VON FRIEDRICH RIEDLIN AUS FRIEDRICHSHAFEN

lfndenr: 
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19. März 1868

Hochgeehrtester Freund!

Schon lange hätte ich Ihren lieben Brief vom 14 November vrg. Jhrs., beantwortet, allein da ich auf den angemeldeten Besuch wartete, so hatte ich die Beantwortung desselben unterlassen.

Offen gestanden, es freute mich auf den angekündigten Besuch, erstens um über Ihre werthe Person Näheres zu erfahren, was hier nicht wohl angeht, u. zweitens, weil ich in der That sehr gespannt war, Ihre geistigen Produkte nun einmal persönlich kennen u. achten zu lernen. Ich bin sehr begierig auf Ihre „Sonderlinge", o haben Sie die Güte u. überschicken Sie mir einmal mit Gelegen­heit, einige Ihrer Geistesprodukte. Das Werk von Riehl, von welchem Sie in Ihrem Werthen vom 14 Nov. reden, kenne ich nicht. Ebenso ist mir von der Arbeiterbewegung in Wien nichts bekannt, da das hiesige Blatt sich um soziale Zustände wenig kümmert, sondern darin all seine Kräfte verwendet, um während der Zollparlaments-Abgeordnetenwahlen die Katholiken gegen Preußen u. den Protestantismus aufzuhetzen. Theuerster Freund! Am meisten Freude hätten Sie mir bereitet, wenn Sie mich im Januar persönlich besucht hätten. Schade, daß Sie nicht Zeit hatten, welcher Gedankenaustausch hätte da Statt gefunden. Würden Sie in irgend einer Stadt am Bodenseeufer wohnen, ich hätte Ihnen schon längst besucht, doch hoffe ich, daß wir einander im nächsten Sommer in Lindau oder Bregenz treffen können.

Über Ihren Aufenthalt in Leipzig, den sie in der östreichischen „Gartenlaube" beschrieben, habe ich bis dato ebenfalls noch nichts erfahren. Um noch einmal auf Ihre „Sonderlinge" und Ihren neueren Roman zurückzukommen, bin ich sehr begierig, wie Sie die religiösen u. sozialen Fragen behandeln. Hätte ich Zeit genug, so würde ich eine Schilderung der religiösen und volkswirtschaft­lichen Zustände Oberschwabens schreiben, leider würde ich aber unter der hiesigen Bevölkerung wenig Freunde gewinnen, denn bei solchen Abfassungen heißt es eben „Wahrheit gegen Freund und Feind", u. die Wahrheit hört man bekanntlich am ungernsten, besonders die Ultramontanen, die hier eine bedeutende Macht besitzen. Stoff u. ältere u. neuere Quellen hätte ich hinreichend, nur fehlt mir neben der erforderlichen Zeit auch die classische Bildung dazu.

Mit Bedauern lese ich in jedem Ihrer werthen Briefe, von den Umtrieben der Ultramontanen, die Ihnen manche schöne Stunde verbittern, doch auch Ihnen gilt was Schiller sagt: „Männerstolz vor Königsthronen, - Brüder, galt es Gut u. Blut-dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut".

Was soll ich Interessantes von meiner Wenigkeit berichten? Es geht eben alles seinen gewöhnlichen Gang: arbeiten, mit seiner Existenz u. ändern Widerwärtigkeiten kämpfen, wechseln immer mit einan­der ab. Es ist immer die alte Leyer.

Von Seiten der Direktion in Stuttgart sind nicht nur strengere Maßregeln gegen die Arbeiter in den königlichen Werkstätten verfügt, sondern auch die Akordszahlungen bedeutend herunterge­setzt worden, gewiß eine erfreuliche Überraschung! Stehen die Lohnherabsetzungen auch im Einklang mit den Gehaltserhöhun­gen der Beamten? Auf der einen Seite verlangt die Ständekammer Einschränkungen, besonders im Betriebswesen, während sie auf der ändern Seite das Geld durch das Militär- u. [Beamtenwesen] Millionenweise hinausschleudert. Doch genug hievon. Für dieses Jahr habe ich folgende Blätter abonnirt: Das „Daheim", die Lahrer „Illustrirte Dorfzeitung" das „evangelische Sonntagsblatt" u. das „Calwer Missionsblatt" u. das hiesige „Seeblatt". Meine Schilde­rung: „Aus dem Leben eines Proletariers" hatte ich am 6 Januar vollendet u. am gleichen Tage an 2 Verlagshandlungen geschrie­ben. 8 Tage später schickte ich das Manuscript nach Lahr, von wo ich eine bejahende Antwort erhalten hatte. Am lezten Samstag d. 14/3 erhielt ich von Hr Geiger, Redakteur d. illustr. Dorfzeitung, die Nachricht, daß er mein Manuscript seinen Mitarbeitern zur Durchsicht zugesandt, aber über die An- oder Nichtannahme desselben noch nicht berichten könne, da jene Herren ihr Domicil nicht in Lahr sondern auswärts haben, u. in Folge Geschäftsaufhäu­fung eine Antwort noch nicht eingetroffen sei. Ich versprach, Ihnen seiner Zeit, das Manuscript zu überschicken, unterließ aber das­selbe um Ihnen später mit dem Gedrukten überraschen zu können. Ob mir aber dieser Wunsch gelingen wird, steht noch dahin! Jedenfalls erhalten Sie das Manuscript zur Durchsicht, wenn es in Lahr nicht gedruckt wird. Indessen grüßt Ihnen

Ihr aufrichtiger Freund Friedr. Riedlin