AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
352
29. Mai 1867

Liebster Freund!

Es sind nun mehr als 3 Wochen, seitdem ich meine Heimath verließ. Unterdessen ist auch dort Frühling geworden, und die Leute haben Arbeit bekommen alle Hände voll. Wol manches werden sie wieder herausgeschwitzt haben was in sie hineingezwängt wurde. Wahrscheinlich werden auch die Geistlichen zurükzuhaspeln anfangen, da der Staatsanwalt sich unserer Sache gehörig anzunehmen scheint. Das alles haben wir dieser Tage erwogen, und als dann noch die Neu­gierde, wie es jetzt da drüben zugehe, zum Wunsch, meine Lieben wieder zu sehen, gesellte - Ja da entschlossen wir uns: Morgen die Reise in den Bregenzerwald wieder anzutretten. Briefe von dort, z B vom Gemeindevorsteher melden mir, daß dort jetzt wieder mancher zu bereuen anfange. Mir kam das nicht unerwartet, die Aufregung war zu groß und ruhte auf zu erbärmlichem Grund, um lange dauern zu können. Den Sommer hindurch wird Frieden sein und bis zum näch­sten Winter kann sich vieles ändern. Ich habe schon allerlei Pläne mit dem Schwager gemacht und besprochen. Unter an­derm auch den, uns hier herum etwas zu kaufen und dann mit der Zeit Schoppernau zu verlassen. Dem Wible wärs ge­wiß recht, besorgter erwarte ich, was meine Mutter dazu sagen werde.

Übrigens können wir über das später mündlich reden, denn ich hoffe, Sie in kurzer Zeit im Walde zu sehen. Die Furcht daß die Leute auch Ihnen etwas in den Weg legen könnten, ist jedenfalls entschieden unbegründet. Sie sind den Leuten eben ein Fremder, wie hundert andere der verschiedensten Bekenntnisse, ich aber gehöre dem Land, und dieses glaubte ein Recht, einzelne meinten sogar die Pflicht zu haben mich zu erziehen und zu strafen. Doch über das alles werden Sie durch meinen letzten Aufsatz ins Klare gekommen sein. Ich bin begierig was Sie und Ihre Freunde zu dieser im Exil ent­standenen Arbeit sagen werden.

Liebster Freund!

Die heutige Post hat mir Ihre Schrift vom „deutschen Sprach­unterricht" gebracht. Ich war zum Arbeiten nicht besonders aufgelegt und danke Ihnen doppelt für dieses Schriftchen, welches mich schon einige Viertelstunden sehr angenehm beschäftiget. Nur ein Ausdruck ist mir aufgefallen „kleine Seelen", ich bitte, mir zu sagen woher das Wort Seele stammt. Mir ist es kaum mehr als ein theologischer - Begriff. - Sonst brachte die Post auch eine Nummer des Volksblattes, welches die Erklärung meines Schwagers ins Lächerliche zu ziehen sucht, und es auch bedauert, daß „der berühmte Volksdich­ter Felder so grimmig verfolgt worden sei". Nun, sie sollen nur spotten. Die Untersuchung dürfte manches klar stellen, wenn sie nur gehörig durchgeführt wird. Ich erhalte jetzt häufig Zuschriften und Sendungen von Leu­ten die mir ganz unbekannt sind. Es macht mir das jetzt manche Freude und kann mir zuweilen eine lange Stunde verkürzen. So aber hat mich noch selten etwas gefreut wie das Gedicht, welches Ihrem letzten Briefe beilag. Oft und oft hab ichs gelesen in dieser langen halben Woche seit ich mit der Ihnen übersendeten Arbeit fertig und sonst zu nichts recht aufgelegt bin. Jetzt freue ich mich auf einen Brief von Ihnen, welche Nachrichten er auch immer bringen mag, er wird mir wieder ein Beweis Ihrer Freundschaft sein, die mich hebt und tröstet.

Leben Sie wol, grüßen Sie mir, die mir wol wollen. Mit Brudergruß und Handschlag

Ihr

Franz Michel Felder