AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
501
9. März 1868

Lieber Freund

Das Briefschreiben hat seit Eröffnung der Post für mich einen ganz eigenen Reiz und ich werde Dich Armen nun gar nie mehr in Ruhe lassen. Heut muß ich Dir danken für die Freude, die Du mir mit dem letzten Briefe machtest. Ich habe wirklich gelacht und das Wible mit, ganz laut daß unser staunender Philax, der Hund laut zu bellen begann. Du hast übrigens noch nicht alle meine Titel und Nahmen angeführt, vielleicht aus Feinheit, sonst hättest Du mich noch nennen können: Großmeister der hiesigen 200 Freimaurer, Verwalter des Handwerkervereins, Erzketzer, Sektenstifter usw. Aber genug und zum Überfluß schicke ich Dir hier noch den Hochwolgebornen von einer Adreßschleife der öster Gartenlaube mit. Nicht wahr, da hört jetzt alles auf? Und doch noch mehr von dem, was bei gewöhnlichen Men­schenkindern Großsprecherei hieße. Den holändischen Artikel, der mich so freute, möchte ich einmal haben. Er soll dann hier übersetzt werden, d h aber nicht von mir, aber der Uhrenmacher will etwas können. Gelt, was sind wir für Kerle? Wer sollte das glauben!

Aber nun zum Roman. Den ersten Theil hab ich stark um­gearbeitet und bin damit in den letzten Tagen fertig gewor­den. Der 2 te ist erst im rohen Entwurfe fertig. Auch da muß manches mit Rücksicht auf die Veränderungen im 1 Theil umgeschaffen werden. Das auch ist der Grund, warum ich dir denselben noch nicht schickte und noch nicht gleich schik­ken kann. Der Schluß des ersten Theils ist nun bedeutender. Der Schlägerei hab ich das Grobbäurische benommen, indem ich den Knecht, der jetzt Jos heißt, als er auch den einzigen Freund, Stighansen sich gegenübersieht, durchs offene Fen­ster hinaus springen lasse, wobei er einen bösen Fall thut. So bleibt Hansens Schuld und Jos leidet an den gleichen Folgen obwol die Geschichte ein ganz anderes Gesicht ge­winnt. Der Roman ist ein socialer, aber die Brixner bekom­men wieder ihr Theil. Fromme Erbschleicherei ist an allem Unheil schuld und ich muß ihr wol am Schluß auch noch die Zusei zum Opfer fallen lassen. So nur ist Wahrheit im Ganzen, auch halte ich die Wirkung für bedeutender. Ich glaube, zum größten Theil sind die Ultramontanen an unserm socialen Elend schuld und möchte zeigen wie. Alle Personen finden schließlich den Frieden. Nur Zusei, von Betschwestern umschmeichelt, durch deren Hülfe sie auf den Stighof wollte, geht in der Verzweiflung - ins Kloster. Sonst hab ich viel gekürtzt, einzelnen Sätzen ellenweise von der langen Nase geschnitten und ich freue mich darauf, einmal das Ganze lesen zu können. Wenn ich im Sommer nach Leipzig komme, so hoffe ich es mitbringen zu können. Ich wollte oft, daß ich über etwas reden könnte, nun die Zeit kanns noch bringen. Es ist wol gut, wenn wir vor dem Druck darüber sprechen. Vom Gartenlaube Artikel hab ich ein Ex an Moosbrugger geschickt, von dem du es wol schon erhalten hast. Hier hats noch 3 Fuß Schnee und stürmt, daß man kaum die Fensterladen offen erhält. An solchen Tagen legt leicht sich das Gefühl unlieber Einsamkeit auf mich, doch trage ich viel weniger schwer daran, seit wir eine tägliche Post, von hier nach Au einen abendlichen Bothen haben. Die Predigt in Reute, von der mein letzter Brief meldete, macht hier großes Aufsehen. Die Untersuchung wegen Wahlstörung hat nun auch begonnen und regt die Gemüter auf. Unsere Ultras bemühen sich, die Liberalen mit Lasalles Grundsätzen zu be­kämpfen. Rüscher hat seit der Wahl keinen Streich mehr gewagt.

Nun aber wirds Nacht und die Kühe schellen. Lebe wol. Mit Gruß und Handschlag

Dein Freund Franz Michael Felder