felderbriefe.at - Genossenschaft http://felderbriefe.at/taxonomy/term/324/0 de KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-franz-michael-felder-50 <div><span class="date-display-single">21. August 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund!</p> <p>Dein wertes Schreiben vom 30. d. Ms. fordert mich auf, über Deinen in demselben angedeuteten Standpunkt mich zu äußern. Du sprichst von einem zu gebärenden Schmerzens­kind und davon, daß Du, um aus dem verdammten Dreck zu kommen, ins Walsertal wolltest, hienach halte ich Deinen Standpunkt für einen etwas sentimental schwächlichen. Ein starker Mann bewältigt den Schmerz und flieht nicht vor einem Dreck. Doch das war Stimmung und Du wirst dich finden. Seien wir praktisch!</p> <p>Vor allem müssen wir, um geistigen Fortschritt und Freiheit zu sichern, uns eine solide materielle Basis verschaffen. Da müssen wir besonders in dieser Zeit der Krisis, wo die Fäden unserer Zukunft gesponnen werden, aufmerksam und tätig sein. Für uns und unser Ländchen sind nun die Milcherzeug­nisse unbestritten der Brotkorb. Beim Abtreten Venetiens an Italien verlieren wir wieder eine Hauptprovinz unsers Käs­absatzmarktes, und was wir noch dahin bringen, wird verzollt werden müssen, wenn wir uns nicht rechtzeitig rühren. Die österreichische Monarchie kann unser Produkt nicht mehr bezahlen, da sie in der Konsumationsfähigkeit zu weit zurück­gekommen ist. Wir müssen unbedingt ausländische Märkte haben. Unsere Industrie ist glücklicherweise in der Lage, daß sie keine Konkurrenz zu scheuen braucht, indem sie nicht beliebig vermehrt werden kann und unsere Sennen für tüch­tige Weiterentwicklung sorgen. Wir müssen daher von Haus aus freihändlerisch sein. Du wirst wissen, daß der Kampf zwischen Freihändlern und Schutzzöllnern auch in Österreich seit Jahren gekämpft worden und so heftig als je fortbesteht. Unsere Fabrikanten sind durch den hohen Schutzzoll ge­worden, was sie sind, und sie beharren auf demselben mit aller Energie privilegierter Leute. Denselben ist es recht, wenn Österreich sich ringsum abschließt, weil sie ihr Privilegium und ihren Markt (Die Monarchie) so am leichtesten behaup­ten. Unser Interesse ist das entgegengesetzte und unsere Lage daher eine sehr ernste. Wir müssen sie uns um jeden Preis klar machen, sonst gehen wir der Versumpfung entgegen. Die Fabrikanten sind, wie die Kinder des Lichtes, sehr wach und rührig, lernen wir von ihnen. Ich schicke Dir in der Anlage eine Nummer der Feldkircher Zeitung (Fabrikantenblatt) und einige Korrespondenzen, nach deren Lesung und Prüfung Dir vieles und namentlich unsere Lage zur Handelskammer für Vorarlberg klar werden wird. Ich füge nur bei, daß Kunz meine Korrespondenz nicht veröffentlicht hat und es nach meinem letzten Schreiben, da er nun klar weiß, wo ich hinaus will, auch nicht tun wird. Er hat mir auch gar nicht mehr geantwortet, was ich natürlich, d. h. lagegemäß finde. ­Wir müssen nun etwas tun und einen Feldzugsplan ent­werfen. Vor allem ist aber genaue Kenntnis des Operations­terrains notwendig. Das Studium der Handels- und Zoll­verträge ist unsere erste Aufgabe, und zwar ist Italien und der Zollverein ins Auge zu fassen. Nach dem Zollverein müssen wir aufgrund des Handels- und Zollvertrages vom 11. April 1865 für Käse 1 Taler 20 Sgr. und für Butter 1 Taler 10 Sgr. per Zentner Eingangszoll bezahlen und nach Italien aufgrund älterer Stipulationen, die ich noch nicht habe, etwas mehr. Dies ist das Wichtigste und genügt zu einer vorläufigen Agitation, fürs weitere werde ich die Verträge, wenn nicht die bevorstehenden Friedensschlüsse anderes notwendiger machen, beischaffen. Wenn es uns gelänge, den Zoll weg­zubringen, würde unser Produkt gerade um den Zoll teurer verkauft werden können und - in Silberländer. Du siehst, wie wichtig die Sache ist. Ich halte die Durchführung nicht für unmöglich, nur müssen wir gehörig auftreten. Wenn die größern Käsindustriellen sich zusammentun und eine gut auf­gesetzte Schrift beim Handelsministerium überreichen und wenn es ihnen gelingt, die Augen der Regierung auf unsere Industrie zu lenken, kann es gehen, da die Ausländer unser Produkt gut brauchen können und, besonders in Italien, keine eigene Industrie gefährdet wird. Warum wir bisher so schlecht davonkamen, das kannst Du in meinem letzten Schreiben an Kunz ersehen. - Ich glaube vorderhand über diesen Punkt nicht mehr sagen zu sollen, da ich von Deiner Tüchtigkeit und Rührigkeit die geeigneten weitern Schritte erwarte, und füge nur bei, daß schnelles Handeln uns bei den Friedensschlüssen schon nützen könnte, wie es den Fabrikan­ten allem Anschein nach auch schon genützt hat. Eine Eingabe bei der Handelskammer (höflich) wäre sicher am Platz. ­Der Bezirksvorsteher ist immer noch krank, sonst würde ich eine Agitationsreise in den Bregenzerwald für lohnend und geboten erachten, so aber ist es rein unmöglich, wenn ich meinen Posten noch behalten will. Geh nach Bezau, Dein Freund Feurstein wird die Lage auch so beurteilen. - Übrigens habe ich am 16. d. Ms. (Zahl 6) wieder ein gesundes Kind erhalten und heißt: Maria Katharina. Die Theres ist wieder gut hergestellt. Der Brief des Schneiders Natter hat mich sehr gefreut und sein Objektivismus ist mir besonders sympa­thisch, der Mann kann es weit bringen. Isabell macht sich immer besser und ersucht Dich, freundlich grüßend, ihr das Regendach und eine noch dort befindliche Juppe, welche man aber noch dahin reparieren müsse, daß man aus der Weite nehme und an die Länge setze, je eher zu schicken. Besorge dieses, wir werden schon zahlen. Dein übersendetes Gedicht liest sich leicht und angenehm, doch erscheint es mir fatalistisch, und die „Weisen" unter uns wandern doch nicht gar so leicht durchs Leben. Warum soll man sie zu etwas Unmöglichem auffordern! ­Da, wenn Kunz recht hätte, die von mir gewünschte Agitation nicht notwendig wäre, will ich, wenn Du von der Richtigkeit meiner Auffassung des Standpunktes der Handelskammer nicht überzeugt sein solltest, zu den in der Korrespondenz angeführten Gründen den definitiv entscheidenden Grund anführen:</p> </div> <div> <p>In dem Handels- und Zollvertrag vom 11. April 1865 (Reichs­gesetzblatt Nr. 32 Stück X), welches der letzte und fortge­schrittenste derartige Vertrag ist, den Österreich abschloß, erscheint Fettkäse und Butter unter der Rubrik „Mehl, Mahl­produkte und andere Verzehrungsgegenstände" und sind darunter Zollgegenstände von a bis k angeführt und es ist dies die 21. Rubrik, der noch 15 folgen. Meine Behauptung, daß das Ministerium Käs nicht zu den Manufakten rechnet, ist daher offenbar richtig. Übrigens wirst Du herausfinden, wie sophistisch und ordinär Kunz manövriert. Wenn Du zum Feurstein gehst, den ich freundlich grüßen lasse, kannst ihm meine Korrespondenz, die Kunzsche und diese zeigen oder zur Information vorher zuschicken, nur sorge dafür, daß sie nicht verloren geht, da ich noch in die Lage kommen kann, sie zu brauchen. -</p> <p>Eben lese ich in einem Wiener Blatt, daß bei den Friedensver­handlungen mit Preußen ausgemacht sei, den Zollvertrag von 1865 provisorisch wieder gelten zu lassen, bis ein neuer ver­einbart wird. Voraussichtlich wird derselbe mehr zum Frei­handel neigen, auch Italien ist vorherrschend freihändlerisch, und wir haben unsere Gegner jedenfalls mehr in Österreich als draußen, und wenn das Gerücht, daß Freiherr von Hock das Finanzministerium erhalte, begründet ist, dann stehen unsere Aktien gar gut, obwohl das jetzige Ministerium schon uns gern hören würde. Die Ungarn sind auch auf Seite des Freihandels. Wir haben daher, wenn wir uns rühren, nicht bloß die Möglichkeit, sondern die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges für uns. Darum frisch ans Werk! Ein Erfolg in dieser Richtung würde unsere Assoziations­bestrebungen natürlich auch unterstützen und unsere Wälder würden mit einem Ruck mitten in die Bestrebungen der großen Welt eingeführt und ihre Stellung in derselben dann leichter und klarer erkennen. Ich rufe daher nochmals „prak­tisch"! und hoffe, daß ich nicht umsonst rufe. Wenn Du Dich als tüchtiger Praktiker bewährt hast, dann wird auch Dein literarisches Wirken (Theorie) erst recht praktischen Erfolg haben. Wenn wir praktisch sind, ersparen wir uns die Schmer­zenskindschaft und durchbrechen leicht die Schranken, die nur für Theoretiker, nicht für Praktiker solche sein und bleiben werden. Wir sind und bleiben Deutsche trotz Nikols­burg und Prag und unsere Taten sollen uns als solche kenn­zeichnen. Nur keine Kleingeisterei, wo sie nicht schon ist. Bauen wir ein festes, deutsches Haus, und Ehre ist es, beim Brotkorb anzufangen. Hast Du das Wahlgesetz Bismarcks für die norddeutsche Union gelesen? Bei einem Volk, in dessen Mitte solche Gesetze von oben kommen, braucht man nicht zu schmerzeln. Unsere Fahne, die Lassallesche und die des Schneiders Natter, flattert ja lustig, und der Weltdrang hat sie geboren, sie ist auch für uns da. In diesem Zeichen werden wir siegen, wenn wir praktisch sind. Doch zu was viele Worte, sei ein Mann und handle!</p> </div> <div> <p>Sobald Friede ist, werde ich den Demokraten auch bestellen und ersuche Dich, die seit April erschienenen Nummern mit oberwähnten Sachen zu senden.</p> <p>Mein Bruder Jakob ist Götte meiner Tochter Katharina, be­nachrichtige ihn daher ehetunlichst von ihrer Geburt. Die Theres bekam nach der Geburt Blutfluß und Krämpfe und es war ein Glück, daß Doktor und Apotheke gleich bei der Hand waren, die rechten Mittel zu bieten, sonst hätte sie aus ihren Ohnmächten vielleicht nicht mehr erwachen können. Jetzt habe ich, Gott sei Dank, wieder ein munteres, gutes Weib und ein Mikle dazu, das wirklich ein Mikle ist. Grüße mir alles und schreibe bald viel Gutes und Schönes Deinem Freund</p> <p style="text-align: right;">K. Moosbrugger</p> </div> </div> <div> </div> Kaspar Moosbrugger Bludenz Franz Michael Felder Genossenschaft Praktiker Zoll Tue, 21 Aug 2012 07:00:00 +0000 st 316 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-72 <div><span class="date-display-single">16. Juni 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Dienstag, den 12. d. M., verkündete mittags 12 Uhr das Geschrei eines Kindes die glückliche Ankunft eines jungen Weltbürgers. Ich glaubte ihn für einen Deutschen halten zu dürfen und hab ihn daher Hermann genannt. Der Pfarrer soll etwas ärgerlich bemerkt haben, „Antonius wäre jedenfalls der größere Heilige gewesen". Mutter und Kind befinden sich erwünscht wohl und erstere läßt Dich freundlich grüßen. Die Ablösungsfrage (Hinter-Vorderhopfreben und co. Ün­schen) wäre nun gelöst. Hinterhopfreben zahlt als Entschä­digung 80 FI.Ö.W. Ünschenberg hat regaliert und erhält für jede schneeflüchtige Kuh täglich 15 Krz.ö.W. Die Verhand­lung dauerte bis morgens 1/3 Uhr, ist aber nun zu allgemeiner Zufriedenheit beendet.</p> <p>Vom Käsehandel weiß ich nichts Neues zu berichten. Die Angelegenheit scheint zu ruhen, seit ich in Hopfreben bin und mir recht herzlich wohl sein lasse. Es wird weniger zu etwas kommen, da jetzt die Milchpreise im Steigen sind. ­Deine Therese soll gern in Warth sein und sich recht wohl befinden, so hat die Motol gesagt, als sie am Mittwoch, den 13., mit dem Vieh auf Krumbach zog.</p> <p>Am letzten Sonntag hab ich einen Brief aus Leipzig, von unbekannter Hand adressiert, erhalten. Ein Gustav Wagner, Oberlehrer der dortigen Lehranstalt für erwachsene Töchter und Lehrer an der öffentlichen Handelslehranstalt und Mit­glied des Schriftstellervereins, schreibt mir viel Liebes und Gutes. Ihn, der, obwohl seit 20 Jahren Sachse, doch noch Süddeutscher, freut es, daß ich mir in Sachsen so viele Freunde erworben, und er ist bemüht, die Zahl derselben zu mehren. Von Hildebrand schreibt er nichts, auch scheint er von mir nichts zu wissen, sondern nur mein Buch gelesen zu haben. Über dieses schreibt er beiläufig (ich habe den Brief nicht hier) etwa so: Ich muß gestehen, daß ich nichts besseres über die Älpler gelesen als ihr Schwarzokaspale. Ich kenne die biederen Wälderler gut genug, um Ihre Dichtung ge­hörig schätzen zu können. Auffallend ist mir folgende Stelle, wörtlich: Lassen Sie, hochverehrter Grenznachbar, Ihre Feder ja nicht ruhen. Erfreuen Sie uns bald wieder mit einer Schöpfung Ihres hellen Auges wie warmen Herzens! Schreiber hat seine Photographie beigelegt und verspricht, daß er im nächsten Monat in seine alte Heimat (Kempten) reisen und auch mich besuchen werde, vorausgesetzt, daß mein Besuch Ihnen angenehm sei.</p> <p>Ich habe den Brief beantwortet. Von Hildebrand ist bisher noch nichts gekommen. Im nächsten Briefe werde ich, seinen Wunsch erfüllend, ihm meine Photographie zusenden kön­nen, mit der Fetz in Bezau nun wohl fertig geworden sein wird.</p> <p>Unsere Geschäftsordnung hab ich Dir nicht zugeschickt, weil Du dergleichen tatest, ob Du sie selbst holen würdest. Der Sozialdemokrat ist mir schon längere Zeit ausgeblieben. Wüßtest Du kein Kaffeehaus etc., wo man eine gute Literatur-­Zeitung oder die Beilage zur Augsburger Allgemeinen Zei­tung beziehen könnte? Ich bitte nachzufragen!! Die Unter­dörfler wären nun wenigstens so gut für meine Käshändler­pläne gewonnen wie andere, d. h. die Sache wäre ganz recht. Eine Unterdörflerin sagte: Alles wäre gut, das erste Jahr aber sollte doch noch niemand beitreten, damit man erst sähe, wie es gehen tat.</p> <p>Den Schröckern hast Du für ihre Holzverschwendung eine neue Strafe Gottes verkündet und wärest nun bald in den Ruf eines Sehers gekommen. Es brach im Gemeindehaus Feuer aus und es war fast ein Zufall, daß nicht wieder alles abbrannte. Die Stiege ist nun fertig. Auch ich bin für heute zu Ende, die Ziegennocken sind bereits gekocht. Ebenfalls besten Appetit wünschend, baldige Antwort hoffend, ver­bleibe ich Dein Freund und dreifacher Vater</p> <p>Franz M. Felder</p> <p>&nbsp;</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Hinterhopfreben Schröcken Gustav Wagner Kaspar Moosbrugger Brand Genossenschaft Hermann Felder Vorsaß Ziegennocken Sat, 16 Jun 2012 07:00:00 +0000 st 307 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-71 <div><span class="date-display-single">5. Juni 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Erst zuletzt werde ich mich entschuldigen, daß ich Dir nicht früher schrieb, wenn dann noch Entschuldigung nötig sein sollte. Von der Käshändlerei ist folgendes zu berichten: Am Donnerstag sind die Statuten, die nur ich zu verlesen und abzuschreiben imstande war, vor etwa 40 Männern beim l.öwenwirt vorgelesen worden. Die dabei gemachten Be­merkungen hab ich mir kurz notiert, ohne an der Ordnung etwas zu ändern. Die Gesellschaft hat dann durchaus ver­langt, daß ich gleich nach Bezau gehe und dem Ratz unsern Entwurf vorlege. Schnell und ohne mir ein Wort zu sagen, brachten sie die „Zehrung" zusammen, und nun Marsch nach Bezau, damit wir wissen, ob es Ernst gilt. Ich kam am Freitag noch früh genug in Bezau an, um die mißvergnügten Land­wehrler dort zu treffen. Ich ging zum Ratz, den ich bedeutend frischer und besser fand als vor 3 Wochen. Ich las ihm die Ordnung vor, und es wurde nur weniges bemerkt. Seine Ent­lohnung müßte vorher bestimmt werden. Unerträgliche Mit­glieder, deren Austritt von etwa 3/4 der Gesellschaft gewünscht wird, müßten nicht geduldet werden.</p> <p>Das Geld wäre leicht aufzutreiben, zwanzig- bis dreißig­tausend Gulden könnte ich (Ratz) vorstrecken. Auch mit andern Bezauern (Meusburger, Jochum von Schröcken, Feur­stein, Vorsteher) hab ich geredet. Sie beschlossen, die Sache mit andern zu besprechen und mir ihre Beschlüsse mitzu­teilen. Der Vorsteher Feurstein (Lithograph) scheint einer der fortgeschrittensten Bezauer zu sein. Ihm gefiele unser Plan recht gut, wenn er ganz auf eigenen Füßen stände. Den Dr. Greber hab ich nun auch kennen gelernt, nachdem ich sein Bild in den Sonderlingen mit der Hand des weisen Sehers zeichnete. Herrgott! - Doch nein!</p> <p>Zuletzt hat er mir gesagt: er sei gekommen, um mich zu ärgern dafür, daß ich vor seinem Hause in Reuthe noch immer vorbei gegangen sei. Keiner habe mehr für mich getan als - er, überall habe man mich sorgfältig beobachten lassen, was viele Briefe im Bregenzer Museum beweisen würden. Ich sollte nicht unter den Bauern verkommen, sondern mich an Höheres anschließen. Die Ereignisse des letzten Winters sprächen gegen mich, den Lawinenaufsatz hab er in die Feld­kircherin geschrieben und mir zuschicken lassen, um mir zu zeigen, wo mein Feld wäre. Aber alles nütze nichts. Ver­gebens werde ich von Freunden, die ich in meinem Bauern­stolz verachte, gewarnt, geleitet u.s.w. Drum hab er mir doch noch zeigen müssen, daß ich eigentlich nur das Franzmicheli sei u.s.w. u.dgl. u.s.f.</p> <p>Ich hielt den Mann für besoffen. Die andern und die Gams­wirtin sagten: Er habe freilich zu viel, doch sei er immer so. Am Sonntag hab ich da und dort von meiner Unterredung mit dem Rätzle erzählt. Nun haben mich auch die Unterdörfler, der Vorsteher voran, ersucht, heute beim Kronenwirt einen Vortrag zu halten und die Statuten vorzulesen. Das Resultat werd ich Dir morgen mitteilen. Auch hier hat sich die Stim­mung zu meinem Vorteil geändert, worüber sich der Pfarrer fast nicht genug ärgern kann.</p> <p>6. Juni 66</p> <p>Die Stube beim Kronenwirt war voll, man redete und bereute da und dort, so lange dagegen gewesen zu sein: sonst, meinte man, würde schon heuer etwas zustande gekommen sein. Ordentlich hat sich der alte Vorsteher gehalten. Er bedauerte nur, daß die Gesellschaftsvertretung zu wenig interessiert sein würde. Er wäre für Aufbringung eines Betriebskapitals durch Sparen oder es sollten Kapitalisten sich nach meinem Plan zusammentun. Der hiesige Rößlewirt (Niederauerle) war nur zum Stören [da], denn einen Gegner mag ich ihn nicht nen­nen. Ob er wohl von seinem Vetter (Galli) in Schnepfau Auftrag hatte? Sogar die, die nicht auf meiner Seite waren, haben sich über ihn geärgert. Der Pfarrer sowie sämtliche Gemeinde­ausschüsse waren da und sprachen sich aus, jeder auf seine Art, und im Ganzen bin ich zufrieden. Sonst weiß ich nichts Neues, wenn ich auch noch länger Zeit zum Schreiben hätte. Übermorgen geht's nach Hopfreben. Antworte bald Deinem Freund</p> <p>Franz M. Felder</p> <p>[Zusatz von K. Moosbrugger:]</p> <p>Von dem nach der jährlichen Rechnung jedem Mitglied ge­bührenden Reinbetreffnis werden 2 Prozent für den Gesell­schaftsfonds zurückbehalten und von der Gesellschaftsvertre­tung fruchtbringend gemacht. Dieser Fonds bildet keinen Teil des Betriebskapitals, obwohl ihm Vorschüsse zum Betrieb entnommen werden können, sondern dient dazu, für jedes Mitglied unmerklich ein Kapital zu schaffen. Jedem Mitglied steht [es] frei, die rückbehaltene Gesamtquote samt 5 Prozent Zins nach je 10 Jahren der Mitgliedschaft oder im Fall offen­barer Not zu fordern. Im Fall des Austrittes hat die General­versammlung zu entscheiden, ob diese Quote dem Austreten­den zu erfolgen oder aber ganz oder teilweise für den Nach­teil, der durch den Austritt der Gesellschaft erwächst, zu Gun­sten des Gesellschaftsfonds verfallen sei. Das betreffende Mit­glied hat sich einem solchen Beschluß zu fügen, da überhaupt ein Beschluß der Generalversammlung für jedes Mitglied bindend ist. -</p> <p>&nbsp;</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bezau Schoppernau Kaspar Moosbrugger Dr. Greber Feuerstein Genossenschaft Käsehandlungsverein Tue, 05 Jun 2012 07:00:00 +0000 st 304 at http://felderbriefe.at KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-franz-michael-felder-46 <div><span class="date-display-single">10. April 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich beeile mich, Deinen letzten Brief zu beantworten und Dich wieder in den Besitz Deines Kleinodes (Hildebrand'scher Brief) zu setzen. -</p> <p>Weil Du sagst, daß die Wälder sich jetzt anders zeigen, als ich sie mir gedacht habe, werden sie wohl schon eine Sub­skription eröffnet und einen jungen hoffnungsvollen Mann zur Erlernung des Handelsgeschäftes aus ihrer Mitte entsendet haben. Warum vorenthältst Du mir Mitteilungen hierüber? Ist etwa noch nichts Derartiges geschehen? Dann, mein Freund, sind die Wälder noch wie ehedem und wie ich sie mir denke.</p> <p>Die Statuten der jüngst entstandenen südtirolischen Wein­handlungsgesellschaft wären für die „Wälder Käshandlungs­gesellschaft" gewiß fachdienlich. - Es freut mich, wenn Du einen tüchtigen Verleger für Dein Werk findest. Ich zweifle auch nicht, daß dieses ein wertvoller Beitrag zur Völker­(Volks)kunde Deutschlands ist. Meine ausgesprochene Ansicht über den ersten Teil wird mein Urteil diesfalls außer Zweifel setzen. Ich halte nicht dafür, daß eine Durchsicht meinerseits, selbst in dem Falle, als Du über allenfallsige Bemängelungen Änderungen vornehmen würdest, den Wert des Werkes heben könnte. Was nach meiner Ansicht als gut vorgeschlagen würde, könnte nach der Anlage des Werkes nicht gut sein. Für welche Ideen das Werk eintreten sollte und auf welcher Seite der Kämpfenden in Deutschland ich Dich sehen möchte, ist aus meiner Kritik des ersten Teils zu ersehen. Die Grund­idee ist die Hauptsache, und nur dieserwegen, glaube ich, könnte eigentliche Meinungsverschiedenheit zwischen uns obwalten. In der Ausführung bist Du unzweifelhaft stark genug. Die Grundidee wirst und kannst Du, wenn Du nicht auf Dein Selbst verzichten willst, natürlich nicht ändern. Eine Durchsicht meinerseits kann daher füglich unterbleiben und hätte umso weniger Zweck, als ich kein Mann von Fach bin. ­Über den Brief des Hildebrand freue ich mich insofern, als Dir ein tüchtiger Verleger in Aussicht gestellt wird. Diese Aus­sicht kann allerdings einem jungen Schriftsteller selbst einen trüben Wintertag zu einem schönen machen, und ich hoffe, daß dies auch der eigentliche Grund der aufgegangnen Schönheit ist. Dieser Hoffnung mischt sich aber wieder eine jener ähnliche Furcht über Deine Richtung bei, die bezüglich deines Werkes in meiner Kritik des ersten Teils berührt wurde. Es zieht Dich nach Norden und zieht Dich nach den Landen des Herrn Hildebrand. Ja, ja, deshalb wirst Du diese Mißgestalt eines deutschen Mannes gar nicht als solche er­kennen, die Liebe macht blind. Du siehst vielleicht gar nicht, wie dieser Mann in seiner Herablassung gegen Dich den Hochmütigsten der Hochmütigen, den echten Bourgeois ver­rät. Er und die ändern Studierten brauchen Euch Bauern zur nationalen Wiedergeburt Deutschlands; es handelt sich bei seiner Befreundung (beileibe nicht Freundschaft) mit Dir darum, das lange entfremdete Süddeutschland (erkenne Dich, Du bist eigentlich Süddeutschland) für das Deutschland der Zukunft (Dr. Hildebrand) zu gewinnen. Ja, ja, der große Riß zwischen Gebildet und Ungebildet muß dadurch behoben werden, daß die Ungebildeten den Gebildeten zum Gebrau­che überliefert werden (merk's Bauer!), dann wird das See­lenblut erneuert und wir werden wiedergeboren. Wie herr­lich diese Wiedergeburt eines deutschen Professors durch ein Wälderbäuerlein! Lade mich doch zum Geburtsschmaus. Die von Lassalle im Julian Schmidt beschriebene Gedanken­- und Haltlosigkeit der heutigen Literaten wird ohne Zweifel von der in diesem Hildebrandschen Brief übertroffen, und mehr Hochmut und Dünkel kann ich mir kaum denken. Den die Bourgeoisie beherrschenden Gedanken, daß der gemeine Mann ihr dienstbar werde, kann man wohl nicht plumper aussprechen als Hildebrand dies auf gemütlichste Weise getan hat. Nur zu, ihr Bourgeois's der Feder und des Geldsackes, erbaut Euch an Altertümern (Deinen neuen Befreundeten erfreute eigentlich nur das Altertümliche!! in Deinem ersten Buch), während die Gegenwart zum Gericht über Euch sich rüstet. - Also mit einem gemischten Gefühl sehe ich auf Deine Richtung. Möge Dein Werk dasselbe zu einem freudigen und frohen verwandeln! Du darfst herzhaft die Richtung Hildebrands, Freytags etc. bekämpfen und doch von ihnen Dich unterstützen lassen. Das ist ja der schönste Triumph, sich den Gegner dienend zu machen. Möge das bei Deiner Be­freundung mit Hildebrand der Fall sein und mögest Du vom Norden nur deshalb Dich anziehen lassen, um ihm die längst erwiesene Überlegenheit des Südens wieder zu zeigen. Deine Heimat und Dein Vaterland wird dann nicht bloß Dein Ge­schick, sondern auch Deine Treue ehren und anerkennen. ­Es würde mich sehr freuen, wenn Du bald herauf kämest und den Demokraten mitbrächtest. Diesen werde ich jedenfalls mit Freuden wieder verfolgen. In 6 bis 8 Wochen werde ich Weib und Kind und die Isabella auf Warth und Krumbach tun und dann auf einen Sprung zu Euch kommen. Du sollst aber vorher noch herauf kommen. -</p> <p>11.4.1866</p> <p>Eben lese ich in der Allgemeinen Zeitung, daß in Frankfurt bereits Reform des Bundes und Einberufung eines deutschen Parlaments auf Grund allgemeinen Stimmrechtes mit direkter Wahl von Preußen beantragt worden ist. Ob dies Dir wohl Anlaß geben wird, die Lassallesche Fahne höher zu achten, als dies bis nun der Fall gewesen zu sein scheint? Jedenfalls wird die Wiedergeburt Hildebrands nun beschleunigt wer­den. -</p> <p>Beiliegenden Brief schicke an die Adresse. Mit tausend Grüßen</p> <p>Dein Freund</p> <p>K. Moosbrugger</p> <p>12.4.1866</p> <p>Weil ich noch ein halbes Stündchen frei erhalte, will ich weiter plauschen: Ich habe diese Zeit her bisweilen einen harten Stand gehabt, weil ich mit den Bourgeois hier öfter politi­sierte. Meine Sympathien mit dem demokratischen ungari­schen Unterhaus riefen manchen Konflikt hervor. Ich habe bis nun nur einen einzigen Mann hier für viele meiner An­sichten gewonnen, dafür aber ist er der intelligenteste in Bludenz, der Verfasser der Vorarlberger Landtagsadresse. Er und ich sind auch die einzigen, denen der Bismarcksche Antrag in Frankfurt Freude gemacht hat. ­Ich habe jetzt einen kleinen Krieg mit den Finanzbehörden wegen zu hoher Gebührenbemessung für unser Krumbach. Er ist für unser Land von Bedeutung, denn wenn die Finanz­behörden Recht behalten, wird man in Hinkunft viel mehr Taxen zahlen müssen. Mein 2. Rekurs ist jetzt in Innsbruck. Ich werde nach Beendigung des Streites die Akten wahrschein­lich dem Vorsteher in Au schicken, der um die Sache weiß und sich drum interessiert.</p> <p>K. Moosbrugger</p> </div> <div> </div> Kaspar Moosbrugger Bludenz Franz Michael Felder Franz Bickel Freytag Genossenschaft Hildebrand Nationalismus Sarkasmus Tue, 10 Apr 2012 07:00:00 +0000 st 296 at http://felderbriefe.at VON JOSEF FEUERSTEIN AUS BEZAU http://felderbriefe.at/brief/von-josef-feuerstein-aus-bezau-12 <div><span class="date-display-single">7. August 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>So eben habe ich in der Alg. Zeitung den Artikel die Roch­thaler Pionir gelesen u. ist in Folge dessen u. Deine[r] mir mithgetheilten Ansichten, dem Genossenschaftswesen meine Aufmerksammkeit zugewannt worden und wird in Folge des­sen in mir der Wunsch rege durch dasselbe betreffende Schrif­ten mit den innern Grundsätzen der Verwaltung u. sonstiger Prinzipen näher bekannt zu werden. Ich möchte Dich daher ersuchen, mir sich mit diesem Gegenstand beschäftigende Schriften mitzutheilen.</p> <p>Bevor ich über das Ganze ein richtiges Uhrtheil zu fällen im Stande bin, scheint mir, Du habest die Sache gerade an der</p> <p>schwirigsten Stelle angegriffen; denn der Käsehandel ist theils wegen des Kredits den man den auswärtigen Handlungshäu­sern gewähren muß, möglichen Verlusten sehr ausgesetzt, u. wenn dieß sich ereignen würde so erlitte die ganze Verbin­dung einen argen Stoß u. würde möglicher Weise auch die Auflösung derselben herbei führen.</p> <p>Wäre des nicht besser gethan, wenn man nach dem Beispiele der Pionire zuerst im kleinen u. sicher vorgehen würde. Wenn man Consum Vereine gründen würde aber vorerst ganz im kleinen d. h. nur mit ein par Gegenständen z.B. Salz, Kaffee, Gerste. Welch eine Menge Salz bedarf der Bregenzerwald, u. wie werden die Bauern übervortheilt, oft bei einem einzigen Sake um zwei Gulden! beim Kaffee ist es das Gleiche auf das Pfund 4 bis 5 Kreuzer also 10 bis 12 Prozent u. hiezu der oft­malige Umsatz in 1 Jahre.</p> <p>Ein Verlust nach irgend einer Seite ist eine Unmöglichkeit, u. so schiene mir es ließe sich in dieser Beziehung viel leichter u. sicherer vorgehen; der Consum Verein wäre für das Volk eine Schule genoßenschaftlichen Strebens und man könnte so nach u. nach auf schwirigere Unternehmungen wie der Käse­handlung übergehen.</p> <p>Dieß ist so meine unmaßgebliche Ansicht u. ich bitte Dich mir nun auch die Deinige mitzutheilen. Die Briefe vom Christian Moosbrugger lege ich bei ohne daß ich Zeit habe sie durch­zusehen. Mit freundschaftlichem Gruß</p> <p>Josef Feuerstein</p> </div> <div> </div> Josef Feuerstein Bezau Franz Michael Felder Consumverein Genossenschaft Sun, 05 Jun 2011 10:47:33 +0000 st 121 at http://felderbriefe.at