VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
660
15. Januar 1869

Lieber ferner Freund,

Ferner - ich hab Dich nämlich erst gestern Abend noch nahe gewünscht, es ist doch schrecklich weit bis da hinauf und da hinter in Euren Bergwinkel, den der liebe Gott versteckt und noch dazu fast zugemauert hat. Heute früh auf einem Mor­genspaziergange sah ich genau um 8 Uhr den Sonnenball eben aufgegangen über dem Himmelsrande stehn, dicht neben Keils Palaste (in dem jetzt Dr. Laube aus Wien wohnt), und dachte mich da vergleichend nach Schoppernau. Aber vor allem erst mein Juchhe! zu Deiner letzten Nachricht. Die Sache ist vielleicht nun schon entschieden? Glück zu! und möge nur bald mehr folgen. Mich haben die mitgeschickten Briefe lebhaft gefreut, mir ward etwas leichter ums Herz an der Stelle wo die Sorge um Dich sitzt, und auch die Meinen waren voll Freude, und Abends der Club usw. Eigen ist, daß Dir nun auch in Wien ein Sachse, ein Leipziger behülflich sein muß. Soll denn nicht Min. Herbst etwas für Dich inter­essirt sein?

Gestern liefen endlich auch die holländischen Sonderlinge ein. Ich setzte mich Abends gleich drüber und verglich. Die Arbeit ist mit unverkennbarer liebevoller Hingebung gemacht, sorgfältig und verständig. Doch fand ich eine abscheuliche Verballhornung. Im 2. Bande S. 261 des Urtextes ändert er die Worte „Sepp hatte den Hals aus der Schlinge gerissen" so: Durch den Sprung war sein Hals aus der Schnur geschos­sen (gefahren)! Er hat also nicht verstanden, daß Sepp eben nicht springt. Überraschend war mir die lange Einleitung, mit einer vollständigen Übersetzung Deines Aufsatzes in den Grenzboten; hättest Du nur dazu erst den ursprüng­lichen Text herstellen können! Wehmütig war mirs, Dein „Wible" (so ist sie genannt) noch als lebend und webend behandelt zu sehen. Das hätte sie noch lesen sollen! Es steht eine ganze kleine Charakteristik von ihr da, nach brieflichen Andeutungen von mir. Nun kannst Du mit Deiner Mariann und dem Schreiner usw. an dem Holländisch kauen! Wäre nicht etwa in Bezau oder weiter in Bregenz ein holländ. Wör­terbuch zu haben? Geschickt sind 6 Exemplare, vier wird Dir Hirzel zuschicken. -

Ich bin nun wirklich Universitätsprofessor, seit der Scheide des alten und neuen Jahres, die wir im Gevatterkränzchen ernst fröhlich gefeiert haben mit Punsch und Gesang; Meiß­ner begrüßte mich mit einem ernsthaft scherzhaften Toast. Nun hab ich die Schule hinter mir und richte mich innerlich und äußerlich auf mein neues Leben ein, es gibt unendlich viel Gedankenarbeit, aber fast nur fröhliche. Vorlesungen halten werde ich aber erst im neuen Halbjahr, vielleicht kannst Du bei mir hospitieren, wie Dus ja im Kleinen schon in meinem Garten wie in meiner Stube gethan hast, selbst als Mitwirkender.

Seit gestern ist endlich auch Winter bei uns, d.h. etwa 6 Grad Kälte, aber kein Flöckchen Schnee, darans wol bei Euch nicht fehlen wird.

Ich hab auch noch für die mitgeschickten Gedenkblätter zu danken, wie nennt Ihr sie? Eins hab ich Hirzeln gegeben, das zweite will ich Thiemen geben. Dabei fällt mir ein, Du sag­test mir einmal Eure Namen für Raupe, Puppe und Schmetter­ling, ich hab sie aber vergessen und möchte sie doch notie­ren, bitte schreib mir sie einmal mit. Auch die Siegfriedsage bei Euch bist Du uns noch schuldig; wenn Du sie bald schickst, kann sie in Zarnckes vierter Nibelungenausgabe, wo er alle Zeugnisse für die Sage sammelt, mit angeführt werden. Kürzlich find ich Dich zu meinem Staunen in einem Buch von Birlinger in München citiert, wo er oft Formen und Wörter aus dem Bregenzer „Hinterwald" anführt, auch mit Deinem Namen. Du mußt ihm doch also eine Sammlung geschickt haben? Wie bist Du aber zu ihm gekommen? Mich interessiert der Mensch, er ist eigentlich Weltgeistlicher, hat besonders in kathol. Kreisen hohe Gönner gefunden, die aus ihm ein Licht der kathol. Wissenschaft auf unserm Felde machen wollten, ist aber bis jetzt nichts als ein Sudler gewesen. Einmal schreibt er: „Im Bregenzer Wald noch das Molken, Butter und Käse, überhaupt alles was aus Milch bereitet wird (Fel­der)". Sind das Deine Worte? Aber genug für dießmal, zumal mir eben nicht recht wohl ist.

Also nochmals gut Glück, Freund, mit Grüßen von meiner Frau und Deinen Freunden hier

Dein Rud. Hildebrand.