AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
272
21. Dezember 1866

Lieber Freund!

Um diese Jahreszeit, wo alles eingeschneit ist und doch noch, die wenigsten Winterwege schon gangbar sind, sitzt der Bauer daheim, liest den neuen Kalender, macht die Jahres­rechnung und ist dann je nach dem Ausfallen derselben ein lustiger ergebener oder unerträglicher Hausvater. Auch ich, obwol ich mein Anwesen leicht übersehe, habe eine Jahres­rechnung gemacht und die hat mich so befriediget wie noch keine. Meine Freunde sagen mir, ich hätte 10 Jahre nicht mehr so gesund und so vergnügt ausgesehen wie jetzt, und ich wills gern glauben, denn dieses Jahr war für mich trotz allem und allem das Glücklichste seit lange und hat für mein Leben über manche Frage entschieden. Vor einem Jahr um diese Zeit packte ich mit ungerechtem Unmuth mehrere recht gut gemeinte Briefe von Reisenden zusammen und sagte mir: „Diese Theilnahme, was Anderes ist sie als Mitleid mit dem Tropf der etwas mehr als ein Lastthier sein will. Man küm­mert sich um mich wie um ein Thier welches recht unnatür­liche recht wunderliche Sprünge macht, sagt allenfalls, ich hätte für mich genug gethan und laßt mich dann mitleidig gehen." Ja, lieber unermüdlicher guter Freund! so dachte ich, bevor ich den Muth hatte, mich an Sie zu wenden, den mir, offen gesagt, nur die immer lebhafter werdende Erinnerung an die Stunde in Au gab, wo wir schon über die sociale Frage und Hermann Schmied verhandelten und Sie meine derben Würfe so nachsichtig und doch treffend erwiderten. Ich habe mich diese Tage neben Ihr Bild gesetzt, das da im Zimmer neben denen meiner übrigen Freunde hart bei mir ist, und die in diesem Jahre gewonnenen Schätze, Ihre Briefe gezählt, geordnet und mich dem behaglichen Gefühl überlassen, das sie mir gewekt. Da ist dann auch noch Ihr letzter und der von Hirzel dazu gekommen und Sie können Sich denken, wie froh ich meine Jahresrechnung abschließe. Hoffentlich wird man meiner nächsten Arbeit ansehen unter welchen Eindrücken sie entworfen wurde!

Also die Sonderlinge werden Ihre Wanderschaft von Hirzel empfohlen, nun bald antretten! Es ist eigen: daß die Bauern aus dem Süden im Norden, und nicht etwa bei Bauern, die freundliche Aufnahme gefunden. Das hätt ich vor einem Jahr nicht zu hoffen gewagt. Ich hätte zu dem Werklein eine Vor­rede beigegeben, und mich um allfällige Mängel zu entschul­digen als Bäuerlein vorgestellt, aber ich hielt dafür, das Werk sollte an sich gut sein und man sollte vom Verfasser nichts wissen müssen ja ich fürchtete, daß ich durch eine solche Mittheilung mehrere vom Lesen abschreken, als gewinnen würde. Ich glaube auch, Ihnen das einmal gesagt zu haben. Was Sie über Mariannens Bruder sagen, hab ich mir selbst auch gesagt, nur würde sein Humor den Barthle in ganz an­derem Liecht haben erscheinen lassen. Klausmelker ist zuwei­len Satiriker, für den Humor aber ist er zu troken, er macht da und dort einen Anlauf etwas Witziges zu sagen, aber es ist alles bitter und etwas kalt. Seine Kraft ist noch zu wenig gebrochen, um ein Humorist zu werden. Ihm und den an­dern Stürmern 2. Gattung steht das Weberle mit seiner Bärbel gegenüber, wie der Senn dem Haupthelden gegen­übersteht. Zu ändern wünschte ich auf Ihren freundschaft­lichen Rath hin da, wo Franz die Pfeife zerschlägt im 9 Kapi­tel des ersten Theils. Ob ich auch die Selbstgespräche im 10 Kap 1 Th. kürzen sollte, weiß ich nicht. Es sind die Conse­quenzen des Individualismus die ich an edlen Charaktern zeigen wollte. Franz sollte hier nach meiner Ansicht fast widerlich werden. Vielleicht aber wird er lächerlich? Ich bitte mir Ihre Gedanken über die Meinen mitzutheilen und die erwähnten Kapitel bald zu schiken, damit ja die Sache recht schnell vorwärts geht.

Die erste Sendung aus dem Leih-lnstitut hab ich erhalten und bin noch, damit beschäftiget. Das Zurüksenden kann, wie gesagt, nur langsam gehen. Es wären noch mehrere hier, die die Sachen gern lesen möchten und ich bitte, Herrn Quelmalz zu fragen, wie theuer jährlich er mir die Sachen, die er erst beliebig lang behalten könnte, als Eigenthum über­lassen würde.

Am liebsten möchte ich das Ausland, Museum Monathefte und die Europa behalten. Wenn in letztgenanntem Blatt allen­falls, wie Sie mir einmal schrieben, ein Aufsatz über mich vorkommen sollte, so möchte ich um Übersendung der Num­mer bitten. Wenn die Gartenlaube meinen Aufsatz zurük­weist, so machen Sie sich darum ja keine Sorgen. Villeicht läßt er sich dann anderwärts herausgeben und sonst liegt ja gar nicht viel daran. Ich wünschte nur einmal der Welt von der Wirthschaft der Herren Schwarzröke ein wenig zu schil­dern.

Die Meinen sind wol, sie Alle, die Mutter das Wible und ich wünschen Ihnen ein „recht glückseliges neues Jahr" der Jakob, der Kaspar (Kaspale) das Mikle und das Hermindle (männchen) werden es thun, wenn sie uns besuchen, worauf wir uns schon jetzt alle recht herzlich freuen. Jetzt aber lärmen meine 4 Kühe und wollen ihr Abendfutter haben. Also leben Sie wohl, mit vielen Grüßen an Sie und die Ihrigen, Ihnen und allen die ich kenne und die es gut meinen frohe Festtage wünschend verbleibe ich

Ihr dankbarer

Franz M Felder