VON ANNA KATHARINA FELDER AUS SCHOPPERNAU AN FRANZ MICHAEL FELDER IN LEIPZIG [MIT ZUSATZ VON MARIA FELDER, DER MUTTER DES DICHTERS]

lfndenr: 
710
18. August 1868

Liebes gutes Mindle!

Noch in der ersten Aufregung der Freude über Dein liebes durch Uhrenmacher erhaltene Schreiben, setze ich mich an den Schreibtisch, um es zu beantworten. Zwar weiß ich von Neuigkeiten, u. Intreßanten Vorfällen nicht viel zu berichten, doch wird Dir jegliches, u. unbedeutende aus der Heimath lieb sein. Mich durchfuhr es wie Elecktretzität, als ich nur Deine Schriftziige erblickte. Also wohlerhalten durch die u. in der neuen Welt, im Eldorado Deutschlands angekommen. Erholung Ruhe wünschend, all die Empfangenen Eindrücke, u. Bilder zu ordnen, zurechtzulegen, um das Stündlich Täglich neue, nicht eines durch das andere verwischen zu lassen. Es ist für Dich die gegenwärtige, wenn nicht eine immer ange­nehme, so doch eine überaus reiche Zeit, eine Zeit des sam­melns der Erkenntniß des Begreifens. Lebensgenuß, „Lebens"­werth will ich es nennen. Ich meine Deine gemachten und währenden Erfahrungen, natürlich von Deinem Standpunkte aus, die angenehme Thätigkeit der Sinne, dieses ahnen u. blicken in die Vorwelt und Mitwelt, das wirken u. Schaffen so vieler edler Geister, dazu die herrlichen, fremden Menschen Städte, die Sitten u. Gewohnheiten, dieses alles zu sehn u. empfinden, mein ich nur, dieses allein, ist werth gelebt zu haben, weit mehr als 30tausend Gulden erschachern, für Krö­sus u. mithin als brafer rechter Mann zu gelten. O wie gönne ich Dir die Lust diesen reichen Genuß, u. wie dank ich dem lieben guten Hildebrand, daß er Dich auf den Parnaß geführt hat. Hier haben wir schönes Wetter heiße Tage, die uns eigens zum Streue Kratzen u. Heuen gemacht scheinen, den vielen Touristen aber, unser Ländchen, u. unsere Berge lieb­licher erscheinen lassen. Von einigen hatten auch wir die Ehre besucht zu werden. Frau Bergmann sammt Tochter fuhr den 9. Aug. eigens von Schwarzenberg hieher, mit freundlichem Gruß, u. 2 Büchern zu freundlichem Andenken von ihrem Mann, der wie er im Begleitschreiben sagt, seine Lunge scho­nen müsse, damit sie noch ein paar Jahre ihre Dienste thue. Ferner schreibt er, erlaube ich mir Ihnen anzuzeigen, daß ich den Betrag für das Exemplar der mir zugedachten Sonderlinge in der Braumüllerschen Hofbuchhandlung auf meine Rech­nung setzen ließ, u. somit dasselbe nicht auf Ihre Rechnung kommen darf. Nach meiner Rückkehr soll meine „Landes­kunde Vorarlberg" unter die Presse kommen. Dies das we­sentlichste des Briefes. Ich war in der Eagad als die Frauen hier waren. Sie hätten mich gern gesehen, wie sie sagten, war mir auch leid, war mir ebenfalls so gewesen, weil sie aber keine Zeit zum warten ich keine zum Kommen hatte, so werden wir Wahrscheinlich geschiedene Leute bleiben. Der Post wegen war man letzte Woche in Bezau, ich konnte aber biesher nicht bestimmtes erfahren, als daß einer der Bewerber Michel Willam, in Au ein Gropper sei. Ich gedenke aber heute mit dem ungeschlossenen Briefe in der Tasche nach Au, war­scheinlich nach Schnepfau zum Galli, einen Spaziergang zu machen, sollte ich bei dieser Veranlassung näheres über dies od. sonst etwas bemerkenswerthes erfahren, will ichs dem Briefe anschließen. Der Doktor geht täglich zum Heuar Bäßle hinauf weil sie zimlich krank ist, einer der Fremden Buschlo­macher ist gestorben; auch der Säger vom Ritter ist tod, nahe daheim gefunden worden.

Zum großen Leidweßen des Pfarrers u. seiner Getreuen kam der zur Predigt letzten Sonntag erwartete Bischof nicht nach Schoppernau, u. alle Vorbereitungen, wovon die, daß Pfarrer u. Köchin eine ganze Stunde am Bett, wo er schlafen sollte herzurichten, die winzigste war, waren umsonst, nicht einmal der Sekretär liß sich erbeten, davon Gebrauch zu machen. Von der Predigt eines Bischofs hätten sich die Leute etwas versprochen, nicht so aber Oberhausers Kaspar, der schaden­froh war über das mißlunge[ne] Projeckt, weil wie er gehört habe auch der Bischof über Lesen u. Zeitgeist referire, u. er dieses alles nicht noch einmal als Orackel gesagt wünsche. Wir alle gesund u. wohl an Dich denkend, von Dir redend, wünschen Dir ferner alles liebe u. Gute, edle u. schöne, grüße uns die Hildibrandische Famile, alle die auch an uns denken nach uns fragen. Sei unsertwegen ohne Sorgen, wir arbeiten mit Lust und Willen, mit frohem Muth, u. der schönen Hoff­nung Dich einst wieder in unserer Mitte zu haben, Erzählend von all den Herrlichkeiten der schönen Welt. Bis dahin bleib ich Dein treues Wible

Anna Katharina

Ich als Muter

Ich Grüße euch Herzlich u. wann ihr ein Genusleben haben so eilen nicht so stark nach Haus damit ihr wider in Schop­pernau ein fröllich Leben haben.

Keine