felderbriefe.at - Flucht http://felderbriefe.at/taxonomy/term/488/0 de AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-51 <div><span class="date-display-single">20. Januar 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Das Vereinsfest ist vorüber, über das Schicksal meiner Leih­bibliothek und noch über manches bin ich nun ins Klare ge­kommen, Du erlaubst mir aber wol, daß ich meinen heutigen Bericht mit einer kurzen Einleitung beginne. Nur ein ganz kleines Opfer für meine Selbstbespiegelungssucht! Als meine kümmerliche Gestalt mit dem staubigen Hut sich einzuleip­zigern begann, selbst noch als ich aufzuthauen begann, ist auch offenen Gemüthsmenschen in freier Luft meine Ver­schlossenheit, oder Ungemüthlichkeit oder Strenge aufge­fallen. Mir aber war und ist das, nicht als Dichter, wol aber als Bauer furchtbar nothwendig. Die schneebedeckten Hügel müssen frieren, sonst würde sie die erste Lauine wegreißen und Lauinen giebts in meinem Leben mehr als selbst in dem der Sonderlinge. Ich bin doch noch nicht hart genug wie oft mich auch der Uhrenmacher um meine eisige Ruhe beneidet. Er thaut auch wirklich viel eher auf als ich, er hat viel zu viel Seele für das Leben in meiner Heimath, oder wenigstens ist die sie umhüllende Rinde zu schwach. Dafür liegt er nun da­heim - und flucht.</p> <p>Am vorletzten Sonntag den 12 giengen wir Abends 7 Uhr mitsammen von Au heim. Wol mancher warf den beiden Ketzern Blicke des Hasses zu die eine aufgelegte Mißtrauens­adresse an Baron v Seyffertitz und den Reichsrath nicht unter­zeichneten, wie streng das auch auf den Kanzeln von jedem gefordert wurde, der noch fürderhin beim katholischen Glau­ben zu bleiben gedenke und nicht die „verschönerte - Hur­rerei" in Form des neuen Ehgesetzes gutheißen wolle. Bald lachend, bald ärgerlich erzählten wir uns die Gerüchte, welche des Pfarrers Werkzeuge über meinen Freundeskreis in Umlauf gesetzt hatten. - Das Hurrenbuch der Bibliothek ist dagegen nur ein Schatten - doch ich will Dich mit diesen Erbärmlichkeiten verschonen.</p> <p>Wir, ich, der Uhrenmacher und seine Schwägerin ein liebes lebhaftes Kind, kamen in unbeschreiblicher Stimmung vor das Haus des Rößlewirths, der des Pfarrers bester Freund zu sein das Glück hat. Sein Haus unter Schoppernau, hart am Schrannenbach, ganz einsam stehend, haben wir Dir mit allerlei Bemerkungen gezeigt und eben darum wol hast Du diesen Ritter traurigster Gestalt nie sehen wollen. Das ist schade, denn nun bin ich zu einer kurzen Beschreibung ge­nöthigt, die ich lieber unterließe. Es ist ein kleines gelbes Männchen mit struppigem schwarzem Haar. Sein Gesicht ließ früher einen sehr leidenschaftlichen Menschen errathen. Jetzt ists starr. Nur im Zorn oder bei unflätigen Reden zuckt es drüber hin, wie ein Blitz über einen gefrorenen Teich, dann hört man auch sein heiseres Lachen, bei dem einem gleich das Wort teuflisch einfällt. Doch ich will dieses Bild für das eines Spitzbubens aufbewahren. Ich darf es ja ganz in einen Roman nehmen, wenn ich nur weglasse, daß er in einer Schlägerei das eine Auge verlor und ­Genug dieser früher allgemein unbeliebte Man ist der Freund, das Werkzeug des Pfarrers. Sein Haus wird jetzt häufig be­sucht weil es auch manchem, der ihn verachtet, noch Spaß macht, des Pfarrers Schatten zu verhöhnen. Mir ist dieses verkommene, ausgetrocknete, frömmelnde meistens halb betrunkene Männchen recht in der Seele zuwider. Ich er­schrack ordentlich mit der Schwägerin des Uhrenmachers als dieser durchaus in seinem Neste einkehren wollte. Nur weil wir ihn nicht alein hinlassen wollten, giengen wir mit ihm, nachdem er mir versprochen, daß er keinen Streit anfangen werde, wie gemein man uns auch begegne. Das Männchen ist nämlich stolz darauf, wird auch vom Pfarrer und den seinen dafür gelobt, daß es mit jedem freier Denkenden Streit anfängt und ihm die unverschämtesten Grobheiten und Lügen sagt. Es dauerte auch gar nicht lang, bis meine Leih­bibliotheck geschimpft wurde, dann war ich ein Feind des Pfarrers, meine im letzten Frühling gemachten Angaben Lügen und die Reichsräthe Spitzbuben und die Presse in Wien ein Judenblatt. Jetzt fuhr der Uhrenmacher auf: Der Redacteur der n fr Presse Dr Lecher sei aus dem Bregenzer­wald und hier hab es doch keine Juden. „Der Bischof" mekerte der Wirth „hat gesagt er sei ein Jude und der Bischof ha ha ha, der wirds denn doch wissen und der hats gesagt."</p> <p>„Dann ist er ein Lügner!" schrie der Uhrenmacher. „Was?" fragten der Rößlewirth, sein Vetter, sein Knecht und ein Schnäpsler „Soll mans nicht Lüge nennen, wenn einer die Unwahrheit sagt?" schrie der Uhrenmacher und ohne meine Mahnereien zu beachten, ohne auf die Bitten der Schwägerin zu hören fuhr er in furchtbar schöner Erregung fort, „Wenn die Kapuziner den wakern Feurstein in Bezau verläumden wenn man meinem Freund jede Stunde verbittert, jeden Athemzug unter uns vergiftet, ist das recht? Hat alle Erbärm­lichkeit ein Recht, wenn sie in einem Kleide steckt, welches nicht durch uns, sondern durch sie selbst entheiligt wird?" Der Rößlewirth sprang auf, sein Vetter stürzte auf den Uhren­macher. Ich sorgte vor allem für die Schwägerin. In der Stube wälzte sich eine schwarze Masse herum, bald richtete sich eine Hand, bald ein Fuß zum Schlag auf, der Knecht hatte einen gefrorenen Bauernstiefel mit eisenbeschlagenem Ab­satz erwischt und hämmerte damit dem Uhrenmacher auf den Kopf daß mir das Blut ins Gesicht spritzte. Doch mein Vetter räumte die Stube. Die Elenden flohen nach allen Sei­ten. Ich hatte die größte Noth den vom Blute triefenden von der Verfolgung abzuhalten. Endlich verließ er, über diese Räuberhöhle fluchend, mit dem Messer in der Hand auf einen neuen Überfall gefaßt das Haus. Ach Freund, ich fürchte, daß aus diesem Blute Schreckliches für unser Dorf wachse. Am ändern Tage sollte das Vereins­fest gefeiert werden. Da hätte aus der furchtbaren Erregtheit der Gemüther Schreckliches entstehen müssen, wenn auch unsere Gegner zu erscheinen gewagt hätten. Mir, der eigentlieh an allem Schuld sein muß, hätte es so bald als einem angehen müssen und doch blieb ich nicht daheim, da ich doch vielleicht etwas Schlimmes verhindern konnte. Es lief gut ab. Der Verein dankte mir für meine Bemühungen be­sonders mit der Bibliothek und es ist mir der erfeuliche Auf­trag geworden, Dr Flügel für seinen Beitrag herzlich zu dan­ken und ihn im Nahmen aller Mitglieder zu grüßen. Ich weiß nicht, ob das den Pfarrer mehr ärgerte oder der Um­stand, daß er unerhörter Weise nicht einmal zum Festmahl eingeladen wurde. Er flüchtete nach Au, doch auch da feierte ein von mir „angerichteter" Verein sein Fest so friedlich wie wir. Am Dienstag aber gab es in manchem Hause Händel, daß man nicht einmal den Pfarrer einlud, die frommen Wei­ber tadelten eben jeden, weil kein einzelner die Schuld hatte. Am Mittwoch kam eine Verordnung der Statthalterei und ordnete neue Gemeindewahlen an. Das war von dieser ultra­montanen Regierung oder Behörde zu erwarten wenn sie Wind bekam, worum es sich handle. Nun begann die Wahl­bewegung gegen uns lutherische Hunde. Der Uhrenmacher kümmerte sich in der Aufregung dieser schrecklichen Tage nicht viel um seine Verletzung wie ihn auch sein Kopf brannte. Am Donnerstag aber mußte er sich zu Bette legen und das Dökterle rufen welches die Sache ziemlich ernsthaft fand und sofort Anzeige beim Gerichte machte. Am Freitag kam der Vater des Pfarrers ins Dorf und seine aufhetzenden Schimpfreden gössen Öhl ins Feuer. Der Zustand des Uhren­machers verschlimmerte sich, die Frommen erklärten alles für Betrug, das Dökterle für einen Freimaurer, mich für Satan selbst.</p> <p>Am Samstag brachte ein Schreiben vom Bezirksamt Schreck und neue Aufregung unter die Frommen. Diese fürchten, die Anklagen, die ich im letzten Jahr erhob, könnte man nun doch noch thätlich bestättigt meine Furcht sehr begründet finden. Der Uhrenmacher liegt noch im Bett er mag nicht essen u kann nicht schlafen. Im Dorfe geht seine Rede beim Rößlewirth furchtbar übertrieben herum. Die Aufregung wächst, Krieg auf der Gasse und in den Häusern, wer ein­greifen, aufklären will, der ist auch ein Freimaurer schon ists eine Sünde, nicht aufgeregt zu sein. Niemand kann etwas thun und man hofft daß nun doch endlich der Pfarrer der über die der Belehrung Unzugänglichen alein Gewalt hat, von der Kanzel aus zur Ruhe ermahnen werde. Er muß, meinen viele.</p> <p>Der Sonntag kommt, ein trüber stürmischer Tag. Rüscher be­steigt die Kanzel und glühend roth mit dröhnenden Schlägen auf dem Buchpult beginnt er bald eine Strafpredigt an uns wie man sie hier selbst noch nimmer hörte. Er begehrte fürch­terlich auf über die so die Diener Gottes zu beschimpfen wagten, erzählte, was er wegen solchen im letzten Jahr ge­litten, nahm den Rößlewirth und alle Rasenden als die Ge­treuen des Herrn in Schutz, forderte sie auf tapfer zu ihm zu halten, wenn man ihn in Wort und Schrift verfolge, wünschte jedem um seines Heiles Willen zu ihm [zu] halten und schloß den 3 Viertelstunden langen Wuthausbruch mit weinerlichen Schimpfereien auf einzelne Abgeordnete. Nachmittags wurde ich mit 7 von 10 Stimmen vom Gemeinde­ausschuß in die neue Wahlkommission gewählt. Wie wenig mich das freut, kannst Du Dir denken.</p> <p>Die Wahl findet nächsten Sonntag statt. Wir sehen ihr mit klopfendem Herzen entgegen. Die eine Hälfte unseres sonst so musterhaft friedlichen Dorfes wird der ändern in furcht­barster Erregung gegenüber stehen. Wenn wir Neuen ver­lieren so werden die Frommen regieren, gewinnen wir, so fürchten unser viele etwas Schreckliches. Heute ist im Rößle nun Hochzeit. Der Rößlewirth selbst hat Gensdarmerie ge­fordert. Der Fromme fürchtet also selbst Händel. Seit sieben Jahren hatte man hier keine Gensdarmen mehr nötig. Kein Mensch weiß, was heut was bis zum Sonntag noch geschieht und was dann. Das ultramontane Volksblatt hat gestern einen förmlichen Religionskrieg gepredigt. Wenn ich kann, will ich dir eine Nummer schicken. Heut erhältst Du mit der Schilde­rung meiner Charwoche Felders Photographie und seinen herzlichen Gruß. Wenn ich fort könnte, ich würde mich bald nicht mehr besinnen. An ein ruhiges künstlerisches Schaffen ist hier kaum noch zu denken. Und ich hätte jetzt so viel Zeit da ich das von Leipzig mitgebrachte Geld verwendete, die rauhen Winterarbeiten zu verdingen. Du wirst fragen, warum ich hier bleibe. Nun Du kennst meine dürftigen Verhältnisse. Das Honorar für die Liebeszeichen ist mir noch nicht ein­gegangen und so bin ich denn auch durch Noth an der Flucht gehindert, durch Schulden gebunden. Ach ich weiß nur zu gut, wie peinlich Dir diese Mittheilungen sein müssen. Ich bitte um Verzeihung, daß ich Dich so auf die Folter spannen muß. Aber wen hab ich als Dich und den Schwager. Viel­leicht muß ich bei ihm eine Zuflucht suchen dann will ich Dir es gleich schreiben und auch dem Postamt wegen Deinen Briefen Anweisung geben. Grüße mir den Club und lies ihm diesen Brief vor wenn du willst. Am nächsten Sonntag, wäh­rend den Wahlen denk an mich, an uns, von 3-6 Uhr gehts los. Wir sind auf schlimmes gefaßt aber ich glaube doch es sei besser, wenn ich hier bleibe. Felders Gattin hat in der letzten Woche mein Herz gewonnen. Selbst die gestrige Pre­digt konnte sie nicht aus der Fassung bringen. Meine Mutter kam so rathlos heim, wie ich sie noch nie gesehen habe. Nun aber keine Klage mehr. Du hast jetzt genug, ich weit drüber, aber sagen mußte ich Dir das. Sei unbesorgt um mich. Meine Freunde werden mich schützen, wenns zum Ärgsten kom­men sollte.</p> <p>Die übersendeten Photografien haben uns recht sehr gefreut. Sie gefallen allen die sie sehen, wenn es nicht solche sind, die vor mir das Kreuz machen.</p> <p>Ach Gott ich werde schon wieder bitter und das will ich nicht mehr. Der täglichen Post ist nichts mehr im Weg, nur muß der Posthalter noch seine Prüfung ablegen. Schreib mir doch auch bald wieder. Mit herzlichem Gruß u Handschlag</p> <p>Dein Freund Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Flucht Rößlestreit Rössle Schlägere wichtiger Brief Mon, 20 Jan 2014 08:00:00 +0000 st 499 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-101 <div><span class="date-display-single">1. Juli 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Auszug aus dem Protokoll</p> <p>Die Anfeindungen, von denen ich hier zu berichten habe, begannen durch Pfarrer Rüscher von Schoppernau. Zuerst und hauptsächlich wirkte er durch seinen Freund Josef Anton Moosbrugger, dem ich verleumderische Behauptungen dutzendweise nachweisen könnte, und durch die Mitglieder des s. g. dritten Ordens, dem Pfarrer Rüscher vorsteht, „weil er", wie er vor zwei Jahren in einer Predigt zu seiner Entschuldi­gung sagte, „nicht will, daß das Kloster in Bezau mit dem (s. g. dritten) Orden die ganze Gemeinde in die Hände be­kommen soll". In Wirtshäusern und „so privatim" hat Rüscher länger gegen mich gearbeitet; offen aber trat er im Winter 1866 gegen mich in einer Kinderlehre auf. Ich hatte in der s. g. Sennhütte angefangen, Vorträge über Genossenschafts­wesen zu halten, nun redete er von den Sozialisten und Kom­munisten der französischen Revolution. Er sagte, das und die Schriftsteller seien die nämlichen gewesen, die dann die Kirchen ausgeraubt und ein schlechtes Weibsbild auf den Altar gestellt hätten als Gottheit, und wenn jetzt in Senn­häusern herum solche Irrlehrer wieder aufträten, so wisse man schon, was man von ihnen zu erwarten habe. Das zündete und es wurde durch Anspielungen auf Schrift­steller u.d.gl. dafür gesorgt, daß der Funke zur Flamme werde. Ernsthaft aber wurde die Hetzerei nach den dies­jährigen Landtagswahlen, die durch einige meiner Freunde entschieden wurden. Die Orte Au und Schoppernau kamen in den Ruf, daß es mir hier gelungen sei, die Leute vom wahren Glauben abzubringen. Auch wurde gesagt, daß ich für mein Wirken als zweiter Luther, Freimaurer u.d.gl. von den Freimaurern und ändern Agenten bezahlt werde. (Pfarrer Rüscher hat, wie ich in den letzten Tagen erfuhr, es mehrfach ausgesprochen, daß ich mein Geld nicht als Schriftsteller, son­dern eher auf diese Weise verdiene.)</p> <p>Die Klarstellung erschien im Februar. Pfarrer Rüscher schrieb auf ein Exemplar meinen Namen und schickte es dem hiesigen Vorsteher und dem Ausschuß, während er und seine Werk­zeuge den nicht lesenden und nicht denkenden Leuten aus­einandersetzten, daß die Schrift von mir verfaßt und gegen den Glauben gerichtet sei. Gleichzeitig wurde in Au gegen eine wirklich von mir verfaßte Schrift gepredigt, nachdem es den Kapuzinern in Bezau gelang, den ersten Bogen zu entwenden. Pater Beda sagte über folgende in der Schrift vor­kommende Stelle: „Wie einer ist, so ist sein Gott" unter anderm: Einer ist ein Hurer, also ist Gott auch ein Hurer, ein anderer stiehlt, also ist Gott ein Dieb. Da seht ihr's! Ärger als dieser Schriftsteller kann man's nicht mehr machen. Die von mir im letzten Winter für die Gemeinde auf Kosten des Handwerkervereins und auf Rechnung von ändern Wohl­tätern errichtete Leihbibliothek wurde nie von einem Geist­lichen durchgesehen, trotzdem brachten einige dieser Herren das Gerücht auf, daß von mir Hurenbücher ausgeliehen würden. Als Kaplan Stern beim Buchbinder in Au ein Werk sah, welches eine Besprechung von Renans Leben Jesu ent­hielt, hieß es gleich, ich wolle den Renan unter das Volk bringen, und der Pfarrer von hier sah sich zu einer Predigt veranlaßt, die jedermann auf mich bezog und auf unsern Vorsteher, der mit mir die Neue Freie Presse und die Feld­kircher Zeitung liest</p> <p>Den Herausgeber des letztern Blattes nannte Pfarrer Rüscher einen erstickten Studenten, den ein glaubensloser Brotvater aufgenommen habe. Von Schoppernau bis Bezau redete im Frühling alles von mir. Man nannte mich einen Ketzer, Frei­maurer, Gottesleugner, Antichrist - wie das Volk dieses Un­geheuer kennt - und es wurde besonders in Schnepfau öffentlich ausgemacht, es wäre ein gutes Werk, wenn man mich ins Wasser werfen oder so in der Stille auf die Seite schaffen könnte. Meine Freunde warnten mich, allein die Heimat nicht mehr zu verlassen. Der Vater des Pfarrers Rüscher besuchte seinen Sohn und ging dann aus dem Pfarr­hof in andere Häuser, um den Leuten zu sagen, sein Bub wisse wohl, daß nur ich an allem schuld sei und das ganze Dorf in Übeln Ruf bringe, doch man werde mir den Meister schon noch zeigen, wenigstens bei ihm daheim in Reuthe (bei Bezau) würde man jetzt mit so einem wie mir nicht viel Wesen machen, man tat mir das noch gesunde Auge auch ausstechen und mich dann erschlagen. Die Wirkung solcher Reden von Leuten aus dem Pfarrhof ist nicht zu beschreiben.</p> <p>Niemand konnte ein beruhigendes Wort an die Leute richten, denn daß die Vernünftigem sich auf meine Seite stellen, galt nur für einen Beweis meiner teuflischen Verführungskunst. Am Kirchweihmarkt in Au am 5. Mai stellten sich ganze Häuf­lein unheimlich flüsternd und mit Fingern auf mich zeigend um mich her, einzelne suchten Streit mit mir anzufangen, und ich mußte mich vom Marktplatz entfernen. Der Versuch, unserm Pfarrer meine Unschuld zu beweisen und ihn zu einer beruhigenden Erklärung zu bewegen, mißlang; Pfarrer Rü­scher fuhr die beiden hiesigen Vorsteher (Albrecht und Alt­vorsteher Moosbrugger) wild an: Packen Sie sich hinaus, denn vor Zeugen werd ich kein Wort mit ihm reden. Trotz­dem blieb ich allein da, bewies ihm dies und jenes und ersuchte in schonendster Weise um die beruhigende Erklä­rung. Verächtlich antwortete er mir zornroten Gesichtes: „Lächerlich! wegen Euch tut man gar nichts." Die Aufregung wuchs von Tag zu Tag und ward völlig zur Wut über mich. In meiner Sennhütte wurde öffentlich be­dauert, daß man mir nicht schon vor Jahren einen Klotz an den Kopf warf, statt mich mit Lebensgefahr aus dem Wasser zu retten (1860). Ich fand nötig, mich zu entfernen und den Schutz der Gesetze von einem sichern Platz aus anzurufen, von hier aus hätte ich das nicht mehr gewagt, denn auch andere meinten, daß das sehr gefährlich wäre. Ich habe auf Ersuchen in Bludenz der Staatsanwaltschaft obige und noch viele Tatsachen mitgeteilt, die Zeugen genannt und meine Aussagen beeidigt (am 18. Mai [1867]). Einige Wochen später glaubte ich wieder zu den Meinen zurückzukehren, da meine Mittel mir keinen Knecht zur Bearbeitung meines Gütchens erlauben. Ich fand die Aufregung größer als vorher und denke mit schwerem Herzen daran, meine Güter zu ver­kaufen und mit den Meinen eine sicherere Stätte in Vorarl­berg oder mit Hilfe meiner Freunde in Deutschland aufzu­suchen, wenn mir weder das Gesetz noch sonst jemand helfen und die Geistlichen zu einer beruhigenden Erklärung verhalten sollte. Der Artikel in dem"Judenblatt" Neue Freie Presse war nur Öl ins Feuer. Pfarrer Rüscher predigte hernach: Recht und Tugend müsse jetzt unterliegen. Als Beweis diene das Schicksal des wackern Greises Rudigier (der wegen Ver­leumdung etc. in seinem Volksblatt abgestraft wurde). So werden Gesetz und Recht von den Kanzeln aus verhöhnt und mißliebige Personen dem Haß, der Wut und Verachtung einer fanatisierten Menge auf jede Weise preisgegeben.</p> <p>Franz Michael Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Flucht Protokoll felderbriefe.at newsletter Mon, 01 Jul 2013 07:00:00 +0000 st 393 at http://felderbriefe.at VON FRIEDRICH RIEDLIN AUS MEMMINGEN AN FRANZ MICHAEL FELDER IN BLUDENZ http://felderbriefe.at/brief/von-friedrich-riedlin-aus-memmingen-franz-michael-felder-bludenz <div><span class="date-display-single">30. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Geehrtester Herr!</p> <p>Mit Bedauern vernehme ich aus Ihrem werthen Schreiben,</p> <p>daß&nbsp; Sie&nbsp;&nbsp; in&nbsp;&nbsp; Folge&nbsp; der von&nbsp;&nbsp; der&nbsp; Priesterkaste&nbsp; angestifteten Anfeindung, Ihre liebe Familie und Ihre Heimath verlassen mußten. Daß ich nicht vorher davon Kunde erhielt, war der Umstand schuld, daß ich nicht in der Lage bin, auswärtige Zeitungen zu lesen; das Einzige was ich lese, ist ein hiesiges Tagblatt und die Monats Hefte der Gartenlaube. Was es heißt, um seiner Überzeugung willen, das Liebste zu verlassen, kann ich mir wohl vorstellen. Sie haben in Ihrem Vaterlande, dem Lande der Glaubenseinheit, eine sehr schwere Stellung, denn das Volk ist dort noch zu sehr unter der Vormundschaft, der, in Innsbruck nach Jesuitischen Grundsätzen gebildeten Geist&shy;lichkeit, und Sie können mit Recht ausrufen:</p> <p>„Doch zittert nicht, ich bin allein, allein in meinem Grimme.</p> <p>Wie könnt ich Euch gefährlich sein, mit meiner schwachen Stimme?</p> <p>Der Herscher bildet sein Spalier, wie sonnst des Volkes Masse,</p> <p>Und Niemand, Niemand ruft mit mir: ,Der Freiheit eine Gasse/'"</p> <p>Wie erfreulich und wohlthuend für mich, Ihre Zuneigung und Wohlwollen für meine Wenigkeit, ist, kann ich Ihnen mit der Feder nicht beschreiben. In der That, Sie haben vollkommen recht, wenn Sie sagen, daß ich mich in einer Klasse befinde, die oft vergebens nach Freunde sucht. Welche Abneigung und Vorurtheile alle höher stehenden Klassen, gegen den Arbeiter&shy;stand hegen, ist Ihnen bekannt. Ich frage aber: Ist es ein Ver&shy;dienst, eine Kunst oder Außergewöhnliches, wenn ein in den vornehmern Kreisen geborner Mensch, der alle möglichen Schulen und Bildungsanstalten besucht und sich immerwäh&shy;rend in nobler Gesellschaft befindet, ist es für einen solchen, eine Kunst gebildet zu sein?? Ist nicht viel mehr, das durch sich selbst und oft unter mißlichen Verhältnissen, herangebil&shy;dete Genie, viel mehr zu achten, als solche künstlich erzo&shy;gene Treibhauspflanzen??</p> <p>Sie waren der Ansicht, als wolle ich mich nur in materieller Hinsicht, Ihrer Gewogenheit empfehlen. Dem ist, wie Sie selbst eingesehen, nicht so. Eine Verbesserung meiner materieellen Lage, muß ich mir selbst schaffen, obwohl dieses bei den wirklichen industriellen Verhältnissen schwer geht. Erhalte ich auch in einer anderen größeren Stadt Arbeit, so ist dort wieder der Miethzins (70-80 f) und die Holz und Fleischpreise bedeutend höher, so daß es wieder auf das Gleiche herauskommt wie hier.</p> <p>Über Inhalt und Richtung meiner Schrift hätte ich gerne schon das letztemal Ihnen berichtet, aber der Raum gestattete es nicht. Der Titel ist wie ich Ihnen schon gemeldet: „Acht Tage aus dem Leben eines Proletariers". In der Einleitung behandle ich den Zweck und Nutzen dieser Schrift. Dann behandle ich in 8 Artickeln die verschiedensten Abtheilungen der Arbeiterfrage. Das Ganze ist in erzählender Weise gehal&shy;ten und aus meinem eigenen Leben gegriffen. Es ist meine Reise, welche ich voriges Jahr vom 20-27 August unternom&shy;men, und die mir hinreichend Stoff zu diesem Werke ge&shy;geben.</p> <p>Am Besten wäre es für alle Fälle, wenn ich Ihnen das Manu&shy;script per Kreutzband selbst zusenden könnte. Sie würden dadurch mehr aus meinem Lebensgange erfahren und die Tendenz richtiger beurtheilen können. Ebenso finden Sie darin den Grund, aus welchem ich aus dem hiesigen Arbeiter&shy;vereine ausgetreten. Nur muß ich Ihnen bemerken, daß wenn Sie den Grundgedanken darin gutheißen, ich das Werk bevor es in den Druck käme, noch einmal einer tüchtigen Revision unterwerfen würde. Die vornehme Welt soll erfahren, daß auch der Proletarier berufen ist zur Neugestaltung der Völker beizutragen. Offen gesagt, ich bin weder ein entschiedener Anhänger Schulzes noch Lassalles. Beide sind Rechtsgelehrte, und haben wissenschaftliche Anschauungen; ich dagegen bin Arbeiter und behandle die Sache nach eigener Anschauung. Bin daher weder Nachbeter des Einen noch des Andern! Leider muß ich in meinem Werke, bald mit dem Staate, bald mit dem Fabrikanten, und bald mit dem Arbeiter ein ernstes Wort reden, wenn ich der Wahrheit Raum geben will. Daß ich mir dadurch eine schöne Zahl Feinde zuziehen und am Ende Ihr Schicksal theilen muß, werden Sie dann bei Lesung meines Manuscripts gleich finden. Doch es muß sein, wenn der Arbeiterstand gehoben werden soll. Es steht geschrieben: „Die Wahrheit wird Euch frei machen"! und das sey auch unsere Parolle. Kennen wir uns auch nicht persönlich, so ist doch der Zweck unseres Bestrebens hinreichend genug, uns in geistiger Beziehung miteinander zu verbinden. Sollten Sie einmal nach Memmingen kommen, so würde es mir zur größten Ehre gereichen, wenn Sie bei mir einsprechen würden, meine Wohnung steht Ihnen jederzeit offen, ob als Flüchtling oder als Schriftsteller.</p> <p>Nach dem Postzeichen zu schließen, waren Sie in Bludenz. Dort war ich im Jahre 1859 zwei mal und die Frau Hirschwir&shy;thin ist von Ravensburg.</p> <p>In meinem letzten Schreiben, sagte ich daß ich bereits wieder etwas anderes zu verfassen gedenke, nehmlich eine Novelle „Die Schulschwestern". Es handelt darin von einer Converti&shy;tin, welche von Schulschwestern bearbeitet und dann zum Katholicismus übergetreten war. Das Ganze ist Thatsache und ereignete sich während meiner Abwesenheit in Ravensburg. Einige nähere Angaben, besonders über den Akt der Auf&shy;nahme in die Kirche während oder nach dem Hochamte, feh&shy;len mir aber noch, wären aber sogleich zu erhalten, wenn ich nur Zeit zum Schriftstellen hätte. Es würde ein Seitenstück bilden zu dem „Ewigen Licht" Gartenlaube 1864 und in histo&shy;rischer Hinsicht zu dem „Rom am Rhein" Gartenlaube 1867. Daß ich Liebhaber vom Schreiben bin, das sehen Sie, an mei&shy;nen langen Briefen, womit ich Ihnen belästige. So lange ich aber in dieser isolirten Stellung bin, ohne Freund, ohne Gön&shy;ner und ohne Aussicht auf einen Verleger meiner geistigen Produkte, kann ich nichts machen.</p> <p>Sie sind der Einzige, der sich meiner nicht geschämt, und trotz der fatalen Lage in welcher Sie sich befinden, Ihre Hilfe mir angeboten haben.</p> <p>Wo ich bis jezt hinblickte, überall wendete man mir den Rük&shy;ken. Die höhere Klasse behandelt mich mit Geringschätzung aus Vorurtheil gegen die arbeitende Klasse ohne meine Kennt&shy;nisse nur zu beachten.</p> <p>Meine Nebenkolegen, fühlen meine geistige Überlegenheit, und machens mir ebenfalls nicht besser. Ihr rohes ungebilde&shy;tes Benehmen gefällt ihnen eben besser, als eine ordentliche geistige Bildung, daher der Haß dem ich ausgesetzt bin. Wie ich Ihnen schon gemeldet, habe ich eine 149 Bände starke Bibliothek, darunter wissenschaftliche, belehrende und unter&shy;haltende Bücher, allein Niemand benüzt sie, obgleich ich die&shy;selbe unentgeldlich für Jedermann offen halte. Schließlich nehme ich mir noch die Freiheit um Ihnen zu fra&shy;gen, wer denn der Verfaßer des Artickels „Ein Bauer als Dich&shy;ter" in der Gartenlaube, Herr Dr. R. Hildebrand ist, ob ein Doctor der Rechte, der Philosophie oder der Medizin. Es war heute ein prachtvoller Morgen. Ich machte einen Spatziergang in eine nahe luth. Dorfkirche, das Tyroler Gebirge schaute so rein herunter und bildete ein schönes Panorama im Hintergrunde unserer Landschaft, da dachte ich dann unwillkürlich an Ihnen und an Ihr wirkliches Schicksal. Gebe Gott! daß Ihr Schicksal sich bald zum Bessern wende, und daß wenn sich Ihnen die Heimath verschließt, dagegen in der Fremde sich Ihnen Thüren öffnen um Ihre Existenz zu sichern.</p> <p>In der Hoffnung, daß Ihnen mein Schreiben aber bald in Ihrer lieben Heimath antreffen möge, schließe ich und es grüßt Ihnen Ihr aufrichtiger</p> <p>Friedrich Riedlin</p> </div> <div> </div> Friedrich Riedlin Bludenz Memmingen Franz Michael Felder Arbeiter Flucht Thu, 30 May 2013 07:00:00 +0000 st 183 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-40 <div><span class="date-display-single">29. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Es sind nun mehr als 3 Wochen, seitdem ich meine Heimath verließ. Unterdessen ist auch dort Frühling geworden, und die Leute haben Arbeit bekommen alle Hände voll. Wol manches werden sie wieder herausgeschwitzt haben was in sie hineingezwängt wurde. Wahrscheinlich werden auch die Geistlichen zurükzuhaspeln anfangen, da der Staatsanwalt sich unserer Sache gehörig anzunehmen scheint. Das alles haben wir dieser Tage erwogen, und als dann noch die Neu­gierde, wie es jetzt da drüben zugehe, zum Wunsch, meine Lieben wieder zu sehen, gesellte - Ja da entschlossen wir uns: Morgen die Reise in den Bregenzerwald wieder anzutretten. Briefe von dort, z B vom Gemeindevorsteher melden mir, daß dort jetzt wieder mancher zu bereuen anfange. Mir kam das nicht unerwartet, die Aufregung war zu groß und ruhte auf zu erbärmlichem Grund, um lange dauern zu können. Den Sommer hindurch wird Frieden sein und bis zum näch­sten Winter kann sich vieles ändern. Ich habe schon allerlei Pläne mit dem Schwager gemacht und besprochen. Unter an­derm auch den, uns hier herum etwas zu kaufen und dann mit der Zeit Schoppernau zu verlassen. Dem Wible wärs ge­wiß recht, besorgter erwarte ich, was meine Mutter dazu sagen werde.</p> <p>Übrigens können wir über das später mündlich reden, denn ich hoffe, Sie in kurzer Zeit im Walde zu sehen. Die Furcht daß die Leute auch Ihnen etwas in den Weg legen könnten, ist jedenfalls entschieden unbegründet. Sie sind den Leuten eben ein Fremder, wie hundert andere der verschiedensten Bekenntnisse, ich aber gehöre dem Land, und dieses glaubte ein Recht, einzelne meinten sogar die Pflicht zu haben mich zu erziehen und zu strafen. Doch über das alles werden Sie durch meinen letzten Aufsatz ins Klare gekommen sein. Ich bin begierig was Sie und Ihre Freunde zu dieser im Exil ent­standenen Arbeit sagen werden.</p> <p>Liebster Freund!</p> <p>Die heutige Post hat mir Ihre Schrift vom „deutschen Sprach­unterricht" gebracht. Ich war zum Arbeiten nicht besonders aufgelegt und danke Ihnen doppelt für dieses Schriftchen, welches mich schon einige Viertelstunden sehr angenehm beschäftiget. Nur ein Ausdruck ist mir aufgefallen „kleine Seelen", ich bitte, mir zu sagen woher das Wort Seele stammt. Mir ist es kaum mehr als ein theologischer - Begriff. - Sonst brachte die Post auch eine Nummer des Volksblattes, welches die Erklärung meines Schwagers ins Lächerliche zu ziehen sucht, und es auch bedauert, daß „der berühmte Volksdich­ter Felder so grimmig verfolgt worden sei". Nun, sie sollen nur spotten. Die Untersuchung dürfte manches klar stellen, wenn sie nur gehörig durchgeführt wird. Ich erhalte jetzt häufig Zuschriften und Sendungen von Leu­ten die mir ganz unbekannt sind. Es macht mir das jetzt manche Freude und kann mir zuweilen eine lange Stunde verkürzen. So aber hat mich noch selten etwas gefreut wie das Gedicht, welches Ihrem letzten Briefe beilag. Oft und oft hab ichs gelesen in dieser langen halben Woche seit ich mit der Ihnen übersendeten Arbeit fertig und sonst zu nichts recht aufgelegt bin. Jetzt freue ich mich auf einen Brief von Ihnen, welche Nachrichten er auch immer bringen mag, er wird mir wieder ein Beweis Ihrer Freundschaft sein, die mich hebt und tröstet.</p> <p>Leben Sie wol, grüßen Sie mir, die mir wol wollen. Mit Brudergruß und Handschlag</p> <p>Ihr</p> <p>Franz Michel Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bludenz Rudolf Hildebrand 2 Geburtstage eines Bäuerleins Flucht Korrespondenz Seele felderbriefe.at newsletter Wed, 29 May 2013 07:00:00 +0000 st 382 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-29 <div><span class="date-display-single">15. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber, theurer Freund im ruhmvollen Exil,</p> <p>Ich komme heute schon wieder brieflich. Schriebe ich doch gerade jetzt lieber alle Tage an Sie nach Bludenz, wie ich alle Tage, ja fast den ganzen Tag außer den Arbeitsgedanken an Sie denke. Ich habe Einiges zu berichten, was hier seit meinem letzten Schreiben geschehen ist, darunter etwas Wichtiges, das ich doch auch gleich vorausnehmen will. Am Montag war ich in Ihrer Angelegenheit auch bei Freytag, der zum Glück eben hier ist. Er ist sonst mehr der Kühle, verständig Überlegene, hatte leider auch von den Sonder&shy;lingen erst den ersten Anfang gelesen (er list sie seiner Frau vor, daraus wird dann was er darüber in den Grenzboten melden muß), und von einer Wirkung war, mir begreiflich, noch nichts zu spüren - sie wird schon kommen. Aber ich fand doch ein entschiedenes Interesse für Sie, das durch Ihr Schicksal und Ihren Brief, den er ganz vorgelesen verlangte, sichtlich gesteigert und vertieft wurde. Seine Äußerungen nachher waren für mich zunächst verständig beruhigend. Er meinte, das Verhältniß zu Ihrer Gemeinde könnte man von hier aus doch nicht klar beurtheilen, geschweige denn richtig eingreifen; das würden ja Ihre dortigen Freunde besorgen. Er freute sich auch, von der angeknüpften Beziehung zu Sei&shy;fertitz zu hören, den er dem Namen nach kannte. Dazwischen bemerkte er übrigens, kühl wie er ist, aber entschieden: wenn erst wirkliche Gefahr für Sie wäre, die dort nicht zu heben wäre, so müßte man Ihnen natürlich von hier aus beisprin&shy;gen, und daran würde und dürfe es nicht fehlen. Er wünscht offenbar eine weitere gedeihliche Entwickelung Ihres literari&shy;schen Talents und ist bereit dazu zu helfen. Als im Briefe Ihre Andeutung kam, Sie möchten wol die Fluchtreise schildern, für die Gartenlaube, da bat er sich das für die Grenzboten aus, und ich soll Sie förmlich auffordern, einen Aufsatz von etwa 20-25 Seiten (es ist ordentliches, eher großes Octav&shy;format) zu schreiben, in zwei Nummern zu vertheilen, sodaß eine Biographie vorausgienge in kurzen großen Zügen und die Flucht mit den Ursachen sich daran schlösse - das Ganze zu dem Zwecke, daß Sie damit sich in den Kreis einführten, dem Sie ja doch nun angehörten, das war der Sinn seiner Worte.</p> <p>Ich habe ihm sofort freudig gedankt für den Antrag und rathe Ihnen darauf einzugehen (NB. er wünschte das so bald als möglich); denn damit treten Sie wirklich über die Grenze in den Kreis, der in unsrer schönen Literatur jetzt der gewähl&shy;teste ist und Ihrer der würdigste, auch der beste Durchgangs&shy;punkt zu - allem Weiteren. Ein Bauer in diesem Kreise, und zwar auf Aufforderung des Hauptes - unerhört! Ich gieng sehr froh von dannen. Schreiben Sie den Aufsatz nur um Himmels willen nicht irgendwie ängstlich oder auch nur be&shy;fangen vor exclusiver Kritik, schreiben Sie ganz nach Ihrer Natur, die in sich adelich genug ist, schreiben Sie wie Sie Ihre Briefe schreiben (für die Freytag sehr eingenommen ist), ich kann kaum erwarten, Sie in den Grenzboten zu sehen. Frei&shy;lich zahlen sie nicht 100 fl, für den Bogen, nur 12 Thaler. Vielleicht passen auch die Heilsgeschäfte für die Grenzboten, ich will sie darauf hin erst noch einmal lesen. &shy;Sonst noch Folgendes. Ich habe seit Sonnabend Tag für Tag hier von Ihrem Schicksal erzählt, es Wissens schon Hunderte, und viele sind warm ergriffen davon und bereit zu helfen; sind mir doch von mehr als einer Seite Geldmittel angeboten worden (unverlangt), wenn die nöthig werden sollten. Gestern Abend war im Germanistenclub (es waren eben 13 Mann beisammen) von Ihnen die Rede, ich las Ihren Brief vor; war der Meinung, Ihr Geburtstag sei am 18. Mai, daher die Glückwünsche aus dem Club, die Sie ja in Gedanken leicht auf den 13. zurück verlegen können, den ich heute zu spät als den rechten Tag entdeckte (eigener Weise ist auch mein Geburtstag ein dreizehnter). Also nachträglich auch meine herzlichsten Glückwünsche zu dem Tage, den Sie in der schmählichen Verbannung haben begehen müssen; ich wünsche, daß Sie übers Jahr an dem Tage mit freudig gehobe&shy;nem Gefühl an den Mai 1867 zurückdenken. Von Ihren Gegnern hätt ich mir für Ihren Geburtstag eins aufs innigste gewünscht: daß sie Ihre Sonderlinge verbrannt hätten! Der eine Umstand würde lange Artikel überflüssig machen. Mir gehts ohnehin im Kopfe herum, man dürfe den Vorfall nicht unausgebeutet lassen, um damit ein großes Loch zu bohren in die unselige Mauer die das katholische Deutschland von dem andern trennt. Hätt ich nur mehr Zeit! Noch etwas. Ein Mitglied des Germanistenclubs, Studiosus Döring aus Dresden, brachte mir ein Buchgeschenk für Ihren Geburtstag, den berühmten Zeitroman Simplicissimus aus dem 17. Jahrh. - aber ich kann das leider heute nicht gleich mitschicken, es gehört aber Ihnen und liegt bei mir und ich sehe es mit doppelter inniger Freude an. Im Club schwirrte gestern die Rede, daß Sie am Ende in einer der nächsten Wochen einmal unter uns säßen? Er tagt auf demselben (dem bairischen) Bahnhofe, auf dem Sie anlangen würden, und der nur zwei Minuten von meiner Wohnung entfernt ist. Mich verlangt übrigens zu wissen, wie Sie sich befinden, zu&shy;mal Sie von Ihren lieben Kindern getrennt sind - sehen Sie sich als einen zur Geisterschlacht Einberufenen an, der als Sieger heimkehren wird. Mit Freudesgruß und - Freudeskuß</p> <p>Ihr R. Hildebrand</p> <p>Wärmste Grüße an Schwager und Schwester.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Bairischer Bahnhof Flucht Geburtstag Grenzboten Keil Wed, 15 May 2013 07:00:00 +0000 st 379 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-28 <div><span class="date-display-single">12. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund, Sie tapferer Kämpfer und ­Märtyrer für die heiligsten Angelegenheiten der Zeit, Trost brauch ich Ihnen nicht zu geben, den finden Sie in sich selbst genug, und es ist wol auch ganz überflüssig wenn ich Ihnen sagen wollte, daß Sie unmöglich glauben konnten, Ihr Einfluß reiche schon weit genug, daß er, wenns zum Treffen kam, dem Einflüsse der Kirche, dieses uralten, tief gegrün­deten Gebäus, die Wage halten konnte. Die Gebildeten und Studirten gehen ruhig um dieß Gebäu herum oder mit Heu­chelgebärde mitten hindurch. Sie allein konnten es unmög­lich über den Haufen rennen mit dem bloßen Hauche des Geistes. Sie werden sich sicher nicht entmuthigen lassen, und wenns möglich wäre, den Kampf auf ein größeres Kampffeld zu versetzen, dann möchte ich mit Ihnen in den Kampf ein­treten, wenns meinen Wünschen nachgienge. Das ist mir das Bewunderungswürdigste an Ihren Sonderlingen, daß Sie die brennende religiöse Frage in die Hand nahmen, und wie geschickt und wirksam - und gewiß die Wirkung wird nicht ganz verloren gehen.</p> <p>Doch das ist jetzt nicht die Hauptsache. Jetzt gehen Sie selbst vor. Ich danke Ihnen, daß Sie zunächst der Faust gewichen sind, nicht nutzlose Tapferkeit gezeigt haben; auch dank ich dem Geschicke und Ihrem trefflichen Schwager, dem ich meine Hochachtung zu bezeigen bitte, daß sie Ihnen eine nahe Zuflucht gewähren. Höchsten Dank auch Ihrem braven Wible, der Heldin, der ich gleichfalls meine Hochachtung und Bewunderung ausspreche zugleich im Namen meiner Freunde hier. Ich gäbe was drum, wenn ich Sie beide hätte können wandern sehen, von oben, oder lieber von innen, wie es Gott sehen müßte; was muß das gute Wible gelitten haben! gewiß mehr als sie Ihnen selbst hat merken lassen! ­Aber was nun? Welche Hülfe brauchen Sie? Ich kenne die Verhältnisse zu wenig, um ermessen zu können, was von einem etwaigen Frieden, den Sie dort schließen könnten, auf die Dauer zu halten ist? Meiner Ahnung nach dürfte ein Frieden und ein Bleiben für Sie auf die Dauer unmöglich sein. Ich verspreche Ihnen für den Fall alle mögliche Hülfe, die ich hier etwa beschaffen kann; wie weit die freilich grei­fen würde, kann ich jetzt selbst noch nicht ermessen. Aber am Einsetzen aller meiner Kraft für Sie, und aller Ausdauer und Zähigkeit solls Ihnen nicht fehlen, mir ist augenblicklich nichts heiliger als Ihre Angelegenheit.</p> <p>Wie wärs, wenn Sie jetzt von Bludenz, her nach Leipzig kämen? Wenn Sie das Reisegeld Ihren Kindern nicht entzie­hen können, so nehmen Sie es als kleine Gabe für die Lebens­freude, die ich Ihnen verdanke, von mir an-falls Sie irgend von einem Besuche Leipzigs jetzt etwas für sich erwarten, und wäre es nur Trost und Zuversicht, so beschwöre ich Sie im Namen unsrer Freundschaft, seien Sie hochherzig und schreiben Sie die Reisekosten auf Ihres Freundes Rechnung­ich werde jauchzen in meiner Arbeitsstube, wenn ich lesen sollte, daß Sie kommen. Zudem ist auf meinen Besuch in Schoppernau nun wol nicht mehr zu rechnen, ich wäre wol dort ebenso gefährdet wie Sie, meine Frau denkt das schon lange. Sie wären hier mein Gast und könnten bleiben so lange Sie wollten.</p> <p>Ich erhielt Ihren Brief gestern Abend um 6, las ihn im Garten zuerst, meine Frau und mein Hugo dabei stehend-wir konn­ten alle drei die Thränen nicht halten. Dann hab ich ihn noch­mals gelesen mit einem Freunde, der zugleich zu Ihren innig­sten Verehrern gehört, der gab mir den ersten Trost. Dann lief ich damit zu Hirzeln, der war sehr bewegt, bat sich den Brief aus und hat ihn bis heute Mittag behalten. Von da gieng ich zu meinem Rector, Prof. Eckstein, der zugleich Meister vom Stuhl in der Freimaurerloge ist und neulich vor ein paar hundert Freimaurern einen Vortrag über Ihre Sonderlinge in der Loge gehalten hat; er sagte mir, im Nothfall sollte Ihnen die Hülfe der Freimaurer nicht fehlen, er ist sehr erwärmt für Sie. Heute früh war ich auch bei Keil, fand ihn freilich etwas kühl, er nahm Ihre Flucht mehr wie eine Zeitungsmerk­würdigkeit hin, ließ aber dann auch Worte fallen von etwai­ger Beihülfe seinerseits. Ihre Heilsgeschäfte erwähnte ich da­bei gegen ihn, aber er zeigte sich nicht sehr begierig, die alte Wärme für Sie ist bei ihm offenbar verraucht. Ich fürchte, auch die Heilsgeschäfte würden das Schicksal des Tannbergs haben. Erst wenn Ihre Sonderlinge in Blättern gepriesen wür­den, könnte ich wieder den Muth haben, sie ihm anzubieten; sie kommen mir übrigens auch etwas zu gedehnt vor in eini­gen Partien und ohne recht kräftigen Abschluß. Keil rieth mir übrigens, ich sollte in Ihrer Angelegenheit mich geradezu an Minister Beust wenden, was meinen Sie dazu? Ich wills gern thun, wenns was nützt. Wollen Sie nicht an Baron Seiffertitz gehen? brieflich oder persönlich? Mir fiel auch im Bette ein, ob ich mich etwa brieflich an Ihren Pfarrer wenden könnte? versöhnlich, verständigend, mahnend, was meinen Sie dazu? Hirzel sprach von der Öffentlichkeit, an die man appellieren sollte, Keil wollte eine Erzählung Ihrer Flucht, mit den Gründen derselben, gern in die Gartenlaube nehmen. Aber die Hauptfrage ist ja, ob Sie Frieden machen können mit Ihrer Gemeinde, und wenn das möglich ist, daß der dann durch nichts gestört wird. Ich wollte, ich wäre ein reicher Mann und könnte Sie mit den Ihrigen ganz hierher nach Leipzig ziehn, daß wir an Ihrer Aufgabe zusammen weiter arbeiteten.</p> <p>Ihre Äußerungen über Ihre Ästhetik waren mir sehr ange­nehm, sie ist die rechte, die beste, und wenn Sie das Ge­schwätz nennen, so schwätzen Sie ja so weiter, mir ist jedes Wort Gold das von Ihnen kommt.</p> <p>Nun denn, frischen Muth, Braver, ich ahne daß auch diese furchtbare Erfahrung Ihnen und Ihrer Sache nur zum Segen ausgehen wird. Mit herzlichstem Händedruck und innigen Grüßen, auch für Ihren Schwager und Ihr Wible</p> <p>Ihr treuer R. Hildebrand</p> <p>Was hat denn eigentlich dem Fasse den Boden ausgestoßen? mein Aufsatz über Sie? bitte geben Sie mir das bestimmt an, überhaupt wäre mir Genaueres über den Vorgang sehr will­kommen. - Sehr gefreut haben mich die Grüße von dem Arzt und von Feuerstein, sagen Sie ihnen das wenn Sie können, und grüßen Sie wieder.</p> <p>NB. Wenn Sie etwa kommen, so machen Sie sich wegen Ihrer Toilette nicht etwa die geringste Sorge, Sie glauben nicht wie unnöthig das ist gerade in einer großen Stadt. Verzeihung für die kleine und kleinliche Sorge. Eine Paßkarte können Sie wol in Bludenz bekommen, aber Sie kommen wol auch ohne die fort.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Flucht Freimaurer Heilsgeschäfte Kirche Reise auf den Tannberg Sonderlinge felderbriefe.at newsletter Sun, 12 May 2013 07:00:00 +0000 st 377 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-36 <div><span class="date-display-single">9. Mai 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund!</p> <p>Schon wieder in Bludenz und gerade während daheim die Feldarbeit beginnt? Werden Sie mich fragen und ich will da­her von Allem erzählen wie das gekommen und gegangen ist. Ich hab Ihnen schon früher von der Hetzerei unserer Brixner erzählt. Es war damahls noch so ungefährlich, daß ich, da die bessern auf meiner Seite standen, darüber lachen konnte. Meine Freunde und noch viele stehen auch jetzt noch zu mir, aber es ist den frommen Bemühungen unseres Pfarrers, einiger Berufsgenossen und der Kapuziner in Bezau gelungen, die Gedankenlose Menge in eine Aufregung zu versetzen, daß meine Freunde für meine Sicherheit besorgt wurden. Es thut mir recht weh' Ihnen so etwas von meinen wackern Wäldern erzählen zu müssen, aber ich kann zu mei­nem Tröste beisetzen, daß ich mir von allen Gegnern keinen Einzigen zum Freund wünschte. Ich werde Ihnen daher auch nicht von der bösen abergläubischen undankbaren Welt, sondern nur noch von dem erzählen, der Ihnen schon so viele Mühe und Sorge machte, nämlich von mir. Einiges, was ich in der letzten Woche erleben mußte, machte auf mich einen Eindruck, wie ich Einen sogar in diesem kampfreichen Winter noch nie erfuhr. Ich sah neben und unter mir alles wanken und brechen. Ich wäre ein schlechter Vertheidiger meines Lebens, muß mich auf den Schutz der Gesetze ver­lassen, und Gott sah mich mit dem Wible daher nicht, wie ich schrieb durch das unglaublich aufgeregte Land hinaus nach Lindau, sondern zum lieben Schwager nach. Bludenz wandern.</p> <p>Schon in den nächsten Tagen sollen Sie Wibles Photographie erhalten, hier kommt und geht die Post täglich und ich werde mich nun zuweilen mit Ihnen unterhalten. Nach Hause geh ich. nicht so schnell, sondern ich warte bis der Schwager mit­gehen wird, um den Frieden wieder herzustellen wenn das nicht sonst möglich sein sollte. In der nächsten Nummer der Feldkircher Zeitung, die ich Ihnen zusende, veröffentlicht der Schwager eine geharnischte Erklärung die auch Ihnen nicht uninteressant sein dürfte, und Sie einen tiefen Einblick in unsere verbrixnerten Verhältnisse thun lassen wird. Nun bin ich, und hoffentlich für immer mit der elenden Geschichte fertig.</p> <p>Es war eine wunderliche Reise. Die Vögel haben das mir nur zu stark noch in den Ohren liegende Gebrumm der Röm­linge und ihrer Papageien bald weg gehabt, auf einem Berg­rücken wo der letztfe] Fluß in den Wald zieht wusch, ich mir den Staub von den Schuhen und nun auf einmal von meiner krankhaft aufgeregten Einbildung wunderbar geheilt, zogen wir jauchzend ein ins frühlingsgeschmückte Oberland. Wenn Keil mit den Heilsgeschäften zufrieden ist, werde ich ihm und sonst Ihnen nächstens eine Beschreibung meiner Reise, frei von aller Selbstbespiegelung schicken, wenns nicht inter­essanter sein sollte, auch die Veranlassung derselben als Hin­tergrund aufzustellen. Hier in Bludenz hab ich freundliche Aufnahme Zerstreuung und schon wieder Stoff und Lust zum Arbeiten gefunden.</p> <p>Ich denke die Erzählung mit nach Leipzig zu nehmen und wir werden also noch darüber reden können, wenn nur der Kanonendonner uns nicht stört.</p> <p>Mein Wible geht wieder zu den Kindern zurük. Es hielt zu mir in der Plagerei der letzten Wochen wie eine Heldin. O erst am Abend ließe ich mir den Tag tadeln. Ich glaube an den Sieg der Wahrheit und des Rechtes nur der Faust werde ich weichen schutzsuchend beim Gesetz, und hoffend auf den Geist des Jahrhunderts, den verkanzelten Zeitgeist als dessen Kind man mich, ohne vielleicht besser als ich zu wissen warum, verfolgen lassen will. Mit 1000 Grüßen</p> <p>Ihr</p> <p>F M Felder beim Adjunct Moosbrugger in Bludenz Vorarlberg</p> <p>Die Sonderlinge wurden in unsern Blättern angekündet als das Werk „eines Bauern" „ein Umstand den der Leser schwer­lich bemerken würde". Das Werk wird hier zahlreicher be­stellt als ich erwartete, da ich den etwas hohen Preis erfuhr. Ich bin begierig ein Urtheil von Steger Gottschall Scheffel und der Allgemeinen Zeitung zu lesen. Morgen gehts wieder an mein jetziges Werk und ich werde meine Heldin einmal vor den Beichtstuhl zu bringen suchen. Ich lasse nämlich, wie ich Ihnen schon früher schrieb, meine Personen selbst ringen und sehe gleichsam nur zu was aus ihnen werde, oder ich ringe mit ihnen, jedoch ohne die Absicht einen Mustermenschen aufzustellen. Mir kommt das immer un­schön und unwahr vor. Ich meine, der Dichter darf die Welt nur nehmen, wie sie ist. Will er das Herz erfreuen so muß er ihre Schönheiten und das Gute der Menschen wie sie sind zeichnen, nicht verschönern. Er soll auch aus dem Bösen etwas zu machen wissen. Mir ist das Böse zur Läuterung des Guten nötig. „Es müssen Ärgernisse kommen, aber wehe dem Menschen, durch welchen Ärgerniß kommt!" Erschrecken Sie nur nicht, das Bäuerlein wird Ihnen keinen Vortrag über Dichtkunst halten, aber Sie haben ihm Muth ge­macht, mit Ihnen zu plaudern, und auch von dem etwas mit­zutheilen, was es ohne Abhandlungen gelesen zu haben, in den trüben Tagen dieses ungewöhnlich strengen Winters zu­sammenspann.</p> <p>Sie haben sich schon so theilnehmend nach meinem neuen Werke erkundiget und Dichter lieben nicht zu schweigen aber das - Gestell meiner Dichtung kann ich jetzt noch nicht vor Ihnen aufführen, meine leitenden Gedanken aber kann und Gottlob! darf ich Ihnen mittheilen und Sie um Ihr Urtheil darüber bitten. Die Erzählung „Liebeszeichen" ist im Entwurfe fertig. Das ist ein Kind der schönsten Stunden dieses und der letzten zwanzig Winter. Hoffentlich wird es Ihnen beweisen, daß ich von der Luft aus dem Norden den Schnupfen nicht be­kommen habe.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bludenz Rudolf Hildebrand Flucht Liebeszeichen Sonderlinge Wible felderbriefe.at newsletter Thu, 09 May 2013 07:00:00 +0000 st 376 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-32 <div><span class="date-display-single">10. März 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund</p> <p>Ich kann heute so wenig zur Ruhe kommen als das Herr­mindle welchem - wie das Wible entschuldigend sagt - wie­der ein Paar Zähne kommen sollen. Es ist wirklich eigen wie der Mensch unruhig und aufgeregt wird wenn er - etwas Neues bekommt. Dann will er seine Lieben um sich haben wie jetzt mein kleines Kind seine Mutter. Ich erfuhr das im­mer, wenn ich einen Brief von Ihnen erhielt. Nur hab ich immer bedauert, nicht auch Ihnen einmal eine Freude machen zu können. Nun endlich, liebster Freund, endlich ist dieser Wunsch erfüllt, denn ich denke Sie und fühle Sie mir so nahe, so - eigen möchte das Wälderbäuerlein gern sagen, daß ich weiß: Meine Mittheilung wird auch Ihnen Freude machen.</p> <p>Heut hab ich einen Brief von Ernst Keil erhalten. Er schreibt: Vor einigen Tagen hab er durch einen glücklichen Zufall meinen Nahmen erfahren und daß ich ein Freund der Garten­laube sei. Er ersucht mich dann um Beiträge die er mit 100 fl a Bogen zu honoriren verspricht und bittet um baldige zu­stimmende Antwort.</p> <p>Auch das, lieber Freund, ist ein Wellenschlag von Ihrem Wurf! Nun denke ich zu antworten daß sich ein Aufsatz in Ihren Händen befinde, der vielleicht geeignet sein könnte, denn Sie werden nun „zum Angriff" meine Briefe bei Gosche nicht mehr nötig haben. Für die Zukunft verspreche ich mehr, denn immer noch sind bei den größeren Arbeiten auch so Bröcklein abgefallen, aus denen [sich] vielleicht etwas Ordent­liches geschnitzt werden könnte.</p> <p>Seit meiner etwas lebensgefährlichen Heimreise von Bludenz sitze ich unermüdet im Zimmer bei Feder und Buch, lasse all die politischen und socialen Fragen beantworten wer will und kann, denn ich hab jetzt mit den Helden meines jetzigen Werkes zu thun, die ich schon etwas genauer kennen lerne. Mein kleines Zimmer und meine Arbeit in diesem werden mir immer lieber. Zwar hab ich meine „Schreiberei" nie als „Handwerk" betrachtet, doch wenn sie auch für mich wenig­stens einen silbernen Boden haben wird, so werde ich doch mit Freuden die meinen etwas schwachen Körper allzusehr anstrengenden s g Würgerarbeiten, Holzziehen udgl einen Tagwerker verrichten lassen da solche hier für 7 Ngr. leicht zu bekommen sind. Ich selbst habe früher für diesen Lohn allerlei gethan nur um die Klassiker und die Gartenlaube zu verdienen. Der aus der Allgemeinen auch in unsere Blätter gekommene Artikel hat mir manchen zugeführt der dem s g Erfolg nachgeht, aber es ist darüber auch, großes Wehklagen entstanden in Israel. Jetzt soll ich gar der Verfasser der „ver­dammten deutschkatholischen Klarstellung" sein, der Pfarrer von hier hat schon Predigten gegen mich und die erfreulich gedeihende Bücherleihanstalt gehalten, doch er klagte letzt­hin es sei nichts mehr zu machen denn die ganze Gemeinde halte jetzt zusammen und zu mir, früher wäre das ganz an­ders gewesen.</p> <p>Doch genug hievon für heute.</p> <p>Sie haben mir eine schöne Zukunft eröffnet. Ich werde Ihnen ewig dankbar sein und werde werth zu sein suchen der Hand, die mich hält und führt, während andere mir Gruben graben, mich zu schreken oder zu verloken suchen und mir nur dar­um nicht schaden, weil Sie mich halten und führen. Ich hoffe, daß Sie den Kreis in dem ich lebe, gut genug kennen, um das nicht etwa für eine Schmeichelei zu halten. In den Kämp­fen und Nöthen dieses Jahrs war ich wol versunken, wenn nicht Sie mir festen Boden verschafft hätten. Ich danke dem Himmel daß er mich zu Ihnen führte. Von meinem neuen Werke hoffe ich Ihnen im Sommer schon einiges vorlegen zu können. O wir alle freuen uns recht von Herzen auf die Wochen, die Sie hier verleben werden. Könnten Sie nicht auch etwa Eins der Ihrigen mitbringen, Vielleicht Ihre Tochter? Ich bitte, mir sie und alle recht herzlich zu grüßen. Bei Keil werde ich Sie melden, Sie können ihm dann meinen Aufsatz zustellen wie und wann Sie es für gut halten. Mit tausend herzlichen Grüßen</p> <p>Ihr ewig dankbarer F M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Flucht Israel Keil Klarstellung felderbriefe.at newsletter Sun, 10 Mar 2013 08:00:00 +0000 st 362 at http://felderbriefe.at