VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
188
8. Mai 1866

Mein lieber Herr Felder,

Seit Wochen hätt ich gar zu gern an Sie geschrieben und habe es immer wieder verschieben müssen. Auch heute werde ich mich leider kurz und rasch fassen müssen. Aber Sie müssen Nachricht haben, daß Ihre Sonderlinge am Sonn­abend richtig bei mir eingegangen sind, zu meiner großen Freude. Mit dem Lesen bin ich freilich noch nicht über die ersten Seiten hinausgekommen, aber ich darf Sie doch mit meinem Weiterlesen nicht auf die Anzeige des Eintreffens warten lassen. Ich will es erst ganz durchlesen, ehe ichs an Hirzel abgebe, und das soll möglichst rasch geschehen. Ob freilich, auch wenn wie ich hoffe Hirzel bei seiner Zusage bleibt, jetzt zum Druck vor[ge]schritten werden kann, ist augenblicklich ganz unsicher, denn wir sind in der Kriegs­gefahr mitten drin und wissen nicht was der nächste Tag bringt. Alle Geschäftsverhältnisse, die nicht dem Tage dienen, sind in der Auflösung begriffen, Hunderte von Arbeitern werden täglich entlassen, alle Werthpapiere sind im raschen Sinken, man schwankt zwischen Bestürzung und auftauchen­den Hoffnungsschimmerchen. Aber ich habe eben wieder einmal Hoffnung (gestern ist in Berlin auf Bismarck geschos­sen worden, fünf Schüsse aus großer Nähe, und unverletzt!) und vielleicht kehren wir in wenigen Wochen doch wieder in das Gleis stiller Culturarbeit zurück. Für Ihr Manuscript seien Sie außer Sorge, eine Beschießung der Stadt ist in kei­nem Falle zu fürchten, höchstens eine Schlacht in der Nähe, Leipzig ist ja jetzt ein offener Ort. Übrigens auch wenn der entsetzliche Bruderkrieg entbrennte, ich sehe ihm jetzt ent­schlossen entgegen, in der Überzeugung daß Besseres daraus kommen würde als die bösen Leidenschaften der Anstifter sich träumen lassen. Unser Deutschland ist jetzt im Herzen zu gesund, um am Körper dauernd Schaden leiden zu kön­nen. Sie selbst sind mir mit ein Beleg dafür. Ich habe inzwi­schen für Sie nach Kräften gewirkt, nur mit Ihren ersten zwei Briefen in der Hand und mit Empfehlung Ihres Schwarzo­kaspale. Die Wirkung ist allenthalben dieselbe, Bewunderung Ihres Bildungsganges, der an und für sich eine Heldenthat ist wie nur eine, Bewunderung der geistigen und seelischen Reife die Sie offenbaren, und tief innige Freude an der Art wie Sie da die Verhältnisse Ihrer Heimat künstlerisch zu ver­arbeiten wissen. Die Frauen meines Bekanntenkreises sind entzückt von Ihrem Roman, es ist schon öfter das Wort ge­fallen, ob man Sie denn nicht einmal in Person hier haben könnte, und ich selbst wünschte mir das innig - vielleicht? Auch meine Freunde theilen mein Urtheil, sie verdanken Ihnen glückliche Stunden im reinsten Sinn des Wortes. Nur Hirzel und Freytag sind leider noch nicht zum Lesen gekom­men, ersterer durch die Buchhändlermesse, letzterer durch eine literarische Arbeit zu sehr beschäftigt. Ich kanns kaum erwarten, bis sie dran kommen. Frau Dr. Hirzel hats mit gro­ßer Befriedigung gelesen. Dem Dr. Freytag hab ich Ihre zwei ersten Briefe vorgelesen, er war tief interessirt daran und meinte, das Ganze wäre „eigentlich unbegreiflich". Es ist gut, daß ich Sie habe vor mir sitzen sehn.

Vorgestern hatte ich Ihre Briefe mit in Thüringen, wo wir, d. h. ein Häuflein Germanisten (altdeutsche Philologen) im Sommer mehrmals einen wissenschaftlich-geselligen Verein abhalten, unter dem Sie sofort als Mitglied eintreten könn­ten, seit Sie in Ihrem Thale Sprichwörter und Redensarten sammeln und auf Grund Ihres Schwarzokaspale, denn die Pflege des Volksmäßigen liegt uns am meisten am Herzen. Da hab ich denn, vor 7 Zuhörern (aus Gotha, Eisenach, Weimar, Jena, Schulpforta, Zeitz, Leipzig), meinen Vortrag ge­halten, und Sie werden wol in Folge davon Zusendungen erhalten; etwaige Dankbriefe schicken Sie nur mir mit ein, ich würde sie besorgen. So hab ich gestern Ihre Briefe an G. Mayer und Hirzel abgegeben. Mayer ist ein sehr merk­würdiger Mann, kurz und trocken wie wenige, aber sehr welterfahren und von warmem Herzen namentlich für He­bung der Volksbildung. Er hat in Ihrer Nähe eine Sommer­frische, in Oberstdorf, wohin ich eben vor drei Jahren von Ihnen aus ging. Ich soll diesen Sommer wieder hin kommen, und soll Sie mitbringen; Lust dazu hätt ich die allergrößte, wenn die Verhältnisse es erlauben. Aber ich habe eine Fa­milie von 6 Köpfen und kann nicht oft tief in den Beutel greifen. Ich möchte gar zu gern einmal mehr von Ihnen hören und mit Ihnen eine kurze Zeit Zusammensein. Nun wenn nicht diesen Sommer, so den nächsten. Ihr Bregenzerwälder Wörterbuch geht mir nahe, könnte ich. es nicht für unser deutsches Wörterbuch zur Verwerthung gewinnen? Wenn Sie Zeit fänden, mir zunächst nur etwa die Wörter mit K (von klappen an, denn so weit ist bald ge­druckt) könnten zukommen lassen, würde es mich sehr freuen, und ich würde Ihnen dann den ersten Correctur­bogen wieder zuschicken, wo Ihre Sammlung mir Dienste geleistet hätte.

Der von Ihnen erwähnte Schimpfartikel in Ihrer Landeszei­tung interessirt mich, ich möchte schon wissen, von welcher Seite die Herren Sie angegriffen haben; könnten Sie mir das Blatt wol einmal zuschicken unter Kreuzband? Auch möcht ich. die Anzeige Ihrer Nümmamüllers in den Brockh. lit. Bl. lesen, in welchem Jahrgang und welcher Nummer war das? ich kann mirs leicht hier verschaffen. Mir thut es ordentlich weh zu lesen, mit welchen Kosten Sie sich die geistige Nah­rung verschaffen müssen. Hier zu Lande lesen z. B. Land­pastoren diese Sachen in Lesecirkeln für ein Billiges, oder die Exemplare aus Kaffehäusern gehen von da den andern Tag weiter. Könnten Sie sichs nicht ähnlich aus Lindau oder Bregenz oder Feldkirch verschaffen? im Nothfall aus Augs­burg oder Innsbruck?

Noch etwas. Im Schwarzokaspale war doch nicht alles erklärt, was uns unverständlich ist, z. B. Schulden gleich Schuldner, was ich aus dem Altdeutschen wußte (im Wörterbuch werden Ihre Stellen mit als Belege erscheinen). Darf ich wol an sol­chen Stellen die Erklärung kurz hinzufügen in den Sonder­lingen? Auch möcht ich gern in einem kurzen Vorwort dem Leser Nachricht von Ihrer Lebensstellung gegeben sehen. Doch ich muß schließen.

Glück zur  Feldarbeit  und  allem  andern,  herzlich  grüßend

Ihr R. Hildebrand.

Die Frauen meines nächsten Bekanntenkreises (Gevatter­kränzchen nennen wir uns) lassen Sie herzlich grüßen, das hält ich bald vergessen. Wegen des Honorars haben Sie nichts erwähnt, ich werde, wenns zur Verhandlung kommt, Ihre Interessen möglichst vertreten. Wie war denn das bei Nüm­mamüllers?