felderbriefe.at - Liebeszeichen http://felderbriefe.at/taxonomy/term/493/0 de VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand <div><span class="date-display-single">17. März 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund,</p> <p>Also endlich tägliche Post in Eurem Hinterwalde. Nun braucht man doch nicht mehr die Tage zu berechnen wie einer der von hier nach Amerika schreibt und den Abgang des Schiffes in Bremen berechnen muß. Der Stempel AU auf Deinen Briefen statt des früheren BEZAU sieht mich gar wunderlich an, ich dachte beim ersten Male, das BEZ wäre nur beim Abdruck ausgeblieben. Na Gott sei Dank, möge nun die Tagespost Euch uns um so viel näher bringen als die in den Sonderlingen gerühmte und in meinem Besuch bei Euch be­rühmte neue Straße um die Bezegg herum schon gethan hat, von der ich zufällig gestern Abend hier erzählt habe - wegen ihrer Gefährlichkeit bei raschem Fahren. Aber ich will sie nicht wieder bekritteln, sonst strafst Du mich wieder. Auch solls dießmal kein Schwatzbrief werden, weil ich heute dazu nicht Zeit, obschon Stoff genug hätte. Mich freuts aber daß Du über meinen Schwatz gelacht hast, ich necke Dich gerne und schon deshalb mußt Du diesen Sommer wieder kom­men, daß wir wieder zusammen lachen. Aber ich komme wirklich ins Schwatzen, es zerstreut mich angenehm, und ich hab in der letzten Zeit mehreres sehr Bittere erfahren, das ich noch nicht ganz verdaut habe - da­zwischen aber auch sehr Erhebendes und Schönes, mit mei­nem inneren Leben der letzten zwei Wochen in Freud und Leid könnt ich ein ganzes Jahr des gewöhnlichen Daseins ausfüllen. Doch genug davon, freilich zu wenig um überhaupt etwas zu sein.</p> <p>Ich schicke Dir des Barons Briefe wieder mit, ich möchte ihn schon kennen lernen; aber auch Deinen Brief an ihn möcht ich eigentlich lesen. Auch Dein holländisches Bild schick ich Dir nach Wunsche mit, seht wie weit Ihr kommt. Gegens Ende steht eine Stelle von Dir übersetzt, mit der wirst Du wol auskommen. Aber an der holländischen Wissenschaft unseres tapferen Uhrenmachers erlaube ich mir doch einige Zweifel, er denkt doch nicht etwa, daß es eine Art Französisch ist? Ich freue mich übrigens herzlich seiner Wiederherstellung und dessen, was Du über seine Stimmung schreibst. Die an­gestrengte Untersuchung wird ihn wohl nur angenehm be­schäftigen, und Dich auch. Euer Wahlsieg muß doch den Schwarzen in die Glieder gefahren sein wie Sadowa den östreichern alten Stils. -</p> <p>Deine Ausführung über die Philomena war mir und dem Club sehr interessant (Du solltest einmal alles Ernstes Dich ästhetisch versuchen), obwol wir uns mehr niederdisputirt als überzeugt fühlten; aber Du disputirst wirklich vortreff­lich. Wir hatten aber mehr im Sinne, daß Philomena zu gut weg-zu kommen scheine dem so hart gestraften Franz Sepp gegenüber. Wir haben übrigens solcher Admonitionen noch mehr in petto, z. B. daß Christian einmal die Mutter mit dem einen Auge, mit dem ändern die Philomena ansieht, NB. zu gleicher Zeit. Das geht wirklich nicht, das erlaubt der liebe Gott nicht, wie er die Augen gebaut hat; beide Augen kön­nen immer nur zusammenwirkend auf einen Punkt sehen.</p> <p>Was Du mir von Deinem Roman schreibst, war mir sehr lieb; ich wollte wol, ich könnte Dir hie und da Rathgeber sein, und es freut mich, daß Dir das für den Sommer wirklich vor­schwebt, es hier vorzunehmen. Zudem ist es jetzt sicher, daß ich dießmal nicht zu Dir kommen kann, wegen amt­licher Behinderung in meiner neuen Eigenschaft als Examina­tor. Aber Dir ist entschieden wieder ein norddeutsches Luft­bad nöthig, ich freue mich schon lebhaft auf unser Zusam­mensein. Die Zeit Deines Kommens kannst Du ja nach Be­lieben wählen - ja so, da wird nun das Wible mit gefragt werden müssen. Nun gut Glück zu allem. Aber komm nur vor Mitte August, das haben die Studenten im Club sich aus­gebeten.</p> <p>Unser Club entwickelt sich immer hübscher. Wir haben am Samstag vor acht Tagen ein erstes Stiftungsfest gefeiert, mit Damen, jungen und nicht mehr jungen, haben geschmaust, getoastet, gesungen, gescherzt, declamirt, Pereats ausgebracht (dem bösen Gosche in Halle), von Deutschlands Zukunft ge­redet, selbst getanzt, alles zusammen bis früh halb drei-vor allem aber Theater gespielt. Lippold hatte ein Stück geschrie­ben, die Geschichte und Bedeutung des Clubs behandelnd, der Ort war die Höhle im Kyffhäuser in der S. Maj. Kaiser Rothbart schläft; er wurde aber munter (mein Vetter Karl agirte ihn würdig, mit Kaisermantel und Krone) und ließ sich gnädig von den altdeutschen Studien und vom Club erzäh­len, nahm auch eine genaue Schilderung aller Mitglieder des Clubs entgegen, natürlich Du darunter, ferner Andeutungen Überwasserfahrten und Baumsitzungen, die aus dem Munde zweier in die Höhle gedrungener fahrender Schüler kamen. Hättest Du doch dabei sein können! Die Spieler waren fünf Mann, außer den genannten eine mitschlafende und mit­erwachende Kaisertochter (Stud. Hügel) ein Narr (Lippold), die Schüler waren Stud. Wülker aus Frankfurt und Köhler, Du erinnerst Dich wol aller noch. Sie machtens wirklich prächtig, dazu in vollem, stattlichem Costüm, eine ganze Stunde dauerte der Mummenschanz, über mich kam eine wunderbare Stimmung. Es ist ausgemacht, daß das minde­stens alljährlich wiederholt werden soll, die jungen Leute brennen aufs Bühnenspiel, und ich habs an dem Abend auch wieder als den höchsten Genuß empfunden, den Kunst und Leben bieten. Du solltest doch auch einmal Dir einen drama­tischen Vorwurf nehmen, ich lasse Dir nicht Ruhe, Du hast dramatische Kraft in Dir, sobald Du Deine Expositionen kür­zer fassen, gleichsam nur mit Kreide umreißen und in die Handlung selbst verweben lernst. Mir schwebte neulich ein Lustspielstoff in fertigem Rahmen für Dich vor. Ach ich möchts auch einmal versuchen! wenn — Nun kommt ja im Herrenhause das neue Ehegesetz dran! ich bin außerordentlich gespannt. Heute früh las ich in der n. fr. Presse den Commissionsentwurf der Minorität im Aus­zug - der Tausend, das ist eine geschlossene Logik, und ein Haß! Wenn nur Euer Ministerium aushält. Wißt Ihr denn, daß im Grunde die Civilehe die einzige Form der Eheschlie­ßung unserer Vorfahren war? in dem von Euren Schwarzen gepriesenen Mittelalter? Sie Schreiens als eine Ausgeburt der franz. Revolution aus! Dein Aufsatz in der östr. Gartenlaube ist mir noch nicht zugekommen.</p> <p>Doch zum Schlüsse. Grüß mir Dein braves Wible herzlich und Deine Freunde, und sei selbst herzlich gegrüßt</p> <p>von Deinem Rudolf Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Ein schönes liebeszeichen! Liebeszeichen Mon, 17 Mar 2014 08:00:00 +0000 st 547 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-56 <div><span class="date-display-single">1. März 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund</p> <p>Heut endlich hab ich die Eröffnung der neuen Post zu mel­den und dieser Brief, vielleicht noch der erste, den sie expe­dirt, kommt wie eine Siegesfahne herrlich und groß um Dir allerlei kleine Siege vorzuführen und auch etwa ein Loch sehen zu lassen. Der Fasching als solcher gieng mir ziemlich unbemerkt vorüber. Nur einen Tag hab ich ihm geopfert ­den letzten Montag. Im Rößle in Au war, was man hier Ball heißt. Ich ward auch geladen und fuhr mit einigen guten Freunden hin, wo wir lauter Parteigenossen antrafen. Auch der Uhrenmacher war eine Weile, aber noch mit verbundenem Kopfe, dabei und benahm sich ruhiger brauchgemäßer als man das an ihm gewohnt war. Er scheint aus dem Unfall gelernt und während der 4 Wochen, die er meistens lag, sich etwas geläutert zu haben. Vom kk Kreisgericht Feldkirch wurde mir eröffnet, daß auf meine Angaben vom 3 ten Fe­bruar das Gericht in Bezau nicht die kompetente Behörde in der Angelegenheit des Uhrenmachers, und daß diese dem Bezirksgericht Bregenz zur Amtshandlung übergeben worden sei. Dagegen habe unser Gericht in Bezau gegen die Wahl­stürmer vom 26 Jänner sofort einzuschreiten. Ich würde dir noch mehr über die Sache schreiben, aber man weiß nie, was ein Brief erlebt. Wenn er z B verloren gehen sollte, wie die drei, die ich im Sommer von Leipzig aus in meine Hei­mat schickte!</p> <p>Du erhäl[t]st in diesen Tagen auch eine Nummer unserer Gartenlaube mit einem Artikelchen von mir. Ich wollte das­selbe könnte auch bei euch in die Öffentlichkeit und - allen­falls auch ans Geld gebracht werden. Unsere Gartenlaube zahlt noch sehr wenig. Für jenen Artikel bekomme ich höch­stens 8 fl. Banknoten. Für die Liebeszeichen berechnete man 65 fl, erhalten hab ich kaum die Hälfte. Und doch beklemmt mich Thalerlosigkeit und die vielen Abtheilungen meiner wunderbaren Brieftasche, um die du mich seiner Zeit be­neidetest, sind so merkwürdig leer, als nur etwas auf der Welt sein kann. Gekeilt werde ich auch nicht mehr werden, das ist mir klar, aber mutlos bin ich nicht. Ist erst einmal mein Roman aus dem Kopf, so will ich schon wieder etwas schrei­ben was Hände und Füße hat und seinen Weg findet. Warum sollte ich nicht hoffen, da sogar das Wible - hofft? Ich hab nun über die Liebeszeichen mich auszusprechen und zwar zuerst über meine Gedanken über die Strafe in der Dichtung. Das Unglück, wo es Strafe ist, soll den Menschen doch nur läutern, und nur den, der seiner Aufgabe nicht ge­wachsen ist, noch tiefer stürzen. Philomena küßt just nicht um dem Christian untreu zu werden, nicht um zu küssen, sondern um für vorurtheilsfreier zu gelten. Im Läuterungsfeuer der Reue, die doch ihrem etwas selbstsüchtigen Wesen gemäß dargestellt sein dürfte, lernt sie den endlichen Ge­liebten schätzen und verdemütigt sich vor ihm, wozu sie es ohne die Kußgeschichte wol niemahls gebracht hätte. Das Mädchen ist zu wenig tief angelegt, als daß man mehr von ihm verlangen könnte.</p> <p>Aus der Erzählung geht hervor, daß auch hier geküßt wird (Männer erinnern sich daran - Frauen küssen Kreuze u dgl) nur die strenge Sitte, öffentliche Meinung ist dagegen. Mir kommts vor, der Kuß ist hier etwas Großes, die Liebe etwas Unheiliges. Drum ist der Kuß Verliebter-Sünde. Aber in einem Augenblick, wo eine Mutter ihr Kind glücklich sieht, wo sie so erregt ist, wie wenn sie selbst in freudigem Dank­gebeth ihr Christusbild küßt, da findet sie natürlich, was in ruhigen Augenblicken die Verknöcherte Dienerin der stren­gen Sitte streng tadeln müßte. In der Erzählung wollte ich nebenbei den Kampf des rein Menschlichen mit dem künstlich geschaffenen, im Wesen des Volkes nicht vorhandenen Vor­urtheil zeigen. Vielleicht hätte das weiter ausgeführt werden sollen, doch wollte ich eben unsere Pfarrer einmal in Ruhe lassen. Es kommt immer schief, so oft ich das will. Als ich von Leipzig kam, erschien mein Kampf mir etwas klein. Ich wollte ruhig meinen Roman vollenden und athmete Friede und Versöhnung. Da hatten die Herren wieder Zeit eine Saat zu streuen die jetzt überall ausschlagt. Nun aber kenn ich auch keine Gnade mehr. Ich hatte mehr Glück als Verstand, daß mir die Unvorsichtigkeit der Gegner das Heft nochmals in die Hand gab. Jetzt muß es zum Biegen oder Brechen kom­men. Die Gegner scheinen auch so zu denken. Vorgestern wurde in Reutte, wo Du katholische Prozession mitmachtest, wörtlich foJgendes vor voller Kirche gepredigt: „Nicht nur da draußen nimmt die Glaubenslosigkeit überhand, auch in engen Thälern wie in der Nachbargemeinde Schoppernau glaubt man nicht einmal mehr an Gott und an die Unsterb­lichkeit der Seele." u s w</p> <p>Das Volk wird in erschreckender Weise aufgehetzt. Seit Rüscher etwas gebunden ist, beginnen andere zu hetzen. So, das ist nun der erste Brief mit täglicher Post. Ich bitte Dich, sie doch auch recht fleißig zu benützen. Schreib mir, wie Dir der Artikel gefalle, und benütze ihn wie Du willst u kannst. Weißt Du nichts damit anzufangen, so schick ihn wieder. Vorher lese ihn dem Klub vor und melde ihm mei­nen herzlichsten Gruß.</p> <p>Was macht Hirzel? Ich werde ihm dieser Tage wol auch ein­mal schreiben. Jetzt bin ich wieder am Roman, das nächste Mal sollst Du nun bestimmt davon hören. Grüß mir die lieben Deinen und alle die mir wohl wollen. Mit herzlichstem Gruß u Handschlag</p> <p>Dein&nbsp; Freund Franz Michael Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand 2 Geburtstage eines Bäuerleins Allgemeine Stimmrecht Hbgtfvffuub Liebeszeichen Reich und Arm Schoppernauer Überfrag Wahlaffäre Zzgfigft Sat, 01 Mar 2014 08:00:00 +0000 st 530 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-39 <div><span class="date-display-single">9. Februar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber tapfrer Freund,</p> <p>Ich kann den Sonntag nicht vorüber lassen, ohne brieflich an Dich zu denken. Ich habe lange nicht so mit Wärme und Interesse nach Schoppernau und an Dich gedacht als in die­ser Zeit, und mit mir Deine hiesigen Freunde. Leid thut es uns freilich, daß Dich die Kämpfe für Licht und Recht von Deinem gemüthlichen Schreibtische wegziehen. Aber ich denke mir Dich auch gern als Vorkämpfer des Guten, ja ich beneide Dich im Grunde darum. Und doch möcht ich Dich bitten, Dich so bald es irgend geht, wieder davon los zu machen, daß Du zu Deiner Hauptaufgabe kommst. Wie steht es denn jetzt mit der Wahlsache? Ich bin höchst begierig .. . In der N. freien Presse war ja in einem Bericht aus Vorarlberg von Feuer zu lesen, das die Gegner in die Wahlurne gewor­fen hätten. Ist das möglich?! Da hätten sie ja euch die beste Waffe gegen sich in die Hand gegeben! Erfreulich ist mir daß der gute Felder so durchgekommen ist, grüß ihn doch von mir, der Club hat an seiner Heldenthat freudigen Theil genommen. Auch daß Du dabei mit Seifertitz in persönliche Berührung gekommen bist, ist mir außer­ordentlich angenehm; bitte, schick mir doch seinen ersten Brief an Dich einmal mit, ich möchte gern von Ton und Hal­tung seiner Ansprache an Dich einen Begriff haben. In Blu­denz und auf der politischen Reise hast Du doch an unsere poetische Wanderung damals gedacht? Ich habe in den Tagen von Bludenz hier viel erzählt, möchte auch gern einmal Dei­nen guten Schwager über diese Dinge hören. Auch die ver­sprochene Nummer des Volksblattes möcht ich schon sehen, ich schicke Dir sie wieder. Ich schicke Dir heute ewas Poeti­sches mit (zum Behalten), es war neulich im Schützenhause ein Concert, wo ich im Winkel sitzend und lauschend Dich lebhaft zugegen wünschte, besonders bei den von mir an­gestrichenen Nummern; laß Dir die Lieder einen Lichtblick in Deinem jetzigen Sturm sein, freilich hättest Du sie von den Wellen der Töne umspült hören müssen wie ich. Warum kannst Du nicht öfter hier sein!? Doch diesen Sommer — Eure Brixener werden jetzt blind und taub vor Fanatismus wie es scheint. In der Augsburger oder der Presse waren neu­lich Proben aus einem „Amuletft] für christliche Eltern und Kinder", die lustig waren; könntest Du mir etwa ein Exem­plar davon verschaffen? d. h. nur wenn Dirs ganz leicht zu­gänglich sein sollte, Du kannst es nach der neuen Postord­nung billig unter Kreuzband schicken. Auch Deinen Bericht in der östr. Gartenlaube möcht ich gar zu gern lesen. Glück zu zum weiteren Kampfe - nur kein Blut wieder! sondern kaltes Blut, Anton! sei um Gottes Willen euer Wahlspruch. Was sagst Du dazu, daß Deine Sonderlinge jetzt nach Holland gehen? Hirzel sagte mirs neulich mit Freude, ein einziger Amsterdamer Buchhändler hatte 8 Exemplare verlangt. Viel­leicht wird also in diesem Jahre eine zweite Auflage. Auch ich hab übrigens jetzt Kämpfe in Aussicht, mit Vor­urtheilen von Universitätsprofessoren; es würde zu lang sein dies brieflich klar zu machen. Unser Ministerium hat mich jetzt mit in eine Prüfungscommission für Philologen berufen, in der sonst nur Professoren Mitglieder sind. Meine Freunde sehen mich schon als Professor - doch ich rechne nicht etwa darauf. Bitte, vergiß doch nicht im nächsten Briefe mir folgende kleine Frage zu beantworten, ich brauche es fürs Wör­terbuch. In den Sonderlingen 2, 210 kommt vor: Der Barthle läßt sich nie so auskommen, daß . .. Das hab ich doch richtig erklärt? Sagt ihr aber nicht auch: er läßt sich nicht auskom­men mit Geldeoder ähnlich? Bitte vergiß nicht mich zu belehren.</p> <p>Deine Liebeszeichen haben wir im Club in 3 Abenden ge­lesen (d. h. ich habe sie gelesen), uns herzlich dran gefreut; es ist echte Poesie drin, obwol in der Exposition auch hie und da kürzer verfahren sein könnte. Aber an den entscheidenden Stellen trifftst Du die Stelle im Herzen, wo die echte Poesie sitzt, mit voller Wirkung! Doch blieben uns einige Fragen. Heute nur noch die eine. Mehrere von uns meinten, die Philomena komme für ihren Leichtsinn zu gut weg, werde zu wenig gestraft gegenüber der schweren Buße, die auf Franzsepp fällt; auch daß ihre Mutter nach dem schweren Aufbegehren übers Küssen dann so schnell wieder gut ist mit der Tochter, wollte nicht recht einleuchten. Ich habe Dich nach Kräften vertreten, möchte aber wissen wie Du Dich dar­über aussprichst, und bin eigentlich beauftragt, Deine Äuße­rungen darüber einzuholen. Du wirst jetzt freilich dazu nicht Lust und Stimmung haben, es hat ja keine Eile. Doch mit dem Papier ist meine Zeit alle, schönste Grüße an das Wible usw., für Dich aber wünscht des Himmels Schutz</p> <p>Dein R. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Liebeszeichen Rößlestreit Sonderlinge Wahlaffäre Sun, 09 Feb 2014 08:00:00 +0000 st 520 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-38 <div><span class="date-display-single">23. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber guter Franzmichel,</p> <p>Wie freute ich mich, als ich, ohnehin verstimmt und leidend, heute Mittag Deinen dicken Brief vorfand, und welcher Inhalt war darin. Ich konnte kaum essen vor zitternder Unruhe und Bestürzung, jetzt such ich mich bei der Arbeit zu beruhigen, aber ich denke fortwährend an Dich dabei und an den armen Uhrmacher, dessen Bild vor mir liegt, zumal ich ge­rade mit der schweizerischen, also Eurer Mundart zu thun habe. Ich muß Dir wenigstens ein Wort der Theilnahme schreiben, obwol ich nicht sicher weiß ob der Brief noch vor demSonntagzu Dir kommt; aber ich werde dann ruhiger arbei­ten können, und wenn Hugo aus der Schule kommt, soll er ihn gleich in den Bahnhofsbriefkasten tragen, daß er heute noch fortkommt. So ist also der Kampf zum blutigen Aus­bruch gekommen, ein Vorspiel dessen was Euch in der neuen Ära bevorsteht, und der tapfere Felder ist der erste Held und Märtyrer des Kampfes mit dem Körper, der die Seelen befreien soll. Drücke dem Tapferen meine, unsere wärmste Theilnahme aus, und was Du für ihn thun kannst, das ist: flöße ihm von Deinem höheren Standpunkte aus so viel Ruhe und Geduld ein, daß er das Heilen seiner Wunde nicht durch Grollen und Zorn und Haß erschwert; das mußt Du können und er wird in der Krankenstimmung Dich hören, Du brauchst ihn nur auf die Höhe der geschichtlichen Be­deutung dieser Vorgänge zu heben, auf der Du ja stehst. Was Du mir von seiner Frau schreibst, ist mir höchst ange­nehm, der umgekehrte Fall wäre furchtbar. Übrigens muß ja der Kampf ein wahrer Heldenkampf gewesen sein auf Felders Seite, ich kann mirs nicht vorstellen, wie er drei Mann in die Flucht geschlagen hat. Besser wärs freilich ge­wesen, er hätte das Wort Lügner in Gedanken behalten und das Weitere auch. Er wird ja aus dem Vorfall auch lernen. So weit ich sonst die Geschichten nach Deinem Bericht be­urtheilen kann, hättest Du das Amt als Wahlcommissar jeden­falls ablehnen sollen als Betheiligter, und ein furchtbarer Fehler ists von der Statthalterei, in dieser Aufregung die Wahlen anzuordnen. Das ist so dumm, daß es Zeit gewesen wäre, Einspruch dagegen zu thun und Aufschub zu verlan­gen; hat doch der herrliche Rößlewirth schon einer bloßen Hochzeit wegen Sorge gehabt! Da es aber einmal so ist, scheint mir das Nöthigste für Deine Partei das zu sein, daß Ihr Euch heilig gelobt, nur mit Ruhe und Gelassenheit zu ver­fahren, alle Heftigkeit in Wort und That den Gegnern zu überlassen, also den Fanatismus durch überlegene Höhe und Ruhe des Geistes zu entwaffnen und - womöglich eine Bresche hinein zu machen zur Anbahnung einer Verständi­gung. Wenn Ihr dazu kommen könntet, durch Deine Über­redung, daß Ihr in einer Versammlung das heilig gelobet, so würde Euch das ein Sicherheitsgefühl geben, das alles noch in gute Bahnen lenken könnte. Was soll das mit Österreich werden, wenn überall die neue Zeit so beginnen soll? Ich wollte ich wäre dort, um mit zum Frieden zu reden. Doch ich muß an die Arbeit. Ich werde am Sonntag in Ge­danken bei Dir sein, da ich nichts weiter thun kann. Heute Abend werde ich einem zusammengerafften Theil des Clubs Deinen Brief vortragen und mir selbst da mit Trost holen, werde auch hier sonst die Sache weiter verbreiten. Gott schütze Dich und die Deinen.</p> <p>Deine Liebeszeichen lese ich jetzt im Club vor, wir erfreuen und erwärmen uns daran, ein paar neue Mitglieder die von Dir noch nichts gelesen haben, sind wahrhaft entzückt. Ein paar Erinnerungen dazu später.</p> <p>Grüß mir Deine gute Frau und Mutter, und Deine Freunde, und habt guten Muth, Ihr fechtet ja für eine bessere Zeit, man kann sagen für das wahre Gottesreich auf Erden. Dich aber, Herzensfreund, schütze der Himmel in den bevor­stehenden Prüfungen.</p> <p>Dein R. Hildebrand.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Liebeszeichen Rößlestreit Thu, 23 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 503 at http://felderbriefe.at VON ALBERT ILG AUS WIEN http://felderbriefe.at/brief/von-albert-ilg-aus-wien-1 <div><span class="date-display-single">2. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Hochgeerter Herr!</p> <p>Seit langem erfreute mich nichts so sehr als Ihr letztes Schreiben, denn es entriß mich einer höchst peinlichen Ungewißheit auf die angenehmste Art. Verzeihen Sie, daß ich gleich so schlimmes vermutet, ich bin eben allzusehr immer gefaßt, mißverstanden zu werden und meine guten Absichten regelmäßig von einem boshaf­ten Geschick vereitelt zu sehen. So brachte mir also dieser Brief erwünschte Nachrichten, was dieß betrifft; aber Ihre Freundlichkeit bereitete zugleich eipe andre unerwartete Freude. Euer Wolgeboren fragen nach meinen Verhältnißen. Warlich, ich habe bis jetzt nicht gedacht, daß ich schon den Anforderungen der Artigkeit zufolge schuldig gewesen wäre, Ihnen mich nicht so als ganz fremder zu zeigen; daß es sich eigentlich von selbst verstan­den hätte, nicht so ohne Einleitung die Gelegenheit vom Zaune zu brechen, - aber aufrichtig gesagt, ich vergaß alles persönliche u. specielle über dem allgemeinen Zwecke meines ersten und zwei­ten Schreibens, vergaß mich über der Huldigung und dem Danke, welche ich als einer Ihrer Leser bringen wollte. Und neben dieser Absicht schien mir jede Erwähnung meiner eigenen Umstände allzu kleinlich und egoistisch - und unnötig! Da mich nun aber E. W. selbst so freundlich ermuntern, will ich nicht länger zurück­halten.</p> <p>Obwol Wien meine Vaterstadt ist, kann ich doch, wie man zu sagen pflegt, für einen halben Landsmann des Dichters der Sonder­linge gelten, insofern der liebe Vater in Dornbirn geboren ist u. lange daselbst, in Bregenz, Schrecken u. Mittelberg lebte; später begab er sich jedoch in die Residenz, um dem commerciellen sich zu widmen. Durch ihn und so manche andere Verhältniße blieb mein Herz in stetem Bezug zu dem schönen, lieben Ländchen, von dem häufiges Erzählen mich schon im Geiste ein Bild entwerfen ließ, ehe ich's gesehen. Dieses selbst war im Jahre 1861 vergönnt, der Aufenthalt zwar ein sehr kurzer, dennoch mir unvergeßlich, dennoch prägte er sich dem Gedächtniße mit farbenreichen, prächtigen Zügen ein. Von Lindau kommend besuchten wir Bre­genz und den Bregenzerwald, auch Schoppernau steht mir noch lebhaft vor den Augen, nocherinnern wir,-mein Bruder und ich,­uns des frischen Bächleins oft, das hinter der Krone die Wiese durchschneidet, an deßen Bord es uns Knaben damals so wol gefallen. Nachdem wir endlich auch noch nach Schrecken hinauf­gestiegen, machten wir Kehrt und verließen die wundervollen Waldeseinsamkeiten, um uns nach Dornbirn zu den uns bekannten Familien Rhomberg zu begeben. - Das ist alles, was ich in flüchtigem durchfliegen von Ihrer Heimat geschaut, doch genug, daß mich eine neue Sehnsucht erfaßte, als ich jene Stelle las, wo Sie so gütig von einem Besuche sprechen. Ach, das ist leider unmög­lich!-</p> <p>Was soll ich noch von mir sagen? Daß Herr Ritter von Bergmann mir bekannt, daß ich die philosophischen Studien ergriffen, wußten E. W. bereits; nichts anderes könnte Sie intereßiren, denn was etwa mein Wesen, meine Neigungen und Wünsche anbelangt, so wäre hierüber zu sprechen ebenso wenig passende Gelegenheit als ­Möglichkeit. E. W. werden schon aus meinen Briefen bemerkt haben, was für ein ungeläutertes, unklares, gutgemeintes aber unzulängliches Streben u. Wollen das alles ist. Als ich das letztemal E. W. belästigte, hatte ich das Liebeszeichen bereits gelesen und mit allen die dieß Vergnügen theilten, einstim­mig meine Freude, mein Behagen an der Zartheit u. Innigkeitdieses Gemäldes geäußert. Es ist so lieblich und frisch, so weich und doch so kernig, es umschließt eine herrliche Warheit in einem feinen leichten Gewebe. Damals schon dachte ich über diese Geschichte nach, deren Verwicklung so graziös, wie aus zartem Schaume aufgebaut, deren Titel allein schon so geistreich gewält ist. Ich bin aber schon wieder breit geworden, eile zu Ende zu kommen u. bitte, sich meinetwegen durchaus nicht zu belästigen. Wann immer ein Schreiben mir kommen wird, und sei es noch so spät, soll es mich freuen, weiß ich ja jetzt, was die Ursache der Verzögerung war. Und Gottbehüte, daß ich so arrogant sein sollte, Ihre kostbare Zeit für mich zu beanspruchen, dem es warlich schon hohe Freude und Ehre ist, daß sie mir nur erlauben, ein Schreiben an Sie zu richten.</p> <p>Herr von Bergmann ersucht mich, seinen Gruß zu melden u. zugleich E. W. um die gütige Angabe Ihres Geburtsjahres u. -tages zu bitten, da er derselben in der Topographie seiner Landeskunde von Vorarlberg bedarf. Ich meine, es werden derselben Notiz wol bald auch Topographien Oesterreichs und Deutschlands nötig haben.</p> <p>Mit den besten Wünschen zum Beginn dieses neuen Jahres emp­fehle ich mich Ihrem fernem Wolwollen.</p> <p>Hochachtungsvoll Albert Hg</p> </div> <div> </div> Albert Ilg Wien Franz Michael Felder Liebeszeichen Thu, 02 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 491 at http://felderbriefe.at KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-franz-michael-felder-70 <div><span class="date-display-single">26. Dezember 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Dein Wertes vom 21. habe ich heute erhalten sowie die Gartenlaube. Ich will mich vor allem dessen entledigen, was mir zumeist am Herzen liegt. - Wenn sich Weiber und Pfuscher beim Schneider eingenistet haben, dann hilft bloßes Predigen allerdings nichts. Da muß man energisch auftreten und mit Gewalt den Damm der Vorurteile brechen. Ich habe anliegenden Brief für den Schneider geschrieben, den Du lesen und dann versiegelt dem Schneider mit dem zuschicken sollst, daß ich ihn in einem Brief an Dich geschickt habe. Dich ersuche ich aber, den Dünser nicht bloß zu schicken, sondern gleich mit ihm zum Bruder zu gehen und auf diese Weise kurzen Prozeß zu machen. Sollte wider Erwarten der Bruder sich weigern, die Hilfe und ärztliche Behandlung des Dünser anzunehmen, so soll er wenigstens die Untersuchung durch denselben gestatten und ihm alles über die Entstehung des Leidens, dessen Entwicklung und die angewendeten Mittel bekanntgeben, damit Dünser mir die Krankenge­schichte und Gutachten schicken kann, um was ich ihn ersucht haben will. Falls er den Bruder nicht in Behandlung über­nimmt, möge er mir auch mitteilen, ob die angediehene Behandlung geeignet ist oder nicht. -</p> <p>Was ich über die Leidensgeschichten meiner zwei Brüder hören muß, ist mir Beweis, daß noch viel düsteres Gewölk in Euern Bergen sich lagert, wo man bereits lautere Heiterkeit gewähnt hat. - Die Liebeszeichen werde ich nächstens lesen und freue mich darauf. Um eine Kritik Deines neuen Romans von mir wirst und darfst Du nichts geben, da ich kein Mann von Fach bin und die einschlägige Literatur nicht kenne. - Von dem neuen Vereinsgesetz, von der Anbeiterbewegung in Wien, von den neuen Verfassungsgesetzen wirst Du wohl gehört haben, vielleicht auch von der Aufforderung des Sozialdemokrat an uns. Wenn wir Erlösung wollen, müssen uns diese Dinge nahe anliegen, näher als alles andere. Weil ich gar keinen bezüglichen Anklang in Deinem Brief finde, wohl aber, daß Du vor lauter Literatentum kaum mehr zum Zeitungslesen kommst, werde ich über das in Deiner öster­reichischen Geschichte schon erwähnte Leipziger Literatentum nachdenklich. - Doch diese fliegenden Zeilen sollen dem Bruder gelten, über den ich bald Besseres zu hören hoffe. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund&nbsp; K. Moosbrugger</p> <p>Alles Gute zum neuen jähr!</p> </div> <div> </div> Kaspar Moosbrugger Bludenz Franz Michael Felder Liebeszeichen Literatentum Reich und Arm Schneider Thu, 26 Dec 2013 08:00:00 +0000 st 485 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-49 <div><span class="date-display-single">22. Dezember 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Frohe Weihnacht und ein glückliches neues Jahr! Das gebe Gott Dir, den Deinen, allen die es verdienen - und den Än­dern auch. Mein Gott wie manches ist auch mir, wie wol jedem ganz unverdient geworden! Wenn ich in Gedanken übersehe, was dieses Jahr mir brachte, so kann ich nur der Vorsehung und meinem Freunde danken, und vertrauensvoll der Zukunft entgegensehen. Aber laß michs offen gestehen: Auch meinen Gegnern hab ich manches zu danken. Was sie mir auch immer zu Leide thun mögen, sie sind schlimmer dran als ich, drum wünsche ich auch ihnen, was für sie gut ist, was erst uns allen den Frieden brächte: Geistige Erlösung! Still und ernst schauen die starren Berge auf unsere ver­schneiten Dörfer herab, die augenblicklich nur ein schlechter, kaum gangbarer Weg mit einander und mit der „Welt" zu verbinden scheint. Aber dießmal vermag uns der Winter doch nicht mehr zu trennen. Die Wellen welche der Sturm draußen im Reich aufwirft, schlagen auch an unsere Berge. Unsere Geistlichen selbst öffnen durch ihre Agitation gegen die Reichstagsabgeordneten Thür und Thor der gewaltigen Strömung, die alle Unterschiede der Abstammung, Sprache und Erziehung wegfegt. Bei uns in Vorarlberg vollzieht sich, was fast unmöglich schien. Der Partikularismus dürfte bald ein überwundener Standpunkt sein. Schon jetzt gibt es eigentlich nicht mehr Unterländer u Oberländer Vorderwäl­der und Hinterwälder, Schoppernauer u Schnepfauer, son­dern nur Alte u Neue, Fromme und Freimaurer. Vorletzte Woche wurde ein Hirtenbrief unseres Bischofs verlesen, der noch vor 100 Jahren schreckliche Folgen gehabt hätte. Und doch ließ man die Freimaurer lebendig heim. Nachmittags freilich eilten die Weiblein und auch manches Männlein, um ein Mißtrauensvotum gegen unsern Reichstagsabgeordneten zu unterzeichnen, doch was nützen die Unterschriften von Weibern u Mädchen, wenn der Geist der Weltgeschichte sein Urtheil spricht? Ich glaube, daß uns das nächste Jahr unserm Ziel um einen großen Schritt näher bringt. Nicht die Waffen Garibaldis, geistige Arbeit wird uns von den Banden des Geistes befreien.</p> <p>In den bevorstehenden Weihnachtsfesttagen haben wir für den Pabst - die weltliche Herrschaft desselben zu bethen einen Psalter nach dem Ändern drei Tage lang. Ich werde nicht mit thun obwol es so eingerichtet ist, daß man beileibe nicht ausbleiben darf, wenn man keine Unannehmlichkeiten erleben will. Hast du die Liebeszeichen jetzt gelesen. Was sagt Hirzel dazu? Oder was würde er sagen, wenn sie in Buchform erschienen. Ich möchte das gern wissen. Die Redaktion der öster. Gartenlaube berichtet mir, dringend um Ähnliches bittend, daß die Aufnahme allgemein eine sehr günstige gewesen sei. Von reich u arm das nächste Mal; der Both ist da u ich muß schließen. Lebe recht wol, grüße mir alle, die mich noch nicht vergessen haben. Mit herzlichstem Glückswunsch zum neuen Jahr u 1000 Grüßen</p> <p>Dein Freund Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Hirtenbrief Liebeszeichen Reich und Arm Weihnachtsgrüße Sun, 22 Dec 2013 08:00:00 +0000 st 484 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-36 <div><span class="date-display-single">22. Dezember 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Felder,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p>Über vier Wochen hab ich Dich mit Antwort warten lassen, nun sollst Du aber doch wenigstens zu den Festtagen nicht ohne Nachricht sein, wenn sie auch kurz wird, ich bin sehr heimgesucht mit Geschäften (NB. außer dem Wörterbuch), ein halb Dutzend bestellte Bücherbesprechungen soll neben­bei mit fertig werden, und ich bin körperlich einmal recht mitgenommen.</p> <p>Bei uns ist in dieser Zeit etwas Großes, Schweres geschehen, das mir bis an die Wurzel meines Daseins gegriffen hat mit übermächtiger Faust: meine gute Mutter ist ~ gestorben!!! Es war am 3. Dec. früh 3 Uhr, als sie nach langen, fürchter­lichen Leiden, nach tagelangem Todeskampfe von uns gieng wunderbare Tage und Stunden, tief erschütternd mit Schmerz und Weh, und doch so groß und weihevoll eben durch den Schmerz, daß ich mich von der Erinnerung daran ungern trenne (was doch die Tagesarbeit gebieterisch in Anspruch nimmt), man war dem Ewigen, dem Lichten, dem Reinen, dem Himmel so wunderbar nahe mitten in diesen Herzens­stürmen. Ich fühlte ganz genau und deutlich, daß ich mit meiner sterbenden Mutter, deren Hand ich stundenlang in meiner hatte, dicht an der wunderbaren Pforte stand, die den Weg in ein höheres, unendlich reineres Dasein öffnet, und ein Streif des Lichtes dort streifte schattenhaft auch meine Seele, so fühlbar, so sicher, daß ich in mir zu sehen glaubte, gesehen habe, am deutlichsten in den bittersten Thränen. Das reinigt die Seele! es hat mich wie durchgefegt, Stückchen für Stückchen, Faser für Faser, daß ich mir wie neu geschaffen vorkam. Ich habe oft an Dich gedacht in den Tagen nachher, Dich bei mir gewünscht, mir wars als wärst Du mein bestes Publicum für solche Reden; doch auch Flügel, Lippold, Meißner haben mich ruhig und verstehend und warm theilnehmend angehört, ich habe recht empfunden was der einzige Kern der Welt ist, Liebe und Güte, Wärme die von Person zu Person geht. Ich möchte Dir schon noch viel davon sagen, wenns nur mündlich sein könnte. Es ist auch eine merkwürdige Ahnung dabei vorgekommen; unsere Christel, die 6 Jahre bei uns gedient hatte und herzlich an meiner Mutter hieng, hat 2 Stunden von hier, ohne von der Todesgefahr zu wissen, im Augenblick des Todes eine An­zeige davon erhalten - Thatsache, nicht Traum! Christel ist nämlich ein tief sinniges Mädchen (meine Mutter war es auch).</p> <p>Wir haben übrigens neun Nächte lang bei ihr gewacht, die zwei letzten Nächte ganz. Sie blieb bis zuletzt bei klarem Bewußtsein, aber ganz ergeben und tapfer, von einer unend­lichen Milde und Güte, ich habe sie bewundert, und hab ihr das auch gesagt. Die Leiden waren fürchterlich, wie ans Kreuz geschlagen lag sie vor mir, bis der Friedensengel ins Zimmer kam. Mir fehlt sie aber schrecklich! Erst jetzt fühl ich wie nothwendig sie mir war, wie nahe wir uns standen. Wir sind nämlich nie von einander getrennt gewesen, und standen dabei seit 1850, wo mein Vater starb, in der großen Stadt verwandtenlos allein, bis dahin waren wir drei seit 1833 allein!</p> <p>Doch zurück in die Geschäfte dieser Welt, die uns einstweilen noch festhalten sollen. Bei Quellmalz war ich erst gestern. Er war etwas erzürnt über fehlende Nummern in der letzten Sendung, sodaß er die betreffenden Blätter noch immer nicht hat weiter liefern können. Ich bitte Dich dringend, es ist ja auch in Deinem Interesse, auf strenge geschäftliche Ordnung zu denken (wir in Norddeutschland sind das so gewohnt), zunächst die rückständigen Nummern so bald Du kannst her­zuliefern, und überhaupt genaue Regelmäßigkeit der Rück­sendung eintreten zu lassen. Ich habe so meine Freude daran, daß ein solcher Verkehr in solche Ferne möglich ist; wem ich es sage, der bewundert es! thu doch das Deine, daß die Sache nicht aus dem Leime geht. Quellmalzens letztes Wort war, wir müßten es abwarten und sehen, „ob es sich noch einrichtet". Besänftigt hab ich ihn durch Erzählen von Dir, er hat immer noch das wärmste Interesse an Dir. Franz, Franz, sei wieder einmal Dein eigner Senn!</p> <p>Vorgestern war ein hiesiger Buchhändler, Alph. Dürr, bei mir und brachte ein Geschenk von einem Frankfurter für Dich, aber ein wunderliches, eine Geschichte der deutschen Schrift! Er sagte selbst, es würde wol mehr für mich passen, und ich sollte es denn lieber selbst behalten. So thue ich auch; wenn Du wiederkommst, kannst Dus ansehen und noch bekom­men, wenn es Dir gefällt. - Ich schicke Dir auch wieder Photographien mit, wie gefallen sie Dir denn und Deiner Frau? Es liegt auch noch ein Blatt in großem Maßstabe bei mir, das sich schlecht versenden lassen wird, Du könntest es am Ende auch einmal mitnehmen, wenn Du wiederkommst. Die Kosten für Dich werden etwa 3 Thaler betragen, Meißner hat alles ausgelegt.</p> <p>Von Deinen Liebeszeichen erhielt Hirzel 10 Ex. zugeschickt, ich hab ihm den Sachverhalt nach Deinen Mittheilungen ge­sagt, weiß aber nicht genau, was er nun gethan hat. Gelesen hab ich die Novelle noch nicht wieder, nur drin gelesen und viel Gutes und Treffliches gefunden; wir wollten sie eigent­lich im Club zusammen lesen, sind aber noch nicht dazu ge­kommen, die Nibelungen nehmen uns in Anspruch. Der Club läßt Dich grüßen, er ist in fröhlicher Blüthe. Die Nummer der Feldkircher Zeitung hab ich richtig erhalten und danke, ich fand Deinen Aufsatz gleich heraus, an einigen Zügen war Felder sicher zu erkennen. Es macht mir immer große Freude, von Eurem Lande etwas zu lesen. Jetzt ist übrigens auch die Neue Freie Presse auf dem Cafe National, ich lese sie oft. Felder ist nun Ehemann, ohne Beichtschein?! Sag ihm doch meine besten Glückwünsche, und schreib mir was Ordent­liches von seiner Hochzeit, und von Deiner Abdankungsrede. Ich erzähle den Freunden jetzt noch manchmal von Euch, wozu es vor Ereignissen noch nicht recht hatte kommen wol­len. Aus der Connewitzer Kahnfahrt (so heißt der Ort) müßte sich eigentlich etwas machen lassen, auch aus der Baumsit­zung, in Versen, jenes romantisch ernst, dieses komisch romantisch. Hätt ich nur Zeit dazu, auch in mir regt sich jetzt manchmal das bischen Dichter wieder, noch mehr freilich der Philosoph, der aber auch keine Zeit zum Schreiben, nur zum Grübeln hat. Ich wollte, wir beide könnten einmal etwas zusammen machen! Schreib mir ja von Deinem neuen Ro­man, ich wollte auch ich könnte dabei sein und mein Wört­chen dazu geben. Schaff nur vor allen Dingen die langen Wortreihen ab (wie der nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrende und ungewöhnlich ernst gewordene usw. Schulmeister), die auch im Eingang der Liebeszeichen wieder so störend sind.</p> <p>Grüß mir die Deinigen und unsere Freunde, besonders Fel­der, das Döcterle, die Rößlewirthin,</p> <p>Dein treuer R. Hildebrand.</p> <p>Den Brief aus Halle schick mir doch wieder mit nächstem. ­Bei uns sind alle Köpfe und Herzen voll von unserm Weih­nachten, der Baum steht schon in der „guten Stube" und wird morgen angeputzt. Könntest Du doch dabei sein! ­Glückliches neues Jahr für Dich und die Deinen, was wird es uns als Deutschen bringen? Gutes sicher, zunächst billiges Porto, und Euch tägliche Post.</p> <p>Am Sonntag war noch einmal Vogelweide! Dießmal in Schul­pforta, zu einem Schmaus bei Koberstein, wunderhübsch! Auch Deiner wurde gedacht, die Sonderlinge machen die Runde bei den Professoren und gefallen sehr, ich mußte von Dir erzählen. Daß Scheffel nichts verlauten läßt! Du könntest einmal an ihn schreiben (Dr. Jos. Vict. Scheffel in Karlsruhe).</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Kahnfahrt Liebeszeichen Quellmalz Sonderlinge Tod Mutter Weihnachtsgrüße Sun, 22 Dec 2013 08:00:00 +0000 st 483 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-113 <div><span class="date-display-single">21. Dezember 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Dein Bruder Jakob hat Dir wohl gemeldet, daß der Zustand des Lehrers sich wieder bessert. Jetzt ist er wieder ganz der alte, dafür aber macht mir der Schneider jetzt mehr Sorge. Ich besuche ihn jede Woche und finde ihn jedesmal schlech­ter. Zuerst brauchte er den Lebenswecker, dann den Doktor von Bizau, einen bei den Weibern beliebten frommen Schwätzer, der ihn überdies viel zu selten sieht und ihn aufs Hörensagen mit einer quecksilberhaltigen Salbe kurieren will. Ich rede ihm zu, unser Dökterle oder einen tüchtigen Arzt zu Rate zu ziehen, doch da predigt man umsonst. Nicht sehen sogar darf ihn unser Dökterle, wie sehr es das auch wünscht. Und da liegt er im Bett, mag nicht schlafen und nicht essen, und wie leicht kann aus der Gelenkentzündung eine Knochen­entzündung werden? Die Krankengeschichte Deines Bruders, hat das Dökterle gesagt, könne es Dir nicht schicken, Du müssest Dich an Leouo Schneider wenden. Dieser behandelt Menschen und Rosse mit dem Lebenswecker, und das Dök­terle hat wegen offenbarer Kurpfuscherei vergebens den Schutz des Gerichtes angerufen.</p> <p>Nun aber genug des Unerquicklichen. Kein Wort von der Unterschriftenhetze, über die Du ein Berichtlein in der Feld­kircher Zeitung finden wirst. Die ganze Geschichte lief hier so schildbürgerisch ab, daß ich auch für die Österreichische Gartenlaube einen Artikel zu schreiben gedenke, von dem Du in der Feldkircherin nur einen schwachen Vorgeschmack ge­winnen wirst.</p> <p>Die „Liebeszeichen" mitsamt den Druckfehlern wirst Du gleich mit diesem erhalten, doch muß ich Dich um gelegent­liche Rücksendung bitten. Es hat aber nicht so Eile, daß nicht auch Dr. Bickel und allenfalls andere es lesen dürften. Die Redaktion des Blattes ist erbaut von der günstigen Aufnahme meiner Erzählung und bittet dringend um fernere Beiträge.</p> <p>In der Antwort erwähnte ich des Romans „Arm und Reich". Er ist wohl zu groß für das Blatt, und es wäre ein Erfolg, wie ich ihn noch nicht erwarten darf, wenn die Redaktion mir den erzählenden Teil des Blattes für länger als ein Vierteljahr ganz allein zur Verfügung zu stellen wagte. Ich habe daher auch die Arbeit nicht angeboten, sondern nur so nebenbei ihrer er­wähnt und gesagt, daß sie mich jetzt ganz in Anspruch nehme, das ist auch wahr, und ich hoffe, daß die so ver­wendete Zeit nicht als verloren betrachtet werde. Die Schluß­katastrophe ist gefunden, d. h. sie hat sich, wie in den Sonder­lingen, ganz natürlich aus dem Erzählten ergeben. Doch ich will Deinem Urteil, auf welches ich sehr begierig bin, nicht vorgreifen, sondern das Ganze ruhig zu Ende bringen und einstweilen Deine Bemerkungen über schon Vollendetes, die Liebeszeichen, erwarten. Mich haben die närrischen Druck­fehler sehr geärgert. Jetzt lese ich in der Romanzeitung eine Arbeit meines Rezensenten Bayer, die etwas Schönes zu werden verspricht. Im übrigen scheint mir das genannte Organ an Bedeutung zu verlieren. Ich arbeite jetzt, seit mir ein Knecht den Stall besorgt, so fleißig, daß ich kaum noch zum Lesen der Zeitungen komme. Trotzdem wird die Neue Freie Presse nicht aufgegeben. Als Rüscher beim Verlesen des Hirtenbriefes auf diese Presse kam, sagte er, „in der auch ich gestanden bin im letzten Sommer". Die Wirkung dieser Anmerkung war ein eigenes Lächeln auf den Gesichtern, die ich zu sehen bekam.</p> <p>Von den sechs Männern, deren Namen unter dem gegen die Ausschußwahl eingereichten Proteste glänzten, haben nun zwei die Echtheit jener Unterschriften geleugnet. Daß ich und die beiden Vorsteher die Erklärung nicht unterschrieben, kannst Du Dir denken, wenn auch das Volksblatt zehn Aus­schüsse erwähnte. Auch in Au waren es nur zehn. Kruso Buab und Greber unterschrieben so wenig als der ebenfalls mit­erwähnte Vorsteher von Schröcken. Doch das alles wirst Du in meinem gedrängten Berichte in der F[eldkircher] Z[ei­tung] finden, auch eine Entschuldigung für das Volksblatt, die auch anderes aufdeckt. Du wirst hoffentlich mit mir zufrieden sein, doch erwarte ich das von Dir selbst zu hören, da Du mir doch auch bald wieder schreibst. In Argenau ist eine Vereinssennerei entstanden, die Span­fudler von hier haben nichts zustande gebracht. Jakob soll in Warth die Milch für einen Batzen halb Silber gekauft haben. Der Weg von Schröcken ging erst gestern wieder auf, die Deinen sind mit dem Vieh nach Krumbach. Vom 1. Jänner an haben wir tägliche Fußpost, und unsere Korrespondenz gewinnt dadurch einen neuen Reiz. Der Uhrenmacher macht sich als Ehemann ganz gut und lebt sich immer mehr in unsere Kämpfe hinein. Das gute Einvernehmen Rüschers mit der Kronenwirtin scheint nicht mehr zu bestehen. Der arme Mann hat also nur noch die Niederau und eine gedankenlose Menge. Der Kurat, den ich letzthin besuchte, wollte allen Ernstes behaupten, daß er sich zu hintersinnen beginne. Der neue Kaplan in Au scheint mir neben anderm ein schrecklich oberflächlicher Mensch zu sein, mit dem wenigstens ich nicht gut auskommen würde.</p> <p>Herzlichen Glückswunsch zum neuen Jahr und zu Deinem Geburts- und Namenstag. Mögen wir auch anno 1868 endlich das Unsere tun können, uns die Erlösung zu erringen. Lebe wohl!</p> <p>Mit Brudergruß und Handschlag Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Franz Michael Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Jakob Liebeszeichen Reich und Arm Schneider Vereinssennerei Sat, 21 Dec 2013 08:00:00 +0000 st 482 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-112 <div><span class="date-display-single">28. November 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Über das Befinden Deines Bruders sind die Berichte noch immer nicht recht ermutigend. Ich glaube, daß ihm eine andere Umgebung und bessere (ärztliche) Behandlung sehr zu wünschen wäre. Auch Pius liegt an einem Fußleiden. Der Doktor von Bizau fürchtet eine langwierige Geschwulst im Kniegelenk und hat ihm gestern Blutegel aufgesetzt. Ich glaube, Jok werde Dir in Beiliegendem Bericht über alles gemacht haben, was die Deinen betrifft, und ich fange daher gleich mit anderem an. Die Adreßlawine kommt allmählich herein. Hier herum machte Schnepfau den Anfang vor vier&shy;zehn Tagen, dann Mellau, Bezau, dort besonders bunt, doch ohne besondern Erfolg. Schoppernau und Au sind noch nicht dran. Auf diese zwei verrufenen Gemeinden wird wahrscheinlich erst das fromme Beispiel wirken sollen. In Bezau ist ebenfalls, wie hier, nur aus andern Gründen, gegen die Ausschußwahl protestiert worden. Über unsere Wahl, oder doch über dies und jenes, denke ich in der Öster&shy;reichischen Gartenlaube Bericht zu erstatten, wenn ich einmal Zeit finde. Jetzt geht das freilich noch nicht, denn mein Roman, wenn er etwas werden soll, braucht den ganzen Menschen. Das ist auch der Grund, warum ich noch immer nicht an die Gespräche gekommen bin, die sich nicht mit wenigen Federstrichen abtun lassen. Ich müßte mich vorerst wieder in einen etwas andern Gedankenkreis hineinleben, sollte wohl auch noch manches lesen, damit ich mich so frei bewegte, wie wenn ich in einer gleichsam selbst geschaffenen Welt mich bewege.</p> <p>Ich denke, Dir den Roman noch vor dem Frühling zur Durch&shy;sicht übersenden zu können, doch muß ich noch so viel glätten, feilen und ins richtige Licht stellen, daß etwas Bestimmtes sich noch gar nicht sagen läßt. Jedenfalls werde ich etwas freier, sobald ich wenigstens mit dem Entwurf zum Abschluß gelangt bin. Der aber und die Korrespondenz lassen mir jetzt nicht einmal mehr Zeit, ordentlich meine Zeitungen zu lesen. Ich wüßte nicht, wie ich es machen sollte, wenn ich auch noch die Stallarbeit zu verrichten hätte. Für die aber ist zum Glücke der Knecht da, und ich gönne mir zuweilen ein Glas Bier und ein Viertelstündchen zur Erholung. Die Gesellschaft könnte freilich besser sein, das fühle ich seit Leipzig viel schmerzlicher als vorher. Doch das hat wieder das Gute, daß man sich nachher bei seinen Büchern umso behag&shy;licher fühlt.</p> <p>Das von Dir Gewünschte schicke ich hier mit Dank zurück. Entschuldige mich, daß ich nicht schon früher darauf gedacht habe. Es gab so viel zu tun, zu sinnen in der letzten Zeit, daß ich manches Nötige nur zu lange liegen ließ. Vielleicht ist es möglich, hier eine Vereinssennerei zu gründen, viel Hoffnung hab ich nicht. Moosbrugger in Schnepfau läßt keinen Schritt des Vereins unbeachtet und unbekrittelt. Der Uhrenmacher ist nun ein Ehemann. Rüscher hat ihm auch nicht ein Hin&shy;dernis in den Weg gelegt. Die Frommen hat das sehr geärgert, denn die scheinen nach ihren Reden weiß Gott was alles erwartet zu haben. Die Liebeszeichen denke ich Dir zu schicken, sobald Pius, dem ich sie zum Zeitvertreib brachte, damit fertig ist. Ich denke, daß er sich dabei nicht übel unterhalten wird.</p> <p>Deiner Therese herzlichen Glückwunsch zu Nr. 4. Der Isabell freundlichen Gruß. Strolzo Thresel habe das Haus an den Bruder verkauft und nun habe der mit einer Alberschwen&shy;derin drauf geheiratet. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund</p> <p>F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Bier Liebeszeichen Moosbrugger Schnepfau Reich und Arm Thu, 28 Nov 2013 08:00:00 +0000 st 438 at http://felderbriefe.at