VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
508
17. März 1868

Lieber Freund,

Also endlich tägliche Post in Eurem Hinterwalde. Nun braucht man doch nicht mehr die Tage zu berechnen wie einer der von hier nach Amerika schreibt und den Abgang des Schiffes in Bremen berechnen muß. Der Stempel AU auf Deinen Briefen statt des früheren BEZAU sieht mich gar wunderlich an, ich dachte beim ersten Male, das BEZ wäre nur beim Abdruck ausgeblieben. Na Gott sei Dank, möge nun die Tagespost Euch uns um so viel näher bringen als die in den Sonderlingen gerühmte und in meinem Besuch bei Euch be­rühmte neue Straße um die Bezegg herum schon gethan hat, von der ich zufällig gestern Abend hier erzählt habe - wegen ihrer Gefährlichkeit bei raschem Fahren. Aber ich will sie nicht wieder bekritteln, sonst strafst Du mich wieder. Auch solls dießmal kein Schwatzbrief werden, weil ich heute dazu nicht Zeit, obschon Stoff genug hätte. Mich freuts aber daß Du über meinen Schwatz gelacht hast, ich necke Dich gerne und schon deshalb mußt Du diesen Sommer wieder kom­men, daß wir wieder zusammen lachen. Aber ich komme wirklich ins Schwatzen, es zerstreut mich angenehm, und ich hab in der letzten Zeit mehreres sehr Bittere erfahren, das ich noch nicht ganz verdaut habe - da­zwischen aber auch sehr Erhebendes und Schönes, mit mei­nem inneren Leben der letzten zwei Wochen in Freud und Leid könnt ich ein ganzes Jahr des gewöhnlichen Daseins ausfüllen. Doch genug davon, freilich zu wenig um überhaupt etwas zu sein.

Ich schicke Dir des Barons Briefe wieder mit, ich möchte ihn schon kennen lernen; aber auch Deinen Brief an ihn möcht ich eigentlich lesen. Auch Dein holländisches Bild schick ich Dir nach Wunsche mit, seht wie weit Ihr kommt. Gegens Ende steht eine Stelle von Dir übersetzt, mit der wirst Du wol auskommen. Aber an der holländischen Wissenschaft unseres tapferen Uhrenmachers erlaube ich mir doch einige Zweifel, er denkt doch nicht etwa, daß es eine Art Französisch ist? Ich freue mich übrigens herzlich seiner Wiederherstellung und dessen, was Du über seine Stimmung schreibst. Die an­gestrengte Untersuchung wird ihn wohl nur angenehm be­schäftigen, und Dich auch. Euer Wahlsieg muß doch den Schwarzen in die Glieder gefahren sein wie Sadowa den östreichern alten Stils. -

Deine Ausführung über die Philomena war mir und dem Club sehr interessant (Du solltest einmal alles Ernstes Dich ästhetisch versuchen), obwol wir uns mehr niederdisputirt als überzeugt fühlten; aber Du disputirst wirklich vortreff­lich. Wir hatten aber mehr im Sinne, daß Philomena zu gut weg-zu kommen scheine dem so hart gestraften Franz Sepp gegenüber. Wir haben übrigens solcher Admonitionen noch mehr in petto, z. B. daß Christian einmal die Mutter mit dem einen Auge, mit dem ändern die Philomena ansieht, NB. zu gleicher Zeit. Das geht wirklich nicht, das erlaubt der liebe Gott nicht, wie er die Augen gebaut hat; beide Augen kön­nen immer nur zusammenwirkend auf einen Punkt sehen.

Was Du mir von Deinem Roman schreibst, war mir sehr lieb; ich wollte wol, ich könnte Dir hie und da Rathgeber sein, und es freut mich, daß Dir das für den Sommer wirklich vor­schwebt, es hier vorzunehmen. Zudem ist es jetzt sicher, daß ich dießmal nicht zu Dir kommen kann, wegen amt­licher Behinderung in meiner neuen Eigenschaft als Examina­tor. Aber Dir ist entschieden wieder ein norddeutsches Luft­bad nöthig, ich freue mich schon lebhaft auf unser Zusam­mensein. Die Zeit Deines Kommens kannst Du ja nach Be­lieben wählen - ja so, da wird nun das Wible mit gefragt werden müssen. Nun gut Glück zu allem. Aber komm nur vor Mitte August, das haben die Studenten im Club sich aus­gebeten.

Unser Club entwickelt sich immer hübscher. Wir haben am Samstag vor acht Tagen ein erstes Stiftungsfest gefeiert, mit Damen, jungen und nicht mehr jungen, haben geschmaust, getoastet, gesungen, gescherzt, declamirt, Pereats ausgebracht (dem bösen Gosche in Halle), von Deutschlands Zukunft ge­redet, selbst getanzt, alles zusammen bis früh halb drei-vor allem aber Theater gespielt. Lippold hatte ein Stück geschrie­ben, die Geschichte und Bedeutung des Clubs behandelnd, der Ort war die Höhle im Kyffhäuser in der S. Maj. Kaiser Rothbart schläft; er wurde aber munter (mein Vetter Karl agirte ihn würdig, mit Kaisermantel und Krone) und ließ sich gnädig von den altdeutschen Studien und vom Club erzäh­len, nahm auch eine genaue Schilderung aller Mitglieder des Clubs entgegen, natürlich Du darunter, ferner Andeutungen Überwasserfahrten und Baumsitzungen, die aus dem Munde zweier in die Höhle gedrungener fahrender Schüler kamen. Hättest Du doch dabei sein können! Die Spieler waren fünf Mann, außer den genannten eine mitschlafende und mit­erwachende Kaisertochter (Stud. Hügel) ein Narr (Lippold), die Schüler waren Stud. Wülker aus Frankfurt und Köhler, Du erinnerst Dich wol aller noch. Sie machtens wirklich prächtig, dazu in vollem, stattlichem Costüm, eine ganze Stunde dauerte der Mummenschanz, über mich kam eine wunderbare Stimmung. Es ist ausgemacht, daß das minde­stens alljährlich wiederholt werden soll, die jungen Leute brennen aufs Bühnenspiel, und ich habs an dem Abend auch wieder als den höchsten Genuß empfunden, den Kunst und Leben bieten. Du solltest doch auch einmal Dir einen drama­tischen Vorwurf nehmen, ich lasse Dir nicht Ruhe, Du hast dramatische Kraft in Dir, sobald Du Deine Expositionen kür­zer fassen, gleichsam nur mit Kreide umreißen und in die Handlung selbst verweben lernst. Mir schwebte neulich ein Lustspielstoff in fertigem Rahmen für Dich vor. Ach ich möchts auch einmal versuchen! wenn — Nun kommt ja im Herrenhause das neue Ehegesetz dran! ich bin außerordentlich gespannt. Heute früh las ich in der n. fr. Presse den Commissionsentwurf der Minorität im Aus­zug - der Tausend, das ist eine geschlossene Logik, und ein Haß! Wenn nur Euer Ministerium aushält. Wißt Ihr denn, daß im Grunde die Civilehe die einzige Form der Eheschlie­ßung unserer Vorfahren war? in dem von Euren Schwarzen gepriesenen Mittelalter? Sie Schreiens als eine Ausgeburt der franz. Revolution aus! Dein Aufsatz in der östr. Gartenlaube ist mir noch nicht zugekommen.

Doch zum Schlüsse. Grüß mir Dein braves Wible herzlich und Deine Freunde, und sei selbst herzlich gegrüßt

von Deinem Rudolf Hildebrand.