AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
662
22. Januar 1869

Liebster Freund!

Gestern Abends spät hab ich Deinen Brief gelesen und mich gefreut, daß mein Juhei auch in Leipzig ein Widergeben zu Wege bringen konnte. Mariannens Abschrift hättest Du auch behalten können. Es hat das gute Kind recht gefreut diesen Brief abschreiben zu können. Ich war damahls recht fröhlich, während es sonst oft einen recht traurigen Arbeitgeber hat, so daß ich selbst es oft bedauern muß, ohne mir und ihm auch mit dem besten Willen helfen zu können. Mit der Bevölkerung lebe ich nun ziemlich in Frieden. Zwar viele scheuen mich noch, aber der offene Kampf ist zu meinem Vortheil ausgegangen und Rüscher gilt für einen todten Mann. Der Kampf war nicht umsonst, er hat anregend und aufklärend im ganzen Ländchen gewirkt. Mir kommt man jetzt überall freundlich entgegen und hört auf mein Urtheil. Die Vereinssennerei in Bezau will den Vereinsstifter mit Überreichung einer schönen Taschenuhr beehren, deren Emp­fang ich Dir bald werde melden können. Von meinen Freun­den im ganzen Ländchen wird die Sache absichtlich recht öffentlich und großartig gemacht, um meine Gegner zu ärgern.

Wenn ich so wochenlang eingesperrt lebe, kommt mir mein Dasein so zerrissen vor, daß ich allen Muth zusammen nehmen muß, um alles ertragen zu können, das Wible fehlt mir im­mer und überall. Es war mir Auge und Hand. Früher sagte man mir, die Zeit werde vieles heilen, ich hoffe das auch, aber bisher hab ich selbst alles thun müssen; die Zeit hat wenig erleichtert. In letzter Zeit war, damit alles fehle, mein Schreiner krank, der Uhrenmacher ist fort. Ich hatte nur Mariannen. Jetzt ist der Schreiner wieder zweg und wird uns bald besuchen können, wenns einmal nicht mehr gar so grimmig kalt ist. Schnee haben wir jetzt viel zu wenig so daß die meiste Winterarbeit noch ungethan ist. In Bezau draußen ist noch gar kein Schnee. Ich kam letzte Woche hinaus, denn auf meine und Anderer Anregung hin wird nun in Bezau eine Landesleihbibliothek errichtet, der ich auch die Unsere zu verschmelzen gedenke. Es wurden schon mehrere Ver­sammlungen abgehalten. Etwas Geldmittel sind zusammen­gebracht und das gemeinnützige Unternehmen ist gesichert. Auch in Bludenz, Götzis, Dornbirn und Bregenz sollen solche Bibliotheken als Gegenmittel gegen die Kasinos errichtet wer­den. Ich kann meine Freude darüber nicht läugnen, daß wir Schoppernauer etwas voran waren, und gleichsam die ersten Lanzen für die Sache gebrochen haben. Am letzten Montag hatten wir hier die größte Bauernhoch­zeit, die wir seit lange gesehen. Die Braut, ein nach hiesigen Begriffen reiches Mädchen ist von Au. Einer meiner Schul­freunde, Du lernst ihn aus meiner Selbstbiografie kennen, hat seit Jahren ein Verhältniß mit ihr, aber der fromme Vater wollte sie nicht in das gottlose Schoppernau lassen. Nun kannst Du Dir die Bedeutung dieses Festes denken. Alle Grö­ßen des Landes waren nach Schoppernau gekommen, um der Verlobung ihrer Base oder ihres Vetters beizuwohnen. (Ihre Freundschaft ist überall verzweigt). Abends trat ich vor 3 Geistlichen und 2 - 300 Zuhörern als Abdanker auf. Ich schreibe Dir das nur, um Dir in einem Bilde Sieg und Ver­söhnung zu zeigen. Vor einem Jahr wäre so ein Fest so un­möglich gewesen als seine Veranlassung. Als ich den Vater des Hochzeiters und den der Braut während meiner Rede beisammen sitzen sah, mußte ich unwillkürlich an Sepp und Barthle denken. Im Verkehr mit der Umgebung wird mir jetzt manche Freude, aber als giftiger Tropfen mischt sich im­mer der Gedanke ein: Du Armer kannst das nicht mehr mit Deinem guten Wible theilen, die doch auch mit darum ge­kämpft, geduldet und ausgestanden hat. Noch arbeit ich an der Selbstbiografie, in der Du auch das Gewünschte von der Siegfriedsage finden wirst. Ich kann Dir allenfalls die ersten Kapitel mit der Sage schicken, wenn Du glaubst, daß sie mit Angabe der Quelle benützt werden kön­nen. Ich denke den ersten Band und vorläufig das Ganze mit meiner Verehelichung abzuschließen, doch bin ich noch lange nicht so weit. Von einem Herren Birlinger in München weiß ich nicht mehr als den Nahmen und was Du mir ge­schrieben hast. Seine Bemerkungen können und müssen aus meinen Erzählungen sein. Molken kommt schon im Nümma­müller vor z B S 228.

Kurat Herzog bittet,  ihm wo  möglich die Zeichnung oder Beschreibung einer Fisharmonika zu schicken. Ich schließe mit den herzlichsten Grüßen, auch von Marian­nen und der Mutter, an Dich, Deine Frau und alle Freunde. Schreibe bald wieder Deinem einsamen Freund

F M Felder