <p>Lebe wol</p> <p>Es grüßt Dich herzlich Dein</p> <p>Freund</p> <p>Franz M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter Tue, 29 May 2012 07:00:00 +0000 st 110 at http://felderbriefe.at