AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
341
19. Mai 1867

Liebster Freund!

Gestern Vormittag hab ich Ihren Brief mit sammt den mir so werthen Beilagen erhalten, mich auch den ganzen Tag daran gefreut und doch komme ich erst heute zum Antworten. Doch heute kann ich Ihnen etwas Erfreuliches melden. Auf Anordnung der k.k. Staatsanwaltschaft wurde ich gestern ins Verhör genommen oder eigentlich gebethen. Es wird nun eine strenge Untersuchung eingeleitet wie wir es hofften und die Schwarzen müßten, was ich als guter Christ nicht glauben darf, den Teufel im Leib haben, wenn sie dießmal wenn auch nicht den verdienten so denn doch wenigstens einen ordentlichen Denkzettel davon trügen. Ich hab also nicht umsonst gerufen. Hier kommt mir das Gesetz und von Leip­zig aus durch Ihre Vermittelung der Geist unseresjahrhunderts zu Hülfe, wie ichs so nötig brauchte.

Ein herrlicher Morgen grüßt heute dem Schöpfer seine Ge­schöpfe. Herrlich und groß steigt die Sonne über die Berge meiner verlassenen Heimath herauf, vor meinem Fenster ju­beln die Vögel denen im Baumwäldchen die Antwort zurük. Ich wollte daß auch meine Antwort auf Ihren letzten Brief so ein Jubelruf wäre und nicht nur auf einem Blatt Papier ein schwarzer Gruß an Sie und den wakern Kreis, in den zu gehören und den kennen zu lernen immer mehr mein Her­zenswunsch wird. So viel Theilnahme hätt ich nimmer ver­muthet, aber hier ferne von Weib und Kindern, ausgeworfen von den unglücklichen Werkzeugen einer finstern Macht, denen ich helfen, die ich retten wollte, thaten Ihre Briefe und die Beilagen mir wunderbar wol und ich muß wieder auf eine früher ausgesprochene Ansicht zurückkommen, daß das Böse nicht nur in die Dichtung, sondern wie wir nun einmal sind, auch ins Leben, in unsere Alltäglichkeit hinein gehört und das Beste und Größte an uns und ändern uns zum Be­wußtsein bringt.

Von der nun eingeleiteten Untersuchung hoffe ich wie ge­sagt viel Gutes für mich und noch mehr für meine Landsleute. Die Geistlichen konnten mich untergraben, weil ihnen das gutmüthige Volk mehr Vertrauen schenkt als sie verdienen, nun aber die Regierung mein Recht und das Unrecht der Ersteren „klarstellen" wird, muß das meinen Landsleuten sehr viel zu denken geben und die Geschichte kann leicht fürs ganze Land und noch darüber hinaus von der wohlthätigsten Wirkung sein. Die Bregenzerwälder sind auf ähnliche Weise schon zu erstaunlichen Nutzanwendungen gekommen. Ich war lang nie so froh wie gestern und heute. Bin ich auch fern von meinen Kindern, so weiß ich sie ja durch das da­heim glücklich wieder angekommene Wible gehörig versorgt und auch die Feldarbeit wird nicht ungethan bleiben. So kann der Bauer der Hausvater und Volksfreund sich beruhi­gen! Der Dichter aber sieht durch Sie sich eine Bahn eröffnet, auf die er sich nie zu träumen wagte, den von Freitag ge­wünschten Aufsatz hab ich in der Weise, die Sie vorschlugen, mich schon auszuführen entschlossen und werde mich daran wagen, sobald ich mich in der rechten Stimmung fühle, was jetzt wieder leicht der Fall sein wird. Mit den Heilsgeschäften machen Sie was Ihnen gut dünkt. Ich möchte den Aufsatz nicht ungern gedruckt sehen und bitte mir ihn zuzusenden. Wegen dem niedrigem Honorar machen Sie sich ja keine Sorgen. Ich kenne manchen, der ein hohes Honorar be­kommt und mit dem ich doch nicht tauschen möchte. Recht gefreut hat mich auch das beigelegte Gedicht und meinem Schwager war es eine Feststunde, in der ich es ihm gab. „Laß krähen nur die Raben!" hörte ich ihn seit damahls mehrmahls ausrufen wenn wir auf unsern Spaziergängen über die Erleb­nisse der letzten Monathe redeten. Am 13 Maj hatte ich einen trüben Tag. Ich sorgte um das Wible, von dem ich wider Er­warten noch keinen Bericht über seine Heimkehr und das Befinden der Meinigen erhalten hatte. Und wenn mir einmal etwas das graue Glas aufs Auge legt, so sehe ich, besonders wenn mein Himmel so trüb ist wie damahls, nur zu leicht alles ein wenig grau. Drum hab ich, und das bitte ich Sie dem Germanisten Club zu sagen, meinen Geburtstag gestern gefeiert, als die werthe Zusendung und eine amtliche Ein­ladung zum Verhör fast in derselben Minute ankamen. Mei­nen neuen Geburtstag vor einem neuen Leben. Mein Vetter, der Franzose von dem ich Ihnen früher schrieb, hat mir ge­meldet, daß Pfarrer Rüscher ihn von der Kirche ausschließen lassen will weil er um Ostern seinen Beichtschein nicht ab­lieferte. Vom Wible hoffe ich Morgen Nachrichten aus der Heimath zu bekommen, wo jetzt alles recht hübsch und lustig sein muß. Hier ist man freundlich gegen mich, aber wenn mein Schwager nicht da wäre, so möchte ich denn doch nicht lange hier bleiben. In Bludenz besteht die sg gute Gesell­schaft aus lauter Geschäftsleuten, das sg gemeine Volk steht hinter meinen Landsleuten, wenn das hie und da einem auf den ersten Blick auch nicht so vorkommen wollte. Abends wird fast in allen bessern Wirthshäusern von Doktoren Beam­ten und Krämern gespielt und ich habe dann das Vergnügen, den dabei entstehenden Streitigkeiten zuzuhören. Nun ganz uninteressant ist auch das nicht denn die Leute haben doch trotz allem „städtischen" noch so viel Ursprüngliches, daß jeder sich kräftig und auf seine Weise ausspricht. Der Tag meiner Heimreise kann jetzt noch nicht bestimmt werden, vielleicht werden Sie bis dahin noch manchen Brief von mir erhalten jedenfalls gedenke ich die Einleitung der Unter­suchung abzuwarten. Haben Sie also meinetwegen keine Sor­gen. Hirzels Banknoten sind zur rechten Zeit gekommen. Ihnen hab ichs zu danken, daß es mich nicht gar zu sehr friert, wenn ich über die Gasse gehe; nach der Ansicht sollen näm­lich die Banknoten trotzdem sie dünn sind, den Wanderer warm erhalten. Hirzel schickte mir bairisches Geld welches ich nicht nur ohne Schaden, sondern sogar vortheilhaft aus­wechseln konnte. Es ist also einstweilen alles gut. Zum Zeitver­treib kann ich in den Büchern lesen, die ich von einigen neuen Bekannten erhalten habe. Dann kritzle ich wieder an meinem Roman, oder ich setze mich hin und schreibe an Sie liebster Freund! dem ich jetzt immer wieder etwas zu sagen hätte. Herrn Flügel und den Ändern werde ich in der Woche einmal schreiben und den Brief an Sie übersenden. Bis dahin geben Sie allen in meinem Nahmen die Versicherung daß ich, dank Ihnen, meinen neuen Geburtstag froh feierte. Und nun leben Sie wohl liebster Freund und verzeihen Sie es mir, daß ich Ihnen in letzter Zeit so viele Sorgen machte. Mit Brudergruß und Handschlag

Ihr

Franz Michael Felder

Nachmittags 5 Uhr

Nicht umsonst hab ich, in der Hoffnung, daß noch etwas ge­schehen könnte, mit dem Schluß des Briefes über Mittag ge­wartet. Ich wurde vom k. k. Staatsanwalt benachrichtigt, daß eine Untersuchung bereits im Zug ist und ich glaube daher der kommenden Woche froh entgegen sehen zu dürfen.

Die beiliegende Arbeit ist nicht so umfangreich als sie auf den ersten Anblick scheint: in meinem Entwurf ist der 2te Theil um keinen halben Bogen - breiter als der Erste, aber vielleicht doch schon zu breit? In diesem Fall bitte ich mir nur schonungslos zu streichen, was Ihnen nicht gefallen will, und wenn dann auch gar nichts mehr bleiben sollte. Noch muß ich Ihnen sagen daß Ihnen frei steht die Heilsgeschäfte und ähnliches Gmüdor unterzubringen wie und wo Sie wol­len. Ich überlasse Ihnen das mit Freuden und wünsche nur Ihnen recht viel Schönes u Erfreuliches überlassen zu können. Mit herzlichen Grüßen auch vom Schwager

Ihr Freund FM Felder