VON ALBERT ILG AUS WIEN

lfndenr: 
455
2. Januar 1868

Hochgeerter Herr!

Seit langem erfreute mich nichts so sehr als Ihr letztes Schreiben, denn es entriß mich einer höchst peinlichen Ungewißheit auf die angenehmste Art. Verzeihen Sie, daß ich gleich so schlimmes vermutet, ich bin eben allzusehr immer gefaßt, mißverstanden zu werden und meine guten Absichten regelmäßig von einem boshaf­ten Geschick vereitelt zu sehen. So brachte mir also dieser Brief erwünschte Nachrichten, was dieß betrifft; aber Ihre Freundlichkeit bereitete zugleich eipe andre unerwartete Freude. Euer Wolgeboren fragen nach meinen Verhältnißen. Warlich, ich habe bis jetzt nicht gedacht, daß ich schon den Anforderungen der Artigkeit zufolge schuldig gewesen wäre, Ihnen mich nicht so als ganz fremder zu zeigen; daß es sich eigentlich von selbst verstan­den hätte, nicht so ohne Einleitung die Gelegenheit vom Zaune zu brechen, - aber aufrichtig gesagt, ich vergaß alles persönliche u. specielle über dem allgemeinen Zwecke meines ersten und zwei­ten Schreibens, vergaß mich über der Huldigung und dem Danke, welche ich als einer Ihrer Leser bringen wollte. Und neben dieser Absicht schien mir jede Erwähnung meiner eigenen Umstände allzu kleinlich und egoistisch - und unnötig! Da mich nun aber E. W. selbst so freundlich ermuntern, will ich nicht länger zurück­halten.

Obwol Wien meine Vaterstadt ist, kann ich doch, wie man zu sagen pflegt, für einen halben Landsmann des Dichters der Sonder­linge gelten, insofern der liebe Vater in Dornbirn geboren ist u. lange daselbst, in Bregenz, Schrecken u. Mittelberg lebte; später begab er sich jedoch in die Residenz, um dem commerciellen sich zu widmen. Durch ihn und so manche andere Verhältniße blieb mein Herz in stetem Bezug zu dem schönen, lieben Ländchen, von dem häufiges Erzählen mich schon im Geiste ein Bild entwerfen ließ, ehe ich's gesehen. Dieses selbst war im Jahre 1861 vergönnt, der Aufenthalt zwar ein sehr kurzer, dennoch mir unvergeßlich, dennoch prägte er sich dem Gedächtniße mit farbenreichen, prächtigen Zügen ein. Von Lindau kommend besuchten wir Bre­genz und den Bregenzerwald, auch Schoppernau steht mir noch lebhaft vor den Augen, nocherinnern wir,-mein Bruder und ich,­uns des frischen Bächleins oft, das hinter der Krone die Wiese durchschneidet, an deßen Bord es uns Knaben damals so wol gefallen. Nachdem wir endlich auch noch nach Schrecken hinauf­gestiegen, machten wir Kehrt und verließen die wundervollen Waldeseinsamkeiten, um uns nach Dornbirn zu den uns bekannten Familien Rhomberg zu begeben. - Das ist alles, was ich in flüchtigem durchfliegen von Ihrer Heimat geschaut, doch genug, daß mich eine neue Sehnsucht erfaßte, als ich jene Stelle las, wo Sie so gütig von einem Besuche sprechen. Ach, das ist leider unmög­lich!-

Was soll ich noch von mir sagen? Daß Herr Ritter von Bergmann mir bekannt, daß ich die philosophischen Studien ergriffen, wußten E. W. bereits; nichts anderes könnte Sie intereßiren, denn was etwa mein Wesen, meine Neigungen und Wünsche anbelangt, so wäre hierüber zu sprechen ebenso wenig passende Gelegenheit als ­Möglichkeit. E. W. werden schon aus meinen Briefen bemerkt haben, was für ein ungeläutertes, unklares, gutgemeintes aber unzulängliches Streben u. Wollen das alles ist. Als ich das letztemal E. W. belästigte, hatte ich das Liebeszeichen bereits gelesen und mit allen die dieß Vergnügen theilten, einstim­mig meine Freude, mein Behagen an der Zartheit u. Innigkeitdieses Gemäldes geäußert. Es ist so lieblich und frisch, so weich und doch so kernig, es umschließt eine herrliche Warheit in einem feinen leichten Gewebe. Damals schon dachte ich über diese Geschichte nach, deren Verwicklung so graziös, wie aus zartem Schaume aufgebaut, deren Titel allein schon so geistreich gewält ist. Ich bin aber schon wieder breit geworden, eile zu Ende zu kommen u. bitte, sich meinetwegen durchaus nicht zu belästigen. Wann immer ein Schreiben mir kommen wird, und sei es noch so spät, soll es mich freuen, weiß ich ja jetzt, was die Ursache der Verzögerung war. Und Gottbehüte, daß ich so arrogant sein sollte, Ihre kostbare Zeit für mich zu beanspruchen, dem es warlich schon hohe Freude und Ehre ist, daß sie mir nur erlauben, ein Schreiben an Sie zu richten.

Herr von Bergmann ersucht mich, seinen Gruß zu melden u. zugleich E. W. um die gütige Angabe Ihres Geburtsjahres u. -tages zu bitten, da er derselben in der Topographie seiner Landeskunde von Vorarlberg bedarf. Ich meine, es werden derselben Notiz wol bald auch Topographien Oesterreichs und Deutschlands nötig haben.

Mit den besten Wünschen zum Beginn dieses neuen Jahres emp­fehle ich mich Ihrem fernem Wolwollen.

Hochachtungsvoll Albert Hg