AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
299
18. Februar 1867

Lieber theurer Freund!

Sie sehen mich in letzter Zeit im Ländchen herumrennen wie wenn ich sonst nichts zu thun hätte. Das letzte Mal schon schrieb ich von einer kleinen Reise und nun bin ich wieder über Haushohe Lauinen und kirchthurmtiefe Tobel nach Blu­denz heraufgeklettert zu meinem Schwager. Vielleicht finden Sie hierin eine Bestättigung dessen, was Sie in Ihrem letzten mir so werthen Schreiben etwas verdekt aussprechen zu wol­len schienen. Es ist wol schön in meiner Heimath, und das Leben ist dort, wo mir jeder so offen entgegen kommt, und mich an seinen Freuden und Sorgen Theil nehmen läßt, ist reicher als Sie wol glauben würden. Wie Franzen kommt es mir aus jedem Hause warm entgegen. Und doch wird es mir dort zuweilen fast zu enge. Die Kämpfe mit dem Brixnertum können mich recht anekeln, drum flüchte ich mich denn zum Schreibtisch.

Hier - ärgere und sinne ich, bis ein Übergang kommt; das ist meine Geschichte der letzten Monathe. Seit ich Ihnen schrieb, hat der Pfarrer wieder Erstaunliches geleistet. Mich hat eine eigene Wanderlust erfaßt und ich hab ihr nachgegeben da daheim meine vielen wakern Freunde sich schon wehren werden wenns nöthig ist, der Artikel in der Allgemeinen (mit der Anzeige) wurde von unsern Blättern abgedruckt, doch den Brixnern scheint er nicht zu gefallen. Zum lieben Glück werden sie bald andere Arbeit bekommen. Eben wird eine zweite Parteischrift von der Partei der Gleichberechti­gung (verfaßt von meinem Schwager Moosbrugger) versen­det an der auch Sie im Norden Ihre Freude haben werden, wenn Sie auch mit Einzelnem nicht einverstanden sein soll­ten. Ich werde Ihnen Morgen ein Exemplar übersenden. Und nun genug Politik und wol schon mehr als genug Brixen. Das Ausarbeiten einer neuen Erzählung wollte in der Aufregung der letzten Wochen wo alles ins Gewühl des Wahl­lärms und anderer Kämpfe gezogen, getrieben und gerissen wurde, nicht recht gut gehen. Ich habe zu einer „dritten Par­teischrift" einige Gespräche ausgearbeitet und Feurstein wollte dieselben durch die Lithografiepresse verfielfältigen. Der Versuch ist mißlungen wie Sie an dem ersten Bogen sehen werden, den ich Ihnen Morgen ebenfalls zu übersen­den gedenke. Ich bitte Sie dringend, mir Ihre Meinung dar­über zu sagen. Die Schrift würde den Titel führen: „Ge­spräche des Lehrers Maagerhuber mit seinem Vetter Michel". Das erste Gespräch werden Sie bis auf wenige Zeilen erhal­ten, das Zweite kommt auf das allgemeine Wahlrecht, das dritte auf die Associationen. Leider sind hier viele Druck­fehler, aber ich kann mir doch nicht versagen, Ihnen den Ver­such von mir und Feurstein, der von einer Seite schon miß­glückte, zu übersenden.

Ich wollte, ich könnte Ihnen die bereits geschriebenen 30 Bo­gen vorlesen und auch die in letzter Zeit entstandenen Ge­dichte, einige zwanglos gereimte Beweise einer immer hei­terer werdenden Stimmung. War ich daheim, so müßte das Wible noch geschwind eins abschreiben denn für mich wärs nun bald Zeit in den Stall, den jetzt ein armer Bursch aus der Nachbarschaft besorgt. Wenn ich daheim bin so verrichte ich die Bauernarbeit selbst, so weit das einem alein möglich ist, da - offen gesagt, meine Mittel und mein Einkommen zu klein ist um Knechte udgl zu erhalten. Nur eine Arbeit, das Sammeln von Streue in den Wäldern hab ich auf Befehl des Doktors seit einem Jahr nicht mehr gemacht, eine Arbeit die meinem einzigen Auge gefährlicher als manche Andere sein könnte. Glauben Sie aber darum nicht, daß ich unglück­lich sei! Die Feldarbeit ist mir manchmal eine recht liebe Abwechslung und sogar Gefahren haben einen gewissen Reiz. Was Sie einen Dorn nannten, der mich stechen könnte, ist nur, was ich mir früher, mich selbst etwas überschätzend, selber oft gesagt habe. Jetzt und besonders da es mir auch daheim nicht an Gesinnungsgenossen fehlt, denke ich anders oder ich dachte eigentlich gar nichts, bis Sie mich nach Leip­zig einluden. Leipzig war mir - die Welt, denn ich lebte Jahre lang nur in den Büchern die meistens von dorther kamen. Einmal versuchte ich, von Schillers Dramen begeistert, auch eins zu schreiben, aber ich sah, daß meine Welt dazu zu eng, zu ruhig sei, und an dem Tag, an welchem ich auf die Welt und ihre Herrlichkeiten, auf Theater Leipzig u a verzichtete am 16 Juni 1859 als mir Nanni zum erstenmal die Hand reichte, hab ich mein Drama und sonst noch manches ver­brannt. Nur einige Blätter, die mir damahls entgiengen wur­den gerettet und ein im Winter vorher geschriebenes Heft „Aus der Welt des Herzens". Dieses Heft ist ein wunderliches Schriftchen das ich Ihnen einmal vorlesen werde nur damit Sie sehen, wohin mich Zimmermann und meine Einsamkeit beinahe gebracht hätten.

Wenn Sie sähen wie ruhig und still ich ganze Monathe lang lebe, so würde es Sie nicht wundern wie ich auf so etwas Aufregendes habe kommen können. Ich nehme an den Zeit­ereignissen lebhaften Antheil, denn das ist bisher das Einzige, was das Bäuerlein trotz aller noch bestehenden Zunft- und Klassenschranken mit andern vernünftigen Menschen gemein hat. Und glauben Sie ja nicht, daß ich mich darum zu weit fortreißen lasse! Der Stighans und der Strikerpeter und des Erstem von beiden umworbene Magd gewinnen Leben und, Ihnen darf ich das wol sagen - sie fangen bereits schon an mich zu freuen. Die Tendenz ist wenigstens im Plan noch sorgfältiger verarbeitet als in den Sonderlingen. Doch Sie haben Recht, ich fühle, daß mir meine Welt zu klein zu wer­den beginnt und bin schon halb entschlossen, die Helden dieser Dichtung meine bisher sorgfältig beobachteten Gren­zen überschreiten zu lassen. Der erste Theil steht fertig vor meiner Seele und - Sie werden es kaum glauben - für den 2ten ist noch nichts gethan als eine Menge Fragen geschaffen, die in denselben hinüber geschleppt werden sollen. Ihren Brief hab ich vor einigen Stunden erhalten, und ich freue mich recht darauf ihn Abends dem Schwager vorzulesen wenn der Beamte von der Versteigerung in Frastanz zurükkommt. Wenn er, der gewiß herzinnigen Antheil an meiner Freude nimmt, Ihre Worte liest, dann werde ich meine liebsten Freunde auf einmal hören. Schade, daß das Wible nicht hier ist, doch es kommt eben im Winter nicht aus der verschneiten Heimath heraus und das ist auch der Grund, warum es noch keine Photografie übersendete. Der Photograf in Au arbeitet so schlecht daß ich Ihnen das Blatt von Ihm, welches meine ganze Familie darstellen soll nicht zu übersenden wage. Daß ich es sonst mit Freuden gethan hätte, es im Frühling oder noch früher möglich machen werde können Sie sich denken. Ziehts ja auch das Wible wie mich oder doch mit mir immer mehr in die schöne Welt, die Sie uns öffneten.

Doch ich muß schließen, da die Post bald abgehen wird. Ich hoffe, daß Herr Hirzel die Sonderlinge auch in Vorarlberg anzeigen werde. Begierig bin ich die letzten 2 Kapitel des ersten Bandes zu lesen. Ihre Neugierde auf den Brixnerbrief ist mir begreiflich ich habe letz[t]hin ein Urtheil eines Pfar­rers über meine Tannbergerreise erhalten, die der Schwager ihm zeigte. Das Urtheil von Brixen wird wol ähnlich aus­fallen.

Entschuldigen Sie die Schreibfehler denn ich werde oft ge­stört.

Grüßen Sie mir herzlich die lieben Ihrigen Dr Flügel und alle die sich um das Bäuerlein kümmern.

Leben Sie wohl, lieber lieber Freund, an den ich mich mit allem wende. Tausend Grüße von Ihrem Freund

F M Felder Ich gehe bald wieder heim