VON JOSEF NATTER AUS SCHOPPERNAU AN FRANZ MICHAEL FELDER IN BLUDENZ

lfndenr: 
473
31. Januar 1868

„Werther Herr Moosbrugger!

Hier in Schoppernau ist ein Gewisser, zweiter ,Wahlkommissär' genannt, abhanden gekommen; da Sie nun unzweifelhaft am besten wissen, wo sich derselbe befindet, ersuche ich Sie höflichst, ihm diese Zeilen schnellsten zugehen zu lassen. Erstlich habe ich Dir (nämlich dem Wahlkommissär), zu berichten, daß der Bezirksvorsteher den Wahltag neuerdings hinausgescho­ben hat, und dieselbe nun auf den 7. Hornung festgesetzt ist. Ferner ist auf der ,alten' Seite auf einmal ein solcher Friedensdusel entstanden, daß es zum Erstaunen wäre, wenn man dasselbe hier nicht schon lange verlernt hätte. Am letzten Dienstag hatte unser Pfarrer in Au von der dort versammelten Geistlichkeit eine derbe Zurechtweisung erfahren, in Folge dessen mußte er mit dem ,Döckterle' abmachen, was dieses auch einging u. seine Klage zurücknahm. In Schoppernau selbst begehrte der alte Vorsteher mit dem Willi auf, erzählte ihm einige Ursachen des jetzigen Streites, worauf derselbe anscheinend etwas von seinem Eifer für die Gottheit im schwarzen Rocke verlor. Überhaupt zeigten sich die ,Alten' gestern überall freundlich, wie sie es seit Monaten nicht mehr waren. Der Feuerstein schämt sich jetzt, in Bezau gewesen zu sein, u. schiebt die Schuld auf den Willi. Derselbe mußte auch den Unterhändler bei unserer Partei machen, u. da der alte Vorsteher solchem am zugänglichsten war, eröffnete er diesem eben, daß man Frieden wolle, ,die Vorsteher sollten sich mit dem Pfarrer versöhnen u. zu ihm gehen, dann wolle man stimmen, wem es auch sei'. Auch schwöre der Pfarrer Eide soviel man wolle, daß er seinerseits sich ändern u. bessern wolle.

Das war denn doch zuviel verlangt, die Vorsteher erinnerten den Gesandten an ihr früheres Schicksal bei einer solchen Mission und lehnten kurzweg ab.

Nun ging man weiter, man erklärte: ,Man wolle mit der alten zufrieden sein, den Protest zurückziehen, unter der Bedingung, daß der Gemeinderath die Protestanten ihre Opposition gegen ihn später nicht entgelten lasse.'

Ich mußte staunen, als der alte Vorsteher mir dieses erzählte, u. diesem Vorschlag das Wort redete. Ich erwiederte nichts darauf, als: Ob er glaube, daß dieß gesetzlich, oder auch nur möglich sei. Denn es müßte dazu alles einverstanden sein. Für die,alte' Seite sei der Wille Bürge, daß man es zufrieden sei, u. wir, meinte er, könnten es auch, wenn wir nicht böswillig seien, u. nicht lieber Krieg als Frieden wollten. Ich ging zu unseren Parteigenossen, aber da lautete es ganz anders, da will man nichts von einer solchen, ohnehin unmöglichen Verquickungwissen, was mich sehr freut. Es würde mich wahrhaft gereuen, zu einer solchen Parteibildung beigetragen zu haben, um dann alles der List eines verkommenen Pfaffen zu opfern.

Dieß ist die Lage, wie ich sie bei meiner Nachhausekunft angetrof­fen. Unsere Freunde vermuthen darin einen neuen Streich gegen Dich, da es bekannt, daß Du fort bist. Man könnte dann sagen, seht, sobald der Anstifter fort ist, gibt es Frieden. Doch kannst Du unbesorgt sein, wir wollen schon sorgen, daß wir wenigstens nicht durch eine solche Niederträchtigkeit, wie dieses Friedensangebot eine ist, besiegt werden.

Es ist sonst noch manches geredet worden, das die Mutlosigkeit unserer Gegner konstatirt, allein es ist an dem angeführten genug. Mach Du nur vorwärts, u. erscheine zur rechten Zeit wieder daheim. Der Bote hat am Mittwoch noch zwei Briefe an Dich vergessen, als Du am Morgen dort warst, der eine von Feurstein Bezau, der eine von Bludenz.

Feurstein tratt darin unserer Ansicht vom Gesetze bei. Sonst läßt Dich grüßen: das Wible, der Körler, dessen Wunde nicht bessern will, die Oberhauser u. Dein

Kutscher. Natter