VON CARL REUTHER AUS LEIPZIG

lfndenr: 
666
31. Januar 1869

Verehrter Herr Felder!

„Reich und Arm" ist es, was mich veranlaßt, Ihnen ein Briefchen in Ihre Berge zu senden; die Freiheit dazu darf ich mir, wie ich glaube, nehmen, da ich die Ehre hatte, Sie in Leipzig persönlich kennen zu lernen und durch den Germanistenclub und Ihre Werke mit Ihnen immer in einiger Berührung stehe. Denn die Briefe, welche Sie an den Herrn Professor Hildebrand schreiben, sind ja Gemeingut des Clubs und stehen oben auf der Tagesordnung; Nümmamüllersaber und die Sonderlinge und Reich und Arm rufen mir immer die wenigen, aber genußreichen Stunden, die Sie mir in Leipzig geschenkt haben, lebhaft in die Erinnerung zurück. - Seit ich Ihre Werke kenne und schätzen gelernt habe, ist es mein eifriges Bemühen gewesen, dieselben in die Kreise, welche ich berühre, einzuführen und ich habe an diesen Bestrebungen nur große Freude gehabt; besonders Reich und Arm hat Ihnen im Herzen manches Lesers für immer einen Ehrenplatz erworben. Wer den Anforderungen, die Sie an den Leser Ihrer Bücher stellen, genügt, der wird mit stillem, wehmütigen Entzücken „Nümmamüllers", mit hoher Bewunderung „Reich und Arm" lesen. Was sind aber Ihre Anforderungen? Sie verlangen, scheint mir, daß Ihnen von den Lesern ein gutTheil Gemüt entgegengebracht wird, was freilich nur der kleinere Theil des romanlesenden Publikums in dem Maße besitzt, wie es Ihre Werke verlangen. Ich habe die Freude und den Genuß gehabt, in einem kleinen, gemütvollen Familienkränzchen Ihr „Reich und Arm" vorzulesen und denke mit großer Genugthu­ungan die schönen und oft wahrhaft weihevollen Stunden, welche ich durch Ihr Buch den Mitgliedern des Kränzchens bereiten konnte. Es ist wahr, ich habe gewiß bei weitem nicht gut genug vorgelesen und fühle das am meisten in dem Glauben, daß ich es ein zweites Mal besser machen würde, aber doch haben wir Alle, glaube ich, das Werk so genossen, daß der Autor selbst, wenn er Zeuge gewesen, seine Freude daran gehabt hätte. Und es ist nun vor Allem der Zweck dieser Zeilen, Ihnen den innigsten Dank des genannten Lesekränzchens für die schönen Stunden darzubringen, die „Reich und Arm" bereitet hat. Felder ist hier sehr gern gesehen; die erste Sprengung der zarten Kränzchenkasse wird die Sonder­linge erwerben und das Übrige folgt nach. Möge Ihnen, verehrter Herr Felder, Ihre Muse noch recht Viel des Schönen und Edeln und Großen eingeben und möge der Dank Einzelner recht bald den Dank der Nation nach sich ziehen. -

Am Schlüsse dieser Zeilen erlaube ich mir eine Bitte auszuspre­chen, bei welcher Ihnen vielleicht meine Person wieder ins Gedächtniß kommt. Wir waren selbander ein Stündchen im Rosen­thale spazieren gegangen und begaben uns dann in den Garten des Hotel de Saxe. Hier versprachen Sie mir, Ihre Photographie in meinen Besitz gelangen zu lassen. Da ich Sie aber vor meiner Abreise nach Baiern nicht wiedersah so ist die Bitte wahrscheinlich von Ihnen vergessen worden. Ich erinnere Sie nun hierdurch an Ihre Zusage und bitte Sie, mir recht bald Ihre Photographie zu schicken, wo möglich auch eine für das Album des Kränzchens beizulegen, dessen großen Dank Sie sich dadurch erwerben würden. Leben Sie wohl; es grüßt Sie

freundlichst und hochachtungsvoll

Ihr

Carl Reuther.

p.A. Herrn Kfm. Worms. Leipzig Schützenstraße 16, 17.