VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
193
22. Mai 1866

Mein lieber verehrter Herr Felder, Sie wunderbares „Bäuerlein",

Es läßt mir keine Ruhe, Ihrer Unruhe von der Sie schreiben, ein Ende zu machen, daß Sie erfahren wie mir Ihre Sonder­linge gefallen, obwol ich noch nicht durch bin und eben erst den Faschingsdienstag ausgelesen habe. Zum Glück könnt ich bei leichterer Arbeit endlich seit acht Tagen so viele Stunden erübrigen, um Ihr Werk zu lesen. Es sind Feststunden für mich, ich drücke Ihnen die Hand im Geiste dafür, oder noch lieber möcht ich Sie umarmen und küssen - das ist eine Be­reicherung unserer Literatur, auf die Sie und Ihre Heimat stolz sein können. Literatur - ich kann das Wort eigentlich nicht recht leiden, es erinnert an Literaturgeschichte, an ein Herbarium, wo die armen Pflanzen wie abgestochene Kälber saftlos eingelegt oder zerlegt werden (das Bild ist mir mis­rathen, es sind zwei).

Sie haben da ein originelles Stück deutscher Welt aufgefaßt und verarbeitet, daß einem oft das Herz im Leibe lacht, so frisch und voll und saftig, und dabei so tief und fein und warm - echt realistisch und echt idealistisch zugleich. Wenn ich jetzt ausgehe, begleiten mich vor mir her schwebend die Gestalten Ihres Werks, der Franz und die Mariann, und der Barthle usw., und das alles mit dem Hintergrund der groß­artigen Alpenlandschaft und den für uns Norddeutsche so eigentümlich tiefen Reizen des Alpenlebens. Ich habe tiefe Sehnsucht, Ihr Bergleben bald wieder einmal zu schmecken, womöglich noch gründlicher als bisher, womöglich noch die­sen Sommer. Mich drängts, Ihre Geisteswelt noch aus näherer Nähe kennen zu lernen, ich empfinde zwischen Ihnen und mir nahe Berührungspunkte, mehr und tiefer als Sie bis jetzt wissen können. Ich habe selbst eine sehr ähnliche Entwickelungsgeschichte an mir erlebt, wie Ihr Franz, d. h. wie Sie, nur daß ich praktisch noch nicht so weit gekommen bin wie Sie, ich stecke noch im Franz des ersten Theils manchmal ziemlich tief drin, ich hoffe mehr durch Schuld der Umstände, meines berufsmäßigen Studierstubenlebens als meiner Natur, die neben großer Neigung zur Beschaulichkeit zugleich seit meinem Bewußtwerden zum Thun drängt - die innere Ge­schichte Ihres Franz ist mir in ihrem Kern wie auf den Leib gepaßt, sie ist mir wie eine Auferbauung, wie ein Trost und eine Erfrischung wie sie Andere in der Kirche suchen. Hab ich doch selbst mit meinem Vater ähnliche Kämpfe gehabt, wie Ihr Franz mit dem seinen. Mein Vater verwarf, in Folge schwerer Erfahrungen, das Gefühl als Leitstern des Thuns, und prägte mir das von Kind auf ein; durch blutsaure Arbeit hab ichs mir erst wiedererobern müssen. Mich hat Göthe vor Verzweiflung gerettet. Doch genug mit diesen Selbst­bekenntnissen, sehen Sie nur daraus, wie tief mich Ihre Ge­bilde ergriffen haben. Ich segne den Zufall der mich mit Ihnen bekannt machte.

Aber ich will nicht nur Lob sagen, sonst glauben Sie mir das nicht. Ich war aufs höchste gespannt, wie Sie die in Ihrem ersten Briefe an mich angegebenen Tendenzen behandeln würden, die ja künstlerisch wie sachlich zu den gefährlich­sten Klippen der Dichtung gehören. Ich will nicht leugnen, daß ich in dieser Beziehung mit Besorgnissen ans Lesen gieng - aber wie haben Sie die zerstreut; wie ist die Tendenz in die Sache hinein verarbeitet, und wie werden Sie auch der angefochtenen Richtung gerecht! Mir wills sogar scheinen, als stellten Sie den Freimaurer mit seinen berechtigten An­sichten zu weit in Schatten, wie er mir überhaupt im Verlauf der Entwickelung von Franz und Barthle zu sehr in den Hin­tergrund tritt - man sieht ihn da immer nur spöttisch lächeln und zweifeln, und wendet sich allmälich von ihm ab; warum tritt nicht wieder einmal seine Anschauung von den Welt­dingen kräftig heraus? Seit dem Besuch auf der Alp geschieht das nicht wieder, und doch sollte ihn, scheint mir, der da auftauchende Widerspruch seines Sohnes dazu auftreiben. Auch kommt mir das Bedenken, ob denn nicht seine Frau wegen seines Seelenheils Gewissensangst haben müsse? ob nicht gar der Pfarrer im Beichtstuhl sie dazu anstacheln müßte? Oder vielmehr, es müßten solche Kämpfe zwischen ihm und ihr vorausgegangen und längst ausgefochten sein, ich erinnere mich aber nicht, davon etwas Entschiedenes ge­funden zu haben. Möglich daß Sie mich da mit ein paar Wor­ten zurückweisen können; aber ich war gerade auf das Aus­fechten solcher Fragen von den zwei verschiedenen Stand­punkten besonders gespannt.

Sonstige Bedenken hab ich nicht, als etwa daß die Mariann im Vorsaß sich um Franzens Verwundung nicht weiter küm­mert, dächt ich; müßte sie nicht, da sie ihn das erste Mal wiedersieht, ängstlich danach sehn? Ferner, Längen sind doch wol da, hie und da in der Auseinanderlegung der Empfin­dungen und Erwägungen einzelner Personen, die dann das Gefühl des Fortschritts, der Handlung manchmal zu sehr zu­rücktreten lassen. Besonders wollte mir das bei der hypo­chondrischen Selbstvernichtung Franzens nach der Wirtshaus­scene so vorkommen, wo er auch gar zu sehr das hohe sitt­liche Recht seines Benehmens dort vergißt (mich hat dieses Cap. etwas gequält); freilich fühlte ich nachher wol, wie das wieder den rechten Hintergrund gibt zu seinem Auftreten im Vorsaß nachher. Auch sein Benehmen beim Zerklopfen des Pfeifenkopfes erkennt man zwar nachher als nothwendig im ganzen Gewebe; aber es quält einen im Augenblick auch und das Cap., in dem der Sache nach zu wenig Handlung ist, ist dafür wol zu lang ausgesponnen. Hab ich unrecht, um so besser. Endlich die Sprache Ihrer Bauern entfernt sich doch wol zu oft von der Wirklichkeit und tritt zu weit in die ab­stracte Büchersprache hinüber. Ich meine natürlich nicht die belesenen Sepp und Franz, ich meine auch nicht die Ge­danken. Es ist ein alter Lieblingssatz von mir, daß sich auch das Abstracteste in der Volkssprache sagen läßt und daß wir unsre gebildete Sprache, ohne ihren eignen Werth irgend aufzugeben, aus der Volkssprache neu anfrischen und ihr nähern sollten, zur Ausfüllung der unseligen Kluft zwischen Studiert und Unstudiert. Ich habe seit Jahren gesucht nach Mitteln und Männern, die dazu hülfen; Sie könnens vortreff­lich, und nun fallen Sie mir doch zu oft wieder in die ab­stracte Redeweise, oder lassen vielmehr Ihre Bauern drein fallen. Weiter weiß ich nichts zu vermissen; es sind Kleinig­keiten gegen die vielen glänzenden Vorzüge Ihrer Arbeit, die ich gar gern auch aufzählen möchte so weit ich sie er­faßt habe. Wie aber Ihnen jemand hat sagen können, ein Bauer könne keine Dorfgeschichte schreiben, ist mir unver­ständlich.

Für die Sprachspäne aus Ihrer Heimat meinen besten Dank, ich kann sie vortrefflich brauchen. Sie äußern sich darüber mit einer Bescheidenheit, die nach dem Franz des I.Theils schmeckt, ich müßte Ihnen in der Sprache des Sennen ant­worten. Aber das Geschlecht der Hauptwörter, wo es nicht von selbst klar ist, brauch ich dabei; ist z. B. das merkwürdige klipso = Spalt masc. oder fem., der oder die klipso? Bitte, melden Sie mir das noch. Haben Sie ein Wort klapastern oder ähnlich? Bitte, sammeln Sie einstweilen aus k weiter. Haben Sie klagt = Klage?

Auch zu den Erläuterungen Ihrer mundartlichen Wörter in den Sond. müssen Sie mir noch helfen. Was ist z. B. Ried? ein Moorgrund? was heißt hintersinnen? was wurf auf Bo­gen 2 Seite 3? Ich werde so noch mehr fragen müssen. Auch nicht sicher zu lesen ist manches; heißt es z. B. „grübeln und grisseln" oder grilleln? Es wäre gut, wenns zum Druck kommt, Sie läsen eine Correctur, haben Sie das nicht auch bei Nüm­mamüllers gethan? Übrigens läßt Sie Hr. Hirzel grüßen und um Entschuldigung bitten, daß für jetzt von einem Vorgehen mit dem Druck abgesehen werden müsse; es wäre ja in Ihrem eignen Interesse. Erst muß der Geschäftshimmel wie­der geklärt sein, hoffen wir daß der Pariser Congreß das zu Wege bringt. Man fängt aber schon an, an das Entsetzliche sich zu gewöhnen! Höchst interessant war mir und Anderen die Stelle aus dem Soldatenbriefe, ich fühle was Sie daran interesstrt - der Beweis was Ihre Landsleute eigentlich werth seien - mich freut der Beweis aber auch, ich bin seit Jahren beflissen in Volksrede und Volksgedanken Geist und Kraft aufzusuchen und aufzuzeigen, gegenüber den in sich verliebten studierten Verächtern des Volks - ich hasse die wie Gift.

Herzliche Grüße von meiner Frau und Mutter, grüßen Sie mir auch Ihre liebe Frau herzlich, ich bin neugierig sie ken­nen zu lernen, studieren Sie nicht zu viel!

Ihr R. Hildebrand.

Der nächste Kreis meiner Bekannten, der in herzlichster Wärme für Sie gewonnen ist, besteht aus: Dr. F. Flügel und Frau, Dr. med. Meißner und Frau, Rendant Ledig nebst Frau und Tochter, Dr. Meißners Schwester, Fräul. Bertha Meißner, Lehrer Albert Richter, Apellationsrath Dr. Schmiedt, u. A. Kann man nicht eine Photographie von Ihnen haben? und haben Sie meine erhalten? Es ist für Ihre schon ein Platz in meinem Germanisten-Album frei gelassen, welchen, will ich Ihnen sagen, wenn ich Sie habe.

Noch ein P.S.: In dem Cap. vom Faschingsdienstag heißt es einmal: Man muß ein Dorfbewohner gewesen sein, um... die Gewalt der Musik voll zu empfinden u. dgl. Wollen wir da nicht das gewesen streichen? Denken Sie sich, was der Senn dazu sagen würde!

Heißt es nicht vorsäß? mir ist als hätt ich auf der Gemselalp von meinem Führer Karl Fritz aus Mittelberg so gehört. Das war ein frischer anziehender Mensch, er wollte mich da be­halten auf seiner Alp.