KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
293
6. Februar 1867

Lieber Freund!

Heute erhalte ich Deinen sehr geschätzten Brief von Bezau und danke vor allem Gott, daß Du wieder gesund und mutig bist, zugleich muß ich Dich bitten, Deine Gesundheit und Deine Kräfte richtig zu schätzen und methodisch und vor­sichtig damit zu wirtschaften. Sie sind ein so wertvolles und schätzbares Gut, daß die möglichste Schonung und vernünf­tigste Behandlung derselben nicht nur für Dich und Deine Familie, sondern für Volk und Staat von höchstem Wert sind. Wie unlieb es mir wäre, daß die Druckung der Klarstellung noch mehr verzögert worden wäre, hätte ich in keinem Fall gewünscht, daß Du deswegen Dich gesundheitlichen Ge­fahren aussetzest. Ich hoffe, daß die kleine Reise nicht ge­schadet habe und Kraft und Mut Dir wieder gewährt und gesichert bleiben. Den Abfall Feursteins habe ich geahnt und ihm gestern einen Brief geschrieben, der in seiner Seele noch lange nachklingen dürfte. Wenn er wirklich Dein Freund bleibt, möge er Dir ihn mitteilen. Es ist gut, daß er fort ist, denn in Wahrheit war er uns nur eine Fessel. ­Wenn ich heut und morgen keinen Brief von Dir oder Feur­stein erhalten hätte, wäre ich auf und zu Euch gekommen.

Jetzt bin ich wieder ruhig und heiterer Seelenfrieden lagert sich, Gott sei Dank, auf meinem Geist. ­Ich gebe zugleich mit diesem Brief einen an Stettner auf die Post.

Ich gratuliere Dir zu den in Aussicht stehenden Erfolgen der Sonderlinge. Die Annonce in der Allgemeinen war mir ein Labsal und machte hier viel Aufsehen. Die Herrn des Tages werden stutzig und lauschen schon auf jedes Wort, das unseren Lippen entgleitet. Es ist merkwürdig, in wieviel Sachen man sich auf unsere Autorität schon beruft. Die Klar­stellung dürfte merkwürdige Erscheinungen zutage fördern. Ich halte dafür, wir sollen die Wirkungen derselben und allenfalls auch die der Sonderlinge für unsern weitern Opera­tionsplan abwarten. Das sind zwei kecke Würfe und können für uns entscheidende Erfolge haben. Es ist möglich, daß wir den Karl Ganahl soweit gewinnen, daß er seine Zeitung uns zur Verfügung stellt oder zu einer andern uns mitver­hilflich ist. Ich bin einverstanden, mit ihm und Kunz einen Versuch wieder zu machen, aber wir wollen wenigstens noch die Wirkung der Klarstellung abwarten. Eine bringt dann das andere. Wir dürfen aber die Klerikalen nicht aus dem Kalkül lassen. Unter diesen wird es zu großen Gärungen kommen, wenn - noch ein Funken Gesundheit in ihnen steckt. Sie werden uns entweder zu Ketzern machen oder uns entgegen kommen. Wir werden sehen. -

Ich danke Dir sehr für Deinen Eifer und preise mich glücklich, zu gleicher Zeit mit Dir die Erdenbahn zu durchwandeln. ­Eine mündliche Besprechung wird gut sein und ich glaube, es ist nützlicher, daß Du herauf-, als daß ich hineinkomme. Du kommst in die Welt und ich käme abseits, wir könnten dann vielleicht miteinander zu Kunz etc. Du bist willkommen, wann Du kommst, aber schau auf Deine Gesundheit, das Wetter  etc.   Die   Ministerkrisis   ist  fertig,   die  Weltwende räuspert. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

K. Moosbrugger