AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
349
25. Mai 1867

Liebster Freund!

Mit tiefer Bewegung hab ich heut Ihr mir so werthes Schrei­ben gelesen und danke Ihnen von Herzen für alles was aus jeder Zeile, jedem Worte herausspricht und mir sagt, daß nicht nur Gott keinen Deutschen verläßt sondern daß es auch die Deutschen selbst nicht thun, wenn es gilt für eine große Sache einzustehen die des Schweises und Blutes der Edelsten und Besten werth wäre. Die Zeit des Martirerthums ist denn aber doch so ziemlich vorbei, das hab ich am letzten Sonntag in Feldkirch erfahren. Ich wurde recht freundlich aufgenom­men und die Hände drückten sich mir daß ich hätte jubeln mögen. Ich hab auch dort, und nicht vergebens den Geist unseres Jahrhunderts angerufen. Die von Moosbrugger ab­gegebene Erklärung in der Feldkircher Zeitung werden Sie wol schon erhalten haben.

Und was nun? fragen auch Sie vielleicht leider durch meinen Brief mehrbeunruhiget als die Gemeinheit meiner Gegner ver­dient. Ich meine: Vor Allem abwarten und einstweilen - nicht länger als nötig hier bleiben wo man es mir an nichts fehlen läßt. Vielleicht wird auf Moosbruggers Erklärung strenge Un­tersuchung eingeleitet, in diesem Fall ist eine Versetzung Rüschers unseres Pfarrers ziemlich gewiß und gäbe sich dann alles wieder von selbst. Das Volk darf nur sehen was man wollte und wie man es angieng, dann stehen wieder alle so auf meiner Seite wie viele, ja die Meisten schon jetzt. Ich bin noch nicht erlegen, sondern nur vor den rohesten Fanatikern gewichen. Weiter fort aber kann ich jetzt nicht, denn bei einer Untersuchung dürfte ich natürlich nicht fehlen. Ich habe schon angefangen, zu diesem Zwecke das wichtigste kurz zu­sammenzustellen und werde Ihnen vielleicht nächstens über­senden. „Erst wenn wieder alles Erwarten weder die Geistliche noch die weltliche Regierung einschreiten sollte", sagt der Schwager „erst dann könnte es gebothen sein sich an Beust zu wenden." In 8 Tagen kann sich viel geändert haben, be­sonders da jetzt die Feldarbeit allen Geschwätzen ein Ende macht. Ich denke sogar an baldige Rückkehr, werde aber natürlich auf ein Schreiben des Gemeindevorstehers warten, der treu zu mir hält. Sobald unser Pfarrer und seine Helfer von den Leuten gehörig gekannt und gewürdiget werden, hab ich sogar in Schnepfau nichts mehr zu fürchten. Ich muß Ihnen nämlich bemerken, daß Schoppernau und Au besser gehalten haben, als es bei der niederträchtigen Aufhetzerei zu erwarten war. Aber daß Sie an unsern Pfarrer zu schreiben vorschlagen, das beweist, daß Sie sich gar kein Bild von so einem - Menschen machen können. Zwei Tage vor meiner Flucht war ich mit dem Vorsteher und dem angesehensten Bürger bei ihm. (Ohne Zeugen mag ich mit solchen - Leuten, deren heiligem Rock man immer wieder glaubt - gar nicht reden.) Er jagte wüthend meine Begleiter fort. Ich aber mußte bleiben und dem Mann einmal zuhören. Um der Meinen Willen wollte ich noch fast um jeden Preis einen Friedens­schluß versuchen. Nach langem Hin- und Herreden sagte er: Ich habe nichts gegen Sie sondern nur gegen Ihre Grundsätze. „Gegen welche?!?"

„Nun gut" sagte der Pfarrer „Es ist ein Glück, wenn Ihr gute Grundsätze habt."

Als ich ihm nachwies, daß er über mich gelogen was ich durch viele Zeugen beweisen kann, da sagte er, es sei gut für mich wenn es gelogen sei. Ich forderte nur einen sehr gemäßigten, ihm selbst gar nicht angehenden Wiederruf, wie man ihn schon dem schechtesten Kerl gethan hat, da sagte er: Wegen Euch!? Wegen Ihnen thut man gar nichts. Und dieser - ist Hirt von 500 Seelen will der erste Mann in einer anständigen Gemeinde sein. Mir stieg die Sache gewaltig zu Kopfe und ich hätte fliehen müssen, wenn auch nicht des Pfarrers Vater zu Einigen gesagt hätte: Bei ihm daheim wäre man mit so einem wie mit dem Felder gar bald fertig sein man thät und hier werde man schon auch fertig werden. Meine Freunde warnten mich nicht mehr zu weit alein oder bei Nacht zu gehen, denn Einzelne seien gegen den Einzelnen stark genug wenn auch alle Tüchtigen mir unterdessen daheim in der Stube recht gäben.

Das alles und noch viel trieb mich zur Flucht; Schuld daran ist: Die Klarstellung die Leihbibliothek, die Alianz mit mehreren Gegnern der Brixner, Schuld ist daß ich die Presse und die Feldkircherin lese, Schuld sind die noch nicht einmal erschienenen von Pater Beda - gestohlenen Ge­spräche, die auch Ihnen noch im Gedächtnisse sein werden und Schuld ist, daß die frommen Herren alles gegen mich anwenden, um mich hier zu untergraben seit ich anderwärts - Boden zu gewinnen anfange. Ihr Artikel und die Sonder­linge können meines Wissens noch nichts zur Sache gethan haben. Und wenn auch! Hier behaglich sicher, und um man­che Erfahrung reicher, segne ich das Ereigniß welches diesen Kampf hervorrief. Die Wahrheit und das Recht müssen end­lich siegen dann werden die nur zu guten Leute ihre Hirten kennen lernen. Gönnen Sie der wakern Gemeinde das Glück, einen tüchtigen Pfarrer zu bekommen! Gönnen Sie ihr auch den Schluß der Sonderlinge. Aber Ihren Reiseplan sollten Sie doch nicht schon jetzt aufgeben. Das thäte mir wahrhaftig weh und Schoppernau und Au haben das nicht verdient. Doch hierüber hoffe ich Ihnen schon bald aus meiner ge­säuberten Gemeinde schreiben zu können. Ich habe jeden­falls ungemeine Lust, Ihrer so freundlichen Einladung zu einem Besuch nach Leipzig zu folgen. Daß ich, der überall Fremde, am liebsten mit Ihnen gehen möchte können Sie sich denken drum schicke ich heute hier auch das Wible mit. Es bittet Sie, doch auch seinen Wunsch zu erfüllen und Ihr Versprechen zu halten. Es ist wieder glücklich zu Hause an­gelangt und schickt Ihnen und den werthen Ihrigen seine herzlichsten Grüße. Auch Moosbrugger läßt Sie herzlich grü­ßen und Ihnen sagen Sie sollten einstweilen nur unbesorgt sein, wenn erst die Sache gehörig öffentlich sei, könne uns der Sieg nicht mehr fehlen. Er liest jetzt die Sonderlinge die ihm besser zusagen als dies sonst bei Romanen der Fall. Es würde mich freuen, in meiner Verbannung wieder ein Brieflein von Ihnen zu erhalten. Auch ich werde wol bald wieder bei Ihnen anklopfen da ich zum Plaudern oft auf­gelegter als zum Schriftstellern bin.

Bei den Heilsgeschäften kommt mir nur der Eingang etwas zu breit vor, vielleicht ließe sich etwas streichen. Wenn Keil sie nicht will, so wird sich wol noch ein Anderer finden. Auch in der Europa hätten sie einen hübschen Platz und etwas Honorar wird da wol auch gezahlt werden. Mit der Richtung der Gartenlaube im großen und Ganzen würde ich doch nicht einverstanden sein, da ich es nicht mit dem Katholicis­mus, sondern einstweilen nur mit einer Rüschenade und viel­leicht mit Brixen zu thun habe. Wie gehts den Sonderlingenf?] Ich hoffe Ihnen bald recht Erfreuliches schreiben zu können. Mit herzlichstem Gruß Ihr Plaggeist

Franz Michel Felder