AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
186
30. April 1866

Verehrtester Herr Hildebrand!

Hiemit übersende ich Ihnen meine Sonderlinge, Sie herzlich bittend, dieses wunderliche „Bergvolk", welches sich noch kaum in die „weite fremde Welt" hinaus wagt, Herrn S Hirzel vorzustellen und seiner Nachsicht zu empfehlen. Wol hab ich den Reisepaß für diese Schmerzenskinder, Ihren werthen Brief, in der Tasche; dennoch sende ich diese mit einiger Besorgniß an Sie ab und es ängstigt mich die Frage: Ob sie wol Ihren Erwartungen entsprechen werden? Der erste Theil ist noch immer etwas breit, obwol ich den­selben, wie Sie schon beim Durchblättern sehen werden, noch bedeutend abgekürtzt habe. Schon am Schwarzokaspale ist das mit Recht getadelt worden, und wenn ich mich den­noch nicht besserte, so geschah das, weil ich glaubte, daß im Gedanken- und Wirkungskreise von Menschen, deren ganzes Denken und Thun einzig nur von den Verhältnissen abhängt, alle Hacken und Ecken, Thäler und Hügel, ja alle Drücke und Gegendrücke genau gezeigt werden sollten. Ich hätte noch Manches über mein Werkchen zu sagen, doch wenn Sie Ihre kostbare Zeit mir opfern dürften, wenn nicht das deutsche Volk auf Sie wartete würden Sie doch lieber das Werk durchsehen und Ihr Urtheil selbst bilden. Ihnen und solchen, denen Sie es zur Prüfung übergeben, darf ich getrost und ohne Vorrede alles überlassen. Das Erzählte ist aus dem Wälderleben entnommen; doch nicht abgeschrieben. Die geschilderten Personen leben - da und dort und doch nirgends. Als Deutscher und Freund mei­ner Heimath werden Sie Sich mit mir freuen, daß es im 2ten Theil immer lauter und lebendiger wird bis endlich die •Schranke bricht und die Wälder frei und froh hinaussingen und tanzen in die schöne Welt; die lang abgeschlossenen jedem wakern Deutschen herzlich die Bruderhand drücken. Von Herrn Gustav Mayer in Leipzig erhielt ich vor 8 Tagen eine für mich sehr werthvolle Sendung. Aus dem beigelegten Brief las ich einen neuen Beweis Ihrer Güte und wage nun, Sie um Abgabe des beiliegenden Briefes zu bitten. Übermorgen werde ich Bludenz, wo ich nach Vollendung meines Lebensbildes eine recht schöne Woche verlebte, wie­der verlassen und in die Heimath zurückkehren, in der nun für das Bäuerlein die Feldarbeit beginnt. Es würde mich recht glücklich machen, bald eine Antwort von Ihnen zu bekommen als Bestätigung, daß Sie das Zu­gesendete erhielten.

Ich würde es doppelt bedauern wenn ein deutscher Bruder­krieg das baldige Erscheinen meines Werkchens verhindern sollte. Doch noch hoffe ich das Beste und überlasse die Ent­scheidung über die Herausgabe getrost dem verehrten Herrn Verleger, an den ich hier ein kurzes Briefchen beilege.

Mit den herzlichsten Grüssen an Sie und den Verfasser der verlorenen   Handschrift, dessen   Urtheil   über mein erstes Werkchen ich sehr gern hören möchte, verbleibe ich hochachtungsvoll

Ihr ergebenster

Franz M Felder