KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
222
21. August 1866

Lieber Freund!

Dein wertes Schreiben vom 30. d. Ms. fordert mich auf, über Deinen in demselben angedeuteten Standpunkt mich zu äußern. Du sprichst von einem zu gebärenden Schmerzens­kind und davon, daß Du, um aus dem verdammten Dreck zu kommen, ins Walsertal wolltest, hienach halte ich Deinen Standpunkt für einen etwas sentimental schwächlichen. Ein starker Mann bewältigt den Schmerz und flieht nicht vor einem Dreck. Doch das war Stimmung und Du wirst dich finden. Seien wir praktisch!

Vor allem müssen wir, um geistigen Fortschritt und Freiheit zu sichern, uns eine solide materielle Basis verschaffen. Da müssen wir besonders in dieser Zeit der Krisis, wo die Fäden unserer Zukunft gesponnen werden, aufmerksam und tätig sein. Für uns und unser Ländchen sind nun die Milcherzeug­nisse unbestritten der Brotkorb. Beim Abtreten Venetiens an Italien verlieren wir wieder eine Hauptprovinz unsers Käs­absatzmarktes, und was wir noch dahin bringen, wird verzollt werden müssen, wenn wir uns nicht rechtzeitig rühren. Die österreichische Monarchie kann unser Produkt nicht mehr bezahlen, da sie in der Konsumationsfähigkeit zu weit zurück­gekommen ist. Wir müssen unbedingt ausländische Märkte haben. Unsere Industrie ist glücklicherweise in der Lage, daß sie keine Konkurrenz zu scheuen braucht, indem sie nicht beliebig vermehrt werden kann und unsere Sennen für tüch­tige Weiterentwicklung sorgen. Wir müssen daher von Haus aus freihändlerisch sein. Du wirst wissen, daß der Kampf zwischen Freihändlern und Schutzzöllnern auch in Österreich seit Jahren gekämpft worden und so heftig als je fortbesteht. Unsere Fabrikanten sind durch den hohen Schutzzoll ge­worden, was sie sind, und sie beharren auf demselben mit aller Energie privilegierter Leute. Denselben ist es recht, wenn Österreich sich ringsum abschließt, weil sie ihr Privilegium und ihren Markt (Die Monarchie) so am leichtesten behaup­ten. Unser Interesse ist das entgegengesetzte und unsere Lage daher eine sehr ernste. Wir müssen sie uns um jeden Preis klar machen, sonst gehen wir der Versumpfung entgegen. Die Fabrikanten sind, wie die Kinder des Lichtes, sehr wach und rührig, lernen wir von ihnen. Ich schicke Dir in der Anlage eine Nummer der Feldkircher Zeitung (Fabrikantenblatt) und einige Korrespondenzen, nach deren Lesung und Prüfung Dir vieles und namentlich unsere Lage zur Handelskammer für Vorarlberg klar werden wird. Ich füge nur bei, daß Kunz meine Korrespondenz nicht veröffentlicht hat und es nach meinem letzten Schreiben, da er nun klar weiß, wo ich hinaus will, auch nicht tun wird. Er hat mir auch gar nicht mehr geantwortet, was ich natürlich, d. h. lagegemäß finde. ­Wir müssen nun etwas tun und einen Feldzugsplan ent­werfen. Vor allem ist aber genaue Kenntnis des Operations­terrains notwendig. Das Studium der Handels- und Zoll­verträge ist unsere erste Aufgabe, und zwar ist Italien und der Zollverein ins Auge zu fassen. Nach dem Zollverein müssen wir aufgrund des Handels- und Zollvertrages vom 11. April 1865 für Käse 1 Taler 20 Sgr. und für Butter 1 Taler 10 Sgr. per Zentner Eingangszoll bezahlen und nach Italien aufgrund älterer Stipulationen, die ich noch nicht habe, etwas mehr. Dies ist das Wichtigste und genügt zu einer vorläufigen Agitation, fürs weitere werde ich die Verträge, wenn nicht die bevorstehenden Friedensschlüsse anderes notwendiger machen, beischaffen. Wenn es uns gelänge, den Zoll weg­zubringen, würde unser Produkt gerade um den Zoll teurer verkauft werden können und - in Silberländer. Du siehst, wie wichtig die Sache ist. Ich halte die Durchführung nicht für unmöglich, nur müssen wir gehörig auftreten. Wenn die größern Käsindustriellen sich zusammentun und eine gut auf­gesetzte Schrift beim Handelsministerium überreichen und wenn es ihnen gelingt, die Augen der Regierung auf unsere Industrie zu lenken, kann es gehen, da die Ausländer unser Produkt gut brauchen können und, besonders in Italien, keine eigene Industrie gefährdet wird. Warum wir bisher so schlecht davonkamen, das kannst Du in meinem letzten Schreiben an Kunz ersehen. - Ich glaube vorderhand über diesen Punkt nicht mehr sagen zu sollen, da ich von Deiner Tüchtigkeit und Rührigkeit die geeigneten weitern Schritte erwarte, und füge nur bei, daß schnelles Handeln uns bei den Friedensschlüssen schon nützen könnte, wie es den Fabrikan­ten allem Anschein nach auch schon genützt hat. Eine Eingabe bei der Handelskammer (höflich) wäre sicher am Platz. ­Der Bezirksvorsteher ist immer noch krank, sonst würde ich eine Agitationsreise in den Bregenzerwald für lohnend und geboten erachten, so aber ist es rein unmöglich, wenn ich meinen Posten noch behalten will. Geh nach Bezau, Dein Freund Feurstein wird die Lage auch so beurteilen. - Übrigens habe ich am 16. d. Ms. (Zahl 6) wieder ein gesundes Kind erhalten und heißt: Maria Katharina. Die Theres ist wieder gut hergestellt. Der Brief des Schneiders Natter hat mich sehr gefreut und sein Objektivismus ist mir besonders sympa­thisch, der Mann kann es weit bringen. Isabell macht sich immer besser und ersucht Dich, freundlich grüßend, ihr das Regendach und eine noch dort befindliche Juppe, welche man aber noch dahin reparieren müsse, daß man aus der Weite nehme und an die Länge setze, je eher zu schicken. Besorge dieses, wir werden schon zahlen. Dein übersendetes Gedicht liest sich leicht und angenehm, doch erscheint es mir fatalistisch, und die „Weisen" unter uns wandern doch nicht gar so leicht durchs Leben. Warum soll man sie zu etwas Unmöglichem auffordern! ­Da, wenn Kunz recht hätte, die von mir gewünschte Agitation nicht notwendig wäre, will ich, wenn Du von der Richtigkeit meiner Auffassung des Standpunktes der Handelskammer nicht überzeugt sein solltest, zu den in der Korrespondenz angeführten Gründen den definitiv entscheidenden Grund anführen:

In dem Handels- und Zollvertrag vom 11. April 1865 (Reichs­gesetzblatt Nr. 32 Stück X), welches der letzte und fortge­schrittenste derartige Vertrag ist, den Österreich abschloß, erscheint Fettkäse und Butter unter der Rubrik „Mehl, Mahl­produkte und andere Verzehrungsgegenstände" und sind darunter Zollgegenstände von a bis k angeführt und es ist dies die 21. Rubrik, der noch 15 folgen. Meine Behauptung, daß das Ministerium Käs nicht zu den Manufakten rechnet, ist daher offenbar richtig. Übrigens wirst Du herausfinden, wie sophistisch und ordinär Kunz manövriert. Wenn Du zum Feurstein gehst, den ich freundlich grüßen lasse, kannst ihm meine Korrespondenz, die Kunzsche und diese zeigen oder zur Information vorher zuschicken, nur sorge dafür, daß sie nicht verloren geht, da ich noch in die Lage kommen kann, sie zu brauchen. -

Eben lese ich in einem Wiener Blatt, daß bei den Friedensver­handlungen mit Preußen ausgemacht sei, den Zollvertrag von 1865 provisorisch wieder gelten zu lassen, bis ein neuer ver­einbart wird. Voraussichtlich wird derselbe mehr zum Frei­handel neigen, auch Italien ist vorherrschend freihändlerisch, und wir haben unsere Gegner jedenfalls mehr in Österreich als draußen, und wenn das Gerücht, daß Freiherr von Hock das Finanzministerium erhalte, begründet ist, dann stehen unsere Aktien gar gut, obwohl das jetzige Ministerium schon uns gern hören würde. Die Ungarn sind auch auf Seite des Freihandels. Wir haben daher, wenn wir uns rühren, nicht bloß die Möglichkeit, sondern die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges für uns. Darum frisch ans Werk! Ein Erfolg in dieser Richtung würde unsere Assoziations­bestrebungen natürlich auch unterstützen und unsere Wälder würden mit einem Ruck mitten in die Bestrebungen der großen Welt eingeführt und ihre Stellung in derselben dann leichter und klarer erkennen. Ich rufe daher nochmals „prak­tisch"! und hoffe, daß ich nicht umsonst rufe. Wenn Du Dich als tüchtiger Praktiker bewährt hast, dann wird auch Dein literarisches Wirken (Theorie) erst recht praktischen Erfolg haben. Wenn wir praktisch sind, ersparen wir uns die Schmer­zenskindschaft und durchbrechen leicht die Schranken, die nur für Theoretiker, nicht für Praktiker solche sein und bleiben werden. Wir sind und bleiben Deutsche trotz Nikols­burg und Prag und unsere Taten sollen uns als solche kenn­zeichnen. Nur keine Kleingeisterei, wo sie nicht schon ist. Bauen wir ein festes, deutsches Haus, und Ehre ist es, beim Brotkorb anzufangen. Hast Du das Wahlgesetz Bismarcks für die norddeutsche Union gelesen? Bei einem Volk, in dessen Mitte solche Gesetze von oben kommen, braucht man nicht zu schmerzeln. Unsere Fahne, die Lassallesche und die des Schneiders Natter, flattert ja lustig, und der Weltdrang hat sie geboren, sie ist auch für uns da. In diesem Zeichen werden wir siegen, wenn wir praktisch sind. Doch zu was viele Worte, sei ein Mann und handle!

Sobald Friede ist, werde ich den Demokraten auch bestellen und ersuche Dich, die seit April erschienenen Nummern mit oberwähnten Sachen zu senden.

Mein Bruder Jakob ist Götte meiner Tochter Katharina, be­nachrichtige ihn daher ehetunlichst von ihrer Geburt. Die Theres bekam nach der Geburt Blutfluß und Krämpfe und es war ein Glück, daß Doktor und Apotheke gleich bei der Hand waren, die rechten Mittel zu bieten, sonst hätte sie aus ihren Ohnmächten vielleicht nicht mehr erwachen können. Jetzt habe ich, Gott sei Dank, wieder ein munteres, gutes Weib und ein Mikle dazu, das wirklich ein Mikle ist. Grüße mir alles und schreibe bald viel Gutes und Schönes Deinem Freund

K. Moosbrugger