felderbriefe.at - Leipzig http://felderbriefe.at/taxonomy/term/62/0 de VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-12 <div><span class="date-display-single">11. April 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund,</p> <p>Ich darf Dich doch nicht länger ohne Nachricht lassen, daß Dein Leben 1. Band diese Woche aus Bludenz richtig bei mir eingegangen ist; Dein Schwager hatte es übrigens bei mir angemeldet, sodaß ich zugleich die Freude hatte, von ihm einmal etwas an mich gerichtet zu sehen, ich werd ihm auch ein paar Zeilen schreiben.</p> <p>Lesen kann ich freilich an Deinem neuesten opus nur Abends, weil ich bis über die Ohren in den Vorbereitungen zu meinen Vorlesungen stecke, die nächstens beginnen; auch hab ich nur einige Abende frei. So bin ich erst bis ins fünfte Capitel, ich habe es zum Theil in der Familie, unter Karls Anwesenheit, gelesen. Wir sind aber sehr zufrieden damit, es wirkt auf mich sehr angenehm und spannend zugleich. Es ist ein sehr hübscher, epischer Grundton drin, mit einer dahinter­liegenden zuversichtlichen Heiterkeit, wie ich sie noch in keinem Deiner Werke so gefunden habe. Dabei erzeugt das Heranwachsen dieses eigenartigen Geistes eine angenehme, erwartungsvolle Spannung, daß ichs am liebsten in einem Zuge durchlesen möchte. Im Stil find ich den lange ge­wünschten Fortschritt von den Nachwirkungen des Wieland­schen Stils zu wirksamer Einfachheit, die Dir doch im Spre­chen so zu Gebote steht.</p> </div> <div> <p>Hirzeln hab ichs auch schon gesagt, er war freudig überrascht davon, sagte aber sonst nichts weiter von etwaigem Druck, Du kennst ja seine diplomatische Art. Ich habe natürlich auch nichts davon gesagt. Wünschest Dus jetzt gleich gedruckt? Ich fände es schon auch passend.</p> <p>Die Geschichte vom Siegfried ist freilich in dieser mehr schön­geistigen Fassung für eine wissenschaftliche Zeitschrift nicht recht passend, oder vielmehr ich fürchte, Zacher oder Bartsch, wenn ichs ihnen einschickte, würden diese Fassung zu belle­tristisch finden. Kannst Du Dich nicht noch mehr einzelner Züge erinnern? oder sie noch erfragen? Dann würd ich Dich bitten, mir die Sache in einfachstem Erzählerton noch einmal aufzusetzen, oder doch jene Züge zu ergänzen. Mitgetheilt für unsere wissenschaftlichen Kreise muß die Sache jedenfalls werden.</p> <p>Im Eingang Deiner Geschichte hätte ich übrigens eine kurze Schilderung von der Lage Schoppernaus gewünscht wie vu,, den Verhältnissen Eures Ländchens überhaupt, daß der Leser mit einem deutlichen Gefühl von der Entlegenheit und Ver­stecktheit Deiner Heimat an Dein eigenes Werden herange­kommen wäre. Das wäre wol noch nachzuholen. Denn diese Entlegenheit von den Welthändeln und Weltdingen, wie sie dann in der Erzählung von 1848 zu Tage kommt, ist uns hier zu Lande und eigentlich übeiall sich vorzustellen unmöglich. Auch die Einfachheit Eurer Verhältnisse, wie ich sie zu meiner Überraschung auch nach dem was ich schon wußte, bei Euch fand, hätte ich eingehender gezeichnet und z. B. da, wo von Euren Kinderspielen die Rede ist, genauer von deren Einfach­heit geredet, und daß Ihr z.B. keinen Spielball kennt und keine Bleisoldaten, eigentlich auch keine Bilderbücher. Das alles zieht die Leser außerordentlich an, und es hat zugleich Sitten- und culturgeschichtlichen Werth, und aufs Culturge­schichtliche ist gegenwärtig der Sinn gerichtet und wirds im mer mehr. Das alles wäre auch durchaus nicht ohne Bezug auf Dich; denn diese ganz außerordentliche Einfachheit Eures Lebens macht es begreiflicher, wie Dein arbeitsbedürftiger Geist mit den Gegenständen Deiner Heimat bald fertig sein mußte und nun früher als sonst geschehen wäre in die Tiefe und Weite strebte. Auch daß Eure Mundart gar nicht vor­kommt und so wenig von Euren treffenden Redensarten, thut mir leid, das hälfe mit den Hintergrund Deines Denkens zeichnen. Vielleicht ließe sich dergleichen kurzweg in einem Vorwort nachholen, in dem auch die ernste Veranlassung anzugeben wäre, die Dich so früh zur Schilderung Deines Lebens bewogen hat. Und da würde ich auch mit vorbringen, daß Dir über die Einfachheit und Eigenheit Eures Weltdaseins eigentlich erst in der Welt draußen so zu sagen die Augen aufgegangen sind.</p> </div> <div> <p>Doch genug der Ratschläge. Die vorgeschlagenen Titel ge­fallen mir eigentlich alle beide, ich wüßte nicht entschieden zu wählen. Doch das wird sich finden, in solchen Dingen hat Hirzel einen guten Blick. -</p> <p>Also eine namhafte Summe steht Dir von Wien in Aussicht? Nun Gott gebe es, ich würde jubeln, wenns erst richtig wäre. Wegen der Phisharmonika hab ich mich nun an Thieme ge­wendet, der hat glücklich einen Musikalienhändler zum Freunde, und so hoffe ich in meinem nächsten Briefe die gewünschte Auskunft geben zu können. Sie muß doch aber auch im Pierer zu finden sein, den Du von Flügeln hast, hast Du da schon nachgesehen?</p> <p>Ich schicke Dir einen Brief aus Danzig mit, aus dem fernsten Nordosten, der auch von Dir beiläufig handelt. Dr Menge ist Professor an der dortigen Realschule, treuer Anhänger und Stofflieferer für Grimms Wörterbuch und eine der rein­sten Seelen die ich kenne, mit kindlich tiefer Wärme für alles Schöne und Gute.</p> </div> <p>Nun leb wol für dießmal, grüß mir Deine gute Mutter und die Mariann und alle die sich meiner erinnern, ich grüße Dich</p> <p>Dein Rud. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Sat, 11 Apr 2015 07:00:00 +0000 st 735 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-11 <div><span class="date-display-single">14. März 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund,</p> <p>Mein Schreiben an Dich hat sich immer von Sonntag zu Sonn­tag verschoben, aber nun sind mir denn doch zu viele Wo­chen daraus geworden, daß ich nichts von Dir gehört habe. Von Zeit zu Zeit findet man in der Neuen Freien Presse einen Brief aus Vorarlberg, aber da ist immer nur von dem vorde­ren Lande die Rede, nicht von Schoppernau, Au u. dgl. Also wie geht es Dir? Ist denn in Wien die Entscheidung ge­schehen wegen Deiner Eingabe an den Schillerverein? Es sollte ja wol schon im Januar sein, und nun schreiben wir März. Sollte man Dich abfällig beschieden haben? Was macht Euer öffentliches Leben? Es muß Dir doch eigen sein, wenn Du an die gährenden Zustände und an die Gefahren des vorigen Winters denkst. Was Du von den Erfolgen Deiner Vereinsbestrebungen schreibst, freut mich außerordentlich, auch daß Ihr an Gründung einer Landesbibliothek denkt. Wie stehts mit der Biographie? Neulich hab ich schon davon gedruckt gelesen, in Diak. Hirzels Besprechung von Reich und Arm, die mir Dr. S. Hirzel zu lesen gab und die mich lebhaft gefreut hat; beherzige doch ja auch den Wink wegen Deines Stils, den er so wahrhaft geistreich zu begründen wußte. Könnte man nicht eine Probe Deines Lebens einmal nach Sachsen geschickt bekommen? Die Geschichte vom Sieg­fried und auch die vom alten Hildebrand bist Du mir eigent­lich förmlich schuldig in Folge gethaner Versprechen, und ich möchte sie gern, natürlich unter Deinem Namen, zum Abdruck bringen. „Versprechen und halten Steht fein Jungen und Alten" sagte meine Mutter.</p> </div> <div> <p>Uns hier geht es im Ganzen gut. Meine Emmy wird nun con­firmirt und verläßt die Schule, nächsten Sonntag ist der Tag. Dafür kommt Hedwig nun in die Schule, ich aber komme jetzt endlich aus der Schule, um nach Ostern meine Vor­lesungen zu beginnen. Ich hab übrigens schon mehrmals den Professor zu schmecken Gelegenheit gehabt, z. B. als vor einigen Wochen unser König zum Besuch in Leipzig war. Da fand unter anderm eine Assemblee im königl. Palais statt, zu der auch die Universitätsprofessoren geladen waren. Da war ich denn auch dabei - den Glanz hättest Du sehen sol­len - und hatte denn auch die Ehre, Sr. Maj. vorgestellt zu werden. Ich schätze unsern König sehr hoch und freute mich denn auch über diese Gelegenheit, ihn persönlich kennen zu lernen.</p> <p>In unserm Club gehts lebendig und lustig fort, wir schlie­ßen uns wirklich immer enger aneinander. Lippold und Hü­gel und Döring sind nun Dr. phil. geworden, Lippold denkt an eine wissenschaftliche Reise nach Paris, wenn auch erst für nächsten Winter. Vorgestern haben wir im Schützenhause unser zweites Stiftungsfest begangen, wozu wieder die Jugend alle Anstrengungen gemacht hatte. Auch dießmal Thea­ter zur Eröffnung, man spielte Doctor Faust als Puppenspiel, ich wollte Du wärst dabei gewesen, um die Wirkung dieses auch in dieser volksmäßigen Gestalt überaus großartigen Stoffes mit zu haben. Reuter als Faust, Lippold als Mephi­stopheles, Hügel als Kasperle, fünf Andere als Teufel; Lippold und Hügel waren vortrefflich, theilweis geradezu bedeutend. Nachher folgte eine Tafel mit zwanzig Gedecken, mit Sprü­chen und Gesang und Ernst und Lust. Auch Deiner als aus­wärtigen Mitglieds ward nicht vergessen, Jungmann brachte ein Hoch auf Dich aus. Übrigens waren, wie voriges Mal, Damen dabei, ein sonst im Club unerhörter Anblick, wenn man so sagen kann. Erst früh um drei schloß ich unsern Thor­weg auf.</p> </div> <p>Hast Du denn nun Deine vier Exemplare der holländ. Sonder­linge erhalten? Ich wollte eigentlich an Grottendiek schreiben, um ihm für die Liebe und Sorgfalt, mit der er es gemacht hat, Dank und Anerkennung auszusprechen; ich thu es wol auch noch. Wie mir Hirzel sagt, hat er auch Reich und Arm in Aushängebogen zugeschickt erhalten, um es frisch zu über­setzen.</p> <p>Mit dem milden, schneelosen Winter habt Ihr wol eure Noth gehabt? Da könnt Ihr doch kein Heu und Holz von den Ber­gen holen. Aber Du holst doch wol überhaupt selbst keins mehr herunter, nichtwahr? Bei uns ist übrigens im März plötz­lich noch Kälte und Schnee eingebrochen, nachdem wir im Februar schon den beginnenden Frühling hatten. Des Herrn Curats Wunsch wegen der Phisharmonika kann ich leider immer noch nicht erfüllen, der Lippold ist ein saumseliger Mensch und etwas unstät in seinen Gedanken. Grüß mir die Deinigen aufs herzlichste, auch Deine gute Mutter, an die ich eignerweise beim Schreiben nicht mehr dachte seit ich selbst keine Mutter mehr habe. Dich aber grüßen die Meinigen bestens, auch der Club, wie ich, der Dir das Beste wünscht,</p> <p>Dein Rud. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Sat, 14 Mar 2015 08:00:00 +0000 st 716 at http://felderbriefe.at VON CARL REUTHER AUS LEIPZIG http://felderbriefe.at/brief/von-carl-reuther-aus-leipzig <div><span class="date-display-single">31. Januar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Verehrter Herr Felder!</p> <p>„Reich und Arm" ist es, was mich veranlaßt, Ihnen ein Briefchen in Ihre Berge zu senden; die Freiheit dazu darf ich mir, wie ich glaube, nehmen, da ich die Ehre hatte, Sie in Leipzig persönlich kennen zu lernen und durch den Germanistenclub und Ihre Werke mit Ihnen immer in einiger Berührung stehe. Denn die Briefe, welche Sie an den Herrn Professor Hildebrand schreiben, sind ja Gemeingut des Clubs und stehen oben auf der Tagesordnung; Nümmamüllersaber und die Sonderlinge und Reich und Arm rufen mir immer die wenigen, aber genußreichen Stunden, die Sie mir in Leipzig geschenkt haben, lebhaft in die Erinnerung zurück. - Seit ich Ihre Werke kenne und schätzen gelernt habe, ist es mein eifriges Bemühen gewesen, dieselben in die Kreise, welche ich berühre, einzuführen und ich habe an diesen Bestrebungen nur große Freude gehabt; besonders Reich und Arm hat Ihnen im Herzen manches Lesers für immer einen Ehrenplatz erworben. Wer den Anforderungen, die Sie an den Leser Ihrer Bücher stellen, genügt, der wird mit stillem, wehmütigen Entzücken „Nümmamüllers", mit hoher Bewunderung „Reich und Arm" lesen. Was sind aber Ihre Anforderungen? Sie verlangen, scheint mir, daß Ihnen von den Lesern ein gutTheil Gemüt entgegengebracht wird, was freilich nur der kleinere Theil des romanlesenden Publikums in dem Maße besitzt, wie es Ihre Werke verlangen. Ich habe die Freude und den Genuß gehabt, in einem kleinen, gemütvollen Familienkränzchen Ihr „Reich und Arm" vorzulesen und denke mit großer Genugthu­ungan die schönen und oft wahrhaft weihevollen Stunden, welche ich durch Ihr Buch den Mitgliedern des Kränzchens bereiten konnte. Es ist wahr, ich habe gewiß bei weitem nicht gut genug vorgelesen und fühle das am meisten in dem Glauben, daß ich es ein zweites Mal besser machen würde, aber doch haben wir Alle, glaube ich, das Werk so genossen, daß der Autor selbst, wenn er Zeuge gewesen, seine Freude daran gehabt hätte. Und es ist nun vor Allem der Zweck dieser Zeilen, Ihnen den innigsten Dank des genannten Lesekränzchens für die schönen Stunden darzubringen, die „Reich und Arm" bereitet hat. Felder ist hier sehr gern gesehen; die erste Sprengung der zarten Kränzchenkasse wird die Sonder­linge erwerben und das Übrige folgt nach. Möge Ihnen, verehrter Herr Felder, Ihre Muse noch recht Viel des Schönen und Edeln und Großen eingeben und möge der Dank Einzelner recht bald den Dank der Nation nach sich ziehen. -</p> </div> <div> <p>Am Schlüsse dieser Zeilen erlaube ich mir eine Bitte auszuspre­chen, bei welcher Ihnen vielleicht meine Person wieder ins Gedächtniß kommt. Wir waren selbander ein Stündchen im Rosen­thale spazieren gegangen und begaben uns dann in den Garten des Hotel de Saxe. Hier versprachen Sie mir, Ihre Photographie in meinen Besitz gelangen zu lassen. Da ich Sie aber vor meiner Abreise nach Baiern nicht wiedersah so ist die Bitte wahrscheinlich von Ihnen vergessen worden. Ich erinnere Sie nun hierdurch an Ihre Zusage und bitte Sie, mir recht bald Ihre Photographie zu schicken, wo möglich auch eine für das Album des Kränzchens beizulegen, dessen großen Dank Sie sich dadurch erwerben würden. Leben Sie wohl; es grüßt Sie</p> </div> <p>freundlichst und hochachtungsvoll</p> <p>Ihr</p> <p>Carl Reuther.</p> <p>p.A. Herrn Kfm. Worms. Leipzig Schützenstraße 16, 17.</p> </div> <div> </div> Carl Reuther Leipzig Franz Michael Felder gemütlicher Felder Sat, 31 Jan 2015 08:00:00 +0000 st 696 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-10 <div><span class="date-display-single">15. Januar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber ferner Freund,</p> <p>Ferner - ich hab Dich nämlich erst gestern Abend noch nahe gewünscht, es ist doch schrecklich weit bis da hinauf und da hinter in Euren Bergwinkel, den der liebe Gott versteckt und noch dazu fast zugemauert hat. Heute früh auf einem Mor­genspaziergange sah ich genau um 8 Uhr den Sonnenball eben aufgegangen über dem Himmelsrande stehn, dicht neben Keils Palaste (in dem jetzt Dr. Laube aus Wien wohnt), und dachte mich da vergleichend nach Schoppernau. Aber vor allem erst mein Juchhe! zu Deiner letzten Nachricht. Die Sache ist vielleicht nun schon entschieden? Glück zu! und möge nur bald mehr folgen. Mich haben die mitgeschickten Briefe lebhaft gefreut, mir ward etwas leichter ums Herz an der Stelle wo die Sorge um Dich sitzt, und auch die Meinen waren voll Freude, und Abends der Club usw. Eigen ist, daß Dir nun auch in Wien ein Sachse, ein Leipziger behülflich sein muß. Soll denn nicht Min. Herbst etwas für Dich inter­essirt sein?</p> <p>Gestern liefen endlich auch die holländischen Sonderlinge ein. Ich setzte mich Abends gleich drüber und verglich. Die Arbeit ist mit unverkennbarer liebevoller Hingebung gemacht, sorgfältig und verständig. Doch fand ich eine abscheuliche Verballhornung. Im 2. Bande S. 261 des Urtextes ändert er die Worte „Sepp hatte den Hals aus der Schlinge gerissen" so: Durch den Sprung war sein Hals aus der Schnur geschos­sen (gefahren)! Er hat also nicht verstanden, daß Sepp eben nicht springt. Überraschend war mir die lange Einleitung, mit einer vollständigen Übersetzung Deines Aufsatzes in den Grenzboten; hättest Du nur dazu erst den ursprüng­lichen Text herstellen können! Wehmütig war mirs, Dein „Wible" (so ist sie genannt) noch als lebend und webend behandelt zu sehen. Das hätte sie noch lesen sollen! Es steht eine ganze kleine Charakteristik von ihr da, nach brieflichen Andeutungen von mir. Nun kannst Du mit Deiner Mariann und dem Schreiner usw. an dem Holländisch kauen! Wäre nicht etwa in Bezau oder weiter in Bregenz ein holländ. Wör­terbuch zu haben? Geschickt sind 6 Exemplare, vier wird Dir Hirzel zuschicken. -</p> </div> <div> <p>Ich bin nun wirklich Universitätsprofessor, seit der Scheide des alten und neuen Jahres, die wir im Gevatterkränzchen ernst fröhlich gefeiert haben mit Punsch und Gesang; Meiß­ner begrüßte mich mit einem ernsthaft scherzhaften Toast. Nun hab ich die Schule hinter mir und richte mich innerlich und äußerlich auf mein neues Leben ein, es gibt unendlich viel Gedankenarbeit, aber fast nur fröhliche. Vorlesungen halten werde ich aber erst im neuen Halbjahr, vielleicht kannst Du bei mir hospitieren, wie Dus ja im Kleinen schon in meinem Garten wie in meiner Stube gethan hast, selbst als Mitwirkender.</p> <p>Seit gestern ist endlich auch Winter bei uns, d.h. etwa 6 Grad Kälte, aber kein Flöckchen Schnee, darans wol bei Euch nicht fehlen wird.</p> <p>Ich hab auch noch für die mitgeschickten Gedenkblätter zu danken, wie nennt Ihr sie? Eins hab ich Hirzeln gegeben, das zweite will ich Thiemen geben. Dabei fällt mir ein, Du sag­test mir einmal Eure Namen für Raupe, Puppe und Schmetter­ling, ich hab sie aber vergessen und möchte sie doch notie­ren, bitte schreib mir sie einmal mit. Auch die Siegfriedsage bei Euch bist Du uns noch schuldig; wenn Du sie bald schickst, kann sie in Zarnckes vierter Nibelungenausgabe, wo er alle Zeugnisse für die Sage sammelt, mit angeführt werden. Kürzlich find ich Dich zu meinem Staunen in einem Buch von Birlinger in München citiert, wo er oft Formen und Wörter aus dem Bregenzer „Hinterwald" anführt, auch mit Deinem Namen. Du mußt ihm doch also eine Sammlung geschickt haben? Wie bist Du aber zu ihm gekommen? Mich interessiert der Mensch, er ist eigentlich Weltgeistlicher, hat besonders in kathol. Kreisen hohe Gönner gefunden, die aus ihm ein Licht der kathol. Wissenschaft auf unserm Felde machen wollten, ist aber bis jetzt nichts als ein Sudler gewesen. Einmal schreibt er: „Im Bregenzer Wald noch das Molken, Butter und Käse, überhaupt alles was aus Milch bereitet wird (Fel­der)". Sind das Deine Worte? Aber genug für dießmal, zumal mir eben nicht recht wohl ist.</p> </div> <p>Also nochmals gut Glück, Freund, mit Grüßen von meiner Frau und Deinen Freunden hier</p> <p>Dein Rud. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Riegel Thu, 15 Jan 2015 08:00:00 +0000 st 690 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-9 <div><span class="date-display-single">20. Dezember 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund,</p> <p>Mit Schreck seh ich am Datum Deines Briefes, daß ich Dich auf Deinen warmen Brief fast sechs Wochen habe auf Antwort warten lassen. Du denkst am Ende, das ist das Professoren­gefühl, zumal Du in Deinem Briefe Miene machtest, aus Ehr­furcht etwas ferner zu treten als sonst. Warte, Schelm - das glaubte ich Dir nicht, wenns auch noch ernstlicher ausgesehen hätte! Und doch, mir wird eben aus der und jener Erinnerung, als kenntest Du mich doch noch nicht so weit, um nicht zu denken, daß ich so etwas für passend hielte. Aber genug von der Tiftelei, ich absolvire Dich auf jeden Fall, wenn Du nur dabei bleibst, künftig Dich mehr aufzuschließen, wie Du in dem Bezauer Briefe schon einen hübschen Anfang gemacht hast. Ich beschwöre Dich, fahr so fort, auch gegen Andere. Laß die Bewegung in Dir mehr heraus aus Dir, Du setzest damit auch Deine Welt mehr in Bewegung; auch in Deine Arbeiten muß noch mehr Bewegung kommen, das laß Dir gesagt sein.</p> <p>Aber da ist der Professor - der Schulmeister - schon wieder, wirst Du denken, er kathedert und predigt daß es eine Art hat. Ja aber es ist dießmal mein bitterer Ernst, und mein Recht, denn ich bin 14 Jahre älter als Du. Nun aber Dank, warmen Dank für Deinen prächtigen, freundschaftswarmen Brief mit seinem geschriebenen Juchzer; nur das närrische Blatt, das Du zuerst geschrieben hattest, das will ich doch auch haben, falls Du nicht das Unrecht begangen hast es zu vermaculiren, ich bitte mirs auf jeden Fall aus - ebenso sehr Deinetwegen als meinetwegen, ich freue mich drauf. Meine öffentliche Ernennung erfolgte heute vor 5 Wochen, ich habe eine unerwartete Fülle von Freundschaft und Liebe in den darauf folgenden Tagen erfahren; denke nur z. B., daß unser Bürgermeister zu mir sagte, als ich um meine Entlassung von der Schule einkam, er freue sich wie ein Kind darüber, zweimal sagte er das. Da verlohnt sichs doch der Mühe, gelebt und-gelitten zu haben, wie mans eben gethan hat. Nun zurück zu meinen kühnsten Jugendplänen, die auf einmal in greifbarer Nähe und klarer Gestalt vor mir auf­tauchen, während es früher nur Wolkenbilder waren - nota bene, solche Dinge kriegst nur Du zu hören, und wirst am Ende auch nicht recht wissen was Du Dir darunter denken sollst.</p> </div> <div> <p>Heute vor 3 Wochen war ich in Dresden, um mich bei unserm Cultusminister vorzustellen und zu bedanken-ein interessan­ter Besuch, natürlich in Frack und weißer Cravatte, Bäuerlein! - und sonst einige Freunde zu besuchen. Von Dir war da auch die Rede - freilich nicht beim Minister, wo nur von Wissenschaft die Rede war-d. h. ein lieber Freund, ein Eng­länder, mit einer lieben Frau, hatten sich bis dahin vergeb­lich bemüht, etwas von Dir in einer Leihbibliothek aufzutrei­ben, eine Schande für unsere Residenzstadt! Daran mag wol Fedor Wehl schuld sein mit seiner dummen Anzeige der Son­derlinge in der Constitutionellen Zeitung, wie Karl Frenzel Dir in Berlin geschadet haben wird.</p> <p>Übrigens mache ich hier Gelehrtenbesuche, um mich meinen neuen Collegen vorzustellen, bin auch schon mit Frau in Halle drüben gewesen, es war ein recht freundschaftswarmer, ja ehrenvoller Tag für mich. In der Schule bei meinen guten Jungen (mein Hugo darunter) bin ich nur noch bis Mittwoch, Doch nun genug oder schon zu viel von mir. Von Reich u. Arm ist noch nicht eine einzige öffentliche Besprechung er­schienen; es gieng ja bei den Sonderlingen auch langsam. Aber mündliche Berichte kann ich Dir geben. Einer Schwester Köhlers in Weimar z. B. hat es sehr gefallen (er selbst ist noch nicht daran gekommen); Hirzel sagte mir, er hörte es an Werth über die Sonderlinge stellen; Reuter berichtete das Urtheil einer hochgebildeten Frau, sie wäre noch nie von einem Roman so entzückt gewesen wie von Reich und Arm. Du siehst also, die Wirkung kommt langsam. Du mußt Dich vor der Hand mit Goethes Worten über Schiller trösten vom Widerstand der stumpfen Welt, der besiegt sein will, und daß das Echte der Nachwelt unverloren bleibt. Aber Du soll­test doch auch den Geschmack und Bedürfniß des Cultur­stroms, wie er nun einmal ist, Dich noch mehr anbequemen lernen; das Wort ist ein Hebel, der die Seelen und Geister auf eine bessere, höhere Stelle heben soll, aber man muß doch den Hebel da ansetzen, wo der Gegenstand (der immer zugleich der Widerstand ist) eben beweglich ist, nicht da­neben. Spürst Du nicht einige Förderung in dieser Richtung durch Deinen doppelten Leipziger Aufenthalt? Du hast dar­über noch gar nichts geäußert.</p> </div> <div> <p>Ich muß Dir aber auch Glück wünschen zu der glänzenden Anerkennung, die Deinen Vereinsbestrebungen zu theil ge­worden ist, ich freue mich ganz außerordentlich darüber; wenn Du persönlich nur auch etwas davon hättest! Nun wenigstens Freundschaft und Geltung im Lande muß Dir doch immer mehr werden? Was macht denn nur die religiöse Gegnerschaft? Die scheint sich ruhig zu verhalten? Einen Vor­trag hattest Du mir zu schicken versprochen. Läßt man Dir denn in Schoppernau und Au völlig Ruhe? Ist denn der Uhr­macher wirklich mit Weib und Kind fort nach Alberschwende? Wegen der gewünschten Nummer der Grenzboten hab ich zu melden was unangenehm und angenehm zugleich ist. Außer dem Exemplar des Verlegers, das bleiben muß, ist oder war nur beifolgender eine Bogen auf Lager, d. h. die Nummer muß so oft nachverlangt worden sein, daß sie ver­griffen ist. Vielleicht läßt sich aber doch noch ein ganzes Exemplar auftreiben; meins möcht ich doch selber behalten, nicht wahr? Mir fällt dabei ein, daß ja die holländ. Überset­zung der Sonderlinge gar nicht kommen will?! Über die von Hrn. Curat Herzog gewünschte Harmonika hab ich zunächst einen Irrthum zu berichtigen in Betreff der Phis­harmonika; das ist nicht ein Handinstrument wie Deins, son­dern ein ganzes kleines Gebäude etwa in Form und Größe eines Schrankes und unter 60-80 Thaler sicher nicht zu haben.</p> </div> <div> <p>Wenn aber der Hr. Curat den Preis, den er daran wenden will, näher bestimmt, wird Lippold gern das Nötige besorgen, die Bezahlung ließe sich durch&nbsp; Postanweisung oder Nach­nahme abmachen, ohne Zusendung des Geldes. ­Daß Dein Jakob nun tüchtig lernt, hab ich mit Freude gelesen, Du hilfst wol mit Unterricht, ich meine mit Fragen und Den­ken, lehren? Ich thue das jetzt mit meinen Kindern (früher that ichs nicht) und finde viel Vergnügen darin. Bei uns ist nun Weihnachten vor der Thür, alles ist in freudi­ger Bewegung,&nbsp; alle Herzen&nbsp; und&nbsp; Herzchen&nbsp;&nbsp; leben&nbsp; nur von Weihnachtsgedanken&nbsp;&nbsp; und&nbsp;&nbsp; Empfindungen;&nbsp;&nbsp; nur&nbsp;&nbsp; eins&nbsp;&nbsp; fehlt, Schnee, wir haben hartnäckig warmes Wetter. In unveränderlicher Liebe und Treue</p> <p>Dein Rud. Hildebrand.</p> <p>Karl (der mein Famulus wird im Colleg, Vetter und Vetter als Professor und Famulus) läßt für den Gruß danken und da­gegen grüßen, ebenso Thieme und alle Ändern. - Weißt Du, daß der Ministerialrath Dr. W. Hamm ein Leipziger ist? er ist auch Schriftsteller, Novellist, und war 1848 als Führer einer Freischar in Schleswig-Holstein. - Was macht die Biographie? ich bin sehr neugierig, und nicht nur ich. Noch eins fällt mir ein. Reuter sagt mir, Du hättest ihm zu­gesagt, eine Photographie von Dir für ihn bei mir zurückzu­lassen. Ich finde und weiß aber nichts davon, hab ihm aber versprochen Dich zu erinnern. Ach bitte schick ihm doch eine, Du machst ihm eine große Freude.</p> </div> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Sat, 20 Dec 2014 08:00:00 +0000 st 678 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-8 <div><span class="date-display-single">2. November 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund,</p> <p>Ich habe lange nicht geschrieben und werde doch nun selbst begierig nach Nachrichten (klingt freilich schlecht) von Dir. Ich hab aber auch mit mir selbst viel zu thun gehabt. Die erste Octoberwoche und mehr vergieng über Würzburg und dem Frankenlande, wie Bamberg, Schweinfurt, Baireuth, die wir mit genossen haben, zum Theil wunderschöne, unver­geßliche Tage, mir nur dann und wann etwas versalzen durch das Gefühl der Angegriffenheit, das manchmal stark über mich kam - Gott, man wird ja am Schreibtische immer wie­der ein halbkranker Mann und ist es, ehe mans merkt. Aber Flügel war recht frisch und lebendig, ich freilich oft doch auch. In Würzburg hab ich schon meinen Mann gestanden mit Vorträge halten und sonst. Auch an erlebter Poesie hats nicht gefehlt, wie an erneuten und neuen Freundschaften. Namentlich der Holländer De Vries, von dem Du schon wol durch mich gehört hast, ist ein Prachtmensch an Gemüt und Geist. Er wußte auch ungefähr von dem Aufsatz in de Gids über Dich, aber von Hrn. Grottendieck wußte er gar nichts, will sich aber um ihn und Dich weiter kümmern. Der Über­setzer läßt doch aber gar nichts weiter von sich hören?! Ich möchte scrTon seinen Brief an Dich lesen. Von dem Pariser Besuch im Sept. hab ich Dir wol schon berichtet und von der Aussicht auf eine franz. Übersetzung der Sonderlinge.</p> <p>Nach meiner Rückkehr gab es saure Arbeit, äußere und in­nere. Meine Angelegenheit war in der Schwebe, und der Ausschlag näherte sich. Jetzt ist er nun geschehen, wenigstens an der einen Stelle, und zwar höchst günstig für mich. Ich bin in einer Sitzung der philosophischen Facultät am Sonnabend vor acht Tagen zum außerordentlichen Professor an der Uni­versität ernannt worden (juchhe!), auf Vorschlag des Mini­steriums. Ich habe also meinen höchsten irdischen Wunsch, der mir immer hoch oben am Himmel hieng wie die Sterne, unerreichbar scheinend, oft von Wolken verhüllt, nur in stiller Nachtzeit dann und wann einmal mir scheinbar näher tre­tend - Gott im Himmel Dank zehntausendmal! Könnt ich Dir doch auch gleich Deinen höchsten Wunsch erfüllen. Ich komme mir auf einmal wie ein Glückskind vor, und war mir so lange und so oft ein rechtes Unglückskind, wie ein ab­sterbendes Fünkchen unter einem Aschenhaufen vergraben, und es war mir doch da unten oft genug, als könnt ich - und sollt ich - die Welt in Flammen setzen, um sie - zu erneuern. Behalt das um Gottes Willen für Dich, als wärst Du mein Tagebuch. Nun wird ja aus dem Fünkchen wenigstens noch ein klein Flämmchen werden, das eine bestimmte Zahl von jugendlichen Herzen und Geistern wärmer und heller macht, daß es besser werde in der Welt.</p> </div> <div> <p>Die Sache ist übrigens noch nicht officiell (aber sicher), ich sag es hier nur ein paar Leuten, den Allervertrautesten; nun Du da unten kannst es schon wissen, ohne daß es vorzeitig an die große Glocke gehängt wird; Du hast aber auch durch Dein Herz ein Anrecht auf Mittheilung zuerst, hast ja auch darum gebeten. - Vom Geldpunkte freilich, dieser weltlichen leidigen Hauptsache, weiß ich noch nichts; aber auch da wird am Ende etwas vom Glückskinde zu Tage kommen, zumal vom Norddeutschen Bunde aus nun auch eine namhafte Un­terstützung in sicherer Aussicht steht, wahrscheinlich bald. An der Schule bleib ich längstens bis Ostern, dann verlasse ich das alte Haus zum zweiten Male, aber nun für immer­bin 7 Jahre als Lernender, und dann 20 Jahre als Lehrender drin gewesen, beide Male als armer Teufel. Jetzt geh ich fort in das selbe Haus als Lehrender, wohin ich 1843 von der Thomasschule weg als Lernender gieng - eigene Symmetrie meines äußeren Lebens - nun dort noch 20 Jahre? das war himmlisch! Siehst Du aber, Du wirst rein zu meinem Tage­buch, und Du bist doch im Ganzen immer mehr der Ver­schlossene, unter Umständen selbst der Räthselhafte - ich werfe Dirs nicht vor, ich bedaure es.</p> </div> <div> <p>Doch nun zu Dir und Deinen Angelegenheiten. Wegen der Schillerstiftung hab ich noch nichts thun können, mir wird aus gewissen Gründen der Schritt überhaupt etwas schwer. Aber wenn er wirklich nothwendig ist, so will ich dran gehen sobald ich selbst als Professor auftreten kann; ich hab schon gestern auf unserer letzten diesjährigen Vogelweide bei Groddecks um Rath gefragt, und man billigte das Vorhaben durchaus. Solltest Du übrigens nicht auch in Wien Aussicht haben, unter die jungen Künstler und Schriftsteller aufge­nommen zu werden, die, so viel ich mich erinnere, dort jähr­lich mit Staatspensionen bedacht werden? Hast Du etwa dem Minister des Innern einmal geschrieben oder ihm Reich und Arm geschickt? Ich war auch ganz gern erbötig, einmal einen Brief zu wagen (als Professor), seis an Herbst oder an meinen Lansdmann Beust, ich hab daran schon früher gedacht. Seifer­titz, Bergmann u. A. würden gewiß gern dazu mitwirken durch Empfehlung; wissen denn beide Deine Lage? Selbst für das Gesuch an die Schillerstiftung wären beide am Ende mehr die näheren, wirksameren Gesuchsteller als ich, da Wien jetzt der Vorort ist. Bedenk doch das einmal reiflich und rühre Dich.</p> <p>Ich habe viele nachträgliche herzlichste Beileidsbezeigungen auszurichten, vom Hinterhause, vom Club, von der Vogel­weide, aus Halle, besonders von Heynes und Gosches; mit der Professorin Gosche hab ich im Hofkeller zu Würzburg in gehobenster Stimmung auf Dich angestoßen (und andere Professorenfrauen halfen dazu). Viele wissen auch von Deiner gefundenen guten Mariann und freuen sich drüber, ich lasse sie herzlich grüßen samt meiner Frau (wie alt ist sie? ich möcht einmal ein paar Zeilen von ihrer Hand sehen). Frau Dr. Groddeck läßt Dir noch sagen, daß ihre Bemühungen um die Stickerei, die bis an zwei der ersten Häuser in Berlin ge­gangen sind, leider gänzlich fehlgeschlagen sind. Aber Papier und Zeit sind alle, also Gott befohlen, meine Frau u. A. lassen grüßen, schreib bald einmal</p> </div> <p>Deinem R. Hildebrand.</p> <p>Das Grenzbotenheft will ich Dir zu verschaffen suchen. Felders Fortgang von Schoppernau thut mir selbst ordentlich weh, er verkauft doch sein Haus nicht? Grüß mir ihn und Deine Freunde, auch die gute Rößlewirthin.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Sun, 02 Nov 2014 08:00:00 +0000 st 653 at http://felderbriefe.at VON SALOMON HIRZEL AUS LEIPZIG http://felderbriefe.at/brief/von-salomon-hirzel-aus-leipzig <div><span class="date-display-single">1. Oktober 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Herr Felder</p> <p>Hier kommt Arm und Reich! Es sind die ersten zwölf Exemplare, die fertig geworden.</p> <p>Möchte der Anblick Ihres neuen Geistesproductes Ihnen einen frohen heiteren Tag bereiten, nachdem ein so schwerer Schlag Ihr Leben verdunkelt hat. Wir haben alle herzlichen Theil genommen, als wir durch Hildebrand die traurige Nachricht erhielten, ich ließ sogleich den Druck beschleunigen, weil ich dachte, daß der Empfang des fertigen Werkes die einzige Freude wäre, die Ihnen jetzt zu Theil werden könnte.</p> </div> <p>Hoffentlich hat mein Herr Vetter in Zürich Ihnen die Blätter der Neuen Zürcher Zeitung zugesandt, in denen er Ihnen und seinem Besuch bei Ihnen ein so schönes Andenken gestiftet hat. Schenken Sie mir gelegentlich ein paar Zeilen und erhalten mir Ihr Andenken.</p> <p>Ihr Ihnen aufrichtig ergebener S. Hirzel</p> </div> <div> </div> Salomon Hirzel Leipzig Franz Michael Felder Wed, 01 Oct 2014 07:00:00 +0000 st 646 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-6 <div><span class="date-display-single">4. September 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber guter Freund,</p> <p>Also doch - ! Du Armer! Wir hatten nach dem Ausgang Dei­nes ersten Briefes vom 29. uns fest eingebildet, es würde alles gut abgehen - da kam gestern Dein Schmerzensbrief. Ich bin seitdem in tief wehmütiger Stimmung, ich habe mit Dir ge­weint, und meine Frau auch, und kriege Dich und Dein Haus nicht aus den Gedanken. Gott wie gern war ich gleich hin zu Dir, hätt ich fliegen können, ich war gekommen. Mir wars als müßt ich wenigstens ein paar Stunden bei Dir sein, um mich zu überzeugen, daß Du Deine Kraft noch hast, und - daß Du Dich nicht zu sehr verschließest, wie Du Dir das leider angewöhnt hast und es nun auch festhältst weiter hin­aus als nötig und gut ist. Laß Deine Natur sich ausleben ­lieber sich einmal der Gefahr aussetzen, sich eine Blöße zu geben, als thun als ob man in der Welt im Grunde allein wäre! Du schließest die Menschen mit auf, wenn Du Dich aufschließest - doch verzeih die Predigt, sie kommt nur aus warmer Neigung und Sorge für Dich.</p> <p>Ach wüßt ich nur ungefähr, wie es bei Dir im Hause und in Dir nun aussieht. Ich fühle ja wie furchtbar der Schlag für Dich ist, wie viel Du verloren hast. Ich selbst empfinde in mir einen Verlust. Denn sieh, Deine gute Frau gehörte schon mit zu den Gestalten, die ich in mir fühlte als meinem Ge­sichtskreise angehörend wie ein liebes inneres Eigenthum. Ich hieng mit Behagen dem Gedanken an, sie einmal mit Dir hier in Leipzig zu haben, daß sie einmal nach saurer Arbeit aufathmend die Welt vom Berge betrachten könnte. Es sollte nicht sein.</p> <p>Trost gibt es ja da keinen - als den, daß der Verlierer durch den Verlust ein festes Band mehr gewinnt, das ihn an den Himmel bindet, wie ichs greifbar beim Verluste meiner Mut­ter empfand. Aber weit mehr als Du haben ja Deine Kinder verloren - doch dafür ist der Trost, daß sie das nie ganz, zum Theil gar nicht empfinden werden; für sie gilt: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Du aber, liebster Freund, sei tapfer, und sorge vor allem für Deine eigne Gesundheit. Du hast mehr Hilfsquellen in Dir als tausend Andere - das wirst Du in diesem Falle auch empfinden. Sobald Du Dich und Deine Stimmung wieder hast, wie wärs wenn Du jetzt an die Ausarbeitung Deiner Biographie giengest? Du könntest ja abbrechen, wenn Du möchtest, und es liegen lassen bis auf gelegene Fortsetzung. Aber Du würdest da recht dankbar und deutlich gewahr werden, wie wunderbar durch die schwersten, ausgesuchtesten Hindernisse hindurch Dich eine höhere Hand, ein höherer Beruf geführt hat, und zwar auf eine Höhe, die denn doch zumal bei Deinen Jahren schon eine ganz respectable ist. Muth, Felder, Du mußt noch weiter. -</p> </div> <div> <p>Wenn Du wieder schreibst, und es Dir möglich ist, so melde uns doch etwas Genaueres über die schlimmen Tage, in denen Dein Liebstes vor Deinen Augen versank, und wie Du Dich nun zunächst eingerichtet hast. Es war ja schon ein eigener Glücks(!)umstand, daß statt Rüschers Dein Stockmaier zur Hand war bei dem traurigen Amte. Und Freundschaft und echte Theilnahme hast Du gewiß auch in reichem Maße er­fahren. Der Uhrenmacher und der Schreiner waren gewiß recht gut und warm in diesen Tagen. Grüße sie doch von mir. -</p> <p>Von den Sonderlingen kam dieser Tage eine sehr günstige Besprechung oder doch eingehendere Anzeige in der Darm­städter (protestant.) Kirchenzeitung, von Prof. Fricke hier, dessen Du Dich wol noch erinnerst; er empfiehlt das Buch seinen geistlichen Amtsbrüdern nachdrücklich, ich werde Dir das Blatt schicken, wenn ichs von Flügel und Hirzel wieder­habe. Siehst Du, Du wirkst doch schon in Deutschland h[er]au­ßen in vielen echten und tieferen Gemütern - das kann Dir doch auch ein inniger Trost sein. Auch Prof. Puckert hier (Du hast ihn auf der Bibliothek kennen lernen) ist entzückt von den Sonderlingen. Reich und Arm rückt hübsch vorwärts, ich hab heute früh den 19. Bogen gelesen, die Unterredung Hans­jörgs mit seiner Schwester, es ist prächtig. Aber vor dem Be­suche Dorotheens bei ihrem Vater graut mir offen gestanden, der erhobene Stuhl ist - so unvermittelt - schrecklich, quä­lend, das tritt doch wol aus dem Rahmen der Kunst heraus, die nie quälen soll. Ich habs nur vergessen, es während Dei­nes Hierseins zur Sprache zu bringen, ich dachte auch öfter auf Abhilfe, die den Plan nicht störte und doch jenen Gräuel abmilderte, wüßte aber augenblicklich nichts Einfaches vor­zuschlagen.</p> </div> <p>Doch genug für heute. An Deinem Schicksal nimmt hier alles den wärmsten Antheil. Wir grüßen Dich herzlich, grüß auch Deine gute Mutter von mir und laß nicht zu spät etwas von Dir hören, was uns Deinetwegen beruhigt. In alter Wärme und Freundschaft</p> <p>Dein Rud. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Kritik Sonderlinge Reich und Arm reich und arm korrekturen Thu, 04 Sep 2014 07:00:00 +0000 st 624 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-5 <div><span class="date-display-single">30. August 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund,</p> <p>Wieder eine Frage aus Reich u.Arm Auf dem 18. Bogen sagt Hansjörg zum Krämer: Dir spricht nichts für, als dein Alter, und das ist nicht ehr­würdig.</p> <p>Aber fürchten mußt du dir nicht vor mir oder von mir? Aus Deiner Schrift kann ichs nicht entscheiden, aus unserem Deutsch auch nicht, denn wir sagen: fürchte dich nicht vor mir. Bei dem Dativ dir (der altdeutsch ist und noch im 16. Jahrh.&nbsp; bei Schriftstellern vorkommt)&nbsp; halt ich aber von&nbsp; für möglich oder für besser.&nbsp; Da&nbsp; ich die Stelle aber auch fürs Wörterbuch brauche, so muß ich die Zeit dran wenden, den Bogen aufhalten und aus dem Bregenzer Walde die Entschei­dung holen. Aber bitte schreib bald, daß die Druckerei nicht ungeduldig wird. Jacob ist doch wolauf? Herzlich grüßend&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dein R. Hild.</p> <p>Auf vorigem Bogen hatten Setzer und Corrector für Schwär­zerhandwerk Schwängerhandwerk gelesen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder reich und arm korrekturen Sat, 30 Aug 2014 07:00:00 +0000 st 618 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-4 <div><span class="date-display-single">23. August 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund,</p> <p>Deine Heimkehr war also eine heitere, wenn Du im Wagen, den Leuten, sogar solo gesungen hast! hören hätt ich das schon mögen, sowol das Wie als das Was? Deine mit Dr. Engelmann gemachte Bekanntschaft interessiert mich, ich kenne ihn zwar nicht, aber er gilt hier für den Gelehrten unter den großen Verlegern; kannte er denn Deine Schriften? oder wollte er sie vornehmen? Den Gruß des Past. Hirzel an Sal. Hirzel hab ich ausgerichtet. Letzterer war erfreut über den Besuch, den er bei Dir gemacht hat - ich kenn ihn nicht. Aber in Deinem Thale dort wird Dir wol das Singen vergehn müssen. Ich bin wahrhaft neugierig, wie die Dinge weiter gehn werden. Das Casino in Au soll euch Freimaurer offen­bar in die Enge treiben oder abschneiden oder sichten, wer wird am Ende bei Dir bleiben? oder mußt Du nicht auch selbst eintreten? Auch bei uns hier ist endlich der öffentliche Kampf um die rechte Religion im Gange und verschärft sich, ich habe meine Herzensfreude drüber, daß endlich ein Ge­witterwind über die Straßen fegt und den Staub fortwirbelt. Könnt ich nur mitmachen, aber ich muß schweigen. Wirkliche Gewitter haben wir endlich dieser Tage gehabt, am Donnerstag war der erste längere Regen seit Deiner Ab­reise! Afrikanische Hitze haben wir ausgestanden. Am Mitt­woch ist beim Exercieren ein Soldat todt niedergefallen, plötzlich, vom Sonnenstich, und solcher Fälle hat es mehr gegeben. Euer Heuen muß doch endlich auch gut Wetter ge­habt haben? Sag mir doch was davon.</p> </div> <div> <p>Von Reich u. Arm hab ich eben den 16. Bogen gelesen als Sonntagsmorgenkost, den Besuch der Zusei bei ihrer Schwe­ster, es hat mich wahrhaft erbaut. Da übrigens die Eintheilung in 2 Bände wegfällt, so wird statt des 1. Cap des 2. Teils wei­ter gezählt: Vierzehntes Capitel. Das ist Dir doch recht? Ein eigentlicher innerer Abschnitt war mir ohnehin dabei nicht so fühlbar wie bei den Sonderlingen. Etwas ist mir übrigens nicht klar bei jenem Gespräch, in den Worten der Zusei: Den ersten Burschen in der Gemeinde will ich, und lache wenn das dann seine sanfte Schwester zur Verzweiflung bringt. Die Schwester soll doch Dorothee sein? man stutzt aber über die Schwester, und dabei liegt auch der Gedanke an die An­gelika nicht fern. Ich kann allenfalls den Bogen so lange zu­rückhalten, bis eine Rückäußerung von Dir kommt. Grottendiek schrieb mir bald nach Deinem Fortgang, er hat wie er angibt auch an Dich selbst geschrieben, über die Ho­norarfrage aber aus Zartgefühl geschwiegen; mir sagt er dar­über, daß der Verleger die Gerechtigkeit Deines Anspruchs wol empfände, aber eine Zusage nicht geben könnte, weil der Erfolg des Unternehmens zu wenig sicher wäre und min­destens erst abgewartet werden müßte; doch bei gutem Er­folg würde er sicher auch Dich zufrieden zu stellen bemüht sein.</p> </div> <p>Was machen Deine Novellenentwürfe? Denkst Du noch dar­an? oder denkst Du schon wieder an Größeres? Ich wünschte doch, Du wähltest einmal einen Stoff mit mehr Pfeffer und Salz, mit grelleren Gegensätzen, mit mehr Schuld und Noth und Angst, Dein Talent würde daran sich selbst noch größer finden. Und auch Land und Stadt mehr in Berührung zu brin­gen könntest Du wol nun einmal unternehmen. Der Unfall, der Deinen Jakob betraf, ist hoffentlich ohne üble Folgen vorübergegangen? Wie hatte er denn nur vom Stege fallen können? er hatte doch ein Geländer, wenn ich mich recht erinnere? Sag mir doch ja Genaueres davon. Und wer hat ihn denn aus der Aach geholt? Bei uns geht alles gut. Ich schwanke, ob ich zum Herbst nach Würzburg gehe zur Philologenversammlung, werde aber wol zu Hause bleiben, es müßte denn bis dahin etwas von dem Gehofften von Dresden aus geschehen sein. Ihr seid wol nun im Vorsaß? Grüß mir die Deinigen und laß bald etwas von Dir hören</p> <p>Deinen R. Hildebrand.</p> <p>Weißt Du übrigens, daß Du trotz Deines sorgfältigen Packens doch von Deinem Reisegepäck etwas zurückgelassen hast? Ich will doch einmal sehen, ob Dus weißt und Dirs heute noch nicht verrathen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Sat, 23 Aug 2014 07:00:00 +0000 st 609 at http://felderbriefe.at