VON LORENZ MAYER AUS WIEN

lfndenr: 
359
Fehlt
15. Juni 1867

Verehrtester Freund

Ich werde ohne Zögerung alle Hebel in Bewegung setzen, um Ihnen behülflich zu sein in Ihrer Lage. Ich habe schon vor längerer Zeit den Abgeordneten Seiffertitz in Ihrer Angelegen­heit gesprochen, u. er wird hoffentlich nicht zögern den Mini­ster der Justiz zu interpellieren. Sie können demnach im Be­ginn der nächsten Woche die Interpellation erwarten, u. die Sache wird dann gewiß einen ändern Gang nehmen. Die gro­ße Sympathie, welche Sie unter den hier lebenden Vorarlber­gern genießen, läßt übrigens noch die Ergreifung anderer Mit­tel zu, falls die Interpellation den erwarteten Effekt nicht haben sollte. Seien Sie der Überzeugung, daß wir den braven Dichter der Sonderlinge (welche ich nebst vielen ändern be­reits gelesen habe) nicht im Stiche lassen werden. Im Falle die Untersuchung in Folge des von hier aus geübten Druckes erfolgen wird, ersuche ich Sie, mir darüber zu berich­ten, damit wir über den Gang der Angelegenheit stets unter­richtet sind. Falls die Lage für die Sicherheit Ihrer Person gefährlich sein sollte, müssen Sie den Bregenzerwald vorläu­fig jedenfalls wieder verlassen. Im Übrigen glaube ich, daß auch in Zukunft, wenngleich die Gerichte sich Ihrer anneh­men, in Schoppernau die Existenz nicht mehr angenehm sein wird. Lassen Sie sich jedoch nur nicht entmuthigen durch Ihr jetziges Ungemach. Jeder Mensch, der über das Niveau der Alltäglichkeit hinausragt, muß auf Verfolgungen gefaßt sein. Die armen unwissenden Menschen wissen eben nicht, was sie thun; von jeher haben sie ihre größten Wohltäter nur gehaßt und verfolgt.

Unter Versicherung meiner wärmsten Sympathie schließe ich für diesmal mit Gruß und Handschlag

Ihr ergebenster Lorenz Mayer.