AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
447
22. Dezember 1867

Lieber Freund!

Frohe Weihnacht und ein glückliches neues Jahr! Das gebe Gott Dir, den Deinen, allen die es verdienen - und den Än­dern auch. Mein Gott wie manches ist auch mir, wie wol jedem ganz unverdient geworden! Wenn ich in Gedanken übersehe, was dieses Jahr mir brachte, so kann ich nur der Vorsehung und meinem Freunde danken, und vertrauensvoll der Zukunft entgegensehen. Aber laß michs offen gestehen: Auch meinen Gegnern hab ich manches zu danken. Was sie mir auch immer zu Leide thun mögen, sie sind schlimmer dran als ich, drum wünsche ich auch ihnen, was für sie gut ist, was erst uns allen den Frieden brächte: Geistige Erlösung! Still und ernst schauen die starren Berge auf unsere ver­schneiten Dörfer herab, die augenblicklich nur ein schlechter, kaum gangbarer Weg mit einander und mit der „Welt" zu verbinden scheint. Aber dießmal vermag uns der Winter doch nicht mehr zu trennen. Die Wellen welche der Sturm draußen im Reich aufwirft, schlagen auch an unsere Berge. Unsere Geistlichen selbst öffnen durch ihre Agitation gegen die Reichstagsabgeordneten Thür und Thor der gewaltigen Strömung, die alle Unterschiede der Abstammung, Sprache und Erziehung wegfegt. Bei uns in Vorarlberg vollzieht sich, was fast unmöglich schien. Der Partikularismus dürfte bald ein überwundener Standpunkt sein. Schon jetzt gibt es eigentlich nicht mehr Unterländer u Oberländer Vorderwäl­der und Hinterwälder, Schoppernauer u Schnepfauer, son­dern nur Alte u Neue, Fromme und Freimaurer. Vorletzte Woche wurde ein Hirtenbrief unseres Bischofs verlesen, der noch vor 100 Jahren schreckliche Folgen gehabt hätte. Und doch ließ man die Freimaurer lebendig heim. Nachmittags freilich eilten die Weiblein und auch manches Männlein, um ein Mißtrauensvotum gegen unsern Reichstagsabgeordneten zu unterzeichnen, doch was nützen die Unterschriften von Weibern u Mädchen, wenn der Geist der Weltgeschichte sein Urtheil spricht? Ich glaube, daß uns das nächste Jahr unserm Ziel um einen großen Schritt näher bringt. Nicht die Waffen Garibaldis, geistige Arbeit wird uns von den Banden des Geistes befreien.

In den bevorstehenden Weihnachtsfesttagen haben wir für den Pabst - die weltliche Herrschaft desselben zu bethen einen Psalter nach dem Ändern drei Tage lang. Ich werde nicht mit thun obwol es so eingerichtet ist, daß man beileibe nicht ausbleiben darf, wenn man keine Unannehmlichkeiten erleben will. Hast du die Liebeszeichen jetzt gelesen. Was sagt Hirzel dazu? Oder was würde er sagen, wenn sie in Buchform erschienen. Ich möchte das gern wissen. Die Redaktion der öster. Gartenlaube berichtet mir, dringend um Ähnliches bittend, daß die Aufnahme allgemein eine sehr günstige gewesen sei. Von reich u arm das nächste Mal; der Both ist da u ich muß schließen. Lebe recht wol, grüße mir alle, die mich noch nicht vergessen haben. Mit herzlichstem Glückswunsch zum neuen Jahr u 1000 Grüßen

Dein Freund Franz M Felder