KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
181
10. April 1866

Lieber Freund!

Ich beeile mich, Deinen letzten Brief zu beantworten und Dich wieder in den Besitz Deines Kleinodes (Hildebrand'scher Brief) zu setzen. -

Weil Du sagst, daß die Wälder sich jetzt anders zeigen, als ich sie mir gedacht habe, werden sie wohl schon eine Sub­skription eröffnet und einen jungen hoffnungsvollen Mann zur Erlernung des Handelsgeschäftes aus ihrer Mitte entsendet haben. Warum vorenthältst Du mir Mitteilungen hierüber? Ist etwa noch nichts Derartiges geschehen? Dann, mein Freund, sind die Wälder noch wie ehedem und wie ich sie mir denke.

Die Statuten der jüngst entstandenen südtirolischen Wein­handlungsgesellschaft wären für die „Wälder Käshandlungs­gesellschaft" gewiß fachdienlich. - Es freut mich, wenn Du einen tüchtigen Verleger für Dein Werk findest. Ich zweifle auch nicht, daß dieses ein wertvoller Beitrag zur Völker­(Volks)kunde Deutschlands ist. Meine ausgesprochene Ansicht über den ersten Teil wird mein Urteil diesfalls außer Zweifel setzen. Ich halte nicht dafür, daß eine Durchsicht meinerseits, selbst in dem Falle, als Du über allenfallsige Bemängelungen Änderungen vornehmen würdest, den Wert des Werkes heben könnte. Was nach meiner Ansicht als gut vorgeschlagen würde, könnte nach der Anlage des Werkes nicht gut sein. Für welche Ideen das Werk eintreten sollte und auf welcher Seite der Kämpfenden in Deutschland ich Dich sehen möchte, ist aus meiner Kritik des ersten Teils zu ersehen. Die Grund­idee ist die Hauptsache, und nur dieserwegen, glaube ich, könnte eigentliche Meinungsverschiedenheit zwischen uns obwalten. In der Ausführung bist Du unzweifelhaft stark genug. Die Grundidee wirst und kannst Du, wenn Du nicht auf Dein Selbst verzichten willst, natürlich nicht ändern. Eine Durchsicht meinerseits kann daher füglich unterbleiben und hätte umso weniger Zweck, als ich kein Mann von Fach bin. ­Über den Brief des Hildebrand freue ich mich insofern, als Dir ein tüchtiger Verleger in Aussicht gestellt wird. Diese Aus­sicht kann allerdings einem jungen Schriftsteller selbst einen trüben Wintertag zu einem schönen machen, und ich hoffe, daß dies auch der eigentliche Grund der aufgegangnen Schönheit ist. Dieser Hoffnung mischt sich aber wieder eine jener ähnliche Furcht über Deine Richtung bei, die bezüglich deines Werkes in meiner Kritik des ersten Teils berührt wurde. Es zieht Dich nach Norden und zieht Dich nach den Landen des Herrn Hildebrand. Ja, ja, deshalb wirst Du diese Mißgestalt eines deutschen Mannes gar nicht als solche er­kennen, die Liebe macht blind. Du siehst vielleicht gar nicht, wie dieser Mann in seiner Herablassung gegen Dich den Hochmütigsten der Hochmütigen, den echten Bourgeois ver­rät. Er und die ändern Studierten brauchen Euch Bauern zur nationalen Wiedergeburt Deutschlands; es handelt sich bei seiner Befreundung (beileibe nicht Freundschaft) mit Dir darum, das lange entfremdete Süddeutschland (erkenne Dich, Du bist eigentlich Süddeutschland) für das Deutschland der Zukunft (Dr. Hildebrand) zu gewinnen. Ja, ja, der große Riß zwischen Gebildet und Ungebildet muß dadurch behoben werden, daß die Ungebildeten den Gebildeten zum Gebrau­che überliefert werden (merk's Bauer!), dann wird das See­lenblut erneuert und wir werden wiedergeboren. Wie herr­lich diese Wiedergeburt eines deutschen Professors durch ein Wälderbäuerlein! Lade mich doch zum Geburtsschmaus. Die von Lassalle im Julian Schmidt beschriebene Gedanken­- und Haltlosigkeit der heutigen Literaten wird ohne Zweifel von der in diesem Hildebrandschen Brief übertroffen, und mehr Hochmut und Dünkel kann ich mir kaum denken. Den die Bourgeoisie beherrschenden Gedanken, daß der gemeine Mann ihr dienstbar werde, kann man wohl nicht plumper aussprechen als Hildebrand dies auf gemütlichste Weise getan hat. Nur zu, ihr Bourgeois's der Feder und des Geldsackes, erbaut Euch an Altertümern (Deinen neuen Befreundeten erfreute eigentlich nur das Altertümliche!! in Deinem ersten Buch), während die Gegenwart zum Gericht über Euch sich rüstet. - Also mit einem gemischten Gefühl sehe ich auf Deine Richtung. Möge Dein Werk dasselbe zu einem freudigen und frohen verwandeln! Du darfst herzhaft die Richtung Hildebrands, Freytags etc. bekämpfen und doch von ihnen Dich unterstützen lassen. Das ist ja der schönste Triumph, sich den Gegner dienend zu machen. Möge das bei Deiner Be­freundung mit Hildebrand der Fall sein und mögest Du vom Norden nur deshalb Dich anziehen lassen, um ihm die längst erwiesene Überlegenheit des Südens wieder zu zeigen. Deine Heimat und Dein Vaterland wird dann nicht bloß Dein Ge­schick, sondern auch Deine Treue ehren und anerkennen. ­Es würde mich sehr freuen, wenn Du bald herauf kämest und den Demokraten mitbrächtest. Diesen werde ich jedenfalls mit Freuden wieder verfolgen. In 6 bis 8 Wochen werde ich Weib und Kind und die Isabella auf Warth und Krumbach tun und dann auf einen Sprung zu Euch kommen. Du sollst aber vorher noch herauf kommen. -

11.4.1866

Eben lese ich in der Allgemeinen Zeitung, daß in Frankfurt bereits Reform des Bundes und Einberufung eines deutschen Parlaments auf Grund allgemeinen Stimmrechtes mit direkter Wahl von Preußen beantragt worden ist. Ob dies Dir wohl Anlaß geben wird, die Lassallesche Fahne höher zu achten, als dies bis nun der Fall gewesen zu sein scheint? Jedenfalls wird die Wiedergeburt Hildebrands nun beschleunigt wer­den. -

Beiliegenden Brief schicke an die Adresse. Mit tausend Grüßen

Dein Freund

K. Moosbrugger

12.4.1866

Weil ich noch ein halbes Stündchen frei erhalte, will ich weiter plauschen: Ich habe diese Zeit her bisweilen einen harten Stand gehabt, weil ich mit den Bourgeois hier öfter politi­sierte. Meine Sympathien mit dem demokratischen ungari­schen Unterhaus riefen manchen Konflikt hervor. Ich habe bis nun nur einen einzigen Mann hier für viele meiner An­sichten gewonnen, dafür aber ist er der intelligenteste in Bludenz, der Verfasser der Vorarlberger Landtagsadresse. Er und ich sind auch die einzigen, denen der Bismarcksche Antrag in Frankfurt Freude gemacht hat. ­Ich habe jetzt einen kleinen Krieg mit den Finanzbehörden wegen zu hoher Gebührenbemessung für unser Krumbach. Er ist für unser Land von Bedeutung, denn wenn die Finanz­behörden Recht behalten, wird man in Hinkunft viel mehr Taxen zahlen müssen. Mein 2. Rekurs ist jetzt in Innsbruck. Ich werde nach Beendigung des Streites die Akten wahrschein­lich dem Vorsteher in Au schicken, der um die Sache weiß und sich drum interessiert.

K. Moosbrugger