felderbriefe.at - Parteischrift http://felderbriefe.at/taxonomy/term/409/0 de VON CARL KUNZ AUS FELDKIRCH http://felderbriefe.at/brief/von-carl-kunz-aus-feldkirch <div><span class="date-display-single">9. März 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Sehr geehrter Herr!</p> <p>Ihre „Dritte Parteischrift" habe ich, wie Sie aus der Aufnahme</p> <p>des Inserats schon gesehen haben werden, erhalten und zwar in Bregenz während der letzten Landtagssession. Wenn ich mein Urtheil über dieselbe abgeben soll, so muß ich sagen, daß die in der Schrift entwickelte Theorie über die thatsäch­liche Durchführung der Idee der Gleichberechtigung mir in logischer und faßlicher Weise aufgebaut erscheint, so daß sie selbst dem Nichtstudirten mit einigem Nachdenken eingeht ­aber für unsere Verhältnisse in Österreich ist sie - das ist meine Ansicht - vielleicht erst in 10-20 Jahren praktisch, erst dann, wenn mehr Wissen in die Massen des Volkes einge­drungen ist. Um Ihre Theorie mit Erfolg auf die Tagesordnung setzen zu können, muß die Bourgeoisie noch gewaltige Vor­arbeiten machen; sie muß zuerst die Hindernisse, welche der Demokratisirung des Wissens und dem freien geistigen und wirtschaftlichen Verkehre des Arbeiterstandes entgegenste­hen, wegschaffen. Solcher Hindernisse gibt es noch gar zu viele, wie Sie wohl selbst wissen. Um nur Eines hervorzu­heben: Darf sich in Österreich eine noch so harmlose geistige oder wirthschaftliche Assoziation bilden ohne das vergiftende Dreinschnüffeln der politischen Behörden außer den kirch­lichen Bruderschaften? Mehr Freiheit, mehr Licht braucht unser Volk, dann kommt Leben und Gesundheit von selbst. Sie beklagen sich, daß Sie Ihr Manuskript immer im Auslande drucken lassen müssen. Was die „Dritte Parteischrift" betrifft, so würde ich keinen Augenblick anstehen, wenn ich sie hier drucken lassen wollte. Wenn Sie dieselbe hier drucken lassen wollten, so wollte ich schon dafür sorgen, daß sie möglichst korrekt gedruckt würde. Der Kostenpunkt dürfte nicht so bedeutend sein.</p> <p>Für den Fall, daß Sie auf diesen Gedanken eingehen sollten, behalte ich das Manuskript vorläufig bei mir; wenn nicht, so sende ich es Ihnen auf das erste Aviso zu. Gibt es keine Neuigkeiten im „Wald"? Ich hoffe, diesen Früh­ling den Wald einmal zu durchstreifen, und werde dann nicht ermangeln, Sie in Ihrem Ausculum aufzusuchen. Hochachtungsvollst grüßt Sie Ihr ergebenster&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Carl Kunz.</p> </div> <div> </div> Carl Kunz Feldkirch Franz Michael Felder Maagerhuber Parteischrift felderbriefe.at newsletter Sat, 09 Mar 2013 08:00:00 +0000 st 156 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-31 <div><span class="date-display-single">18. Februar 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber theurer Freund!</p> <p>Sie sehen mich in letzter Zeit im Ländchen herumrennen wie wenn ich sonst nichts zu thun hätte. Das letzte Mal schon schrieb ich von einer kleinen Reise und nun bin ich wieder über Haushohe Lauinen und kirchthurmtiefe Tobel nach Blu&shy;denz heraufgeklettert zu meinem Schwager. Vielleicht finden Sie hierin eine Bestättigung dessen, was Sie in Ihrem letzten mir so werthen Schreiben etwas verdekt aussprechen zu wol&shy;len schienen. Es ist wol schön in meiner Heimath, und das Leben ist dort, wo mir jeder so offen entgegen kommt, und mich an seinen Freuden und Sorgen Theil nehmen läßt, ist reicher als Sie wol glauben würden. Wie Franzen kommt es mir aus jedem Hause warm entgegen. Und doch wird es mir dort zuweilen fast zu enge. Die Kämpfe mit dem Brixnertum können mich recht anekeln, drum flüchte ich mich denn zum Schreibtisch.</p> <p>Hier - ärgere und sinne ich, bis ein Übergang kommt; das ist meine Geschichte der letzten Monathe. Seit ich Ihnen schrieb, hat der Pfarrer wieder Erstaunliches geleistet. Mich hat eine eigene Wanderlust erfaßt und ich hab ihr nachgegeben da daheim meine vielen wakern Freunde sich schon wehren werden wenns nöthig ist, der Artikel in der Allgemeinen (mit der Anzeige) wurde von unsern Blättern abgedruckt, doch den Brixnern scheint er nicht zu gefallen. Zum lieben Glück werden sie bald andere Arbeit bekommen. Eben wird eine zweite Parteischrift von der Partei der Gleichberechti&shy;gung (verfaßt von meinem Schwager Moosbrugger) versen&shy;det an der auch Sie im Norden Ihre Freude haben werden, wenn Sie auch mit Einzelnem nicht einverstanden sein soll&shy;ten. Ich werde Ihnen Morgen ein Exemplar übersenden. Und nun genug Politik und wol schon mehr als genug Brixen. Das Ausarbeiten einer neuen Erzählung wollte in der Aufregung der letzten Wochen wo alles ins Gewühl des Wahl&shy;lärms und anderer Kämpfe gezogen, getrieben und gerissen wurde, nicht recht gut gehen. Ich habe zu einer „dritten Par&shy;teischrift" einige Gespräche ausgearbeitet und Feurstein wollte dieselben durch die Lithografiepresse verfielfältigen. Der Versuch ist mißlungen wie Sie an dem ersten Bogen sehen werden, den ich Ihnen Morgen ebenfalls zu übersen&shy;den gedenke. Ich bitte Sie dringend, mir Ihre Meinung dar&shy;über zu sagen. Die Schrift würde den Titel führen: „Ge&shy;spräche des Lehrers Maagerhuber mit seinem Vetter Michel". Das erste Gespräch werden Sie bis auf wenige Zeilen erhal&shy;ten, das Zweite kommt auf das allgemeine Wahlrecht, das dritte auf die Associationen. Leider sind hier viele Druck&shy;fehler, aber ich kann mir doch nicht versagen, Ihnen den Ver&shy;such von mir und Feurstein, der von einer Seite schon miß&shy;glückte, zu übersenden.</p> <p>Ich wollte, ich könnte Ihnen die bereits geschriebenen 30 Bo&shy;gen vorlesen und auch die in letzter Zeit entstandenen Ge&shy;dichte, einige zwanglos gereimte Beweise einer immer hei&shy;terer werdenden Stimmung. War ich daheim, so müßte das Wible noch geschwind eins abschreiben denn für mich wärs nun bald Zeit in den Stall, den jetzt ein armer Bursch aus der Nachbarschaft besorgt. Wenn ich daheim bin so verrichte ich die Bauernarbeit selbst, so weit das einem alein möglich ist, da - offen gesagt, meine Mittel und mein Einkommen zu klein ist um Knechte udgl zu erhalten. Nur eine Arbeit, das Sammeln von Streue in den Wäldern hab ich auf Befehl des Doktors seit einem Jahr nicht mehr gemacht, eine Arbeit die meinem einzigen Auge gefährlicher als manche Andere sein könnte. Glauben Sie aber darum nicht, daß ich unglück&shy;lich sei! Die Feldarbeit ist mir manchmal eine recht liebe Abwechslung und sogar Gefahren haben einen gewissen Reiz. Was Sie einen Dorn nannten, der mich stechen könnte, ist nur, was ich mir früher, mich selbst etwas überschätzend, selber oft gesagt habe. Jetzt und besonders da es mir auch daheim nicht an Gesinnungsgenossen fehlt, denke ich anders oder ich dachte eigentlich gar nichts, bis Sie mich nach Leip&shy;zig einluden. Leipzig war mir - die Welt, denn ich lebte Jahre lang nur in den Büchern die meistens von dorther kamen. Einmal versuchte ich, von Schillers Dramen begeistert, auch eins zu schreiben, aber ich sah, daß meine Welt dazu zu eng, zu ruhig sei, und an dem Tag, an welchem ich auf die Welt und ihre Herrlichkeiten, auf Theater Leipzig u a verzichtete am 16 Juni 1859 als mir Nanni zum erstenmal die Hand reichte, hab ich mein Drama und sonst noch manches ver&shy;brannt. Nur einige Blätter, die mir damahls entgiengen wur&shy;den gerettet und ein im Winter vorher geschriebenes Heft „Aus der Welt des Herzens". Dieses Heft ist ein wunderliches Schriftchen das ich Ihnen einmal vorlesen werde nur damit Sie sehen, wohin mich Zimmermann und meine Einsamkeit beinahe gebracht hätten.</p> <p>Wenn Sie sähen wie ruhig und still ich ganze Monathe lang lebe, so würde es Sie nicht wundern wie ich auf so etwas Aufregendes habe kommen können. Ich nehme an den Zeit&shy;ereignissen lebhaften Antheil, denn das ist bisher das Einzige, was das Bäuerlein trotz aller noch bestehenden Zunft- und Klassenschranken mit andern vernünftigen Menschen gemein hat. Und glauben Sie ja nicht, daß ich mich darum zu weit fortreißen lasse! Der Stighans und der Strikerpeter und des Erstem von beiden umworbene Magd gewinnen Leben und, Ihnen darf ich das wol sagen - sie fangen bereits schon an mich zu freuen. Die Tendenz ist wenigstens im Plan noch sorgfältiger verarbeitet als in den Sonderlingen. Doch Sie haben Recht, ich fühle, daß mir meine Welt zu klein zu wer&shy;den beginnt und bin schon halb entschlossen, die Helden dieser Dichtung meine bisher sorgfältig beobachteten Gren&shy;zen überschreiten zu lassen. Der erste Theil steht fertig vor meiner Seele und - Sie werden es kaum glauben - für den 2ten ist noch nichts gethan als eine Menge Fragen geschaffen, die in denselben hinüber geschleppt werden sollen. Ihren Brief hab ich vor einigen Stunden erhalten, und ich freue mich recht darauf ihn Abends dem Schwager vorzulesen wenn der Beamte von der Versteigerung in Frastanz zurükkommt. Wenn er, der gewiß herzinnigen Antheil an meiner Freude nimmt, Ihre Worte liest, dann werde ich meine liebsten Freunde auf einmal hören. Schade, daß das Wible nicht hier ist, doch es kommt eben im Winter nicht aus der verschneiten Heimath heraus und das ist auch der Grund, warum es noch keine Photografie übersendete. Der Photograf in Au arbeitet so schlecht daß ich Ihnen das Blatt von Ihm, welches meine ganze Familie darstellen soll nicht zu übersenden wage. Daß ich es sonst mit Freuden gethan hätte, es im Frühling oder noch früher möglich machen werde können Sie sich denken. Ziehts ja auch das Wible wie mich oder doch mit mir immer mehr in die schöne Welt, die Sie uns öffneten.</p> <p>Doch ich muß schließen, da die Post bald abgehen wird. Ich hoffe, daß Herr Hirzel die Sonderlinge auch in Vorarlberg anzeigen werde. Begierig bin ich die letzten 2 Kapitel des ersten Bandes zu lesen. Ihre Neugierde auf den Brixnerbrief ist mir begreiflich ich habe letz[t]hin ein Urtheil eines Pfar&shy;rers über meine Tannbergerreise erhalten, die der Schwager ihm zeigte. Das Urtheil von Brixen wird wol ähnlich aus&shy;fallen.</p> <p>Entschuldigen Sie die Schreibfehler denn ich werde oft ge&shy;stört.</p> <p>Grüßen Sie mir herzlich die lieben Ihrigen Dr Flügel und alle die sich um das Bäuerlein kümmern.</p> <p>Leben Sie wohl, lieber lieber Freund, an den ich mich mit allem wende. Tausend Grüße von Ihrem Freund</p> <p>F M Felder Ich gehe bald wieder heim</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bludenz Rudolf Hildebrand Brixner Lehrer Magerhuber Nanni Parteischrift Reich und Arm Mon, 18 Feb 2013 08:00:00 +0000 st 360 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-82 <div><span class="date-display-single">6. Dezember 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Hiemit übersende ich im Entwurf die früher versprochene Ar­beit. Ich bitte Dich, dieselbe sorgfältig zu prüfen und dann mit dem Manuskript, von dem ich noch keine Abschrift habe, auch Deine Meinung über Form und Inhalt zu übersenden. Am schwächsten ist vielleicht der dritte Teil, auch wirst Du wunderliche Ansichten finden, wie z. B. die von mir aufge­stellte über unser Vermögen (Bogen 8). Prüfe und erwäge! Zu meiner Entschuldigung hätte ich viel vorzubringen, doch hier handelt es sich nicht um mich, sondern um das Werk, das wir unsern gewonnenen und noch zu gewinnenden Par­teigenossen vorzulegen haben. Die Konservativen wären nach meiner Ansicht nicht besser daran, wenn ihr Aussprechen bewiese, daß sie wirklich wüßten, was sie tun, denn nur in der Voraussetzung, daß sie es nicht wissen, wurde ihnen verziehen. Die Zuschrift im Sozialdemokrat glaubte ich aus mehreren Gründen nicht von dem Beamten, ich meinte auch, er werde ohne sein Zutun die Wirkung abwarten, auch hattest Du mir nichts davon geschrieben, und wie mein letzter Brief beweist, nichts davon, daß Du den Sozialdemokrat jetzt hast. Ich dachte, daß auch unter den Setzern bei Himmer in Augs­burg ein Lassalleaner sein könne, daher ich denn bei Stettner verdeckt anzufragen beschloß, von wo aus die Schrift nach Norddeutschland versendet worden sei. Es wäre wohl gut, wenn wir uns sagten, welche Blätter wir lesen, unsere Kor­respondenz würde dadurch erleichtert. - Jochum schreibt, die Schrift habe er erhalten und sie werde fleißig gelesen. Anhänger aber würden wir in Wien unter den Vorarlbergern, außer ihm selbst, nur wenige finden. Nun, den Jochum laß nur mir, er könnte unserer Zeitung noch nützen. Besonders hab ich es immer geschätzt, daß er ein ungemein klarer, nüchterner Kopf ist, was bei einem Zeitungskorrespondenten etwas wert wäre. Der in meiner Schrift kritisierte Aufsatz über Arbeiterfragen findet sich im Abendblatt der Neuen freien Presse vom 21. November. Der im Sozialdemokrat besprochene soziale Roman ,ln Reih und Glied' wurde zuerst in der Roman-Zeitung abgedruckt, und ich werde jetzt mit Lesen fertig. Es ist ein riesenhaftes Stück Arbeit, aber teil­weise so interessant, daß es auch mich beinahe zu einer Be­sprechung verleitet hätte. Ich begreife, daß sogar in Leih­bibliotheken, wie die Zeitungen melden, 40-50 Exemplare ä 6 Taler bestellt wurden. - Spielhagen zeichnet Volk und Adel in seiner Kraft, dämonisch, und der Bürgerstand fließt wie ein schönes Bächlein zwischen diesen Felsen, von deren Abfällen es zuweilen, doch Gottlob! nur vorübergehend, getrübt wird. Darum durfte auch der Lassalle dieses Romans kein Bürgerkind sein. Doch genug hievon. Soeben ist Natter, der erste Franzos, angekommen, und ich freue mich darauf, mit ihm zu plaudern, dem Uhrenmacher hab ich die gewünschte Summe aufgetrieben und bereits übersendet.</p> <p>Ich bin begierig, Dein Urteil über diese meine Probeschrift bald zu vernehmen. Der Gedanke an und für sich ist, glaub ich, ganz klar heraus gelegt. Ich wählte diese Form als die volkstümlichste, doch hat sie mir, wie Du sehen wirst, etwas weniger gepaßt, als ich meinte. Dein letzter Brief hat mich gefreut und auf Deine neuen Leistungen begierig gemacht, jetzt müssen wir uns allerdings rühren.</p> <p>Die Bessern bei uns wären mit dem Inhalt der Broschüre gern einverstanden, wenn nur das Volk des ihm geschenkten Vertrauens würdig wäre, aber das Volk gleicht einem unge­waschenen, trotzigen Kinde und sein Freund dem, der es waschen will.</p> <p>Meine Antwort findest Du in Beiliegendem. Jetzt ist Natter da! Lebe wohl! Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein Freund Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Lehrer Magerhuber Parteischrift felderbriefe.at newsletter Thu, 06 Dec 2012 08:00:00 +0000 st 334 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-21 <div><span class="date-display-single">22. November 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber tapferer Freund Bäuerlein,</p> <p>Eh ich an die Arbeit gehe, rasch ein Wörtchen an Sie, ein wichtiges – Sieg! Hirzel druckt Ihre Sonderlinge! Ich darf nicht zögern es Ihnen gleich zu melden daß Sie der quälen&shy;den Unsicherheit entrissen werden. Mir selbst ist, seit ichs weiß, wie Feiertag zu Mute, ich habe keine Lust zum Arbei&shy;ten, mir ist wie vor zwanzig Jahren einmal da ich als Student erfuhr daß ich bei einer philosophischen Preisarbeit den Preis gewonnen hatte (ich. wollte ursprünglich Philosoph werden, und womöglich Dichter daneben).</p> <p>Hören Sie Genaueres. Schon vor acht Tagen sagte mir ein Bekannter, Professor Krehl: nun die Sonderlinge werden ja gedruckt? Woher weißt Du denn das? fragte ich. „Hirzel hat mirs gesagt." Fragen wollte ich ihn trotzdem nicht, bis er mirs freiwillig sagte, aber ich hätte beinah gleich, geschrieben an Sie. Heute Mittag aber hat mirs Hr. Hirzel junior gesagt (der Vater ist wieder verreist), und zwar freiwillig bei einer Wen&shy;dung des Gesprächs die ihn drauf brachte. Da ich genauer fragte, sagte er mir, der Vater hätte kürzlich zu ihm geäußert: zum Neujahr wollen wir doch nun auch Felders Roman vor&shy;nehmen. Zugleich hörte ich da, daß Hirzels Frau und Tochter Ihr Buch in der Handschrift gelesen haben und davon sehr befriedigt sind. Ich freue mich darauf sie selbst einmal darum befragen zu können.</p> <p>Dieser Berg wäre also überstanden - ich athme nicht weniger auf als Sie, mir wars manchmal als stiege ich athemlos einen Berg hinauf der nicht enden wollte - nun haben wir eine weite schöne Aue vor uns mit lustiger Wanderung nach einem schönen, vielleicht stolzen Ziele. Gott gebe Ihnen Kraft und Gesundheit, daß sich die ganze Spannkraft Ihrer Seele frei entfalten könne, Sie werden mich nun nicht mehr groß brauchen. Durch Hirzels Verlag werden Sie nun in einen Kreis eingeführt, der durch sein bloßes Dasein besser für Sie sorgen wird als ichs mit meinen Mühen und Sorgen habe thun können.</p> <p>Doch nicht zu vergessen, liebster Freund, daß das nur eine vorläufige vertrauliche Mittheilung ist, die amtliche so zu sagen kann nur von Hirzeln selbst ausgehn, aber es litt mich nicht Sie länger ohne Noth in dem Hangen und Bangen zu wissen. -</p> <p>Schönen Dank für die Sendung. Die Artikel Dr. Landgrafs in der Nordd. Zeitg waren mir sehr interessant, es stammt alles nur aus meinen Mittheilungen, die ich Mayers an einem Abend machte und aus der Lectüre von Nümmamüllers; Sie hätten sich eigentlich bei ihm bedanken sollen.</p> <p>Die polit. Broschüre macht mich etwas verdutzt. Ist denn das Ihr Stil? Der gelehrte Anstrich, die wuchernden Fremdwörter, das zuweilen Orakelhafte des Stils, das Sprunghafte in Ge&shy;danken - ist das Ihr Stil? und doch erkenn ich oft Ihre Art zu denken und zu reden wieder. Die Sache freilich will mir nicht ganz munden, ich bin überhaupt Lassalles ganz demo&shy;kratisch-socialistischen Revolutionsbestrebungen abgeneigt, und Ihr Österreich, sobald man nicht bloß an einzelne deutsche Theile denkt, ist dieser völligen Entfesselung der allgemeinsten Volkskraft sicher um Jahrhunderte lang noch nicht gewachsen und reif; auch ist mir zuviel Haß gegen die Reichen und Traum an gleiche Vermögensvertheilung in den Gedanken als Hintergrund versteckt - das Unsinnigste was es geben kann (NB. ich gehöre auch zu den Armen, die aus der Hand in den Mund leben), die Reichen sind die Knoten&shy;punkte des Netzes, in dem Arbeit, Verdienst, der Umlauf des Geldwerthes, Streben nach vorwärts, großer Unternehmungs&shy;geist, Credit usw. sich verflechten zu dem Ganzen unsres volkswirtschaftlichen Daseins, und es ist kleine Selbstsucht sie deßhalb weil sie andre Genüsse haben als wir (bessere und eigentlich mehr wahrlich nicht) zu beneiden. Bildung, Vertiefung unseres Geistes- und Gemütslebens, herzhafte und tiefgegriffene Lösung der großen religiösen Frage, das ists was mir die Bedürfnisse der Zeit scheinen, nachdem für uns Deutsche die große politische Frage im Ganzen entschie&shy;den ist.</p> <p>Aber ich muß an die Arbeit. Nur noch eins. Quellmalz war der Meinung, Sie wollten die bestellten Journale behalten, aber das andere ist ihm auch recht, und er berechnete die Kosten der von Ihnen angestrichenen Blätter auf vierteljähr&shy;lich 20 Ngr. (2/3 Thaler). Geld schicken Sie nur vor der Hand nicht, es verlohnt sich ja nicht der Mühe, auch läßt er die auswärtigen Kunden nur postnumerando zahlen; ich kanns ja auslegen, bis etwas zusammen ist, oder lassen Sies Hrn. Stettner abmachen, durch Anweisung auf seinen Commis&shy;sionär hier. Die erste Sendung wird wol schon an Sie abgegangen sein; mit der Zurücksendung wird sichs schon ein&shy;richten, wir müssen erst Versuche machen bis sich das Beste und Bequemste findet.</p> <p>Grüßen Sie mir Ihr liebes wtbele, sie wird ja an Ihrem Glücke vollgemessenen Theil nehmen, ich wollte ich könnte unge&shy;sehen dabei sein wenn Sie den Brief öffnen - Glück auf!</p> <p>Ihr treuer Rud. Hildebrand.</p> <p>Die Correcturbogen konnten Sie behalten, sie sind mir ja reine Maculatur. Bitte packen Sie nicht wieder so viel Papier in einen Brief, ich habe stark nachzahlen müssen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Hirzel Landgraf Norddeutsche Zeitung Parteischrift Sieg Sonderlinge Stil wichtig Zeitschriften Thu, 22 Nov 2012 08:00:00 +0000 st 329 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-79 <div><span class="date-display-single">20. November 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Endlich mit Kind und Rind wohlbehalten von Hopfreben zurückgekommen, setze ich mich ins wieder erwärmte Stüble, um, von den trockenen Vorbereitungsarbeiten für den Katharinentag ausruhend, ein Viertelstündchen mit Dir zu verplaudern. Du wirst nun zuerst von meiner Reise nach Lindau hören wollen, da ich in Bregenz nicht mehr viel Zeit zum Schreiben hatte. Am Sonntag, als ich Deinen Brief erhielt, hatte ich noch einer Gemeindebürgerversammlung beizu­wohnen, da über die von mir entworfene, schon acht Tage am Kaufhaus angeschlagene Ordnung einer Schoppernauer Vieh-Versicherungs-Gesellschaft abgestimmt und der Bevoll­mächtigte und der Beirat gewählt werden sollten. Ich werde Dir den beinahe unverändert angenommenen Entwurf oder die geltende Ordnung bald überschicken und bin begierig, wie Du Dich über mich als Gesetzgeber äußern wirst. Ich konnte keine ähnliche Arbeit benützen und darf daher das Ganze mein Eigentum nennen. Ich wollte auch die Geiß­bauern aufnehmen, fiel aber dann mit Glanz durch, was mich nur der armen Leute wegen ärgerte. Dann wurde ich ein­stimmig, zum Verdruß des Vorstehers, als Bevollmächtigter gewählt, und da alle noch nicht versicherten Schoppernauer beigetreten sind, hat mir das Ding in den letzten Tagen viel zu schreiben gegeben.</p> <p>Abends fünf Uhr war die Beratung zu Ende. Ich packte nun mein Ränzlein und durch Nacht und Wind wanderte ich Bezau zu, wo ich von Feurstein mit aller Freundlichkeit auf­genommen wurde. Feursteins Neigung zu mir ist ursprünglich eine rein gemütliche. Wohl nur seine Freude an Sonderlingen hat ihn mir näher gebracht.</p> <p>Es war ihm recht, daß ich die Sache etwas treiben wollte. Er bewunderte meinen Eifer und nebenbei konnte ich be­merken, daß er viel über unsere Unterredung nachgedacht hatte. Du scheinst ihm etwas fremd geblieben zu sein, was er aber Deiner Unpäßlichkeit zuschrieb. Im Postwagen machte ich die Bekanntschaft einiger Händler, die mein Urteil über derlei Leute nur bestätigte, am besten hat mir ein Bildhauer gefallen. Das Dampfschiff war gesteckt voll, denn der Jahr­markt in Lindau lockte viele von Bregenz, und auch ich wurde von meinen Bekannten für einen Märktler gehalten. Stettner stand in Mantel und Kragen. Der Mensch gehört zu den Ge­schworenen, hatte sich aber während der Markttage krank melden lassen und verschluckte Medikamente, daß es zum Erbarmen war, sonst aber zeigte er einen gottgesegneten Appetit. - Er sagte mir, daß es jetzt in Wächters kleiner Druckerei wegen des Jahrmarkts viel zu tun gebe. Er habe daher bis nach diesen großen Tagen warten und sich die Sache noch ansehen wollen. Erst ein von mir nachgeschickter Mahnbrief habe ihn veranlaßt, das Manuskript nach Augs­burg zu senden, von wo er bisher noch keine Antwort erhalten habe. Obwohl ich nun die Sache sogleich durch den Telegraphen in Fluß brachte, so konnte ich Dir doch erst am Mittwoch den guten Fortgang derselben melden. Ist's nicht großmütig, daß ich nicht die schöne Gelegenheit benützte, eine Reise nach Augsburg auf eure Kosten zu machen? Ich nenne es nur- demokratisch. In Bezau zeigte ich Feurstein Deinen Brief. Er bemerkte: Es sei nicht vom Gewinnen die Rede, aber nach dem Bisherigen zu schließen, würden wir noch weiter und sehr weit miteinander kommen. Über die Herausgabe einer Zeitung scheint er viel nachgedacht zu haben. Mir kommt es fast vor, meine Kräfte würden von ihm überschätzt, vielleicht weil er fühlt, daß ich ihm gegenüber festzustehen vermag. Hildebrand schreibt mir, er werde grimmig, daß Hirzel nicht an die Sonderlinge wolle und der Verlag fast fraglich werde. Das wäre allerdings verwünscht, unbegreiflich aber war's nicht. Hildebrand schreibt: „Hirzel ist eigentlich eine aristokratische Natur, der das Bäuerliche an und für sich - fremd ist." - Hast Du das fast zuwider gesehen?!! Ich antwortete beiläufig: Das sei traurig, daß das Bäuerliche fast nur Aristokraten finde. Ich spielte dabei auf Hirzels politische Tätigkeit an, erwähnte dann, daß ich mich beruhige, daß er auch im Bäuerlichen das Menschliche gefunden habe. An meiner Tannbergerreise (um deren Entwurf ich bitte) lobte er mich zu meinem Stau­nen als Landschafter. Sein, nach meiner Ansicht ganz unbe­gründeter, Tadel der Beamtenrolle entstand wohl aus dem Wunsche, mir keine Hoffnungen mehr zu machen, deren Er­füllung doch nicht in seiner Macht steht. Nein, das ginge schon, es möchte gehen, wie es wollte, aber die Sonder­linge hätt ich gern bald ihre Wanderung beginnen sehen. Zagend gehe ich jetzt an die Zusammenstellung des über Vereinswesen gesammelten Materials. Ich bin noch fast zu schwach, aber das Dichten will auch nicht gehen, woran zum Teil andere Schreibereien, zum Teil aber, und vielleicht mehr als ich mir selbst gestehen will, Herr Hirzel in Leipzig schuld sein mag. Wenn's noch lange so fort geht - oder eigentlich nicht geht -, so wird Feurstein mich leichter für seine Zeitung gewinnen. Bisher hielt ich mich nur zum Dichten für be­fähiget. Das Ärgste aber wäre mir doch ein untätiges Leben. Letzten Sonntag erhielt ich einen Brief vom Förster, in dem mir der in Werthertönen Mangel an Vertrauen vorwirft, also scheint auch er mich für den Rufer aus Vorarlberg zu halten und mich zu tadeln, daß ich ihm nichts davon sagte. Auch unser Doktor, der mit den ausgesprochenen Grundsätzen lange einverstanden ist, nimmt mich her, und es wäre um­sonst, ihm meine Teilhaberschaft auszureden.</p> <p>Recht glücklich hat es mich gemacht, daß ich in Lindau, zum erstenmal im Leben, das Theater besuchen konnte. Ich möchte doch einmal die Herrlichkeiten der Welt sehen und kosten, um mich zu bereichern und urteilen zu lernen über den Wert oder die Nichtigkeit der Dinge, die die einen für unentbehrlich, andere für schädlich und die meisten für gleichgültig halten. Sehen ist doch etwas ganz anderes als Lesen. Was der Anblick so vieler unsicherer Existenzen, wie der Jahrmarkt sie zusammen lockte, auf mich für einen Ein­druck machte, ließe sich eher in einem Roman sagen. Der Uhrenmacher Felder schreibt mir, daß er am 15. Dez. seine Heimreise anzutreten gedenke. Bis dahin hoffe ich, die ge­wünschte Summe zusammen zu bringen. Solltest Du bei der furchtbaren Silbernot etwas auftreiben können, so sei so gut, mir bald zu schreiben, sonst werde ich mich wohl nochmals an Gallus wenden müssen, da ich hier keinen Lärm machen möchte. Schreibe mir dann auch, was unser Ruf für ein Echo macht, da droben und in Feldkirch, von hier hab ich außer dem obigen noch nichts zu berichten. ­Was unsere liberalen Blätter dazu sagen, kann ich mir den­ken. - Die Historisch-politischen Blätter, die keiner unserer Pfarrer mit mir halten wollte, werde ich nun mit anderen Zeitschriften aus dem Märkerschen Leihinstitut in - Leipzig beziehen. Wunderbar, und doch ganz natürlich und jedem erklärlich, der diese traurigen Gestalten kennt. Du erhältst hiemit auch meine werte Lichtzeichnung, die leider etwas düster ausfiel. Ich hoffe dagegen die Deine und Theresens bald in mein Album aufnehmen zu können. Natter wird auf Weihnachten wieder heimkommen, und ich freue mich, mit den beiden Franzosen zu verkehren und zu sehen, was die böse Welt aus ihnen gemacht hat. Mit Deiner Theres, die ich freundlich grüße, würde er nicht gut aus­kommen, denn auch sein letzter Brief macht sich mit ihren Landsleuten zu schaffen. Schicke mir auch den Demokrat. Mit tausend Grüßen Dein alter Freund</p> <p>Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Parteischrift Reise nach Lindau felderbriefe.at newsletter Tue, 20 Nov 2012 08:00:00 +0000 st 328 at http://felderbriefe.at VON JOHANN THOMAS STETTNER AUS LINDAU http://felderbriefe.at/brief/von-johann-thomas-stettner-aus-lindau-10 <div><span class="date-display-single">13. November 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Werthester Herr Felder!</p> <p>Ihr Broschürchen traf richtig am Sonntag früh ein u. wurden an selbigen Tage Mittags dasselbe an alle Abgeordneten ver­sandt u. Abends u. am Montage der Rest an die übrigen Adressaten per Kreuzbänder zur Post gegeben. 25 Ex. für Sie werden wir mit Nächstem Ihnen überschicken. An alle hervorragende Buchhandlungen Oesterreichs ver­sandte ich heute das Broschürchen, da viele Ex. übrig, ohne Nennung des Verfassers pro novitate.</p> <p>Ueber&nbsp;&nbsp; Ihren&nbsp;&nbsp; Namen&nbsp;&nbsp; werde&nbsp;&nbsp; ich&nbsp;&nbsp; bei&nbsp;&nbsp; dem&nbsp;&nbsp; Schriftchen&nbsp;&nbsp; die strengste Discretion beobachten, sowie ich auch Alles dem hohen Zweck des Schriftchen Förderliche, gethan zu haben glaube.</p> <p>Mit freundschaftlicher Begrüßung</p> <p>Ihr ergebenster</p> <p>Joh. Thom. Stettner.</p> <p>Heute Mittag</p> <p>[fahre] ich nach</p> <p>Augsburg</p> </div> <div> </div> Johann Thomas Stettner Lindau Franz Michael Felder Parteischrift Vertrieb felderbriefe.at newsletter Tue, 13 Nov 2012 08:00:00 +0000 st 139 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-78 <div><span class="date-display-single">7. November 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Es ist gut, daß ich mich gleich auf den Weg machte, um die verteufelten Kröser zu treiben. Montag mittags kam ich nach Lindau, ließ dann, da ich es für nötig hielt, nach Augsburg telegraphieren. Ich hielt in Lindau aus, bis es ging. Heute hab ich die zweite Korrektur gelesen, also bis Samstag wird die Schrift fertig und versendet werden. Nächstens werde ich Dir ausführlicher schreiben, heute erlaubt es mir die Zeit nicht mehr, da ich mit der Post zurück möchte. Aus lauter Armut, denn meine Stiefel sind so schlecht, daß sie eine Fußreise nicht mehr aushalten würden.</p> <p>Die Schrift hat 1 1/4 Bogen und wird von Lindau versendet. Warum, davon später. Lebe wohl, Dein Freund</p> <p>Felder.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bregenz Kaspar Moosbrugger Lindau Parteischrift Stettner felderbriefe.at newsletter Wed, 07 Nov 2012 08:00:00 +0000 st 325 at http://felderbriefe.at