felderbriefe.at - Heilsgeschäfte http://felderbriefe.at/taxonomy/term/492/0 de VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-34 <div><span class="date-display-single">12. Oktober 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund,</p> <p>Ich muß mich doch noch heute, am Sonnabend Nachmittag, wider meine Sitte darüber machen, Dir endlich zu schreiben, damit der Bot den Brief am Dienstag mit in Bäzou abholen kann; Du weißt daß ich sonst nur Sonntags ans Schreiben komme. Ist denn aber Eure tägliche Post noch nicht einge&shy;richtet? sie sollte es ja doch sein um diese Zeit? Gib mir doch darüber Nachricht, sobald es geschehen ist, auch wer die Post überkommen hat - Du glaubst nicht, welches Ver&shy;gnügen es mir macht, in Gedanken in Eurem interessanten und doch so einfachen Thale zu leben und mit fortzuleben, mir ist das ein wolthuendes Gegengewicht gegen das ab&shy;stumpfende Bücher- und Schreibtischleben, ich habe die Bücher manchmal recht, recht satt - obwol ich darum noch nicht mit Kühen zu thun haben möchte, wie Du Armer. Reden möcht ich, oder in Ermangelung dessen selber Bücher schreiben von dem was mir den Kopf füllt und manchmal das Herz abdrücken will, daß es besser werde in der Welt nach dem Ideal zu, das mir so klar vor der Seele steht. Hast Du meinen Aufsatz noch nicht wieder? und noch nicht ge&shy;lesen? Ich habe hier schon manche begeisterte Zustimmung gefunden.</p> <p>Doch zu Dir. Die Anfeindung beginnt also aufs neue! Gott es wäre doch besser, Du könntest aus den elenden klein&shy;lichen Verhältnissen herauskommen - wenns nur möglich wäre! In Halle, wo ich vom 30. Sept - 3. Oct. vier bewegte Tage verlebt habe, wie Du richtig geraten hast - in Halle war die Rede davon (mitten im Trubel von Hunderten wein&shy;launiger Gelehrten) zwischen mir und Frau Prof. Gosche, die eine warme Freundin von Dir ist, NB. eine Berlinerin, eine geistvolle Frau. Sie war entschieden der Meinung, Du müß&shy;test wenigstens ein Jahr lang einmal in einer Universitätsstadt Deine Bildung ergänzen, und erbot sich sogar, für diesen Fall in Halle Dir allerlei Förderung zu verschaffen. Kürzlich äußerte auch Prof. Overbeck hier Ähnliches mit großer Wärme und bot mir seine Mitwirkung durch seine Feder in öffentlichen Blättern an, wenn es nötig werden sollte. Aber das gute Wible wird erschrecken über solche Gedanken - es ist nur gut, daß es eben das Wible ist. Du bist einmal ein halbes Schmerzenskind - ach Gott ich aber auch. Mir in meiner Wörterbuchslage soll übrigens jetzt Hülfe werden vom Norddeutschen Bunde aus, das ist in Halle von der alt&shy;deutschen Section beschlossen worden, d. h. Bismarck um staatliche Unterstützung des Wörterbuchs anzugehen. Gott gebe seinen Segen dazu! Ich freilich möchte vom Wörterbuch los, möchte endlich andere Dinge machen! Wie stehts denn mit der Wiener Sammlung für Dich? Hast Du von Meyern nichts darüber gehört? Überhaupt hast Du mir von ihm, ob Du ihn gesprochen usw., gar nichts geschrieben, auch nicht ob Du in Bregenz Baier (so hieß er wol) und Seifertitz be&shy;sucht hast. Dein erster Brief war recht dürr und kalt, ich er&shy;schrak fast drüber. Nichts Genaueres von Deiner Rückfahrt, die mir, die uns solche Sorgen machte, nachdem ich zumal erfuhr (aus einem ankommenden Briefe) daß der Uhrmacher Felder nicht in München war. Ist denn das Ausbleiben Deiner Briefe aufgeklärt? Da sollte man doch wahrlich an Unter&shy;schlagung denken. Und hast Du Deine Harmonika glücklich durchgebracht? und die Kiste? Wie viel haben wir hier in jenen Tagen an Dich und an das alles gedacht, mit sorglich&shy;ster Spannung dem ersten Briefe entgegen gesehen, und der Brief klang dann genau wie von Einem, der großer Reisen schon seit Jahren gewohnt wäre. Ich schmollte wirklich ein wenig mit Dir, aber nur ein wenig, ä bitzle. Von den Sonderlingen ist augenblicklich alles still, auch von einer 2. Auflage - die Welt ist eben die stumpfe Welt und will langsam gewonnen sein. Auf die gedruckten Liebeszei&shy;chen freue ich mich, mich verdrießt aber noch daß sie Hirzel nicht nahm. Auch mit Deinen Heilsgeschäften hab ich Verdruß gehabt. Kurz nach Deiner Abreise kam ein Brief von Keil, er könnte sie so wie sie wären nicht drucken, sie wären unverständlich, das Wichtigste wäre oft so gesagt, daß es wie künstlich versteckt wäre statt ausgesprochen. Ich gieng hin, nahm das als Corectur schon ganz Gedruckte mit nach Hause, um es zu prüfen, und fand denn wirklich bei ge&shy;nauem kritischen Durchgehen, daß Du wirklich an nicht wenigen Stellen gar zu wenig für das Verständniß des Nicht&shy;bregenzerwälder geschrieben hattest, ja daß Du im Stil hier und da wieder einmal - mit Verlaub gesagt - Dich zu sehr hattest gehen lassen, wie damals in dem 2. Theil des Grenz&shy;botenaufsatzes. Manches war in Deiner Fassung wirklich eigentlich nicht zu verstehen, nur zu rathen, die erklärenden Einzelheiten standen manchmal erst hinter dem, was dadurch erklärt und verständlich wurde. So setzte ich mich denn Sonn&shy;tags hin und suchte das Verfehlte einzurenken und das Dunkle klar zu machen, immer mit Gewissensbissen ob ich auch recht daran thäte, und voll Ärger über die Gartenlaube. Dann trug ichs wieder hin, traf aber statt Keils nur sein Fac&shy;totum, einen gewissen Schaube, der in dem Zimmer hinter ihm sitzt und der eigentliche Macher im Gartenlaubenstil ist. Er trat mir ziemlich kühl entgegen, war auf Deinen Stil gar nicht gut zu sprechen, ich erwiderte ihm entschieden, es wurde ein Gespräch über den Gartenlaubenstil überhaupt daraus, in dem er geradezu zugab, daß er für denkfaule Leser berechnet sei und darum prickelnd sein müßte (er brauchte selbst diese Worte); für die höhere Aufgabe, das Publicum zu erziehen, hatte er gar kein Gehör. Wir schieden nicht etwa in einer gegenseitigen Verstimmung, aber der Aufsatz kommt nicht und kommt nicht, und es ist doch nun schon 6 Wochen her. Ich habe auch immer noch Bedenken, ob es gut gethan ist, diese Dinge in einem Protestant. Blatte dieser Farbe vorzutragen.</p> <p>Neugierig bin ich auf den Ausfall Eurer Wahlen, und auf Rüschers Angesicht, und auf den Ausfall des Concordats&shy;kampfes in Wien und des Kampfes im Kirchenstaate - ich kann meine Ungeduld kaum bändigen und dächte, Ihr dort müßtet Euch auch vor Ungeduld nicht fassen können! Eure Wiener und die Rothhemden unten stehen jetzt an der Spitze der Menschheitsbewegung, sie stehn recht eigentlich auf der Bresche der uralten Feindesburg, und die ganze Welt sieht ruhig zu wie die Leute für sie bluten.</p> <p>Kannst Du uns nicht das herrliche Spottgedicht auf Dich ab&shy;schriftlich verschaffen? mir hätte es noch mehr als bloß per&shy;sönliches Interesse. Halt Dich tapfer, sorge für Deine Ge&shy;sundheit (halt vor allem Wort mit dem Heu und Holzziehen), grüß mir Dein Wible und Deine gute Mutter (meine liegt noch immer), den Uhrmacher, die Rößliwirthin, das Döcterle usw. usw.</p> <p>Dein treuer R. Hildebrand</p> <p>Ist das richtig, daß bei Euch eine Knutt auch ein dickes Weib bezeichnet? Ich kann eine Notiz von Dir nur so verstehen. &shy;Bei uns fielen heute die ersten Schneeflocken in die noch grünen Bäume, mit Regen gemischt, in unserm Erzgebirge liegt aber schon fußhoher Schnee, bei Euch vermutlich auch, hat doch Prinz Luitpold des Schnees wegen in Oberstorf die Gemsjagd aufgeben müssen!</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Heilsgeschäfte Liebeszeichen Spottgedicht Wetter Sat, 12 Oct 2013 07:00:00 +0000 st 421 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-38 <div><span class="date-display-single">25. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Mit tiefer Bewegung hab ich heut Ihr mir so werthes Schrei­ben gelesen und danke Ihnen von Herzen für alles was aus jeder Zeile, jedem Worte herausspricht und mir sagt, daß nicht nur Gott keinen Deutschen verläßt sondern daß es auch die Deutschen selbst nicht thun, wenn es gilt für eine große Sache einzustehen die des Schweises und Blutes der Edelsten und Besten werth wäre. Die Zeit des Martirerthums ist denn aber doch so ziemlich vorbei, das hab ich am letzten Sonntag in Feldkirch erfahren. Ich wurde recht freundlich aufgenom­men und die Hände drückten sich mir daß ich hätte jubeln mögen. Ich hab auch dort, und nicht vergebens den Geist unseres Jahrhunderts angerufen. Die von Moosbrugger ab­gegebene Erklärung in der Feldkircher Zeitung werden Sie wol schon erhalten haben.</p> <p>Und was nun? fragen auch Sie vielleicht leider durch meinen Brief mehrbeunruhiget als die Gemeinheit meiner Gegner ver­dient. Ich meine: Vor Allem abwarten und einstweilen - nicht länger als nötig hier bleiben wo man es mir an nichts fehlen läßt. Vielleicht wird auf Moosbruggers Erklärung strenge Un­tersuchung eingeleitet, in diesem Fall ist eine Versetzung Rüschers unseres Pfarrers ziemlich gewiß und gäbe sich dann alles wieder von selbst. Das Volk darf nur sehen was man wollte und wie man es angieng, dann stehen wieder alle so auf meiner Seite wie viele, ja die Meisten schon jetzt. Ich bin noch nicht erlegen, sondern nur vor den rohesten Fanatikern gewichen. Weiter fort aber kann ich jetzt nicht, denn bei einer Untersuchung dürfte ich natürlich nicht fehlen. Ich habe schon angefangen, zu diesem Zwecke das wichtigste kurz zu­sammenzustellen und werde Ihnen vielleicht nächstens über­senden. „Erst wenn wieder alles Erwarten weder die Geistliche noch die weltliche Regierung einschreiten sollte", sagt der Schwager „erst dann könnte es gebothen sein sich an Beust zu wenden." In 8 Tagen kann sich viel geändert haben, be­sonders da jetzt die Feldarbeit allen Geschwätzen ein Ende macht. Ich denke sogar an baldige Rückkehr, werde aber natürlich auf ein Schreiben des Gemeindevorstehers warten, der treu zu mir hält. Sobald unser Pfarrer und seine Helfer von den Leuten gehörig gekannt und gewürdiget werden, hab ich sogar in Schnepfau nichts mehr zu fürchten. Ich muß Ihnen nämlich bemerken, daß Schoppernau und Au besser gehalten haben, als es bei der niederträchtigen Aufhetzerei zu erwarten war. Aber daß Sie an unsern Pfarrer zu schreiben vorschlagen, das beweist, daß Sie sich gar kein Bild von so einem - Menschen machen können. Zwei Tage vor meiner Flucht war ich mit dem Vorsteher und dem angesehensten Bürger bei ihm. (Ohne Zeugen mag ich mit solchen - Leuten, deren heiligem Rock man immer wieder glaubt - gar nicht reden.) Er jagte wüthend meine Begleiter fort. Ich aber mußte bleiben und dem Mann einmal zuhören. Um der Meinen Willen wollte ich noch fast um jeden Preis einen Friedens­schluß versuchen. Nach langem Hin- und Herreden sagte er: Ich habe nichts gegen Sie sondern nur gegen Ihre Grundsätze. „Gegen welche?!?"</p> <p>„Nun gut" sagte der Pfarrer „Es ist ein Glück, wenn Ihr gute Grundsätze habt."</p> <p>Als ich ihm nachwies, daß er über mich gelogen was ich durch viele Zeugen beweisen kann, da sagte er, es sei gut für mich wenn es gelogen sei. Ich forderte nur einen sehr gemäßigten, ihm selbst gar nicht angehenden Wiederruf, wie man ihn schon dem schechtesten Kerl gethan hat, da sagte er: Wegen Euch!? Wegen Ihnen thut man gar nichts. Und dieser - ist Hirt von 500 Seelen will der erste Mann in einer anständigen Gemeinde sein. Mir stieg die Sache gewaltig zu Kopfe und ich hätte fliehen müssen, wenn auch nicht des Pfarrers Vater zu Einigen gesagt hätte: Bei ihm daheim wäre man mit so einem wie mit dem Felder gar bald fertig sein man thät und hier werde man schon auch fertig werden. Meine Freunde warnten mich nicht mehr zu weit alein oder bei Nacht zu gehen, denn Einzelne seien gegen den Einzelnen stark genug wenn auch alle Tüchtigen mir unterdessen daheim in der Stube recht gäben.</p> <p>Das alles und noch viel trieb mich zur Flucht; Schuld daran ist: Die Klarstellung die Leihbibliothek, die Alianz mit mehreren Gegnern der Brixner, Schuld ist daß ich die Presse und die Feldkircherin lese, Schuld sind die noch nicht einmal erschienenen von Pater Beda - gestohlenen Ge­spräche, die auch Ihnen noch im Gedächtnisse sein werden und Schuld ist, daß die frommen Herren alles gegen mich anwenden, um mich hier zu untergraben seit ich anderwärts - Boden zu gewinnen anfange. Ihr Artikel und die Sonder­linge können meines Wissens noch nichts zur Sache gethan haben. Und wenn auch! Hier behaglich sicher, und um man­che Erfahrung reicher, segne ich das Ereigniß welches diesen Kampf hervorrief. Die Wahrheit und das Recht müssen end­lich siegen dann werden die nur zu guten Leute ihre Hirten kennen lernen. Gönnen Sie der wakern Gemeinde das Glück, einen tüchtigen Pfarrer zu bekommen! Gönnen Sie ihr auch den Schluß der Sonderlinge. Aber Ihren Reiseplan sollten Sie doch nicht schon jetzt aufgeben. Das thäte mir wahrhaftig weh und Schoppernau und Au haben das nicht verdient. Doch hierüber hoffe ich Ihnen schon bald aus meiner ge­säuberten Gemeinde schreiben zu können. Ich habe jeden­falls ungemeine Lust, Ihrer so freundlichen Einladung zu einem Besuch nach Leipzig zu folgen. Daß ich, der überall Fremde, am liebsten mit Ihnen gehen möchte können Sie sich denken drum schicke ich heute hier auch das Wible mit. Es bittet Sie, doch auch seinen Wunsch zu erfüllen und Ihr Versprechen zu halten. Es ist wieder glücklich zu Hause an­gelangt und schickt Ihnen und den werthen Ihrigen seine herzlichsten Grüße. Auch Moosbrugger läßt Sie herzlich grü­ßen und Ihnen sagen Sie sollten einstweilen nur unbesorgt sein, wenn erst die Sache gehörig öffentlich sei, könne uns der Sieg nicht mehr fehlen. Er liest jetzt die Sonderlinge die ihm besser zusagen als dies sonst bei Romanen der Fall. Es würde mich freuen, in meiner Verbannung wieder ein Brieflein von Ihnen zu erhalten. Auch ich werde wol bald wieder bei Ihnen anklopfen da ich zum Plaudern oft auf­gelegter als zum Schriftstellern bin.</p> <p>Bei den Heilsgeschäften kommt mir nur der Eingang etwas zu breit vor, vielleicht ließe sich etwas streichen. Wenn Keil sie nicht will, so wird sich wol noch ein Anderer finden. Auch in der Europa hätten sie einen hübschen Platz und etwas Honorar wird da wol auch gezahlt werden. Mit der Richtung der Gartenlaube im großen und Ganzen würde ich doch nicht einverstanden sein, da ich es nicht mit dem Katholicis­mus, sondern einstweilen nur mit einer Rüschenade und viel­leicht mit Brixen zu thun habe. Wie gehts den Sonderlingenf?] Ich hoffe Ihnen bald recht Erfreuliches schreiben zu können. Mit herzlichstem Gruß Ihr Plaggeist</p> <p>Franz Michel Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bludenz Rudolf Hildebrand Besuch Heilsgeschäfte Katholizismus Rüscher felderbriefe.at newsletter Sat, 25 May 2013 07:00:00 +0000 st 378 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-37 <div><span class="date-display-single">19. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Gestern Vormittag hab ich Ihren Brief mit sammt den mir so werthen Beilagen erhalten, mich auch den ganzen Tag daran gefreut und doch komme ich erst heute zum Antworten. Doch heute kann ich Ihnen etwas Erfreuliches melden. Auf Anordnung der k.k. Staatsanwaltschaft wurde ich gestern ins Verhör genommen oder eigentlich gebethen. Es wird nun eine strenge Untersuchung eingeleitet wie wir es hofften und die Schwarzen müßten, was ich als guter Christ nicht glauben darf, den Teufel im Leib haben, wenn sie dießmal wenn auch nicht den verdienten so denn doch wenigstens einen ordentlichen Denkzettel davon trügen. Ich hab also nicht umsonst gerufen. Hier kommt mir das Gesetz und von Leip­zig aus durch Ihre Vermittelung der Geist unseresjahrhunderts zu Hülfe, wie ichs so nötig brauchte.</p> <p>Ein herrlicher Morgen grüßt heute dem Schöpfer seine Ge­schöpfe. Herrlich und groß steigt die Sonne über die Berge meiner verlassenen Heimath herauf, vor meinem Fenster ju­beln die Vögel denen im Baumwäldchen die Antwort zurük. Ich wollte daß auch meine Antwort auf Ihren letzten Brief so ein Jubelruf wäre und nicht nur auf einem Blatt Papier ein schwarzer Gruß an Sie und den wakern Kreis, in den zu gehören und den kennen zu lernen immer mehr mein Her­zenswunsch wird. So viel Theilnahme hätt ich nimmer ver­muthet, aber hier ferne von Weib und Kindern, ausgeworfen von den unglücklichen Werkzeugen einer finstern Macht, denen ich helfen, die ich retten wollte, thaten Ihre Briefe und die Beilagen mir wunderbar wol und ich muß wieder auf eine früher ausgesprochene Ansicht zurückkommen, daß das Böse nicht nur in die Dichtung, sondern wie wir nun einmal sind, auch ins Leben, in unsere Alltäglichkeit hinein gehört und das Beste und Größte an uns und ändern uns zum Be­wußtsein bringt.</p> <p>Von der nun eingeleiteten Untersuchung hoffe ich wie ge­sagt viel Gutes für mich und noch mehr für meine Landsleute. Die Geistlichen konnten mich untergraben, weil ihnen das gutmüthige Volk mehr Vertrauen schenkt als sie verdienen, nun aber die Regierung mein Recht und das Unrecht der Ersteren „klarstellen" wird, muß das meinen Landsleuten sehr viel zu denken geben und die Geschichte kann leicht fürs ganze Land und noch darüber hinaus von der wohlthätigsten Wirkung sein. Die Bregenzerwälder sind auf ähnliche Weise schon zu erstaunlichen Nutzanwendungen gekommen. Ich war lang nie so froh wie gestern und heute. Bin ich auch fern von meinen Kindern, so weiß ich sie ja durch das da­heim glücklich wieder angekommene Wible gehörig versorgt und auch die Feldarbeit wird nicht ungethan bleiben. So kann der Bauer der Hausvater und Volksfreund sich beruhi­gen! Der Dichter aber sieht durch Sie sich eine Bahn eröffnet, auf die er sich nie zu träumen wagte, den von Freitag ge­wünschten Aufsatz hab ich in der Weise, die Sie vorschlugen, mich schon auszuführen entschlossen und werde mich daran wagen, sobald ich mich in der rechten Stimmung fühle, was jetzt wieder leicht der Fall sein wird. Mit den Heilsgeschäften machen Sie was Ihnen gut dünkt. Ich möchte den Aufsatz nicht ungern gedruckt sehen und bitte mir ihn zuzusenden. Wegen dem niedrigem Honorar machen Sie sich ja keine Sorgen. Ich kenne manchen, der ein hohes Honorar be­kommt und mit dem ich doch nicht tauschen möchte. Recht gefreut hat mich auch das beigelegte Gedicht und meinem Schwager war es eine Feststunde, in der ich es ihm gab. „Laß krähen nur die Raben!" hörte ich ihn seit damahls mehrmahls ausrufen wenn wir auf unsern Spaziergängen über die Erleb­nisse der letzten Monathe redeten. Am 13 Maj hatte ich einen trüben Tag. Ich sorgte um das Wible, von dem ich wider Er­warten noch keinen Bericht über seine Heimkehr und das Befinden der Meinigen erhalten hatte. Und wenn mir einmal etwas das graue Glas aufs Auge legt, so sehe ich, besonders wenn mein Himmel so trüb ist wie damahls, nur zu leicht alles ein wenig grau. Drum hab ich, und das bitte ich Sie dem Germanisten Club zu sagen, meinen Geburtstag gestern gefeiert, als die werthe Zusendung und eine amtliche Ein­ladung zum Verhör fast in derselben Minute ankamen. Mei­nen neuen Geburtstag vor einem neuen Leben. Mein Vetter, der Franzose von dem ich Ihnen früher schrieb, hat mir ge­meldet, daß Pfarrer Rüscher ihn von der Kirche ausschließen lassen will weil er um Ostern seinen Beichtschein nicht ab­lieferte. Vom Wible hoffe ich Morgen Nachrichten aus der Heimath zu bekommen, wo jetzt alles recht hübsch und lustig sein muß. Hier ist man freundlich gegen mich, aber wenn mein Schwager nicht da wäre, so möchte ich denn doch nicht lange hier bleiben. In Bludenz besteht die sg gute Gesell­schaft aus lauter Geschäftsleuten, das sg gemeine Volk steht hinter meinen Landsleuten, wenn das hie und da einem auf den ersten Blick auch nicht so vorkommen wollte. Abends wird fast in allen bessern Wirthshäusern von Doktoren Beam­ten und Krämern gespielt und ich habe dann das Vergnügen, den dabei entstehenden Streitigkeiten zuzuhören. Nun ganz uninteressant ist auch das nicht denn die Leute haben doch trotz allem „städtischen" noch so viel Ursprüngliches, daß jeder sich kräftig und auf seine Weise ausspricht. Der Tag meiner Heimreise kann jetzt noch nicht bestimmt werden, vielleicht werden Sie bis dahin noch manchen Brief von mir erhalten jedenfalls gedenke ich die Einleitung der Unter­suchung abzuwarten. Haben Sie also meinetwegen keine Sor­gen. Hirzels Banknoten sind zur rechten Zeit gekommen. Ihnen hab ichs zu danken, daß es mich nicht gar zu sehr friert, wenn ich über die Gasse gehe; nach der Ansicht sollen näm­lich die Banknoten trotzdem sie dünn sind, den Wanderer warm erhalten. Hirzel schickte mir bairisches Geld welches ich nicht nur ohne Schaden, sondern sogar vortheilhaft aus­wechseln konnte. Es ist also einstweilen alles gut. Zum Zeitver­treib kann ich in den Büchern lesen, die ich von einigen neuen Bekannten erhalten habe. Dann kritzle ich wieder an meinem Roman, oder ich setze mich hin und schreibe an Sie liebster Freund! dem ich jetzt immer wieder etwas zu sagen hätte. Herrn Flügel und den Ändern werde ich in der Woche einmal schreiben und den Brief an Sie übersenden. Bis dahin geben Sie allen in meinem Nahmen die Versicherung daß ich, dank Ihnen, meinen neuen Geburtstag froh feierte. Und nun leben Sie wohl liebster Freund und verzeihen Sie es mir, daß ich Ihnen in letzter Zeit so viele Sorgen machte. Mit Brudergruß und Handschlag</p> <p>Ihr</p> <p>Franz Michael Felder</p> <p>Nachmittags 5 Uhr</p> <p>Nicht umsonst hab ich, in der Hoffnung, daß noch etwas ge­schehen könnte, mit dem Schluß des Briefes über Mittag ge­wartet. Ich wurde vom k. k. Staatsanwalt benachrichtigt, daß eine Untersuchung bereits im Zug ist und ich glaube daher der kommenden Woche froh entgegen sehen zu dürfen.</p> <p>Die beiliegende Arbeit ist nicht so umfangreich als sie auf den ersten Anblick scheint: in meinem Entwurf ist der 2te Theil um keinen halben Bogen - breiter als der Erste, aber vielleicht doch schon zu breit? In diesem Fall bitte ich mir nur schonungslos zu streichen, was Ihnen nicht gefallen will, und wenn dann auch gar nichts mehr bleiben sollte. Noch muß ich Ihnen sagen daß Ihnen frei steht die Heilsgeschäfte und ähnliches Gmüdor unterzubringen wie und wo Sie wol­len. Ich überlasse Ihnen das mit Freuden und wünsche nur Ihnen recht viel Schönes u Erfreuliches überlassen zu können. Mit herzlichen Grüßen auch vom Schwager</p> <p>Ihr Freund FM Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bludenz Rudolf Hildebrand Bludenzer Geburtstag Heilsgeschäfte Teufel Verhör felderbriefe.at newsletter Sun, 19 May 2013 07:00:00 +0000 st 380 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-28 <div><span class="date-display-single">12. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund, Sie tapferer Kämpfer und ­Märtyrer für die heiligsten Angelegenheiten der Zeit, Trost brauch ich Ihnen nicht zu geben, den finden Sie in sich selbst genug, und es ist wol auch ganz überflüssig wenn ich Ihnen sagen wollte, daß Sie unmöglich glauben konnten, Ihr Einfluß reiche schon weit genug, daß er, wenns zum Treffen kam, dem Einflüsse der Kirche, dieses uralten, tief gegrün­deten Gebäus, die Wage halten konnte. Die Gebildeten und Studirten gehen ruhig um dieß Gebäu herum oder mit Heu­chelgebärde mitten hindurch. Sie allein konnten es unmög­lich über den Haufen rennen mit dem bloßen Hauche des Geistes. Sie werden sich sicher nicht entmuthigen lassen, und wenns möglich wäre, den Kampf auf ein größeres Kampffeld zu versetzen, dann möchte ich mit Ihnen in den Kampf ein­treten, wenns meinen Wünschen nachgienge. Das ist mir das Bewunderungswürdigste an Ihren Sonderlingen, daß Sie die brennende religiöse Frage in die Hand nahmen, und wie geschickt und wirksam - und gewiß die Wirkung wird nicht ganz verloren gehen.</p> <p>Doch das ist jetzt nicht die Hauptsache. Jetzt gehen Sie selbst vor. Ich danke Ihnen, daß Sie zunächst der Faust gewichen sind, nicht nutzlose Tapferkeit gezeigt haben; auch dank ich dem Geschicke und Ihrem trefflichen Schwager, dem ich meine Hochachtung zu bezeigen bitte, daß sie Ihnen eine nahe Zuflucht gewähren. Höchsten Dank auch Ihrem braven Wible, der Heldin, der ich gleichfalls meine Hochachtung und Bewunderung ausspreche zugleich im Namen meiner Freunde hier. Ich gäbe was drum, wenn ich Sie beide hätte können wandern sehen, von oben, oder lieber von innen, wie es Gott sehen müßte; was muß das gute Wible gelitten haben! gewiß mehr als sie Ihnen selbst hat merken lassen! ­Aber was nun? Welche Hülfe brauchen Sie? Ich kenne die Verhältnisse zu wenig, um ermessen zu können, was von einem etwaigen Frieden, den Sie dort schließen könnten, auf die Dauer zu halten ist? Meiner Ahnung nach dürfte ein Frieden und ein Bleiben für Sie auf die Dauer unmöglich sein. Ich verspreche Ihnen für den Fall alle mögliche Hülfe, die ich hier etwa beschaffen kann; wie weit die freilich grei­fen würde, kann ich jetzt selbst noch nicht ermessen. Aber am Einsetzen aller meiner Kraft für Sie, und aller Ausdauer und Zähigkeit solls Ihnen nicht fehlen, mir ist augenblicklich nichts heiliger als Ihre Angelegenheit.</p> <p>Wie wärs, wenn Sie jetzt von Bludenz, her nach Leipzig kämen? Wenn Sie das Reisegeld Ihren Kindern nicht entzie­hen können, so nehmen Sie es als kleine Gabe für die Lebens­freude, die ich Ihnen verdanke, von mir an-falls Sie irgend von einem Besuche Leipzigs jetzt etwas für sich erwarten, und wäre es nur Trost und Zuversicht, so beschwöre ich Sie im Namen unsrer Freundschaft, seien Sie hochherzig und schreiben Sie die Reisekosten auf Ihres Freundes Rechnung­ich werde jauchzen in meiner Arbeitsstube, wenn ich lesen sollte, daß Sie kommen. Zudem ist auf meinen Besuch in Schoppernau nun wol nicht mehr zu rechnen, ich wäre wol dort ebenso gefährdet wie Sie, meine Frau denkt das schon lange. Sie wären hier mein Gast und könnten bleiben so lange Sie wollten.</p> <p>Ich erhielt Ihren Brief gestern Abend um 6, las ihn im Garten zuerst, meine Frau und mein Hugo dabei stehend-wir konn­ten alle drei die Thränen nicht halten. Dann hab ich ihn noch­mals gelesen mit einem Freunde, der zugleich zu Ihren innig­sten Verehrern gehört, der gab mir den ersten Trost. Dann lief ich damit zu Hirzeln, der war sehr bewegt, bat sich den Brief aus und hat ihn bis heute Mittag behalten. Von da gieng ich zu meinem Rector, Prof. Eckstein, der zugleich Meister vom Stuhl in der Freimaurerloge ist und neulich vor ein paar hundert Freimaurern einen Vortrag über Ihre Sonderlinge in der Loge gehalten hat; er sagte mir, im Nothfall sollte Ihnen die Hülfe der Freimaurer nicht fehlen, er ist sehr erwärmt für Sie. Heute früh war ich auch bei Keil, fand ihn freilich etwas kühl, er nahm Ihre Flucht mehr wie eine Zeitungsmerk­würdigkeit hin, ließ aber dann auch Worte fallen von etwai­ger Beihülfe seinerseits. Ihre Heilsgeschäfte erwähnte ich da­bei gegen ihn, aber er zeigte sich nicht sehr begierig, die alte Wärme für Sie ist bei ihm offenbar verraucht. Ich fürchte, auch die Heilsgeschäfte würden das Schicksal des Tannbergs haben. Erst wenn Ihre Sonderlinge in Blättern gepriesen wür­den, könnte ich wieder den Muth haben, sie ihm anzubieten; sie kommen mir übrigens auch etwas zu gedehnt vor in eini­gen Partien und ohne recht kräftigen Abschluß. Keil rieth mir übrigens, ich sollte in Ihrer Angelegenheit mich geradezu an Minister Beust wenden, was meinen Sie dazu? Ich wills gern thun, wenns was nützt. Wollen Sie nicht an Baron Seiffertitz gehen? brieflich oder persönlich? Mir fiel auch im Bette ein, ob ich mich etwa brieflich an Ihren Pfarrer wenden könnte? versöhnlich, verständigend, mahnend, was meinen Sie dazu? Hirzel sprach von der Öffentlichkeit, an die man appellieren sollte, Keil wollte eine Erzählung Ihrer Flucht, mit den Gründen derselben, gern in die Gartenlaube nehmen. Aber die Hauptfrage ist ja, ob Sie Frieden machen können mit Ihrer Gemeinde, und wenn das möglich ist, daß der dann durch nichts gestört wird. Ich wollte, ich wäre ein reicher Mann und könnte Sie mit den Ihrigen ganz hierher nach Leipzig ziehn, daß wir an Ihrer Aufgabe zusammen weiter arbeiteten.</p> <p>Ihre Äußerungen über Ihre Ästhetik waren mir sehr ange­nehm, sie ist die rechte, die beste, und wenn Sie das Ge­schwätz nennen, so schwätzen Sie ja so weiter, mir ist jedes Wort Gold das von Ihnen kommt.</p> <p>Nun denn, frischen Muth, Braver, ich ahne daß auch diese furchtbare Erfahrung Ihnen und Ihrer Sache nur zum Segen ausgehen wird. Mit herzlichstem Händedruck und innigen Grüßen, auch für Ihren Schwager und Ihr Wible</p> <p>Ihr treuer R. Hildebrand</p> <p>Was hat denn eigentlich dem Fasse den Boden ausgestoßen? mein Aufsatz über Sie? bitte geben Sie mir das bestimmt an, überhaupt wäre mir Genaueres über den Vorgang sehr will­kommen. - Sehr gefreut haben mich die Grüße von dem Arzt und von Feuerstein, sagen Sie ihnen das wenn Sie können, und grüßen Sie wieder.</p> <p>NB. Wenn Sie etwa kommen, so machen Sie sich wegen Ihrer Toilette nicht etwa die geringste Sorge, Sie glauben nicht wie unnöthig das ist gerade in einer großen Stadt. Verzeihung für die kleine und kleinliche Sorge. Eine Paßkarte können Sie wol in Bludenz bekommen, aber Sie kommen wol auch ohne die fort.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Flucht Freimaurer Heilsgeschäfte Kirche Reise auf den Tannberg Sonderlinge felderbriefe.at newsletter Sun, 12 May 2013 07:00:00 +0000 st 377 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-95 <div><span class="date-display-single">4. April 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>In den letzten Wochen haben dichterische Arbeiten und die immer wachsende norddeutsche Korrespondenz mich ganz in Anspruch genommen. Auch heut muß noch manches getan werden und ich habe nur Zeit, ein wenig aufzuräumen. Der erwähnte Pater hat in Au gegen meine Gespräche gepredigt, da er sie wohl nun erschienen wähnte. Das geht aber nicht so schnell. Ich glaube, jetzt wäre zur Veröffentlichung nicht die rechte Zeit, und H. Kunz hab ich, beiliegenden Brief beantwortend, ersucht, mir die Handschrift zu schicken. Je­denfalls werde ich erst die verpredigten Stellen ändern oder mit einer Anmerkung versehen. Die Schwarzen sind noch ärger auf mir, seit ihnen die Notiz in der Gartenlaube Nr. 10 eine Waffe gab. Die Stelle unter: Ein Autodidakt im ge­nannten Blatt ist von Keils eigener Hand. Ich bitte Dich, sie der Merkwürdigkeit wegen zu lesen. Keil hat sich schon vor längerer Zeit an mich gewendet und mich - ein hübsches Honorar versprechend - zur Mitarbeiterschaft eingeladen. Es war also gut, daß Hildebrand den Tannbergeraufsatz noch behielt, denn ich stehe viel besser, da Keil den ersten Schritt mir entgegen machte. Nun befindet sich die Zeichnung zu meinem Aufsatz beim Holzschneider und wird nächstens erscheinen. Die letzten Briefe aus Leipzig eröffnen mir eine schönere Zukunft, als ich sie mir je geträumt hätte. Mit diesem Briefe geht auch einer nach Leipzig ab, dessen Echo Du auch hier noch hören dürftest. Er enthält einen Artikel, der für die Gartenlaube bestimmt ist und ganz gewiß ange­nommen wird, nur hab ich gewünscht, noch ein wenig zu warten. Die Sonderlinge sind vermutlich schon fertig. Der zweite Band hat uns recht erbaut. Die Geistlichen arbeiten dem Roman in ihrer Weise vor. Du glaubst gar nicht, was alles sie über mich unter die Leute bringen, doch ich mag mich heute, von solchen Gemeinheiten erzählend, nicht um die gute Stimmung bringen. Feurstein hat mir vom Landtag berichtet, die Klarstellung hätte ohne den Zehnmillionenplan dem Ganahl nicht übel gefallen. Feurstein ist mit diesen Landesvertretern nicht besonders zufrieden, am wenigsten hat ihm der scheue, ängstliche Bickel gefallen, weil er von dem etwas erwartete. Seyffertitz liest jetzt meinen Lassalle, den ihm Feurstein gegeben, der letztere zeigte mir auch einen Brief, den ersterer - unter dem Eindruck der Broschüre über Verfassungswesen - schrieb: Es finden sich viele treffliche Schlagwörter, die auch bei uns angewendet werden könnten und müßten.</p> <p>Über die Klarstellung schrieb mir Hildebrand: Eine interes­sante Schrift, die mich mehr anspricht als die erste. Ihr Schwager muß auch ein Original sein und ein warmherziger Mensch.</p> <p>Mit der neuen Arbeit geht's langsam, aber es geht. Früher noch als diese scheint jetzt eine Novelle für die Gartenlaube fertig zu werden. Du wirst den Kopf schütteln und mich einen gemütelnden Duseler schelten. Aber warum immer nur stürmen und drängen? Meine Natur vertrüge das nicht. Zudem darf ich sogar im Interesse der Gleichberechtigung eine so schöne Stellung nicht aufgeben. Die Gartenlaube ist mir viel gewesen und es machte mich glücklich, wenn ich auch ihr etwas werden könnte, versäume also nicht, sie zuweilen durchzublättern und auch in der Nr. 3 den Artikel „Aus guter alter Zeit" oder doch dessen der Klarstellung verwandte Einleitung zu lesen. In den nächsten Wochen werde ich einmal nach Lindau kommen und dann auch das Wible mitlassen, es war noch nie dort. Der Uhrenmacher ist aus der Schweiz mit Werkzeugen u.d.gl. beladen „freudig" zu den - Wälderinnen zurückgekehrt. Er hat jetzt ein Ver­hältnis, das mir psychologisch sehr interessant ist, so daß ich froh bin, sein Vertrauter zu sein. Natter ist Soldat, wenn er tauglich befunden werden sollte. Du kannst der Isabell sagen, daß es in Schoppernau auch Sprengers Hans und Schnidarles Kaspar verspielt haben. Ich war am Spieltag in Bezau und hab unterm Volk und im Herrenstüble Studien gemacht, die Du noch verwertet finden wirst. Das gute Einvernehmen mit den Schoppernauern besteht noch trotz allem und allem. Die Bibliothek findet Zuspruch, daß man es nicht so erwarten konnte. Der Pfarrer läßt in der Kirche alles ruhen und arbeitet in den Wirtshäusern. Bisher mit dem gleichen Erfolge wie dort.</p> <p>Die Gespräche denke ich im Herbst zu veröffentlichen, wenn die Klasse, für die sie sind, wieder Zeit zum Lesen hat. Ich hoffe, daß Du einverstanden sein wirst? - Und nun noch Geschäftliches: Durch Bestellung eines großen Sammelwerkes komme ich in die Lage, den Goethe um ein ziemlich Billiges verkaufen zu können. Sollte Dir mit dem vielleicht gedient sein, so würde ich den Antrag unseres Doktors nicht an­nehmen. Mir wäre es fast lieb, wenn Du auch mal was Gemüt­liches in die Hände nähmest.</p> <p>Doch mein Platz ist bald aus und die Zeit auch. Leb wohl mit Gruß und Handschlag Dein gottloser, deutschkatholischer, blutroter, hochmütiger, verführerischer, verkommener, eigen­sinniger, arbeitsscheuer, vom protestantischen Gelde sich mästender, auf Kosten der Seele berühmter, mit Freimaurern verbündeter, von der Gartenlaube gelabter und verzogener - und honorierter Freund und Schwager</p> <p>Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Heilsgeschäfte Klasse Produktionsästhetik Reich und Arm Sonderlinge wichtiger Brief felderbriefe.at newsletter Thu, 04 Apr 2013 07:00:00 +0000 st 365 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-33 <div><span class="date-display-single">4. April 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Das letzte Mal sind wir so ziemlich zur gleichen Zeit am Schreibtisch gesessen und haben uns beinahe das Nämliche mitgetheilt. Wie viel würden wir uns mündlich in jenen fro­hen Stunden zu sagen gehabt haben! Ich freue mich so recht von Herzen auf den Sommer, der Sie zu mir lassen wird. Ich hoffe, daß Sie recht lange da bleiben werden. Keils Antrag macht es mir nun auch möglich, meinen Lieblingsplan, die Reise nach Leipzig auszuführen, ohne vielleicht Jahre lang auf eine zweite Auflage der Sonderlinge warten zu müssen. Ich hab in diesen Tagen so nebenbei ein Artikelchen über „Heilsgeschäfte" geschrieben und lege es, Sie um Ihr Urtheil bittend hier bei. Sollten Sie es für die Gartenlaube geeignet halten, so bitte ich, es später an Keil zu senden, wenn die Aufnahme des bis dahin von mir Erschienenen zur Veröffent­lichung desselben ermuntern sollten. Die bisher gekomme­nen Bogen der Sonderlinge haben wir mit Andacht gelesen und ich muß gestehen, daß ich mit mir selbst zufrieden bin. Seite 185 steht Bauerntrog statt Brunnentrog aber der Fehler ist so leicht zu bemerken, daß er kaum sinnstörend sein dürfte.</p> <p>Meinem Wible, das schon so manche Freude und auch trübe Stunden mit mir erlebte, hab ich längst versprochen, es ein­mal, sobald sichs schickt, nach Lindau mitzunehmen. Nun, da ich Keils Wunsch zu erfüllen entschlossen bin, wird es dazu Gelegenheit geben. In den nächsten Wochen einmal wenn der Schnee weg ist, wird Gott eines schönen Morgens das „wunderlichste Paar" von Schoppernau zum Dorfe hinaus­schreiten sehen. Eine Reise nach Lindau ist schon etwas! Viele, ja die Meisten Leute hier herum sind noch ihr Lebtag nie so weit gewesen. Sie werden in beiliegendem Aufsatz finden, wie man es machen muß, um nur einmal nach Rank­weil zu kommen. Ich werde jedoch nicht nur den Anfang des Frühlings erwarten, bevor ich gehe sondern auch das Er­scheinen der Sonderlinge. Diese werden von unsern Jung­brixnern etwas mürrisch erwartet. Unser Pfarrer thut alles um nicht nur mich, sondern auch meinen „Anhang" zu ver­ketzern. Man soll meinet wegen und wegen der Klarstellung schon an den Bischof geschrieben haben. Die Herren kennen mich so, daß sie mich für den Verfasser der genannten Schrift halten, besonders seit es dem Kloster in Bezau gelang, den Entwurf meiner Gespräche durch seine Werkzeuge heimlich wegzunehmen. Später nahmen die Kapuziner so bestimmt an, die „Gespräche" seien nun heraus, daß einer derselben am vorigen Sonntag schon von der Kanzel in Au dagegen don­nerte und den Auern befahl, das Buch, von dem er leider den Titel nicht anzugeben wußte, sogleich zu verbrennen. Wie die Herren in den Besitz der Handschrift kamen hab ich durch den befreundeten Doktor in Au erfahren. Dieser fieng mit dem Pater von dem Atheisten nämlich von mir zu reden an und hat dann durch Wein und Widerspruch, diese beiden W das Geheimniß glücklich herausgebracht, das ist meine Quelle, die jede Woche fließt, da der Pater Stellvertreter des kranken Pfarrers ist und der Doktor ihm keinen Sonntag mehr Ruhe läßt. Das alles sind bedeutungsvolle Vorzeichen für die Aufnahme der Sonderlinge und - das Urtheil über mich aus Brixen. Ich bin wirklich begierig was von da ver­lauten wird. Mich hat die He[t]zerei, deren Schreier ich nur zu gut kenne, anfangs ein wenig geärgert, dann war sie mir lächerlich und jetzt ist sie mir bereits so gleichgültig, daß ich se[l]bst kaum begreife, warum ich Ihnen so viel darüber schreibe. Nun jetzt bin ich aber damit fertig es wäre schade, sich die schönen Frühlingstage so zu verderben! Sehr dank­bar sind wir Ihnen auch, daß Sie uns ein so schönes Abend­vergnügen verschafften. Ich hab ja jetzt all die Blätter, die ich zu lesen oder doch zu erlesen wünschte. Aber wenn der Eigenthümmer nicht geneigt wäre, einige zu verkaufen, so müßte ich ihm das Gelesene wieder schicken. Vielleicht fin­den Sie einmal Gelegenheit, ihn zu fragen. Was hat Keil über meinen Aufsatz gesagt? Ich möchte sein Urtheil so gern hören als das Gosches und Scheffels über das Schwarzo­kaspale. Mit meiner neuen Arbeit geht es langsam voran, unterdessen hab ich auch die Geschichte eines Kusses nicht ganz vergessen. Bereits entsteht in mir ein Plan zu einer Novelle: „Liebeszeichen". Wenn mir das Ganze gelingt, so dürfte die Arbeit sich für die Gartenlaube eignen. Doch das alles liegt noch im Weiten. Bald kommt die Feldarbeit und dann muß ich die Feder wol wieder zeitweilig ruhen lassen, die Sonderlinge werden nun wol fertig sein. Ich wollte ich hätte der Vorlesung bei Ihnen beiwohnen können. Noch wenige Wochen, so wird mich vielleicht die Kritik verhageln, wenn sie gerade sonst nichts zu thun hat. Moosbrugger fürchtet es werde Leute geben, die das Ganze ein Gewitter in einer Flasche nennen würden. Ich fürchte eigentlich gar nichts und bin mit der Dichtung zufrieden da ich doch noch nichts von Belang zu ändern wüßte. Doch jetzt fangen die Kühe an zu läuten. Es ist die höchste Zeit zum Abendfutter. Also leben sie wol mit Gruß Ihr</p> <p>F M Felder</p> <p>Sie wünschen Landestrachten! Hier sind 2 Blättchen, nicht recht gelungen aber in der Eile hab ich auch bei Feurstein nichts Besseres auftreiben können nach der Lindauer Reise folgt Wibles Photografie - Etwas kirchen, kirchlich in oder jetzt vor der Kirche bekannt machen.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Dialekt Heilsgeschäfte Lehrer Magerhuber Liebeszeichen Lindau felderbriefe.at newsletter Thu, 04 Apr 2013 07:00:00 +0000 st 366 at http://felderbriefe.at