KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
577
22. August 1868

Lieber Freund!

Anliegend übersende ich Dir: 1) Ein Manuskript von Dr. Von­bun, 2) den Brief des Holländers, 3) den mir von der Admini­stration des Telegrafen zugesendeten Brief samt meiner Antwort, 4) einen Brief von Professor Mayer. - Zugleich mit diesem Paket übergebe ich der Post unter Kreuzband 4 Num­mern des Arbeiterblattes, 2 Nummern des Telegrafen und die Ankündigung eines sozialen Romans. ­Das Manuskript hat mir Dr. Vonbun kürzlich geschenkt. Es ist der Aufsatz, der bald nach unserer Unterredung mit Von­bun im letzten Winter zustande kam. Er schickte denselben wieder an die Feldkircher Zeitung, die ihn aber nicht aufnahm und dem Autor auf seine Rückforderung sofort wieder behän­digte. Es ist ein merkwürdiges Schriftstück. Wenn die Literaten schließlich zu solchen Produktionen gelangen, so kann man sich, meine ich, leicht trösten, kein Literat vom Tag zu sein. Was sagst Du dazu?

Den Holländer Brief habe ich dem Bickel und Gaßner zu lesen gegeben, er freute sie wie mich. Man sollte denselben im Vaterland bekannt machen. Welch herrliches Gemüt be­sitzt dieser Holländer! -

Der Brief der Administration des Telegrafen, der Mayer'sche und die Kreuzbandsendung beziehen sich auf das Politische. Ich ersuche Dich, diese Sachen zu lesen, Dir das jetzige österreichische Parteiwesen zu vergegenwärtigen und Dich sofort zu erklären, ob und wie Du auf dem von Mayer angedeuteten Gebiet aktiv zu werden bereit bist oder was überhaupt Deine Meinung ist. -

Meine Meinung will ich mit demokratischem Freimut her­setzen: Ich bin Sozialdemokrat und hoffe, es zu bleiben. Meine Bemühungen, eine sozialdemokratische Partei in Vor­arlberg ins Leben zu rufen, sind bekannt. Ich wollte es nicht auf Grund einer materialistischen Lebensanschauung, wie dies bei der Sozialdemokratie sonst leider der Fall ist, sondern auf Grund der christlichen Weltidee. Ich wendete mich daher nicht an die durch die materialistische Bourgeoisie materia­listisch gewordenen Massen, sondern an die Leute, die ich für die allumfassende christliche Idee mehr empfänglich hielt. Der Erfolg war leider ein sehr geringer. Die Leute, die da mit dem Christentum groß tun und bei denen jedes zweite Wort „Katholizismus" ist, sind so engherzig und so selbstzufrieden, daß vielleicht noch leichter die liberalen Bourgeois' aus ihren Begriffs-Kerkern herauszubringen wären. Ich war letzten Sonntag bei dem Kasinofest in Nenzing, wo bei 3000 Men­schen und die Koryphäen unserer sog. Ultramontanen waren und letztere laut und vernehmlich sprachen, aber nicht ein Wort fiel für die Armen, Hilfsbedürftigen. Die reine Reaktion ist da Losung, und alles läuft darauf hinaus, die ultramontane Bourgeoisie zu stärken und zu organisieren, um so der liberalen Bourgeoisie Meister zu werden. Die Herren in beiden Lagern wollen eine Welt für sich, die große Welt­strömung ist für sie wie nicht vorhanden. Genauso scheint mir die Stellung der „Ultramontanen" und „Liberalen" in ganz Cisleithanien zu sein und - nur große Katastrophen können eine Änderung zum Bessern herbeiführen. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. Bei diesem Sachverhalt sehe ich es meinerseits für eine zwecklose Kraftvergeudung an, jetzt in unserm Sinn weiter aktiv zu sein, und ich überlasse es Dir und dem Mayer oder wer will, die Initiative zu weiteren Schritten zu ergreifen. Wenn Ihr aber etwas Ordentliches anfangen und mich dabei haben wollt, so bin ich immer am Fleck. Aber Entschiedenheit möchte ich und halte daher dafür, daß man möglichst die Sache auf die Spitze treiben sollte. Die Liberalen und die Ultramontanen sollen ad absurdum geführt werden. Feursteins Haltung bei der letzten Wahl gefällt mir daher gar nicht. Fetz, Euer Kandidat, würde kein Wässerlein trüben. Ich halte ihn für einen ultramontanen Advokaten im Sinne der Gesichtspunkte. Die wohlfeile Be­handlung, die er Feurstein, Dir und Deinen Mannen zuteil werden ließ, paßt zum Geschäft, und ich muß bekennen, daß die hiesigen ultramontanen Wahlmänner bei weitem nicht in dem Grade als Maschinen gebraucht wurden wie Deine Freunde. Ich vermisse bei Euch Energie und die für Demokraten so nötige Entschiedenheit. Wieviel besser stünde unsere Sache, wenn unser Frühlingsprogramm entschieden aufrecht erhalten worden wäre, wie es in Szene gesetzt wurde, da nun zwei Männer des Programms im Landtag sitzen. Ich schreibe mir keine Schuld zu, wenn diese Männer wieder auf Seite der ultramontanen Bourgeoisie gezogen werden und unser Einfluß auf sie aufhören sollte, wenn unsere Sache also auch im Landtag unvertreten bleibt, aber Konsequenz schreibe ich mir zu, wenn ich mich freue, daß Männer, die mit uns dasselbe Programm fertigten, vom Volk erhoben wurden, und es ist anzuerkennen, daß das Volk den Instinkt fürs Richtige hat, und es ist total unschuldig, wenn die Dinge anders kommen, als sie nach seinem Instinkt kommen sollten. - Im Bregenzerwald hat die demokratische Idee gesiegt, und zwar die christlich-germanische, und denen zum Trotz, die sich Demokraten nennen, sogar das Schicksal hat sich für sie erklärt, wenn diese Idee in Berchtold aber nicht die entsprechende Verkörperung findet, so ist eben die groß­artige Unlauterkeit aller unserer Parteibestrebungen schuld, welche nur Katastrophen herbeiführen kann. ­Das ist nun beiläufig meine Meinung, und wenn sie Dich unangenehm berührt, so schreibe dies meinem hartgesot­tenen Demokratismus zu, der keine Schonung kennt, wo es sich um Recht und Wahrheit handelt. Ich schaue nun dem Weltlauf zu und warte ruhig ab, wie die materialistischen Massen und Parteien aufeinander platzen. Wenn Ihr Euch aufrafft und mit Kraft und Entschiedenheit für die Idee, die mich beherrscht, auftretet, so bin ich, wie gesagt, mit Freuden dabei. - Jetzt will ich noch etwas anführen, was Dir wohl in dem Ideengang der Literatur, in dem Du Dich dermalen bewegst und bei Deinen selbstgeschaffenen Idealen abstrus vorkommen mag, aber zur Klarstellung gehört, die einmal unvermeidlich ist. Aus meiner- ich muß jetzt wohl so sagen - Klarstellung spricht eine große Sehnsucht nach einem Konzilium und nach der Scheidung der Kirche von der Nationalität und dem Staat. Meine Klarstellung wurde ge­schrieben, als von einem Konzilium noch kein Wort ver­lautete. Als ein solches sofort von dem Papste, der gleich bei seinem Regierungsantritt entschieden mit der Demokratie ging, in einer Art ausgeschrieben wurde, die die Absicht, die Trennung von Staat und Nationalität durchzuführen, durch­blicken ließ, war meine Freude eine innige und große, wie Du begreifen mußt, wenn Du die Klarstellung jetzt wieder liest. Bei Besprechung der fraglichen päpstlichen Bulle sagt der Univers in einem von dem berühmten Veuillot unter­zeichneten Artikel unter anderem: „Wenn man die Blicke in die Zukunft wendet, so erschaut man die kirchlich-katho­lische Organisation der Demokratie. Auf den Trümmern der ungläubigen Monarchien sieht man zahlreicher die Menge der Nationen erstehen, die untereinander frei und gleich sind und einen allgemeinen Bund in der Einheit des Glaubens unter dem Vorsitz des römischen Oberhirten bilden, der gleich sehr Schützling und Beschützer der ganzen Welt ist. Es wird ein heiliges Volk geben, wie es ein heiliges Reich gab. Und diese getaufte und geweihte Demokratie wird das voll­bringen, was die Monarchien nicht vollbringen konnten und wollten." Die Aufstellung dieses Ideals war mir natürlich wieder ein Labsal, und ich erkläre es für ein vollberechtigtes, weil von der kirchlichen Weltidee gefordertes. Wie das Christentum Realität hat, wird dieses Ideal Realität erlangen. Wenn ich nun mit den Ideen, die meine Broschüren trugen, sozusagen ganz allein im Lande dastehe und meine eigene Partei bilde, so werde, hoffe ich, wenigstens ich von dieser Partei nicht abfallen, der die großartigen Weltereignisse so merkwürdig recht geben. -

Jetzt will ich noch das Gedicht hersetzen, das ich am 14. d. Ms. dem Thurnher geschickt habe:

An August Thurnher

als er am 10. Aug. 1868 zum Landtagsabgeordneten

erwählt wurde.

Es schwebt Dein Bild mir vor, - Glut in allen Zügen,

Das Auge Feuer, die Haltung stramm, die Faust geballt,

Die Lippen lispeln dumpf: „jetzt brechen oder biegen".

So war's, als byzantinische Intrige Dir galt. 

 

Es war das Bild des Stark'n von Manneszorn verklärt,

Das Bild des deutschen Streiters, den wälsche Tück' bezwang,

Dem alles sie genommen, was den Streiter ehrt:

Das Vaterland -, so zogst Du fort, kein Laut, kein Klang. 

 

Die Freunde reichten stumm, vom Schmerze übermannt,

Zum Abschied Dir die Hand, die Losung tief im Herzen:

„Jetzt brechen oder biegen, der Frevel wird entmannt,

Der Frevel vor Gericht! - was schwarz ist, muß man schwärzen."

 

Das höchste Tribunal ist zu Gericht gesessen,

Das Tribunal des  Volks hat seinen Spruch getan:

„Nicht duldet Volkes Majestät ein solch Vermessen,

Nicht kennt es blinden, feigen Ostrazismus an. 

 

Unwert des deutschen Namens, ehrlos sei erklärt

Ein jeder aus dem Volke, der solch Griechentat

In deutschem Lande übt, doch sei ihm nicht verwehrt

Ein großer Akt, - der Akt der Sühn' vor'm hohen Rat - 

 

Ins Vaterland, ins teure, sei zurückgerufen

Der Mann, der stets des Volkes Fahne hochgehalten,

Er freue auf des Volkes Thrones höchsten Stufen

Des Sieges sich, des Rechts und deutscher Männer Walten." 

 

Es schwebt Dein Bild mir wieder vor, ein schön'res Bild:

Im Antlitz Herrscherruh, im Auge Harmonie,

Die Rechte sanft erhoben, der Mund spricht ernst und mild:

„Germane sei stets frei und beug' den Nacken nie." -

 

Dieses Gedicht hat bei dem Überwuchern des Römertums in allen Rechts- und öffentlichen Verhältnissen nur eine ideelle /: instinktive :/ Berechtigung, und würde der bei diesen Vorgängen zu Tage getretene germanistische Volks­instinkt von den realen Tagesmächten, dem römisch-heidnischen Kunstwesen, alsogleich überfahren. Bei Thurnher trat richtig der in diesem Brief schon vorgesehene Fall ein. Wenn es da eine Entschuldigung gibt, ist es die Tatsache des allge­meinen geistigen Bankerottentums, welches alles mit den Ver­hältnissen entschuldigt. Diese Verhältnisse zeichnet schön und wahr ein germanistischer Gelehrter in einem an mich gerich­teten Brief, in dem er sagt: „Wenn Sie alles auf den Kampf zwischen dem Romanismus und dem Germanismus zurück­führen, so ist gerade das zwischen uns ein intimer Be­rührungspunkt. Der Kampf gegen das Römertum in unserm Innern und Äußern ist der Kern meines Weltinteresses, ich kämpfe ihn jetzt auf dem Katheder Tag für Tag gegen das lateinische Römertum und das französische Römertum. Jenes sitzt uns auf dem Nacken, dieses auf der Nase, es ist ein Wunder, daß wir noch da sind und uns noch ein wenig wehren können. Am schwersten aber wehrt sich's gegen das deutsche Römertum, in dem unsere Studierten, und die nicht allein, zu einem großen Prozentsatz ersoffen sind. Ja, es wird uns von Jugend auf in unser Inneres hineingeflößt und gestopft, ehe wir einen Maßstab haben, an dem wir's wert­messen könnten. Unser ganzer Staats- und Kirchenbegriff ist ein Stück Römertum, der unselige Gedanke einer Geister­uniform, der Tausenden so bestechend ist, - Herrschenden und Beherrschten."

Wenn ich im Gedicht und im Brief von „Volks"wahlen rede, wirst Du wohl nicht bestreiten, daß Fetz und Staatsanwalt entschieden größere Niederlagen erlitten hätten bei wirk­lichen „Volks-", d. h. allgemeinen Wahlen und ihre Gegner mit ganz anderer Majorität gesiegt hätten, ein Beweis, wie angemessen der Volksnatur eigentlich unser Programm wäre. Eben erhalte ich von Mayer ein Dutzend Fotografien ä 25 Kr. ö. W., die ich bezahlt habe und hier beilege. Ein Stück gab ich der Augusta Rhomberg, Tochter des Jakob, meiner weitschichtigen Base, die sich jetzt bei mir aufhält und Dich hoch ehrt. Ich schreibe Dir den Betrag zu dem Übrigen. -

Das von Mayer erwähnte Werk von Jörg habe ich und ist jedermann, der eine gründliche Belehrung wünscht, bestens zu empfehlen. Ich habe es ausgelehnt, kostet nur 1 Fl. 50 Kr. Linter [?] ist Kommissär, Leiß Sekretär, Deigentesch [?] Disponibel. In Bezau bleiben nur zwei Konzeptsbeamte beim Gericht. Es werden 23 Aktuare und bei 70 Kanzellisten in Tirol und Vorarlberg disponibel. Über die Besetzung der Bezirks­hauptmannschaften schlägt man sich die Hand überm Kopf zusammen. Wir richterliche Beamte bekommen jetzt eine viel schönere und freiere Stellung. -

Den Brief der Administration, den des Mayer und das Manuskript Vonbuns bitte ich mir wieder zurückzusenden. Nichts für ungut. Schreib mir bald, etwa soviel, als ich eben Dir schrieb, und donnere nur drauf los, wenn es Dir drum ist. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

K. Moosbrugger.

Keine