felderbriefe.at - Kaspar Moosbrugger http://felderbriefe.at/taxonomy/term/47/0 de FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-28 <div><span class="date-display-single">1. April 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Mein letzter Brief war überhaupt mein letzter, seitdem liege ich im Gado lungenkrank darnieder.</p> <p>Herr Dr. Dünser machte mir den Antrag, Herrn Dr. Greber in Bezau beizuziehen, wenn ich nicht immer Besserung spürte trotz zunehmender Schwäche, so würde ich von demselben Gebrauch gemacht haben.</p> <p>Mache Dir also keine Sorgen und hoffe das Beste. Wenn Du Dr. Hildebrand die Biographie schickst, so melde ihm mein Unwohlsein, von dem er natürlich nichts weiß. Grüße an die Deinigen. Dein Freund</p> <p>F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Wed, 01 Apr 2015 07:00:00 +0000 st 728 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-27 <div><span class="date-display-single">27. März 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich kann heute nicht so viel schreiben als ich wünschte, denn mich plagt wieder, was noch jedes Jahr um diese Zeit sich einzustellen pflegte. Ich bin unwohl, hoffe aber, daß es nicht bös werde.</p> <p>Daß es Dir kaum interessant sein werde, einen Menschen durch Gedanken und Empfindungen, ohne bestimmtes Ziel erziehen zu sehen, habe ich erwartet. Ich hoffte aber, daß Du mit den Volks- und Landschaftsschilderungen recht zufrieden sein werdest.&nbsp; Daß&nbsp; Ihr mit der Familienidee andere Kerle geworden seid, mir in manchem überlegen, habe ich schon in der Biographie betont, und könnte man da mit mir zu­frieden sein.</p> </div> <div> <p>Gegen die Anschauung, ob die Salzbacherstegkatastrophe durch die Vorsehung eigens herbeigeführt sei, hab ich mich mehrfach verwahrt und wäre schlecht zufrieden mit Schreiber und Korrekturleserin, wenn sich's nicht finden sollte. Tragisch war die Geschichte erst durch die Haltung der Bauern, welche allerlei Ideen bei meinem Anblick, aber keinen Gedanken hatten. Einige z. B. hielten mich für einen Tannberger usw. Ich habe die Geschichte, wie noch manches, so schonend als möglich gegeben.</p> <p>Doch ich fühle mich durchaus nicht zum Schreiben fähig. Der Kopf ist nicht so klar, als er bei einem gedankenblassen Menschen sein sollte, und meine Hand zittert. Wenn ich wieder gesund werde, komme ich hinauf, aber nicht, um eine Verteidigungsrede zu halten. Ich hoffe nämlich, Du werdest mir zugeben müssen, daß alle Ideen aus dem Gedanken, Wort (Logos) oder aus Eindrücken entstanden sind. Gestehst Du das zu, so sind wir eins, sonst streiten wir, daß es klepft. Dein Urteil über meine Arbeit war übrigens viel günstiger, als ich erwartete, und es hat mich recht gefreut. Ich wußte, Du hieltest den Stoff für zu unbedeutend, ich aber bedurfte dieser Selbstschau.</p> <p>Nannis Lieblingsausdruck war: „Ich hab schwer dran köpfen müssen und hab lang mit aller Mühe kein Gedänkelein funden." Nun weiß ich nicht, wie da die vorgeschlagene Veränderung paßt, besser klingen würde sie. Mach also, was Du willst. Allmacht der Idee ist jedenfalls besser. Ich weiß nicht, wie bald wir über das Werk reden können. Hilde­brand erwartet es mit größter Ungeduld. Sei also so gut, ihm das Manuskript zu schicken. Professor Dr. Hildebrand, Leipzig, Windmühlenstraße 29. Nun aber bin ich müde, da muß es anders werden, bevor Ihr mich auf den Hals bekämt. Mit herzlichem Gruß und in Erwartung gelegentlicher Antwort Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F. M. Felder</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Fri, 27 Mar 2015 08:00:00 +0000 st 723 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-26 <div><span class="date-display-single">14. März 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Seit dem Abgange meines letzten Briefes an Dich bin ich fast immer hier, wo ich mich mehr und mehr daheim fühle. Ich bin nicht müßig, doch werde ich ein anderes Mal mehr von meinen Taten erzählen. Heute will ich nicht von Wollen und Handeln, sondern von Schreiben und Sandeln reden. Der erste Band meiner Selbstbiographie ist fertig. Du erhältst ihn mit der Bitte, ihn aufmerksam durchzulesen, gefundene Schreibfehler zu verbessern und mir sobald als möglich Dein Urteil über das Ganze zukommen zu lassen. Du wirst das Ganze mit viel - ja vielleicht nur mit zu vieler Liebe und Hingebung ausgearbeitet finden. Vergiß nicht, in welcher schweren Zeit es entstand und [wie es] mir zum festen Punkte war, an dem ich mich zu halten suchte. Wenn Du das Werk gelesen und mir darüber geschrieben hast, komme ich hinauf, und dann können wir über die Ver­öffentlichung und sonst noch über vieles sprechen. Im hiesigen Leseverein hab ich vorletzten Sonntag eine größere Rede gehalten. Ich sprach über die Art, wie jedes Buch, besonders schöne Werke mit bleibendem Nutzen zu lesen seien, und erntete genug Beifall. Hier ist nun ein Punkt geschaffen, von dem aus man aufs Ganze wirken kann. Möch­test nicht auch Du einer der Unsern sein und einmal eine Rede halten?</p> <p>Wir müssen noch von der Sache sprechen. Jetzt sind wir für [die] Errichtung eines landwirtschaftlichen Zweigvereins tätig und tragen schon den Gedanken an eine kleine Versuchsstation in uns herum. Ich habe soeben einen Aufruf ausgearbeitet, den Du in Briefform erhalten sollst. Ich muß schließen, denn ich will heute noch heim.</p> </div> <p>Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bezau Kaspar Moosbrugger Sat, 14 Mar 2015 08:00:00 +0000 st 715 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-25 <div><span class="date-display-single">3. März 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich danke Dir herzlich für Dein wertes Schreiben. Du hast Deine Worte gesprochen, die in meiner Seele nachklangen.</p> <p>Meine Selbstbiographie wird in wenigen Tagen fertig. Auch die Abschrift ist von Albinger in Bezau bis auf wenige Bogen besorgt. Ich schließe mit meiner Verehelichung ab. Der Tod meiner Nanni wird gar nicht erwähnt. Du siehst Nanni lebend, schaffend, singend, Du hörst ihre Ansichten über Menschen und Zustände und ihre Gedichte. Die Kapitel, die von ihr erzählen, sind die heitersten. Sonst hat das Buch manches Trübe, weil sich alle heimatlichen Zustände in meinem Leben widerspiegeln und dort mit ihren Wirkungen umso schärfer hervortreten, wo ich selber noch nicht recht fest war. Ich habe mich durch diese Selbst- und Umschau von vielem befreit. Auch ungemein anregend war sie. Manche neue Seite unseres Gesellschaftslebens hat sich mir gezeigt, manches war mir klar, und ich legte es zurück, da ich es dort nicht gehörig ausführen konnte. Ich habe mich strenger Wahrheit beflissen. Ich schone niemand, aber ich übe die Gerechtigkeit in liebe­voller Weise, das heißt mit dem Hinweis aufs Allgemeine und auf das Überlieferte. Noch bin ich nicht eins mit mir, ob ich die Arbeit veröffentlichen soll. Feurstein nennt sie rücksichts­los mein bestes Werk. Das finde ich nun gerade nicht, aber ich glaube doch, daß es trotz seiner Einfachheit manches Schöne und Gute in den 25 Kapiteln bringe. Die Schilderung meiner Knabenzeit, meiner Spiele, der ersten Schuljahre ist sehr breit. Ich kam dabei auf einen ganz eigenen Gedanken, der mir immer lieber wurde und mich nicht mehr ruhen läßt. Ich muß ihn Dir schon mitteilen, obwohl ich's eigentlich nur durch sofortige Ausführung ganz könnte. Daß der Bregenzerwälder durch die Sitte, den Brauch erzogen wird, ist klar, und er hat da nichts vor ändern Bauern voraus als - gerade die Eigentümlichkeit unserer Sitten oder doch vieler derselben. Nun frage ich mich: Wozu wollen diese ihn machen? Mein Senn in den Sonderlingen tritt als ein Ideal auf; aber wie ist er geworden. Ich möchte das Ideal unserer Sitten schaffen: Möchte zeigen den Liebhaber, den Gatten, den Vater, die Geliebte, das Weib. Alle unsere Bräuche greifen in die Entwicklung des Einzelnen ein, sogar das Fen­sterlen und Hineinreden, der Visis [?] (Bettler), das Ge­störtwerden auf dem Strich. Man hat mich ersucht, im Lese­verein in Bezau eine Rede zu halten, ich möchte versuchs­weise über dieses Thema sprechen. Ich habe auch Lust, es gründlich zu bearbeiten. Sowohl die erzählende als die wissenschaftliche Form - letztere natürlich nicht zu streng gehalten, müßte sich dazu eignen und ich glaube, daß mir das Volk und die Gelehrten dafür dankbar wären, besonders da diese Arbeit immer schwerer und für einen Spätem ganz unmöglich wird. Ich möchte hören, ob Du mich verstehst und was Du dazu sagst. Die Selbstbiographie solltest Du doch lesen, da ich mit Dir sowohl über Einzelnes als über die Veröffentlichung des Ganzen sprechen möchte. Mir ist nun die Aufgabe geworden, J. Feldkirchers Gedichte herauszugeben. Wie ich eben erfahre, will mir die Familie die Handschriften gern unentgeltlich benützen lassen, wenn die­selben ins Volk kommen sollen.</p> </div> <div> <p>Buchhändler O. Janke [?] in Berlin hat mich um Übersen­dung der Liebeszeichen gebeten, weil er sie in der bei ihm erscheinenden „Roman-Zeitung" abdrucken will. Mir fiele da ein hübsches Honorar ab.</p> <p>Entschuldige, daß ich so viel von mir selbst melde. Jeder redet gern von seinem Tun, ich kann es hier nicht und habe alles allein. Es war so schön, als ich alles mit dem Wible gemein hatte. Es war wirklich meine Ehhälfte und fühlte sich sogar mit mir leidend glücklich. Sie hatte teil an allem meinem Schaffen und war doch weniger blaustrumpfig als manche, die nie aus dem Kaffeesatz herausgezogen wird. Feurstein will meine Gedichte in der Mundart sammeln und herausgeben, um im kleinen zu versuchen, ob mir nicht der Selbstverlag vorteilhaft wäre, zu dem er mir die nötige Unter­stützung anbietet. Ich habe schon mehrmals zu diesem Zweck gearbeitet, und es liegen einige gemütliche Gedichte vor, die ich Dir einmal sende.</p> </div> <div> <p>Ich arbeite überhaupt sehr fleißig und suche mich in jeder Form auszudrücken. Bereits denke ich wieder an ein größeres Werk, in dem Du sehen dürftest, daß ich mich auch den Zeitfragen nicht verschloß, doch das steht noch im Weiten. Im Fasching war Elsensohn in Bezau, machte den Großen und zog mit seiner Braut herum. Die Titel fangen auch bei uns zu gelten an. Die Kasinos scheinen schlechte Geschäfte zu machen.</p> <p>Nächstens werde ich Dir die Statuten unseres Lesevereins in Bezau und die Leseordnung schicken. Die Geistlichen sind bereits dagegen. Der Pfarrer von Bizau, Vonbank, war der erste. Im Fasching ging's absonderlich lustig zu, ich habe viel gesehen und wenig genossen.</p> <p>Das Mötele jammert, meine Magd müsse heim. Ich könne ja Deine Isabell anstellen, da sie im März doch gehe. Ich glaube das nicht und wünsche es nicht. Übrigens macht mich das Gerücht bereits zu einem Hochzeiter mit dem Mädchen, daneben tauchen aber auch drei andere Mädchengestalten auf, größer und voller [?], aber unter ihnen gefiele mir Mariann doch am besten. Will gern sehen, ob sie mir den Sommer bleiben darf oder heim zur Mutter muß, um dort ­Magd zu sein.</p> <p>Das Mädchen ist mir - offen gesagt - recht lieb. Es tut den Kindern Gutes, kommt mit der Mutter ordentlich aus und hat auch Verständnis für das, was es mir vorliest. Wir beide sind wie Bruder und Schwester, aber oft drückt mich sein un- sicheres Wesen, dann sag ich mir schaudernd: So wird ein</p> </div> <p>Stiefkind!</p> <p>Lebe wohl und schreibe bald.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein einsamer Freund</p> <p>F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Tue, 03 Mar 2015 08:00:00 +0000 st 711 at http://felderbriefe.at AN KASPAR MOOSBRUGGER IN BLUDENZ [ENTWURF] http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-bludenz-entwurf-0 <div><span class="date-display-single">27. Februar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich möchte Dir dießmal einen ziemlich langen Brief zukommen lassen, aber ein Unwohlsein, wie es fast jedes Jahr um diese Zeit sich einstellt, dürfte mich früher ermüden lassen. Anfangen aber will ich doch und sehen wie es geht. Dein Urtheil über meine letzte Arbeit, die Dir besser gefällt als ihr Held, habe ich mit Interesse gelesen. Ich habe schon in meiner Arbeit bedauert und bedaure mit Dir nochmahls, daß ich eigentlich nach dem Tode des Vaters und bis zum Schluß des ersten Theiles allein stand mit meinen Gedan­ken und nur durch kleine Erlebnisse geistig bereichert wurde. Der Segen eines warmen Famillienlebens ist auch schmerzlich genug gelebt, besonders in den letzten Kapiteln wo ich mehr mit den Deinen verkehrte. Ich könnte manche Stelle dafür anführen, kürzere und längere. So glaube ich euch gerecht geworden zu sein, mir aber war ich gerecht, indem ich mich auch gab wie ich war, als Gesichts und Gedankenmenschen. Ich halte so eine Schilderung dieser Richtung, wie die Richtung selbst, wenigstens für berechti­get, hielte ich sie aber für unberechtigt so würde ich darum doch meine Vergangenheit meine Vergangenheit nennen müssen. Daß ich mich besonders hoch stellte, kann man wohl nicht sagen, ich zeigte vielmehr zuweilen recht anschaulich, wie der Gedanke bettelarm wurde, und ich mich an Greifbares halten mußte, z. B. wo ich als Bischer nach Lindau reiste.</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Fri, 27 Feb 2015 08:00:00 +0000 st 708 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-24 <div><span class="date-display-single">17. Februar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Also, nun hättest Du mich als Vater ereilt, mögest Du auch glücklich weiter kommen. Ich wünsche Dir und Deinen Kin&shy;dern, was ich so dachte und träumte, wenn ich Viertelstunden lang in der Wochenstube weilte. Freue Dich Deines häuslichen Glückes, aber vergiß auch nicht zu sehr der Vereinsamten, denen es alles war und die es nun entbehren müssen. Mir tut der Anblick meiner Kinder noch immer weh, und ich hab unter ihnen schon manche Träne geweint. Nur äußerste Anstrengung meiner Geisteskräfte muß mir Erholung sein, und wenn ich dann abgespannt werde, daß mir die Nerven sind wie Glas und die Gebeine wie Scherben, so gehe ich nach Bezau, wo ich überall gut aufgenommen bin. Dort kann ich recht heiter werden, aber das Gleichgewicht findet mein Inneres nur am Schreibtisch. Auch nach Au komme ich viel, aber nur, um mich zu zerstreuen.</p> <p>Kurz, ich weiß nur von federfuchsenden Taten zu berichten. Meine Selbstbiographie langt bald bis zu meiner Vereh&shy;lichung, womit ich dann den ersten Band und vorläufig das Ganze abschließe. Meinem Wible ist darin ein Denkmal gesetzt, wie es noch selten einer Wälderin wurde. Ob ich die Arbeit sofort veröffentliche, weiß ich noch nicht. Ins Reine geschrieben wird sie von einem Schreiber, für welchen Feur&shy;stein sorgt. Im nächsten Monat wirst Du die Arbeit erhalten. Ich habe bei derselben meine besten Kräfte allmählich wieder gefunden. Wenn man bangt, noch einen Schritt vorwärts zu gehen, ist's Wohltat und Kräftigung, die zurückgelegte Strecke zu übersehen. Ich fand manche Rose wieder, und ein frischer duftiger Hauch wehte mich an. Ein aufmerksamer Leser meiner Arbeit freilich dürfte auch ahnen, wie manche Träne dabei floß, aber schon meine Sonderlinge beweisen, daß nicht alles herb wird, was ich mit meinem Herzblut schreibe. Ich vermag mich gestaltend von allem Quälenden zu befreien, und eben darum kann ich dann dabei wieder hell aufjubeln. Freilich laß ich mich oft zu frei gehen. Vielleicht wirst Du das nur zu oft finden, aber streichen kann ich immer noch.</p> </div> <div> <p>Die holländische Übersetzung der Sonderlinge ist da. Sie ist mit Fleiß und Liebe gemacht, auch recht schön ausgestattet. Ich kann's ziemlich leicht lesen, und es tut mir wohl, meine Gedanken in diesem Kleide zu sehen.</p> <p>Von Wien hab ich gute Nachrichten, doch nichts Bestimmtes. Bergmann schrieb mir, daß ein namhafter Betrag für mich bestimmt wird, jedoch erst in 6 Wochen Bestimmtes zu er&shy;fahren sei. Von anderer Seite höre ich, daß meine Schriften in Wien immer mehr gelesen werden. Grillparzer und Halm sollen sich sehr dafür und für mich interessieren. Ich bin darum freilich nicht mehr und nicht minder, aber einem armen Teufel darf man auch die Freude am Erfolg, z. B. an einem Brief des Ministerialrats, nicht verübeln. Du siehst mich immer tätig, die Musen sind mir treu. Ich lerne meine Beschäftigung jetzt aufs neue lieben. „Die Welt in mir und ich in der Welt." Das hilft über viel hinaus, und man braucht sich nicht jeden Abend vor dem Schlafen behag&shy;lich in eine fertige Rechnung für die Zukunft einzuwickeln, wie ich von früher her es nur zu sehr gewohnt bin. Ich habe Verlieren gelernt. Man besitzt manches, was man nicht hat, und kann etwas erst recht haben, wenn es verloren scheint. An meiner Nanni war mir das menschlich Beste wert vor allem, aber das geht nie verloren. Ich habe viel verarbeiten müssen, kein Mensch ahnt wie viel, und ganz allein, denn andere leben in andern Gedankenkreisen. Ich stehe äußerlich allein, aber ich bin in der Welt und habe die Welt in mir, in mir hab ich sie mit blutsaurer Arbeit überwinden gelernt, und seitdem ist sie mir erst lieb.</p> <p>Was ich nun anfange, weiß ich nicht, und es ist mir ordentlich wohl, es nicht zu wissen. So hat man jeden Augenblick ganz, im andern Falle nur als Teil eines auszuführenden Gedankens. Von Feurstein erhalte ich die Zukunft von Jakobi zugeschickt, die sehr interessant sein kann. Sie hat auch mit der Arbeiter&shy;frage zu tun, und zwar nicht im Sinne Schulzes. Abends liest mir Mariann irgend etwas Schönes vor. Sie liest gern und ihr Vortrag gewinnt nach und nach einiges Leben. Daß das Mötele durch mich in Schaden kommt, glaub ich kaum. Es fordert 1 Fl. 12 Kr. Silber Wochenlohn. Ich zahle ohne Wider&shy;rede, weil ich das Mädchen behalten und nicht mit kleinlichen Nörgeleien plagen möchte. Ich glaube aber, daß man auch mich gehen lassen sollte. Ich bitte Dich aber, einstweilen keinen Schritt für mich zu tun, bis ich mit Dir gesprochen habe. Das müßige Geschwätz macht uns beide zum Paar, vielleicht wirkt das. Ich will wenigstens jetzt noch dem allein alles zuschreiben, was ich sonst recht gemein finden würde.</p> </div> <div> <p>Ich hätte überhaupt manches mit Dir zu reden und komme vielleicht einmal ein Sprüngle hinauf. Wann? weiß ich noch nicht. Vielleicht unvermutet, aber jedenfalls nicht, bevor Du die Biographie gelesen hast. Grüße mir die Deinen, Gaßner, Bickel und alle, die sich um mich kümmern. Sag ihnen dabei, was Du willst über mein Befinden.</p> <p>Sei so gut, mir einmal die Zürcher Zeitung und Hildebrands Brief zu schicken; es hat aber nicht so Eile wie mit einer Antwort, die ich erbitten möchte.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein Freund</p> <p>F. M. Felder</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Tue, 17 Feb 2015 08:00:00 +0000 st 702 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-23 <div><span class="date-display-single">29. Januar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Es scheint mir unmöglich, von Dir ein Schreiben zu erwarten. Auch seit meinem letzten Briefe ist es so lang, daß ich dessen im Drange vieler Arbeit entstandenen Inhalt wieder völlig vergaß. Es ist daher möglich, daß ich heute bereits Ge­meldetes wiederhole.</p> <p>Fräulein Gaßner hat bereits geantwortet und auch deren Schwesterchen legte ein Briefchen bei, welches die Schreiberin als eine interessante Schwärmerin erscheinen läßt. Ich bin auf diese Weise nun in den gewünschten brieflichen Verkehr mit Scherer gekommen und habe so meinen im Auge ge­habten Zweck erreicht.</p> <p>In Wien wird sich's dieser Tage zeigen, was mein Name und was meine dortigen Freunde vermögen. Du wirst Hamms Brief wohl gelesen haben? Ich schickte ihn Dir und hoffte, gleich Dein Urteil zu erfahren. Es wäre schlimm, wenn mein Eigensinn in einem Stück Dir die Korrespondenz mit mir verleidete. Dann käme ich gleich hinauf, läse Dir tüchtig den Text und bliebe Dir und Deiner Frau wenigstens eine halbe Woche auf dem Hals, wozu ich auch sonst fast Lust hätte. Ich sehne mich zuweilen recht nach Bewegung, denn wenn ich hier bin, vermag ich mich nur durch unausgesetztes Ar­beiten von quälenden Gedanken zu befreien. Anderwärts kann man doch in gute Gesellschaft, wenn's einem zu Hause nicht mehr behagt.</p> <p>Wie geht es dem Leseverein? Ich versprach mir etwas davon, bis ich in der Feldkircher Zeitung davon las, jetzt aber zweifle ich an Deiner Mitgliedschaft. In Bezau haben ich und Feur­stein die Anregung gegeben, als die übrigen einen Verein der Verfassungsfreunde gründen wollten. Daß ich nun unsere Bibliothek in Schoppernau - versteht sich unter Bedingungen - nach Bezau wandern lasse, ist natürlich, denn ich errichtete sie fürs Land. Die Statuten beruhen auf demokrati­scher Grundlage, so daß die Sache den Liberalen so sehr wie den Ultramontanen im Magen liegt, obwohl die Feldkircher Zeitung endlich gute Miene zum bösen Spiele zu machen sucht. - Das Volksblatt erhalte ich unbestellt und bin auch zur Mitarbeit eingeladen worden.</p> </div> <p>Bisher aber bin ich mit meiner Biographie beschäftigt. Ich hoffe, das Werk werde auch Dir nicht mißfallen. Das ist nun einmal etwas Reelles, und ich finde so nebenbei für manches Platz.</p> <p>Feurstein in Bezau will meine Gedichte sammeln und drucken, um mir zu zeigen, wie vorteilhaft der Selbstverlag wäre. Ich werde Dir die zur Veröffentlichung bestimmten Arbeiten vor­legen.</p> <p>Das Vorsteherle hat nun geheiratet und Galli auch, wie das Volksblatt erzählt, in dem ich mit Staunen auch einen Artikel von E. Keßler fand. Die holländische Übersetzung der Sonder­linge ist nun heraus, und ich denke, sie dem Museum zu senden.</p> <p>Schreibe bald. Mit Gruß, auch an Deine Therese, die mir ihr Bild schicken soll, und Handschlag Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Biographie Thu, 29 Jan 2015 08:00:00 +0000 st 694 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-22 <div><span class="date-display-single">21. Dezember 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Heute nichts oder doch nur wenig mehr von meinem Roman, obwohl ich noch manches zu sagen hätte. Ich habe Dir wichtige Mitteilungen zu machen, die Dich freuen werden. Den Brief von Hamm hat nun Mariann für Hildebrand abge­schrieben, denn ich glaubte, dem die Mitteilung des Inhalts schuldig zu sein. Unter den mir gemachten Anerbietungen hab ich vorläufig die Unterstützung durch den Schillerverein gewünscht, damit „nicht weitere Ausbildung und freudiges Schaffen - womöglich auch im Sinn des Ministerialrats ­durch das blasse Gespenst der Sorge gehindert werde". Es hätte etwas Behagliches, ein von der Regierung bezahlter Schriftsteller zu sein, aber vor allem will ich mir freie Hand behalten. Es war nicht die Aussicht auf Gewinn, sondern die Macht des Gedankens, die Wärme der Empfindung, was mich zum Schriftsteller machte. Diesen beiden dient meine Feder. Das Übrige wird sich finden. Übrigens ist Hamms Brief in einem Tone gehalten, der mich froh werden läßt über die zu ihm gewonnenen Beziehungen. Man sieht's gleich, daß er ein Deutscher ist.</p> <p>Als ich ihm geantwortet hatte, kommt gleich ein Brief von Bergmann, der ersucht mich, ihm sofort ein Gesuch an die Schillerstiftung zu übersenden, denn nach Lesung von Reich und Arm ist er zur Überzeugung gelangt, daß mir Muße zur vollen Entwicklung meiner Kraft geschafft werden müsse. Er teilt mir mit, daß auch bei Hofer von meinem Schaffen die Rede gewesen sei, und tut das mit einer bei ihm erklär­lichen Wichtigkeit. Ich habe dann das Gesuch verfaßt und geschickt, gleichzeitig aber Bergmann von Hamm und dann auch diesem von jenem das Nötige mitgeteilt, damit keiner bös auf mich werde und sie ihre Schritte gemeinsam tun können. Mehr hoffe ich - offen gesagt - von Hamm. Bis Ende Jänner wird sich's zeigen, was ich zu erwarten habe. Unterdessen arbeite ich an meiner Biographie mit einer Liebe und Hingebung, die vielleicht das Ganze etwas breit macht.</p> </div> <div> <p>Du sollst, sobald ich sie entbehren kann, einige Kapitel er­halten. Jetzt drängt es mich wieder mehr zu freiem dich­terischem Gestalten, und es ist möglich, daß die Arbeit wieder für eine Weile beiseite gelegt wird. Wie war's denn, wenn man&nbsp;&nbsp; einmal&nbsp;&nbsp; so&nbsp;&nbsp; eine &nbsp;&nbsp;Dorfmutter&nbsp; ä&nbsp;&nbsp; la&nbsp; Auer&nbsp;&nbsp; Rößlewirtin, Stocks [?]&nbsp; u.d.gl. streng liebevoll und naturwahr zeichnete. Es wäre leicht, sie in einem Roman zur Heldin zu machen, wie Gotthelf seine Anna Bäbi, und doch ganz anders. Das Briefschreiben nach allen Ecken nimmt mir viel Zeit weg, und doch ist mir der Verkehr mit so lieben begabten, teil­weise bedeutenden Menschen eine Anregung und Gewinn. Aus Artigkeit schreibe ich selten, aber zuweilen doch. Sei so gut, beiliegenden Brief zu befördern. Mit Gruß und Glückswunsch zum neuen Jahr Dein Freund</p> <p>Felder</p> <p>Schicke Hamms Brief gleich wieder, wenn Du schreibst.</p> <p>&nbsp;</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Sun, 21 Dec 2014 08:00:00 +0000 st 681 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-21 <div><span class="date-display-single">11. Dezember 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Heut ist großer Briefschreibetag. Schon mehr als ein halbes Dutzend liebe Menschen hab ich angeredet. Du kommst zuletzt, gerade wo das Plauderstündlein angeht. Mein Reich und Arm hast Du etwas mitgenommen. Ich muß mir das schon gefallen lassen, denn Bücher werden geschrieben, daß man sie lese und überlege. Sie sind daher schon nicht umsonst, wenn sie nur Material bringen und Fragen anregen. In der Beziehung tadelst Du mich nicht und hättest wohl auch keinen Grund, denn es dürfte kaum ein Blatt, ja wohl keine einzige Seite sein, worauf der Titel nicht paßte. Auch mensch­liche Gerechtigkeit - die des Geschichtschreibers findest Du geübt, indem Licht und Schatten ziemlich gleich auf beide Seiten verteilt sind. Am grellsten hab ich die Mitte - d. h. die Kluft zwischen Reich und Arm beleuchtet, die Entsittlichung, die der gesellschaftliche Gegensatz schon auf den einfachsten Menschen ausübt. Das hätte von Dir Erwägung verdient. Wenn Du das Ganze von diesem Gesichtspunkt betrachtest, könntest Du zugestehen: Es ist alles gesagt oder doch an­gedeutet.</p> <p>Aber die Lösung ist Dir zu - ästhetisch? Du wolltest auch dort noch die Entartung des Menschen gezeigt, Du forderst jene höhere göttliche Gerechtigkeit, welche man dem Dichter zuspricht und mit Recht, denn wenn sie nicht da ist, fehlt alles.</p> <p>Ich hoffe und wünsche daher, daß wir sie finden. Freilich suche ich mit dem Auge des Ästhetikers, aber laß mich jetzt machen.</p> <p>Du gibst schon zu, daß in Wirklichkeit eine Verbesserung der sozialen Ordnung in einem Kunstwerke nur innerhalb der sittlichen Weltordnung gezeigt und angestrebt werden kann. Diese Weltordnung beruht auf dem Satze: Was du nicht willst, tu ändern nicht, auf den Pflichten gegen den Nächsten und auf den Verboten, z. B. du sollst nicht töten. Sage mir, welchen Eindruck machte es, wenn das Volk sich rächte, statt daß den Krämer die Furcht vor dem selbstgeschaffenen Ge­spenst ins Verderben treibt. Ich bleibe dabei, das ist Arbeit des Dramatikers, das große Trauerspiel der Gegenwart zu schreiben. Heute würde das Pfaffentum auf dem Grabe jubeln. Ein Trauerspiel war's noch trotz dem Jubel am Aus­gang, aber wer gewinnt, wenn man es schreibt? Die Bour­geoisie.</p> </div> <div> <p>Wenn das Volk mein Buch läse, könnte es denn nichts daraus lernen als warten, bis ein Krämer ins Feuer springt? - Dann war's freilich umsonst, im Roman eine Frage zu bearbeiten. Ich denke, man sollte dem Volk nicht zu sehr voraus eilen. Und der Bourgeoisie und dem Pfaffentum möchte ich keine Waffen in die Hand geben. Ich schrieb auch das Kapitel „Im Wald", aber ich stellte es nicht an den Schluß. Die Leiden­schaft des Rachegefühls wecken wollte ich, sie auch befreien durfte ich nicht.</p> <p>Unser Vetter Bruggmüller in Egg ist nun zweimal nach Amerika und zweimal zurück und ist noch immer groß vor dem Herrn, obwohl er am Vater zum Mörder, an der Mutter zum Dieb wurde und Weib und Kind dem Schicksal preisgab. Und der Kronenwirt in Bezau!</p> <p>Aber ich will Dich verschonen mit unsern ungestraften Er­bärmlichkeiten und auch zu Ende eilen mit meiner Selbst­kritik, obwohl ich Dir noch vieles sagen möchte und nicht ungern meinen Roman dem Schweizerschen gegenüber­stellte. Der reißt alles nieder und läßt am Schluß die Bour­geoisie obenauf, um im Leser das Gefühl der Rache zu wecken. Dabei zeigt er die Erbärmlichkeit der Bourgeoisie in ihrem gegenwärtigen Stadium. Das ist nicht ästhetisch, und wirken tut es schon darum nicht, weil es nicht gelesen wird, obwohl der Preis auf 1/4 herabgesetzt wurde. Schweizers Kapitalisten sind nur Unmenschen, Narren, Wüstlinge und Wucherer, Menschen sind es nicht, und der Roman will doch auch einige Menschlichkeit, damit das Interesse erhalten bleibt. Der Krämer geht unter im Kampfe gegen das Menschliehe in sich, weil ihm die Umgebung noch nicht gewachsen ist. Hättest Du es gerechter gefunden, die ändern Mörder werden zu lassen, daß denn ihre Tat Böses gebärend fort­wälze nicht nur in ihrem Leben und auf die Kinder, sondern auch aus meinem Buche durch alle Blätter auf die Sozial­demokratie.</p> </div> <div> <p>Vor fünf Wochen kündete Pfarrer Birnbaumer im Kasino für nächsten Sonntag einen Vortrag über Reich und Arm an. An besagtem Sonntag sagte er: Er müsse das Buch noch besser durchgehen in den nächsten 14 Tagen. Dann sagte er nach 14 Tagen, er möchte nicht zu viel sagen auf keine Seite, man solle ihm noch 14 Tage Bedenkzeit gönnen. Endlich am letzten Sonntag kam das Urteilchen so zahm und lamm­fromm, als ich, sonst niemand, es erwartet hatte. Meine Ge­danken über die soziale Frage seien Perlen, Hiebe wären vom Verfasser der Sonderlinge zu erwarten. Das Buch be­zeichne diesem gegenüber einen großen Fortschritt. Es stehe auf katholischem Boden und sei zwar gerade nicht zu emp­fehlen, doch auch nicht zu verwerfen.</p> <p>Birnbaumers Stellung in Au hat sich sehr verschlimmert, und man würde ihm noch einmal kränzen, wenn er ginge. Daß ich an vielem schuld sein soll, versteht sich. Übrigens ist man gegen mich, wie Du siehst, sogar mehr als vorsichtig. Ministerialrat Hamm hat mir einen freundschaftlichen Brief geschrieben, der mich sehr freut und den ich Dir nächstens schicke mit einem Brief von Hirzel, den ich bisher schon in Deinen Händen wähnte.</p> <p>Die Frau des Baron Seyffertitz schickt meinen Kindern Klauso­züg und mir Bücher. Meine Selbstbiographie wächst, und schon gewinne ich wieder Mut zu freiem dichterischem Ge­stalten.</p> <p>Mariann liest mir fleißig vor, tut die Arbeit und lernt mit mir und von mir. Die Kinder haben sie recht lieb und ich auch. Schreibe bald wieder. Es grüßt Dich mit Brudergruß und Handschlag Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Felder.</p> <p>Die Bilder sind beliebig zu verwenden.</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Reich und Arm Thu, 11 Dec 2014 08:00:00 +0000 st 671 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-20 <div><span class="date-display-single">30. November 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Endlich komme ich mit der längst versprochenen Zeitung. Daß die Zusendung nicht aus meiner Schuld verzögert wurde, kannst Du Dir denken, daß ich Deinen Brief so lange unbe­antwortet ließ, wird Dir mehr aufgefallen sein. Mündlich hätte ich Dir sehr viel darauf geantwortet, brieflich nimmt sich die Sache ganz anders aus, wenn man sich selbst loben und tadeln sollte. Freilich handelte sich's hier mehr ums Ver­teidigen, und da muß ich schon einiges beantworten. Ich selber bin, seit das Buch gedruckt vor mir liegt, mit dem Jos am wenigsten zufrieden. Aber das kann ich doch weder an ihm noch an Hansjörg tadeln (psychologisch), daß das Bewußtwerden ihrer Lage sie herabdrückt. Ich glaube nicht, daß sie eine Verschwörung unter den verkommenen Gewohn­heitsduslern in Au zustande brächten, die man sehen lassen dürfte. Das Kapitel - im Walde - jedoch solltest Du nicht vergessen. Meinst Du, das müsse nicht wirken aufs Volk, mehr als eine Behandlung des Stoffes, wie sie vielleicht in 100 Jahren ein zweiter Schiller wagt?</p> <p>Die innere Lösung vollzieht sich in den von dem Helden und den Bauerngemeinden losgerungenen Gedanken, und zwar so, daß sie einen Sozialdemokraten befriedigen dürfte, die äußere gemütliche Lösung ist für den Romanleser da.</p> <p>Vielleicht nehme ich - da doch noch so manche Verzahnun­gen da sind, den Stoff wieder einmal auf und lasse meine Helden ihre Rolle weiter spielen. Jetzt freilich trage ich einen ändern Gedanken herum, während ich rüstig an meiner Selbstbiographie arbeite.</p> </div> <div> <p>Etwa drei Wochen war ich bei Feurstein in Bezau. Man war bemüht, mir das Leben schön zu machen, und ich habe mich in seinem Kreise recht heimisch gefühlt. Der Mann trägt sich mit kühnen Plänen und ist für die Pflege des bereits Ent­standenen unermüdet. Hier in Schoppernau und Au haben wir für den Winter 8 Vereinssennereien. Galli muß für die Maß Milch 18 Pf. zahlen und bekommt doch noch nicht genug.</p> <p>Von Frl. Hedwig Gaßner in Bludenz hab ich einen Brief erhalten, den ich hier beilege. Lese ihn für Dich, sende ihn dann wieder an mich. Ich möchte schon wegen Scherer ant­worten, wenn Du so gut sein und einen Brief besorgen willst, den ich nicht gern auf die Post gebe.</p> <p>Bei mir daheim geht alles seinen Gang, so gut es kann. Mariann hält sich, daß ich sie nur loben kann. Den Kindern ist sie längst wie eigen, auch mir ist sie recht lieb, und ich ließe sie schwer wieder heim. Sie denkt auch nicht ans Gehen, obwohl man sie daheim dazu bereden zu wollen scheint, weil es der Mutter um den Verdienst einer Näherin ist.</p> <p>Ich denke jetzt ernstlich daran, meine Güter für einige Jahre zu verpachten, um dann keinen Knecht mehr halten zu müssen. Jetzt würde alles viel gelten, und wir hätten es dann ruhiger, bis die Kinder gewachsen sind. Schon das Wible hat das gewünscht. Eine Kuh für uns würde ich allenfalls behalten. Was sagst Du dazu?</p> <p>Von ändern Planen, die jetzt in mir aufdämmern, möchte ich lieber mündlich mit Dir reden.</p> <p>Von Hamm hab ich noch immer nichts. In Bezau wuchs meine Biographie. Soll ich Dir einen Brocken davon schicken? Ich glaube, Du wirst mit der Arbeit zufrieden sein.</p> </div> <p>Über Kathrinentag wenig Neues, was geschrieben zu werden verdient.</p> <p>Ich erwarte von Dir einen Brief in meiner Schoppernauer</p> <p>Einsamkeit, gegen die das Leben in Bezau ein städtisches ist.</p> <p>Grüße mir die Deinigen.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein Freund&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F. M. Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Sun, 30 Nov 2014 08:00:00 +0000 st 663 at http://felderbriefe.at