VON FRIEDRICH RIEDLIN AUS MEMMINGEN AN FRANZ MICHAEL FELDER IN BLUDENZ

lfndenr: 
353
30. Mai 1867

Geehrtester Herr!

Mit Bedauern vernehme ich aus Ihrem werthen Schreiben,

daß  Sie   in   Folge  der von   der  Priesterkaste  angestifteten Anfeindung, Ihre liebe Familie und Ihre Heimath verlassen mußten. Daß ich nicht vorher davon Kunde erhielt, war der Umstand schuld, daß ich nicht in der Lage bin, auswärtige Zeitungen zu lesen; das Einzige was ich lese, ist ein hiesiges Tagblatt und die Monats Hefte der Gartenlaube. Was es heißt, um seiner Überzeugung willen, das Liebste zu verlassen, kann ich mir wohl vorstellen. Sie haben in Ihrem Vaterlande, dem Lande der Glaubenseinheit, eine sehr schwere Stellung, denn das Volk ist dort noch zu sehr unter der Vormundschaft, der, in Innsbruck nach Jesuitischen Grundsätzen gebildeten Geist­lichkeit, und Sie können mit Recht ausrufen:

„Doch zittert nicht, ich bin allein, allein in meinem Grimme.

Wie könnt ich Euch gefährlich sein, mit meiner schwachen Stimme?

Der Herscher bildet sein Spalier, wie sonnst des Volkes Masse,

Und Niemand, Niemand ruft mit mir: ,Der Freiheit eine Gasse/'"

Wie erfreulich und wohlthuend für mich, Ihre Zuneigung und Wohlwollen für meine Wenigkeit, ist, kann ich Ihnen mit der Feder nicht beschreiben. In der That, Sie haben vollkommen recht, wenn Sie sagen, daß ich mich in einer Klasse befinde, die oft vergebens nach Freunde sucht. Welche Abneigung und Vorurtheile alle höher stehenden Klassen, gegen den Arbeiter­stand hegen, ist Ihnen bekannt. Ich frage aber: Ist es ein Ver­dienst, eine Kunst oder Außergewöhnliches, wenn ein in den vornehmern Kreisen geborner Mensch, der alle möglichen Schulen und Bildungsanstalten besucht und sich immerwäh­rend in nobler Gesellschaft befindet, ist es für einen solchen, eine Kunst gebildet zu sein?? Ist nicht viel mehr, das durch sich selbst und oft unter mißlichen Verhältnissen, herangebil­dete Genie, viel mehr zu achten, als solche künstlich erzo­gene Treibhauspflanzen??

Sie waren der Ansicht, als wolle ich mich nur in materieller Hinsicht, Ihrer Gewogenheit empfehlen. Dem ist, wie Sie selbst eingesehen, nicht so. Eine Verbesserung meiner materieellen Lage, muß ich mir selbst schaffen, obwohl dieses bei den wirklichen industriellen Verhältnissen schwer geht. Erhalte ich auch in einer anderen größeren Stadt Arbeit, so ist dort wieder der Miethzins (70-80 f) und die Holz und Fleischpreise bedeutend höher, so daß es wieder auf das Gleiche herauskommt wie hier.

Über Inhalt und Richtung meiner Schrift hätte ich gerne schon das letztemal Ihnen berichtet, aber der Raum gestattete es nicht. Der Titel ist wie ich Ihnen schon gemeldet: „Acht Tage aus dem Leben eines Proletariers". In der Einleitung behandle ich den Zweck und Nutzen dieser Schrift. Dann behandle ich in 8 Artickeln die verschiedensten Abtheilungen der Arbeiterfrage. Das Ganze ist in erzählender Weise gehal­ten und aus meinem eigenen Leben gegriffen. Es ist meine Reise, welche ich voriges Jahr vom 20-27 August unternom­men, und die mir hinreichend Stoff zu diesem Werke ge­geben.

Am Besten wäre es für alle Fälle, wenn ich Ihnen das Manu­script per Kreutzband selbst zusenden könnte. Sie würden dadurch mehr aus meinem Lebensgange erfahren und die Tendenz richtiger beurtheilen können. Ebenso finden Sie darin den Grund, aus welchem ich aus dem hiesigen Arbeiter­vereine ausgetreten. Nur muß ich Ihnen bemerken, daß wenn Sie den Grundgedanken darin gutheißen, ich das Werk bevor es in den Druck käme, noch einmal einer tüchtigen Revision unterwerfen würde. Die vornehme Welt soll erfahren, daß auch der Proletarier berufen ist zur Neugestaltung der Völker beizutragen. Offen gesagt, ich bin weder ein entschiedener Anhänger Schulzes noch Lassalles. Beide sind Rechtsgelehrte, und haben wissenschaftliche Anschauungen; ich dagegen bin Arbeiter und behandle die Sache nach eigener Anschauung. Bin daher weder Nachbeter des Einen noch des Andern! Leider muß ich in meinem Werke, bald mit dem Staate, bald mit dem Fabrikanten, und bald mit dem Arbeiter ein ernstes Wort reden, wenn ich der Wahrheit Raum geben will. Daß ich mir dadurch eine schöne Zahl Feinde zuziehen und am Ende Ihr Schicksal theilen muß, werden Sie dann bei Lesung meines Manuscripts gleich finden. Doch es muß sein, wenn der Arbeiterstand gehoben werden soll. Es steht geschrieben: „Die Wahrheit wird Euch frei machen"! und das sey auch unsere Parolle. Kennen wir uns auch nicht persönlich, so ist doch der Zweck unseres Bestrebens hinreichend genug, uns in geistiger Beziehung miteinander zu verbinden. Sollten Sie einmal nach Memmingen kommen, so würde es mir zur größten Ehre gereichen, wenn Sie bei mir einsprechen würden, meine Wohnung steht Ihnen jederzeit offen, ob als Flüchtling oder als Schriftsteller.

Nach dem Postzeichen zu schließen, waren Sie in Bludenz. Dort war ich im Jahre 1859 zwei mal und die Frau Hirschwir­thin ist von Ravensburg.

In meinem letzten Schreiben, sagte ich daß ich bereits wieder etwas anderes zu verfassen gedenke, nehmlich eine Novelle „Die Schulschwestern". Es handelt darin von einer Converti­tin, welche von Schulschwestern bearbeitet und dann zum Katholicismus übergetreten war. Das Ganze ist Thatsache und ereignete sich während meiner Abwesenheit in Ravensburg. Einige nähere Angaben, besonders über den Akt der Auf­nahme in die Kirche während oder nach dem Hochamte, feh­len mir aber noch, wären aber sogleich zu erhalten, wenn ich nur Zeit zum Schriftstellen hätte. Es würde ein Seitenstück bilden zu dem „Ewigen Licht" Gartenlaube 1864 und in histo­rischer Hinsicht zu dem „Rom am Rhein" Gartenlaube 1867. Daß ich Liebhaber vom Schreiben bin, das sehen Sie, an mei­nen langen Briefen, womit ich Ihnen belästige. So lange ich aber in dieser isolirten Stellung bin, ohne Freund, ohne Gön­ner und ohne Aussicht auf einen Verleger meiner geistigen Produkte, kann ich nichts machen.

Sie sind der Einzige, der sich meiner nicht geschämt, und trotz der fatalen Lage in welcher Sie sich befinden, Ihre Hilfe mir angeboten haben.

Wo ich bis jezt hinblickte, überall wendete man mir den Rük­ken. Die höhere Klasse behandelt mich mit Geringschätzung aus Vorurtheil gegen die arbeitende Klasse ohne meine Kennt­nisse nur zu beachten.

Meine Nebenkolegen, fühlen meine geistige Überlegenheit, und machens mir ebenfalls nicht besser. Ihr rohes ungebilde­tes Benehmen gefällt ihnen eben besser, als eine ordentliche geistige Bildung, daher der Haß dem ich ausgesetzt bin. Wie ich Ihnen schon gemeldet, habe ich eine 149 Bände starke Bibliothek, darunter wissenschaftliche, belehrende und unter­haltende Bücher, allein Niemand benüzt sie, obgleich ich die­selbe unentgeldlich für Jedermann offen halte. Schließlich nehme ich mir noch die Freiheit um Ihnen zu fra­gen, wer denn der Verfaßer des Artickels „Ein Bauer als Dich­ter" in der Gartenlaube, Herr Dr. R. Hildebrand ist, ob ein Doctor der Rechte, der Philosophie oder der Medizin. Es war heute ein prachtvoller Morgen. Ich machte einen Spatziergang in eine nahe luth. Dorfkirche, das Tyroler Gebirge schaute so rein herunter und bildete ein schönes Panorama im Hintergrunde unserer Landschaft, da dachte ich dann unwillkürlich an Ihnen und an Ihr wirkliches Schicksal. Gebe Gott! daß Ihr Schicksal sich bald zum Bessern wende, und daß wenn sich Ihnen die Heimath verschließt, dagegen in der Fremde sich Ihnen Thüren öffnen um Ihre Existenz zu sichern.

In der Hoffnung, daß Ihnen mein Schreiben aber bald in Ihrer lieben Heimath antreffen möge, schließe ich und es grüßt Ihnen Ihr aufrichtiger

Friedrich Riedlin