VON WILHELM HEINRICH RIEFSTAHL AUS KARLSRUHE

lfndenr: 
708
19. April 1869

Geehrter Herr!

Obwohl ich Ihnen persönlich unbekannt bin, erlaube ich mirdoch, mich mit einer Frage und Bitte an Sie zu wenden. In Ihrem so anziehenden Buche „Sonderlinge" erwähnen Sie kurz die in den deutschen Alpen überall übliche Segnung der Alpen und es wurde dadurch aufs Neue die Lust an diesem Gegenstande, der mich längst beschäftigt hatte, angeregt. Als ich im September u. October vorigen Jahres im Bregenzer Wald zubrachte hoffte ich auf das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft um Ihnen allerlei Fragen in diesen Dingen vorzulegen und vor allem einen Mann kennen zu lernen der Land u. Leute seiner Umgebung so scharf beobachtet u. treffend zu schildern weiß. Sie hätten geehrter Herr einem Berufs­genossen in die Hände gearbeitet, denn was Sie als Dichter geben, das suche ich als Maler zu erreichen, seit Jahren sind Land u. Leute des deutschen Gebirges mein Feld. Aber als ich in Schopernau ankam (eines Sonntags) hörte ich, Ihre Frau sei gefährlich krank und bald darauf sah ich Sie mit Ihrem Bruder eilig zum Doctor gehen. Obgleich ich nachher wiederholt in Au war erreichte ich Sie doch nicht, einmal glaube ich, waren Sie verreist, ein anders mal mußte ich schnell umkehren, kurz, es sollte nicht sein, ich war wol 10 Wochen im Wald, meist in Egg u. doch sollte sich mein Wunsch nicht erfüllen und darum muß ich Ihnen nun mitdiesen Zeilen lästig fallen.

Würden Sie wol die Güte haben, mir in wenigen Zeilen anzugeben, wann durchschnittlich die Segnung der Alpen vorgenommen wird und von welchem, durch eine eindrucksvolle schöne Umgebung ausgezeichneten Orte im Wald, man diese schöne Sitte an Ort u. Stelle beobachten könnte? Ich gedenke danach meine Reise einzu­richten und eigens zu dem Zweck in den Wald zu kommen; denn was ich malen soll muß ich zuvor sehen. Packt es mich, so mache ich gleich Studien u. nehme die Sache in Angriff, andernfalls begnüge ich mich auch vorläufig mit dem Eindruck, derdann sicher nachwirkt, denn was man Jahre lang in sich herumgetragen, das schafft sich ganz von selber eine Form, in der es auch andre anmuthet und erbaut.

Letzten Winter habe ich Ihr „Arm und Reich" gelesen mit dem Genüsse, ja mit noch größerm wie die Sonderlinge, denn inzwi­schen hatte ich den Wald u. die Wälder auch etwas kennen gelernt. Sie schreiben doch fort in dieser Art? Ich freue mich auf das nächste Werk, vor allem aber Sie, so Gott will, im Frühsommer selbst zu sehen. Im Voraus versichere ich Sie meiner Dankbarkeit u. mit der festen Hoffnung daß Sie meine Bitte erfüllen. So zeichne ich Ihr

hochachtungsvoll ergebener

W. Riefstahl

Hirschstraße No 7.

N. B. Ich würde in Au wohnen im Rössle, wenn es also dort einen Platz mit schöner Aussicht gäbe wo benediziert wird so wäre das doppelt erwünscht.

W. R.