AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
481
9. Februar 1868

Lieber Freund!

Sieg zum ersten u zweiten Mal. Meine Auslegung des Geset­zes war denn doch die richtige und nach dieser wurde nun am Freitag im Beisein des Bezirksvorstehers gewählt. Wir hatten so lange zu thun, daß ich dem Bothen keinen Brief mehr mitgeben konnte. Auch heut werde ich mich kurz fas­sen müssen und hätte Dir doch so vieles mitzutheilen. Zuerst von der Wahl. Im 3ten Wahlkörper verloren wir mit 31 Stim­men gegen - 33, im 2ten aber gewannen wir mit 15 gegen 8 u im Ersten mit 8 gegen 6 Stimmen. Unter den 12 Ausschuß­männern stehen also mit mir selbst ihrer 8 auf meiner Seite. ­Albrecht wird Vorsteher bleiben und Du kannst ihm und uns gratulieren. Von der Unterbrechung der Wahl am vorletzten Sonntag wirst Du in der neuen freien Presse vom 4 Februar gelesen haben. Der Artikel wörtlich wahr, ist wol von Baron von Seyffertitz, den ich besuchte und mit dem ich natürlich allerlei teuflische Pläne schmiedete. In Feldkirch hab ich der Staatsanwaltschaft die Geschichte Felders geklagt und unser Bezirksamt nicht geschont. Jetzt ist die Untersuchung einge­leitet. Der Gerichtsartzt Dr Greber findet den Zustand des Uhrenmachers noch immer bedenklich. Wäre das nicht so würde es mich beinahe freuen, nun endlich Waffen in die Hand bekommen zu haben, mit welchen ich meinen Kampf zu Ende bringen kann. Ich habe wunderbar viel gethan in der letzten Zeit, habe auf meiner Reise, von der man die Spuren noch lange sehen dürfte, neue Bekanntschaften ge­macht und nur der Finanzminister schnitt mir daheim ein ernstes Gesicht. Na, lassen wir das, ich brauche gute Men­schen viel nötiger als Geld und die Wahlgeschichte wird für mich ein gutes Ende nehmen. Den Ärger des Pfarrers und der Seinen kannst Du Dir kaum denken. Es ist geradezu lächerlich was alles ihr Haß jetzt auskocht, aber die Sache hat auch eine sehr sehr ernsthafte Seite. Morgen haben wir hier wieder einmal eine Hochzeit. Mein drittes Geschwisterkind seit einem Vierteljahr. Der nämliche Junge der in den Son­derlingen ein Vogelnest findet, er ist seit Jahren Knecht im Bräuhause und bleibt nun als Herr bei der einzigen noch lebenden Tochter. Nun weiß ich dann doch, wo ich allenfalls einen Thaler zu leihen bekomme. Ich gönn dem Burschen sein Glück, denn ich glaube die beiden werden sich verste­hen obwol das Mädchen eigentlich etwas zu alt ist. Also morgen schon wieder ein Freimaurerfest. Schade daß der Uhrenmacher nicht dabei sein kann. Er ist noch meistens im Bett, doch mag er jetzt wieder lesen. Gelesen wird hier jetzt überhaupt sehr viel und meine Leihbibliothek ist schon viel zu klein. Könnte ich doch billige Unterhaltungsschriften bekommen wenns auch ältere Sachen wären. Es ist überhaupt erfreulich, wie mutig und treu die eine Hälfte der Gemeinde mit mir vorwärts geht. Wir kommen weiter als sonst in Jah­ren. Nur mit meinem Roman komme ich nicht weiter, da es mir bald an Zeit bald an Stimmung fehlt. Hoffentlich wird das nun besser. Ich habe nun auch unter den Geistlichen Freunde die mir Hoffnung machen, daß man uns den Pfarrer Rüscher denn doch bald nehmen werde. Das wäre ein großes Glück denn Rüscher, gemein stolz und rachsüchtig schüret das Feuer immer wieder und seine Werkzeuge dürfen sich alles erlauben. Gilt doch unter ihnen die Heldenthat im Rößle für ein gutes Werk. Aber gerade das treibt uns noch alle Tüchtigen zu. Nun wolauf! es grüßt Dich und die Deinen Dein

Freund

Franz Michael Felder