felderbriefe.at - Rudolf Hildebrand http://felderbriefe.at/taxonomy/term/129/0 de AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-14 <div><span class="date-display-single">18. März 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Liebster Freund!</p> <p>Es hat mich recht gefreut, endlich wieder einmal einen Brief von Dir zu Gesichte zu bekommen. Hätte ich nicht jeden Tag die Entscheidung von Wien erwartet, so würde ich nicht so lange geschwiegen haben. Leider kann ich noch immer nichts Bestimmtes melden. In Wien soll mir eine namhafte Summe bestimmt worden sein; nun aber habe dann ein Zweigverein gegen mich geltend gemacht, daß ich ja noch kein Drama schrieb. Bergmann sagt, daß das von vielen Unterstützten gesagt werden könnte. Er nennt das nur eine kleine Verzöge­rung und hofft in Kurzem Erfreuliches berichten zu können. Bergmann und auch andere mir weniger Bekannte aus Wien schrieben mir schon von der günstigen Aufnahme, die Reich und Arm dort findet. Eine Dame schrieb an Apotheker Koff­ler in Dornbirn, daß Halm u Grillparzer für das Buch und seinen Verfasser thätig seien, Georg Scherer in Stuttgart hat mir eine Besprechung in der A. allgemeinen Zeitung verspro­chen, wenn nur Hirzel so gut wäre, ihm ein Exemplar zu schicken. Dr G Seh Langestrasse No. 4 Stuttgart. Unsere Landsblätter haben bereits Besprechungen des Buchs gebracht, die Landeszeitung von R. Bir, die Feldkirchnerin von Elsensohn. Beide sind sehr günstig, ohne jedoch aufs Einzelne einzugehen, und ich wüßte Dir nicht viel daraus zu schreiben. Heinrich Hirzels Besprechung, von der Du schreibst, hab ich noch gar nicht gesehen. Ich hoffe doch, daß er sie mir zukommen lasse.</p> <p>Die holländischen Bände hab ich erhalten und mehr darin gelesen als Du wol glauben wirst. Es ist ja fast alles deutsch und mir macht es ein eigenes Vergnügen, meine Gedanken in diesem Kleide zu sehen. Du solltest uns einmal an dem Holländisch herumkauen sehen wie am Häring dem ich noch ein treues Andenken bewahre. Mit der Bevölkerung lebe ich im schönsten Frieden. Der Kampf, den ich und Rüscher hatten, tobt im ganzen Vorarlberg, nur der Bregenzerwald ist ziem­lich ruhig und ich gewinne mehr und mehr Freundschaft und Liebe. In Bezau bin ich wie daheim und halte mich häufig dort auf. Daß ich nicht müssig bin, wirst Du mir glauben. Besonders thätig bin ich für den dortigen Leseverein und die Landesbibliothek. Ich wurde mit Feurstein und Dr. Greber und noch Zweien zur Leitung gewählt. Vor 14 Tagen hielt ich die erste längere Rede über das Lesen, besonders über die Art, sg. schöne Werke mit Nutzen zu genießen. Ich fand ge­nug Beifall und sogar der Doktortitel wurde mir beigelegt. Auch in anderer Weise suchte ich fürs Gemeinwohl thätig zu sein. In Bezau könnte man gleich aufs ganze Ländchen wir­ken und ich möchte schon dort sein. Jetzt brauche ich Un­ruhe, Leben und das stille Schoppernau hat zuweilen für mich fast etwas Schauerliches. Ich habe mir schon zuweilen die Kämpfe und Aufregungen des letzten Winters gewünscht um mir selber darin zu entfliehen. Nur im Streben fürs Gemein­wohl finde ich Erholung und wenn ich davon ausruhen will, setze ich mich wieder an den Schreibtisch und erzähle „aus meinem Leben" oder „meine Dorfgeschichte". Welcher Titel gefiele dir wohl besser? Ich muß jetzt nämlich schon an den Titel denken, denn der erste Band, mit meiner Verehelichung abschließend ist fertig. Einstweilen denke ich auch nicht mehr weiter zu arbeiten. Die Abschrift besorgte ein von Feurstein gedungener Schreiber. Letzten Montag schickte ich die Arbeit, 79 Bogen, an meinen Schwager in Bludenz. Er wird sie bald durchgesehen haben und dann sollst Du sie erhalten. Ich bin begierig, was Du zum Ganzen sagst und ob Du es zur Ver­öffentlichung geeignet findest. Ich bin hierüber noch durch­aus nicht eins mit mir selbst. Wer seine Erlebnisse und die Wirkungen derselben dem Volke geben will, der sollte doch wahr sein oder gar nicht schreiben. Ich bin diesem Grund­satze rücksichtslos treu geblieben. Doch heute keine Vorrede, ich werde später eine Eigene zu dem Buche schreiben wenn einmal dessen Veröffentlichung beschlossen sein sollte. Also für jetzt nichts mehr hievon.</p> </div> <p>Wir haben endlich noch ein Bischen Schnee bekommen, so daß wenigstens noch die allernötigste Winterarbeit mit vieler Mühe und Gefahr verrichtet werden kann. Ich selbst quäle mich selten mit solchen Arbeiten, obwol ich die Taglöhner schwer aufbringe. Ich hoffte bisher, meine Einnahmen wür­den sich einmal verbessern. Nothwendig wärs. Doch ich will nicht klagen.</p> <p>Vielleicht ist dir lieb, die Photografie von Au, den Schauplatz von Reich und Arm zu erhalten. Ich schicke sie Dir mit der Bitte, unser Thal ja im Andenken zu behalten. Du bist hier keineswegs vergessen. Feurstein, seine Frau, Dr Greber, die Rößlewirthin, der Schreiner und noch viele lassen Dich grü­ßen. Kurat Herzog bittet recht sehr endlich um Auskunft. Grüße mir Deine Frau, die Kinder, Emmi Hedwig Rudolf u Hugo, den Klub und wer sich etwa sonst noch um mich kümmert.</p> <p>Schreibe auch gelegenheitlich wieder ein paar Zeilen an Deinen einsamen eingeschneiten Freund</p> <p>F M Felder.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Wed, 18 Mar 2015 08:00:00 +0000 st 718 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-13 <div><span class="date-display-single">22. Januar 1869</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Liebster Freund!</p> <p>Gestern Abends spät hab ich Deinen Brief gelesen und mich gefreut, daß mein Juhei auch in Leipzig ein Widergeben zu Wege bringen konnte. Mariannens Abschrift hättest Du auch behalten können. Es hat das gute Kind recht gefreut diesen Brief abschreiben zu können. Ich war damahls recht fröhlich, während es sonst oft einen recht traurigen Arbeitgeber hat, so daß ich selbst es oft bedauern muß, ohne mir und ihm auch mit dem besten Willen helfen zu können. Mit der Bevölkerung lebe ich nun ziemlich in Frieden. Zwar viele scheuen mich noch, aber der offene Kampf ist zu meinem Vortheil ausgegangen und Rüscher gilt für einen todten Mann. Der Kampf war nicht umsonst, er hat anregend und aufklärend im ganzen Ländchen gewirkt. Mir kommt man jetzt überall freundlich entgegen und hört auf mein Urtheil. Die Vereinssennerei in Bezau will den Vereinsstifter mit Überreichung einer schönen Taschenuhr beehren, deren Emp­fang ich Dir bald werde melden können. Von meinen Freun­den im ganzen Ländchen wird die Sache absichtlich recht öffentlich und großartig gemacht, um meine Gegner zu ärgern.</p> <p>Wenn ich so wochenlang eingesperrt lebe, kommt mir mein Dasein so zerrissen vor, daß ich allen Muth zusammen nehmen muß, um alles ertragen zu können, das Wible fehlt mir im­mer und überall. Es war mir Auge und Hand. Früher sagte man mir, die Zeit werde vieles heilen, ich hoffe das auch, aber bisher hab ich selbst alles thun müssen; die Zeit hat wenig erleichtert. In letzter Zeit war, damit alles fehle, mein Schreiner krank, der Uhrenmacher ist fort. Ich hatte nur Mariannen. Jetzt ist der Schreiner wieder zweg und wird uns bald besuchen können, wenns einmal nicht mehr gar so grimmig kalt ist. Schnee haben wir jetzt viel zu wenig so daß die meiste Winterarbeit noch ungethan ist. In Bezau draußen ist noch gar kein Schnee. Ich kam letzte Woche hinaus, denn auf meine und Anderer Anregung hin wird nun in Bezau eine Landesleihbibliothek errichtet, der ich auch die Unsere zu verschmelzen gedenke. Es wurden schon mehrere Ver­sammlungen abgehalten. Etwas Geldmittel sind zusammen­gebracht und das gemeinnützige Unternehmen ist gesichert. Auch in Bludenz, Götzis, Dornbirn und Bregenz sollen solche Bibliotheken als Gegenmittel gegen die Kasinos errichtet wer­den. Ich kann meine Freude darüber nicht läugnen, daß wir Schoppernauer etwas voran waren, und gleichsam die ersten Lanzen für die Sache gebrochen haben. Am letzten Montag hatten wir hier die größte Bauernhoch­zeit, die wir seit lange gesehen. Die Braut, ein nach hiesigen Begriffen reiches Mädchen ist von Au. Einer meiner Schul­freunde, Du lernst ihn aus meiner Selbstbiografie kennen, hat seit Jahren ein Verhältniß mit ihr, aber der fromme Vater wollte sie nicht in das gottlose Schoppernau lassen. Nun kannst Du Dir die Bedeutung dieses Festes denken. Alle Grö­ßen des Landes waren nach Schoppernau gekommen, um der Verlobung ihrer Base oder ihres Vetters beizuwohnen. (Ihre Freundschaft ist überall verzweigt). Abends trat ich vor 3 Geistlichen und 2 - 300 Zuhörern als Abdanker auf. Ich schreibe Dir das nur, um Dir in einem Bilde Sieg und Ver­söhnung zu zeigen. Vor einem Jahr wäre so ein Fest so un­möglich gewesen als seine Veranlassung. Als ich den Vater des Hochzeiters und den der Braut während meiner Rede beisammen sitzen sah, mußte ich unwillkürlich an Sepp und Barthle denken. Im Verkehr mit der Umgebung wird mir jetzt manche Freude, aber als giftiger Tropfen mischt sich im­mer der Gedanke ein: Du Armer kannst das nicht mehr mit Deinem guten Wible theilen, die doch auch mit darum ge­kämpft, geduldet und ausgestanden hat. Noch arbeit ich an der Selbstbiografie, in der Du auch das Gewünschte von der Siegfriedsage finden wirst. Ich kann Dir allenfalls die ersten Kapitel mit der Sage schicken, wenn Du glaubst, daß sie mit Angabe der Quelle benützt werden kön­nen. Ich denke den ersten Band und vorläufig das Ganze mit meiner Verehelichung abzuschließen, doch bin ich noch lange nicht so weit. Von einem Herren Birlinger in München weiß ich nicht mehr als den Nahmen und was Du mir ge­schrieben hast. Seine Bemerkungen können und müssen aus meinen Erzählungen sein. Molken kommt schon im Nümma­müller vor z B S 228.</p> </div> <p>Kurat Herzog bittet,&nbsp; ihm wo&nbsp; möglich die Zeichnung oder Beschreibung einer Fisharmonika zu schicken. Ich schließe mit den herzlichsten Grüßen, auch von Marian­nen und der Mutter, an Dich, Deine Frau und alle Freunde. Schreibe bald wieder Deinem einsamen Freund</p> <p>F M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Abdanker Aus meinem Leben Schluss Bibliotheken Schnee Siegfried Thu, 22 Jan 2015 08:00:00 +0000 st 692 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-12 <div><span class="date-display-single">19. Dezember 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber guter Freund! Juheiololouhu hui hihi!</p> <p>Wenn Du, zumal im Eingang eines meiner Briefe solche Jodel­töne hörst aus dem Schnee meiner Nebel bedeckten Heimat heraus und von mir, dann richte Dich auf und mache vor allem einige Freudensprünge zwischen deinen Bücherreihen herum, dann aber bitte ich den Professor, sich zu setzen, die Cigare anzuzünden und meinem Verzähl (von Erzählung) ge­lassen zuzuhören.</p> <p>Eigentlich sind heute die Beilagen freilich das Wichtigste. Der Brief von Bergmann kam über Nacht ganz unerwartet, wie daher geschneit. Ich bitte Dich, ihn mir gelegenheitlich wieder zu senden.</p> <p>Der zweite ist von Ministerialrath Dr Wilhelm Hamm. Ich schicke ihn Dir in einer Abschrift von Mariannen, die Dich und die Deinen herzlich grüßen läßt. Dieser Brief hat eine kleine Geschichte. Die Bekanntschaft mit Hamm hat Feurstein, der Obmann meines Vereins vermittelt, der mir mehr und mehr den Dank des Landes erwirbt.</p> <p>Ich schrieb nun an Hamm und bath ihn sich für mich an die Schillerstiftung zu wenden. Kaum ist dieser Brief fort so kommt gestern der von Bergmann. Heut nun schrieb ich das gewünschte Bittgesuch und hernach machte ich mich daran, Herrn Hamm von Bergmann und diesem von jenem zu schreiben, damit sie nun ihre Schritte gemeinsam thun kön­nen und keiner auf mich böse wird.</p> <p>Daß ich Dir nicht gleich von meinem Briefwechsel mit Dr. Hamm berichtete, kam davon, weil ich warten wollte, bis ich gleichzeitig auch einen Brief von Dir beantworten zu können hoffte.</p> <p>Nun aber muß es heraus und ich warte nicht mehr, obwol ich nächste Woche ganz bestimmt etwas von Dir zu hören erwarte. Ich bitte Dich, meine Freude auch dem Club mit­zutheilen. O das hätte auch das Wible erleben sollen. Es konnte sich so recht aus ganzer Seele mit mir freuen. Über Reich und Arm habe ich einige recht anerkennende Zu­schriften, auch eine von Seiffertitz, erhalten. Vom Redakteur des Süddeutschen Sonntagsblatts ist mir eine Einladung zur Mitarbeiterschaft geworden. Ich habe noch nicht geantwortet. Bisher bin ich mit meiner Selbstbiografie beschäftigt, doch drängt es mich zuweilen wieder zu freiem dichterischem Ge­stalten. In Bezau hab ich etliche schöne Wochen verlebt. Ich und Feurstein sind uns noch viel näher gerückt. Auch sonst hab ich manche liebe Bekanntschaft gemacht. Auch mit Dr Greber steh ich auf bestem Fuß.</p> </div> <div> <p>Und nun noch eins. Im katholischen Kasino in Au war am vorletzten Sonntag eine Vorlesung über - Reich und Arm. Sie war sehr zahm. „Das Buch stehe auf katholischem Boden. Hiebe seien von mir immer zu erwarten. Schreibfehler wie Not ohne H müsse man mir? verzeihen.*) Gegen die Sonder­linge sei das Buch ein Fortschritt und enthalte köstliche Pro­ben, sei aber im Ganzen nicht zu empfehlen und damit auch nicht zu verwerfen." O lieber, was willst du noch mehr?</p> <p>Weihnachten naht. Möge das Fest für euch alle recht recht fröhlich sein. Grüße mir herzlich Deine Frau, die Kinder und alle die sich um mich kümmern. Hat Hirzel Reich und Arm nicht an Gottschall geschickt? Das würde ich bedauern. In der L.Zeitung erschien eine günstige aber kurze Besprechung des Buches von R. Byr. Lebe wol. Mit Gruß u Handschlag</p> <p>Dein Freund F M Felder</p> <p>*) Wehr Dich, Corecturenleser! ! Der Pfarrer von Au kommt mit sammt dem Kasino.</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Jodel Fri, 19 Dec 2014 08:00:00 +0000 st 675 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-11 <div><span class="date-display-single">9. November 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Liebster Freund</p> <p>Deine letzten, langerwarteten Zeilen haben mich endlich in Bezau gefunden, wo Freund Feurstein mir einige Wochen der Erholung bei sich in seinem lieben Kreise gönnt. Mich nimmts Wunder, daß Du das nicht schon von Hirzel wußtest, dem ich, seiner freundlichen Aufforderung bei Übersendung der Sonderlinge entsprechend, von hier aus schrieb und Dich grüßen ließ.</p> <p>Dein letzter Brief hat mich gefreut, wie schon lange nichts mehr. Juhu jolabubuhihiu soll ich mit Dir zu unseren schneebehangenen Bergen hinauf jauchzen mögen. So wärst Du denn endlich droben. Ich athme mit Dir auf, erleichtert und froh, denn auch mir ist damit einer der heißesten Wün­sche erfüllt. Aber ich schwätze da und denke bei allem Reden davon nicht einmal daran, daß ich an einen Professor schreibe. Na Du verzeihst mir schon, denn heut kann ich nicht anders. Mein erster heut an Dich angefangener Brief war so närrisch vor Freude, daß ich ihn gar nicht schicken darf. In meiner Freude hab ich unter dem Mittagessen aus Deinem Briefe geplaudert trotz Deinem Verboth und Feuersteins bitten mich nun, Dir mit ihrem Gruß auch ihren herzlichsten Glücks­wunsch zu melden.</p> </div> <div> <p>Mein Jakob geht nun zur Schule und der Lehrer ist mit ihm sehr zufrieden für den Anfang. Der Erfolg meines Käsevereins ist über alle Erwartung, wenigstens das wäre mir glänzend gelungen. In unsern bedeutendsten Blättern ist von der Sache die Rede, sogar in der alten Presse. Die Regierung ist auf die Sache aufmerksam geworden und hat zur Aufmunterung Preise von 500 - 250 - 200 fl auf ähnliche Vereine gesetzt. Daß unser Verein den ersten Preis bekommt ist ohne Frage und vom Ministerialrath Dr Hamm dem Obmann des Vereins ziemlich bestimmt zugesagt. Ich hab in letzter Zeit ermun­ternde Zuschriften erhalten die mich sehr freuen. Ich möchte fürs Volk arbeiten, dabei aber muß ich doch auch meiner armen mutterlosen Kinder gedenken. Ihre Zukunft liegt jetzt recht schwer auf mir. Mir nahen sich hundert theilnehmende Tröster, die es wenigstens recht gut meinen, aber für die Kinder bin nur ich und ich bin so wenig, zumal jetzt, wo mir doch noch oft die gehörige Stimmung zum rechten Schaffen fehlt. Was sagst denn Du zu der Art, wie ich mein Leben gebe? Ich komme nur langsam vorwärts weil ich alles für euch da draußen Interessante mitnehmen möchte. Jetzt be­arbeite ich meine ersten Schuljahre. Feurstein ließt Reich und Arm. Er lobt das Buch und lobt es. Auch von ändern hörte ichs loben, von Dir aber kein Wort. Ich weiß nicht, ob Du es vergaßest, oder nichts hörtest, oder das Gehörte nicht schreiben magst.</p> <p>In dem Nachbardorf Reute, wo Du eine Prozession mitmach­test, entsteht jetzt auch ein Kasino. Ich war gestern dort bei der Statutenberathung und hatte Abends hier in der Garns den Herrn allerlei lustiges zu melden. Ein pensionierter Inge­nieur von Wien, Freund Bergmanns und Vetter meiner Frau ist eins der hervorragendsten Mitglieder. Bei Bergmann fällt mir eben ein, daß nun seine Landskunde Vorarlbergs, eine sehr fleißige Arbeit, erschienen ist. Wollte ich einmal ein Reisehandbuch verfassen so würde sie mir treffliche Dienste leisten.</p> </div> <div> <p>Hier schneit es, daß man kaum von einem Hause zum Än­dern sieht. Die Meinen in Hopfreben müssen schon 1 1/2 Fuß Schnee haben. Da wirds denn wol enge genug im kleinen Hüttchen ohne mich. Jakob kann Gott danken, daß er in Schoppernau beim Gottle bleiben darf. Mariann ist auch in Hopfreben bei der Mutter und den Kin­dern. Ich möchte nicht dort sein, beschäftigungslos, wo ich mit dem Wible die schönsten Stunden verlebte, obwol es mich auch fast hart ankam, das Mädchen alein hinzulassen. Es hat einen Ballen Bücher mit, die es dort mit seinem nahe­wohnenden Vater und seiner Jüngern Schwester lesen will. Die beiden Mädchen, strenge gehaltene Stiefkinder, haben stets im Lesen gelehnter Bücher ihren Trost gefunden. Schon mein Wible machte ihnen so manche Freude mit meinen Büchern und Mariann war ihm besonders lieb. Es ward sogar zuweilen ihre Fürsprecherin bei seiner strengen altern Schwe­ster, Mariannes Stiefmutter. Nun wirds den Kindern belohnt. Das ungewöhnlich kleine aber an Leib und Seele gesunde Mädchen ist zu allem willig und geschickt. Als im Sommer ich und Diakon Hirzel von Zürich nach Au giengen ist es uns begegnet und wol sein ausdrucksvolles Gesicht auch hat ihn zu der begeisterten Schilderung der Wälderinnen begeistert. Sie ist noch nicht ganz 22 Jahre alt, aber zuweilen ungemein ernst. Fast ob ein tiefes schweres Leid auf ihr liege. Wer ihre Vergangenheit kennt: eine freudlose, kann sich das erklären, ein anderer fände sie abstossend und stolz, mir ist sie eine liebe Freundin und es machte mich sehr unglücklich, wenn es meinen frommen Gegnern gelänge, ihre Altern so gegen mich aufzureden, daß man sie heimberufen wollte. Gethan wird dazu alles Mögliche, ich hoffe jedoch daß es nichts nütze. Deinen Gruß will ich ausrichten, so bald es mir mög­lich ist.</p> <p>Dem Kurat Herzog in Rehmen hat meine Zugharmonika so gut gefallen daß er nun auch ein ähnliches oder noch grö­ßeres Instrument von Leipzig will. Er hat aber für die Sache mehr Neigung als Talent und bittet daher Freund Lippold den wackern Tongünstler [sie] um seinen Rath. Wäre denn nicht eine Beschreibung der Werke zu bekommen? Herzog möchte wol eine Fisharmonika, wenns nicht zu schwer zu lernen wäre. Lippold würde dem guten, unter seinen stren­gen Amtsbrüdern vereinsamt stehenden Mann mit einer bal­digen Antwort an mich eine große Freude machen. Eben las ich eine Schrift von dem erwähnten Vetter Ingenieur, die mich am guten Verstande dieses Kasino-Mannes ernstlich zweifeln läßt. Wenns irgend möglich ist, sollst Du 1 Exemplar erhalten als Perle der Kasino-Reden.</p> </div> <p>Von Grottendieck erhielt ich vor 14 Tagen die Meldung, daß die von mir gewünschten 6 Exemplare der Übersetzung an Hirzel abgegangen seien, der sie mir zusenden werde. Zwei Exemplare nun sind für Dich und Hirzel, die ändern 4 weiß ich sonst zu verwenden.</p> <p>Grüß mir herzlich alle, die meiner noch gedenken, besonders Deine Frau, Karl, das Hinterhaus, den Klub, Hirzel und alle. Schreib mir doch recht bald wieder und auch etwas von Reich und arm.</p> <p>Und nun lebe recht wol, mein lieber guter verehrter unver­geßlicher Herr Professor und vergiß nicht</p> <p>Deinen armen Freund Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bezau Rudolf Hildebrand Sun, 09 Nov 2014 08:00:00 +0000 st 657 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-10 <div><span class="date-display-single">1. Oktober 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber Freund</p> <p>Ein Monat ist nun vorüber seit dem Traurigsten Tag, der trau­rigsten Zeit meines Lebens, das doch nicht arm war an innern und äußern Kämpfen. Es ist ein langer Monat gewesen Freund, aber doch nicht so, wie ichs mir hätte denken müssen, wenn ich überhaupt an so etwas einmal gedacht hätte. Aber das alles kam ja, wie ein Blitz aus heiterm Himmel, ungerechnet und unbegründet. Ja ich hätt einmal mit allem hadern, von allem weglaufen mögen. Nanni starb so still weg, daß ichs lang nicht glauben konnte. Der Tod hatte ihrGesicht so schnell entstellt, daß man sie nicht mehr gekannt hätte nach wenigen Stunden und das war mir noch fast lieb. Ich schied leichter von ihrem Sarge.</p> <p>Zur Beerdigung hatten sich trotz der drängenden Feldarbeit viele Theilnehmenden eingefunden. Es war einer jener tief­blauen Tage, denen die Selige so froh entgegenzujubeln pflegte. Während mehrere Priester in der Kirche sangen und Messen lasen für das Honorar von Reich und arm. (Nur wer unsere zusammen ausgestandene Noth kennt, kann sich die­sen Gedankengang erklären.), über das Nanni sich so sehr gefreut hatte, standen ich und Moosbrugger auf dem frischen Grab und weinten. Ich mußte an den sauern Weg bitterster Entbehrung denken, den sie mir fröhlich und vertrauensvoll herauf klimmen half. O wie wenig hatte ich ihr zu biethen vermocht für den stolzen Glauben, die feste Hoffnung auf mich. Wol konnte ich mir nichts vorwerfen. Wir haben uns keine einzige böse Minute gemacht, aber immer wars der Sporn meines Strebens gewesen, einmal mit ihr aus düsterer nebliger Tiefe heraus zu kommen in liechtere Höhen. Nun fehlte mir alle Lust zum Leben und Schaffen, es fehlte mir alles, alles. Mehr als mein Schwager hat mich der Anblick meiner Kinder getröstet. Gleich nach dem Gottesdienst gieng ich mit den Angehörigen Nannis nach Au. Im Rößle aßen wir Mittag, dann suchte ich mit Moosbrugger Mariannen auf. Eine wohlgesetzte Anrede vermochte ich nicht zu halten an das Mädchen, aber es versprach zu kommen und ist nun da und ich danke Gott daß es da ist.</p> </div> <div> <p>Mit Hirzels Artikel in der Zürcher Zeitung hat mir derselbe einen herzlichen Brief und Scheffels Ekkehard zugeschickt, den mir dann Mariann sofort vorlas. Nächstens - sobald wir mit Lessings Nathan fertig sind, gehen wir an Reich und Arm. Mit meinen Erinnerungen (Selbstbiografie) hab ich angefan­gen, und zwar recht gründlich. Wenn ich meine Entwickelung und Verwickelung durchweg so gebe, wirds wol ein so um­fangreicher Band, wie Reich und Arm. Und doch glaub ich das zu sollen wenn ich überhaupt etwas geben will. Übrigens geht die Arbeit doch etwas langsam, wenns mir schon gerade nicht an Zeit fehlt. Ich werde wol nicht in einem Zuge fertig machen, denn hundert Gestalten und Bil­der drängen sich mir auf. Vergessene Freunde besuchen mich in meiner Einsamkeit und rufen allerlei wehmütige Stimmun­gen in mir wach, denen ich Gestalt und Form geben möchte. Gern will ich hören, was unterdessen Du und Flügel erlebt. Ich hab Euch in Gedanken begleitet. Laß mir ihn und alle grüßen, die sich mir freundschaftlich erwiesen, besonders die Deinigen, das Hinterhaus von A bis Z und den Klub. Kasinomitglied bin ich nicht und auch meine Freunde haben sich ganz nach meiner Weisung verhalten. Die Geschichte nimmt hier überhaupt - wie es scheint - in kurzer Zeit ein schäbiges Ende. Ich denke das Ganze gelegenheitlich in einem politischen Tagblatt zu schildern. Die Grenzbothen würdens schwerlich aufnehmen, obwol der Kasinoschwindel gerade für Euch da oben recht interessant sein müßte. Daß ich mir so eine Versammlung selber bei Liechte besah, kannst Du Dir noch eher denken als das Aufsehen vorstellen welches mein Erscheinen machte. Pfarrer Birnbaumer, der Gründer sah mit Zähneknirschen, wie meine frühern, von ihm übertölpelten Freunde sich um mich versammelten und in ihrer Unschuld mich mit drin haben wollten um jeden Preis, daß es doch ein wenig Leben gebe. Ich aber will der Sache kein Leben geben und vermeide daher jede Opposi­tion. Jetzt ist das überhaupt die Haltung der Freisinnigen bei uns. Auch die der Feldkircher Zeitung, die nun wieder einen besseren Leiter hat.</p> </div> <div> <p>Wenn einmal dem Schillerverein gegenüber etwas geschieht, so sei so gut, es mir zu melden. Früher aber hoffe ich etwas von Deiner Zukunft zu hören. Vergnügungsreisende hielten die Unterstützung des Wörterbuchs für eine ausgemachte Sache. Schreib mir doch, wie es steht.</p> <p>Es dunkelt, aber ich muß Dir doch noch sagen, daß - mich nun auch der Uhrenmacher verläßt. Er verdient hier nicht viel im Winter und zieht daher nächste Woche nach Alber­schwende. Er ist Vater geworden und sein wenige Tage nach Wibles Tod geborenes Kind heißt Nanni. Also wieder eine treue Seele weniger, dafür ! aber zählt sich das Dökterle zu aller Erstaunen wieder zu meinen Freunden und begegnet mir wirklich in der herzlichsten Weise.</p> <p>Seine Schritte gegen mich und den ins Kasino nennt es öffent­lich Dummheiten eines gutmütigen Tröpfleins. Nun, das ist hier noch manchem so gegangen, aber das Dökterle hätte doch klüger sein sollen.</p> <p>Dein letzter Brief sammt Beilage hat mich sehr gefreut. Ich will Dir Letztere bald übersenden. Könntest Du mir nicht meinen Grenzbothen-Artikel noch schaffen. Seyffertitz hat das letzte meiner Exemplare dem Minister Herbst gegeben, und sich einfach entschuldigt.</p> </div> <p>Mariann bittet, Dich grüßen zu lassen. Herzlichen Gruß auch von mir Dir, Deiner Frau und allen den unsern, Karl, Lipold. Lotze, Hirzel Thieme u a von Deinem</p> <p>Franz M Felder.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Wed, 01 Oct 2014 07:00:00 +0000 st 644 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-9 <div><span class="date-display-single">10. September 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber guter Freund!</p> <p>Ich hab einen großen Verlust erlitten. Furchtbar tief ist so eine Wunde und man empfindet sie wie einen Riß durch sein ganzes Wesen. Meine Freunde haben sich alle in rüh­render Besorgniß um den Trostlosen bemüht, die beste Trö­sterin aber war mir die Selige selbst. Ihr Hinscheiden ahnend verwies sie mich auf meine großen Aufgaben und versprach mir und den Kindern unser Schutzengel zu werden. O sie hält Wort! Immer mehr ists mir, ob sie mich umschwebe. Gott ladet keinem mehr auf, als er mit redlichem Willen tra­gen kann und schickt wieder gute Menschen, die uns an ihn glauben, ihm trauen lehren durch den Schatz von Liebe, den sie uns erschließen. Zu diesen gehörst auch Du, Du lieber guter Tröster. Für Deinen letzten Brief hätt ich Dich gleich umarmen und küssen mögen.</p> </div> <div> <p>Doch Du wirst nun vor allem wissen wollen, wie es bei mir zu Hause stehe. Zwar fehlt das Wible, die Mutter überall, aber auch da haben Gott und gute Menschen geholfen, so gut es möglich war. In Au lebte ein Mädchen, das ich als Sonderling unter einer strengen Stiefmutter, einer Schwester meines Wible heranwachsen sah. Als mein Wible starb, war es unter meinen Freunden, auch der Adjunct war mit im Rath u das wieder bekehrte Dökterle - eine ausgemachte Sache, daß dieses Wesen am besten neben mich und zu mei­nen Kindern passen würde. Nur meine Kenntniß ihres guten Herzens und ihres bisher unbefriedigten Bildungsdrangs gab mir den Muth sie, die nicht zu dienen braucht, zu fragen, ob sie zu mir kommen, und einstweilen neben dem düstern Mann für seine Kinder sorgen wolle. Sie sagte mit bewun­dernswerthem Muth, daß wirs ja zusammen und nebenein­ander versuchen könnten. Schon am ändern Tag ist sie mit Ihrem Bündelein gekommen und ich kann Dir nicht sagen wie mir dabei zu Muthe gewesen ist. Sie hat ein Herz für die Kinder, die neben ihr nur selten der Mutter gedenken, und mir ist es ein Trost und Zeitvertreib geworden, der Lern­begierigen von unsern großen Männern zu erzählen oder etwas vorzulesen. Ich bin demütig und dankbar, daß Gott mir wieder so geholfen hat, daß ich auch wieder an die Zu­kunft zu denken wage. Dein Vorschlag, eine Biografie zu schreiben, kommt mir wie eine höhere Eingebung. Das ließ Gott Dich denken. Schon heut hab ich mich oft an dem Ge­danken erbaut. Etwas muß ich gleich nach dem Heuen an­fangen, und zu künstlichen Geweben fehlt mir die gehörige Spannkraft.</p> <p>Die fragliche Stelle in Reich u Arm - ich habe den Brief erst jetzt erhalten weil auf der Adresse Vorarlberg fehlte - soll die Worte vor mir, nicht von mir enthalten.</p> </div> <p>Lebe recht wol, grüß mir Deine Frau und alle, wünsch Ihnen langes gesundes Leben zusammen und schreibe bald wieder</p> <p>Deinem armen aber nicht verlassenen Freund</p> <p>Franz M Felder</p> <p>Deinen lieben Brief hat auch Mariann gelesen. Heut muß ich heuen, nächstens mehr.</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Wed, 10 Sep 2014 07:00:00 +0000 st 631 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-8 <div><span class="date-display-single">31. August 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Lieber lieber Freund</p> <p>Ich kann Dir heut nur ein Wort schreiben: Mein Wible ist gestorben! Ich hab es verloren, ich und meine 5 Kinder. Weint ihm nach mit mir. Ich hab meinen Schutzengel alles alles verloren.</p> <p>Weint, weint mit eurem&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; trostlosen Freund</p> <p>Franz Michel.</p> <p>&nbsp;</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Sun, 31 Aug 2014 07:00:00 +0000 st 620 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-7 <div><span class="date-display-single">27. August 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Liebster Freund!</p> <p>Dein Brief kam zu mir in bösen bangen Stunden. Seit 8 Tagen leidet mein gutes Wible am Nervenfieber. Vorgestern ward es von unserm frühern Pfarrer Stockmaier, der gerade hier und Rüschern sehr im Weg ist, mit den Sterbsakramenten versehen. Es war eine furchtbare, ewig scheinende Nacht. Ich war alein am Bett, weil die Kranke sonst niemand wollte, als mich um mir zu erzählen, zu klagen, was sie im Fieber sah und empfand. Gestern schlief die Kranke ziemlich ruhig, wenn sie erwachte, redete sie aber noch verwirrter als vorher. Eben hat mich Pfarrer Herzog verlassen. Wir unterhielten uns mehrere Stunden. Über das Kasino hat er meine Ansicht. Letzten Sontag war in Au das Gründungsfest. Der bekannte ultramontane Zollparlamentsabgeordnete Dr Lindau u meh­rere Gäste aus dem Badischen hielten Festreden. Ich trat natürlich unter diesen Umständen nicht bei, war aber vor der Erkrankung des Wible bemüht eine „unparteiische" Ge­sellschaft zu bilden. Lebe wohl. Herzliche Grüße an alle von Deinem Freund</p> </div> <div> <p>Franz M Felder</p> <p>29 August</p> <p>Ich bin so vielfach weggerissen festgehalten und gedrückt, daß ich selbst an Dich kaum noch einen Brief zu Stande bringe. Fremde Hände walten im Hause, die armen Kinder, auch der noch nicht ganz wieder hergestellte Jakob - rufen der Mutter - aber ihre klangvolle Stimme hört man nicht mehr, als wenn das Fieber aus ihr redet und mich fast zur Verzweiflung bringt. Besser freilich gehts jetzt aber noch nicht gut. Doch das Dökterle wähnt die Gefahr vorüber. Ich will ihm glauben und muß.</p> <p>Ich dachte Dir viel interessantes zu schreiben. Es war uns so wohl noch vor kurzem, und in dieser Frühlingswärme wollte gar wunderliches Zeug zu erblühen beginnen. Aber es soll nun einmal nicht sein, daß ich mich recht behaglich fühle auf der Welt. Kämpfen, schweigen, in mir verarbeiten, das ist mein Theil geworden.</p> <p>Mit dem 2 ten Theil von Reich und Arm machs nur wie Du gesagt hast. In der Stelle, die du erwähntest, ist Hansjörgs Schwester gemeint. Du kannst also statt seiner Hansjörgs sanfte - setzen.</p> <p>Ich schreib auch bald wieder und hoffe dann Besseres be­richten zu können.</p> </div> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Wed, 27 Aug 2014 07:00:00 +0000 st 615 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-3 <div><span class="date-display-single">19. Mai 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Liebster Freund!</p> <p>Glaube ja nicht daß ich weniger an Dich denke, wenn ich Dir auch nicht gleich schreibe. Die Feldarbeit hat begonnen. Schöne herrliche Tage sind über unser Ländchen gekommen. Alles jubelt und mir ist so wol im Freien, daß ich kaum noch an Dinte und Feder denke, und an das schneeweiße Papier. Gestern war ich in Hopfreben und führte Mist auf die schnee­freien Weideplätze. Da kam der erste Vergnügungsreisende und sah meiner Weltverbesserung zu. Er erfuhr dann von seinem Führer, daß das ärmlich gekleidete Bäuerlein der Ver­fasser der Sonderlinge [sei]. Herzlich drückte er mir nun die Hand. Wir plauderten lange neben dem Misthaufen und seine Frau setzte sich auf einen Holzblock vor meiner Hütte. Ich wünschte ihm von Herzen Glück auf den Weg. Mögen sie alle bei uns recht vergnügt sein, uns reicher, gekräftigter verlassen. Land und Stadt, beide haben sich nötig wie Baum­stamm und Mark. Ich sehe die Reisenden ganz anders an seit ich selbst einer war. Früher fühlte ich mich an die Scholle gewachsen, wenns mir auch da nicht recht behagte und jede Berührung mit dem Fremden war mir etwas peinlich. Jetzt aber geh ich allem mit freiem frohen Gefühl entgegen. War­um kommst nicht auch Du mit der Tasche und dem grauen Tuch vielfachem Gebrauche trefflich dienend, und machst Eroberungsreisen mit mir; dießmal müßten wir wol nach Schwaben. -</p> <p>Ich käme leicht ins Plaudern, ob ich Dich schon da hätte. Daran ist wol auch das von Dir mitgeschickte Festspiel Schuld, welches mich wieder lebhaft an einige recht schöne Plauder­abende erinnert hat. Herzlichen Dank dafür und für Deinen Glückswunsch zum Geburtstag und für alles was Du mir thust und ich armer Wicht niemals Dir vergelten kann. In der öster Gartenlaube 7 ist ein Artikel über die Fremdler und sg Freimaurer von mir erschienen, den ich Dir zuschicken ließ. Es scheint, daß Du ihn nicht erhalten hast und ich will nun „stören". Was in dem Blatt über mich gesagt wurde, ist von Pröll und hat er dazu auch briefliche Mittheilungen, flüchtig hingeworfen zusammengestellt u benützt. Letzten Sonntag machte ich mit dem Kurat von Rehmen und dem neuen Pfarrer von Au den Plan einer wöchentlichen Abendversammlung im Rößle. Denke Dir, was unsere Eiferer dazu für Augen machen. Vielleicht bringen wir auch noch vor meiner Abreise etwas zuwege. Bevor ich gehe, hoffe ich noch von Reich und arm zu hören und kann schon darum jetzt den Tag und die Woche nicht bestimmen. Jedenfalls melde ich mich vorher. Die Meinen sind alle wol und grü­ßen Dich vielmal. Der Uhrenmacher gräbt seinem Wible vor dem Haus einen Garten. Auch ich verdiene mein Brot im Schweiß und bin so vonnöth' daß ich diesen Brief zwei Tage später schließe als ich ihn begann. Lebe wol! Es grüßt Dich herzlich</p> </div> <p>Dein Freund FM Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Hopfreben Rößle Au Wetter felderbriefe.at newsletter Mon, 19 May 2014 07:00:00 +0000 st 573 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-2 <div><span class="date-display-single">3. Mai 1868</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Endlich! Es ist ein ganz eigenes Gefühl mit welchem ich dieses Wort niederschreibe. Grad vor 2 Jahren und 2 Tagen hab ich Dir - nicht ohne Bangen die Sonderlinge von Bludenz aus übersendet. Die Aufnahme und sonst so vieles hat mir seitdem Muth gemacht. Ich habe mich an eine große, ja viel­leicht die wichtigste Frage gewagt. Ob man mit der Lösung die sie da findet, einverstanden sein wird, weiß ich nicht. Mein Roman will aber keine Tendenzschrift sein. Er schließt anderes nicht aus, und der Verfasser ist zufrieden, wenn man eine Minute lang sich an seinen Gestalten freut, oder sich zum Nachdenken über die Frage angeregt fühlt. Doch ich will Dich nicht mit einer Einleitung plagen. Lies das Ganze und sage mir offen was Du findest. Lieb war mir es schon, wenn ich recht bald etwas hörte. Hab ich mir doch in den letzten Tagen kaum noch Zeit gelassen. Aber Du wirst Dich halt auch nicht gleich dazu hinsetzen können. Dann aber bitte ich Dich, mir wenigstens den Empfang der Sen­dung und später allenfalls den Ersten Eindruck zu melden. Den ersten Theil hast Du zwar vor einem Jahr da neben mir gelesen, während ich an den Liebeszeichen schrieb, aber dar­auf durftest Du Dich nicht verlassen, da in Form u Inhalt manches geändert wurde.</p> <p>Hirzeln hab ich ein Briefchen beigelegt, welches Du lesen und ihm dann gelegenheitlich übergeben kannst. Noch hab ich, es fällt mir eben ein, nichts von meinem Gartenlaube­Artikel gehört; Du wirst ihn doch erhalten haben? Begierig bin ich auf die Übersetzung der Sonderlinge und ihr Schicksal. Es freut mich das schon an und für sich und ich hoffe, daß dieses Ereigniß auch Hirzeln meiner neuen Dich­tung etwas günstiger stimmen werde.</p> <p>Allmählig wirds hier denn doch Frühling und die erste Feld­arbeit beginnt. Du glaubst nicht, wie froh wir das Grün, die ersten Blumen begrüßen! Mich treibts in Feld und Wald, obwol der Schnee noch nicht weg ist. Hier wollen mir schon neue Gestalten erscheinen, aber erst will ich nun ruhen, und Frühlingsluft in mich aufnehmen. Die Meinen sind wohl. Feurstein in Bezau läßt Dich grüßen. Ich hätte auch sonst noch viele Grüße an Dich auszurichten von denen die Dich hier kennen lernten. So fragt Dir die Rößlewirthin in Au bei jeder Gelegenheit nach. Heut ist Kirchweih in Au. Es ist also ein Jahr, seit ich mich zur Flucht entschließen mußte. Ich gehe auch noch hinunter und schreibe Dir in größter Eile.</p> <p>Grüße mir die lieben Deinen und alle die mich noch nicht</p> <p>vergessen haben.</p> <p>Mit Gruß und Handschlag</p> <p>Dein dankbarer Freund und Ruhestörer</p> <p>Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Reich und Arm Sat, 03 May 2014 07:00:00 +0000 st 568 at http://felderbriefe.at