VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
446
22. Dezember 1867

Lieber Felder,                                     

Über vier Wochen hab ich Dich mit Antwort warten lassen, nun sollst Du aber doch wenigstens zu den Festtagen nicht ohne Nachricht sein, wenn sie auch kurz wird, ich bin sehr heimgesucht mit Geschäften (NB. außer dem Wörterbuch), ein halb Dutzend bestellte Bücherbesprechungen soll neben­bei mit fertig werden, und ich bin körperlich einmal recht mitgenommen.

Bei uns ist in dieser Zeit etwas Großes, Schweres geschehen, das mir bis an die Wurzel meines Daseins gegriffen hat mit übermächtiger Faust: meine gute Mutter ist ~ gestorben!!! Es war am 3. Dec. früh 3 Uhr, als sie nach langen, fürchter­lichen Leiden, nach tagelangem Todeskampfe von uns gieng wunderbare Tage und Stunden, tief erschütternd mit Schmerz und Weh, und doch so groß und weihevoll eben durch den Schmerz, daß ich mich von der Erinnerung daran ungern trenne (was doch die Tagesarbeit gebieterisch in Anspruch nimmt), man war dem Ewigen, dem Lichten, dem Reinen, dem Himmel so wunderbar nahe mitten in diesen Herzens­stürmen. Ich fühlte ganz genau und deutlich, daß ich mit meiner sterbenden Mutter, deren Hand ich stundenlang in meiner hatte, dicht an der wunderbaren Pforte stand, die den Weg in ein höheres, unendlich reineres Dasein öffnet, und ein Streif des Lichtes dort streifte schattenhaft auch meine Seele, so fühlbar, so sicher, daß ich in mir zu sehen glaubte, gesehen habe, am deutlichsten in den bittersten Thränen. Das reinigt die Seele! es hat mich wie durchgefegt, Stückchen für Stückchen, Faser für Faser, daß ich mir wie neu geschaffen vorkam. Ich habe oft an Dich gedacht in den Tagen nachher, Dich bei mir gewünscht, mir wars als wärst Du mein bestes Publicum für solche Reden; doch auch Flügel, Lippold, Meißner haben mich ruhig und verstehend und warm theilnehmend angehört, ich habe recht empfunden was der einzige Kern der Welt ist, Liebe und Güte, Wärme die von Person zu Person geht. Ich möchte Dir schon noch viel davon sagen, wenns nur mündlich sein könnte. Es ist auch eine merkwürdige Ahnung dabei vorgekommen; unsere Christel, die 6 Jahre bei uns gedient hatte und herzlich an meiner Mutter hieng, hat 2 Stunden von hier, ohne von der Todesgefahr zu wissen, im Augenblick des Todes eine An­zeige davon erhalten - Thatsache, nicht Traum! Christel ist nämlich ein tief sinniges Mädchen (meine Mutter war es auch).

Wir haben übrigens neun Nächte lang bei ihr gewacht, die zwei letzten Nächte ganz. Sie blieb bis zuletzt bei klarem Bewußtsein, aber ganz ergeben und tapfer, von einer unend­lichen Milde und Güte, ich habe sie bewundert, und hab ihr das auch gesagt. Die Leiden waren fürchterlich, wie ans Kreuz geschlagen lag sie vor mir, bis der Friedensengel ins Zimmer kam. Mir fehlt sie aber schrecklich! Erst jetzt fühl ich wie nothwendig sie mir war, wie nahe wir uns standen. Wir sind nämlich nie von einander getrennt gewesen, und standen dabei seit 1850, wo mein Vater starb, in der großen Stadt verwandtenlos allein, bis dahin waren wir drei seit 1833 allein!

Doch zurück in die Geschäfte dieser Welt, die uns einstweilen noch festhalten sollen. Bei Quellmalz war ich erst gestern. Er war etwas erzürnt über fehlende Nummern in der letzten Sendung, sodaß er die betreffenden Blätter noch immer nicht hat weiter liefern können. Ich bitte Dich dringend, es ist ja auch in Deinem Interesse, auf strenge geschäftliche Ordnung zu denken (wir in Norddeutschland sind das so gewohnt), zunächst die rückständigen Nummern so bald Du kannst her­zuliefern, und überhaupt genaue Regelmäßigkeit der Rück­sendung eintreten zu lassen. Ich habe so meine Freude daran, daß ein solcher Verkehr in solche Ferne möglich ist; wem ich es sage, der bewundert es! thu doch das Deine, daß die Sache nicht aus dem Leime geht. Quellmalzens letztes Wort war, wir müßten es abwarten und sehen, „ob es sich noch einrichtet". Besänftigt hab ich ihn durch Erzählen von Dir, er hat immer noch das wärmste Interesse an Dir. Franz, Franz, sei wieder einmal Dein eigner Senn!

Vorgestern war ein hiesiger Buchhändler, Alph. Dürr, bei mir und brachte ein Geschenk von einem Frankfurter für Dich, aber ein wunderliches, eine Geschichte der deutschen Schrift! Er sagte selbst, es würde wol mehr für mich passen, und ich sollte es denn lieber selbst behalten. So thue ich auch; wenn Du wiederkommst, kannst Dus ansehen und noch bekom­men, wenn es Dir gefällt. - Ich schicke Dir auch wieder Photographien mit, wie gefallen sie Dir denn und Deiner Frau? Es liegt auch noch ein Blatt in großem Maßstabe bei mir, das sich schlecht versenden lassen wird, Du könntest es am Ende auch einmal mitnehmen, wenn Du wiederkommst. Die Kosten für Dich werden etwa 3 Thaler betragen, Meißner hat alles ausgelegt.

Von Deinen Liebeszeichen erhielt Hirzel 10 Ex. zugeschickt, ich hab ihm den Sachverhalt nach Deinen Mittheilungen ge­sagt, weiß aber nicht genau, was er nun gethan hat. Gelesen hab ich die Novelle noch nicht wieder, nur drin gelesen und viel Gutes und Treffliches gefunden; wir wollten sie eigent­lich im Club zusammen lesen, sind aber noch nicht dazu ge­kommen, die Nibelungen nehmen uns in Anspruch. Der Club läßt Dich grüßen, er ist in fröhlicher Blüthe. Die Nummer der Feldkircher Zeitung hab ich richtig erhalten und danke, ich fand Deinen Aufsatz gleich heraus, an einigen Zügen war Felder sicher zu erkennen. Es macht mir immer große Freude, von Eurem Lande etwas zu lesen. Jetzt ist übrigens auch die Neue Freie Presse auf dem Cafe National, ich lese sie oft. Felder ist nun Ehemann, ohne Beichtschein?! Sag ihm doch meine besten Glückwünsche, und schreib mir was Ordent­liches von seiner Hochzeit, und von Deiner Abdankungsrede. Ich erzähle den Freunden jetzt noch manchmal von Euch, wozu es vor Ereignissen noch nicht recht hatte kommen wol­len. Aus der Connewitzer Kahnfahrt (so heißt der Ort) müßte sich eigentlich etwas machen lassen, auch aus der Baumsit­zung, in Versen, jenes romantisch ernst, dieses komisch romantisch. Hätt ich nur Zeit dazu, auch in mir regt sich jetzt manchmal das bischen Dichter wieder, noch mehr freilich der Philosoph, der aber auch keine Zeit zum Schreiben, nur zum Grübeln hat. Ich wollte, wir beide könnten einmal etwas zusammen machen! Schreib mir ja von Deinem neuen Ro­man, ich wollte auch ich könnte dabei sein und mein Wört­chen dazu geben. Schaff nur vor allen Dingen die langen Wortreihen ab (wie der nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrende und ungewöhnlich ernst gewordene usw. Schulmeister), die auch im Eingang der Liebeszeichen wieder so störend sind.

Grüß mir die Deinigen und unsere Freunde, besonders Fel­der, das Döcterle, die Rößlewirthin,

Dein treuer R. Hildebrand.

Den Brief aus Halle schick mir doch wieder mit nächstem. ­Bei uns sind alle Köpfe und Herzen voll von unserm Weih­nachten, der Baum steht schon in der „guten Stube" und wird morgen angeputzt. Könntest Du doch dabei sein! ­Glückliches neues Jahr für Dich und die Deinen, was wird es uns als Deutschen bringen? Gutes sicher, zunächst billiges Porto, und Euch tägliche Post.

Am Sonntag war noch einmal Vogelweide! Dießmal in Schul­pforta, zu einem Schmaus bei Koberstein, wunderhübsch! Auch Deiner wurde gedacht, die Sonderlinge machen die Runde bei den Professoren und gefallen sehr, ich mußte von Dir erzählen. Daß Scheffel nichts verlauten läßt! Du könntest einmal an ihn schreiben (Dr. Jos. Vict. Scheffel in Karlsruhe).