VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
595
4. September 1868

Lieber guter Freund,

Also doch - ! Du Armer! Wir hatten nach dem Ausgang Dei­nes ersten Briefes vom 29. uns fest eingebildet, es würde alles gut abgehen - da kam gestern Dein Schmerzensbrief. Ich bin seitdem in tief wehmütiger Stimmung, ich habe mit Dir ge­weint, und meine Frau auch, und kriege Dich und Dein Haus nicht aus den Gedanken. Gott wie gern war ich gleich hin zu Dir, hätt ich fliegen können, ich war gekommen. Mir wars als müßt ich wenigstens ein paar Stunden bei Dir sein, um mich zu überzeugen, daß Du Deine Kraft noch hast, und - daß Du Dich nicht zu sehr verschließest, wie Du Dir das leider angewöhnt hast und es nun auch festhältst weiter hin­aus als nötig und gut ist. Laß Deine Natur sich ausleben ­lieber sich einmal der Gefahr aussetzen, sich eine Blöße zu geben, als thun als ob man in der Welt im Grunde allein wäre! Du schließest die Menschen mit auf, wenn Du Dich aufschließest - doch verzeih die Predigt, sie kommt nur aus warmer Neigung und Sorge für Dich.

Ach wüßt ich nur ungefähr, wie es bei Dir im Hause und in Dir nun aussieht. Ich fühle ja wie furchtbar der Schlag für Dich ist, wie viel Du verloren hast. Ich selbst empfinde in mir einen Verlust. Denn sieh, Deine gute Frau gehörte schon mit zu den Gestalten, die ich in mir fühlte als meinem Ge­sichtskreise angehörend wie ein liebes inneres Eigenthum. Ich hieng mit Behagen dem Gedanken an, sie einmal mit Dir hier in Leipzig zu haben, daß sie einmal nach saurer Arbeit aufathmend die Welt vom Berge betrachten könnte. Es sollte nicht sein.

Trost gibt es ja da keinen - als den, daß der Verlierer durch den Verlust ein festes Band mehr gewinnt, das ihn an den Himmel bindet, wie ichs greifbar beim Verluste meiner Mut­ter empfand. Aber weit mehr als Du haben ja Deine Kinder verloren - doch dafür ist der Trost, daß sie das nie ganz, zum Theil gar nicht empfinden werden; für sie gilt: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Du aber, liebster Freund, sei tapfer, und sorge vor allem für Deine eigne Gesundheit. Du hast mehr Hilfsquellen in Dir als tausend Andere - das wirst Du in diesem Falle auch empfinden. Sobald Du Dich und Deine Stimmung wieder hast, wie wärs wenn Du jetzt an die Ausarbeitung Deiner Biographie giengest? Du könntest ja abbrechen, wenn Du möchtest, und es liegen lassen bis auf gelegene Fortsetzung. Aber Du würdest da recht dankbar und deutlich gewahr werden, wie wunderbar durch die schwersten, ausgesuchtesten Hindernisse hindurch Dich eine höhere Hand, ein höherer Beruf geführt hat, und zwar auf eine Höhe, die denn doch zumal bei Deinen Jahren schon eine ganz respectable ist. Muth, Felder, Du mußt noch weiter. -

Wenn Du wieder schreibst, und es Dir möglich ist, so melde uns doch etwas Genaueres über die schlimmen Tage, in denen Dein Liebstes vor Deinen Augen versank, und wie Du Dich nun zunächst eingerichtet hast. Es war ja schon ein eigener Glücks(!)umstand, daß statt Rüschers Dein Stockmaier zur Hand war bei dem traurigen Amte. Und Freundschaft und echte Theilnahme hast Du gewiß auch in reichem Maße er­fahren. Der Uhrenmacher und der Schreiner waren gewiß recht gut und warm in diesen Tagen. Grüße sie doch von mir. -

Von den Sonderlingen kam dieser Tage eine sehr günstige Besprechung oder doch eingehendere Anzeige in der Darm­städter (protestant.) Kirchenzeitung, von Prof. Fricke hier, dessen Du Dich wol noch erinnerst; er empfiehlt das Buch seinen geistlichen Amtsbrüdern nachdrücklich, ich werde Dir das Blatt schicken, wenn ichs von Flügel und Hirzel wieder­habe. Siehst Du, Du wirkst doch schon in Deutschland h[er]au­ßen in vielen echten und tieferen Gemütern - das kann Dir doch auch ein inniger Trost sein. Auch Prof. Puckert hier (Du hast ihn auf der Bibliothek kennen lernen) ist entzückt von den Sonderlingen. Reich und Arm rückt hübsch vorwärts, ich hab heute früh den 19. Bogen gelesen, die Unterredung Hans­jörgs mit seiner Schwester, es ist prächtig. Aber vor dem Be­suche Dorotheens bei ihrem Vater graut mir offen gestanden, der erhobene Stuhl ist - so unvermittelt - schrecklich, quä­lend, das tritt doch wol aus dem Rahmen der Kunst heraus, die nie quälen soll. Ich habs nur vergessen, es während Dei­nes Hierseins zur Sprache zu bringen, ich dachte auch öfter auf Abhilfe, die den Plan nicht störte und doch jenen Gräuel abmilderte, wüßte aber augenblicklich nichts Einfaches vor­zuschlagen.

Doch genug für heute. An Deinem Schicksal nimmt hier alles den wärmsten Antheil. Wir grüßen Dich herzlich, grüß auch Deine gute Mutter von mir und laß nicht zu spät etwas von Dir hören, was uns Deinetwegen beruhigt. In alter Wärme und Freundschaft

Dein Rud. Hildebrand.