KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
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10. Januar 1866

Lieber Freund!

Unserer Verabredung gemäß folgt nachstehende Mitteilung über meine Heimfahrt von Warth: Nach Durchwatung einiger Schneerutsche und Rücklegung einer Wegstrecke von zirka 1/2 Stunde merkte ich, daß ich die Reisetasche in Warth ver­gessen hatte. Ich fand es nicht der Mühe wert, zurückzu­schicken, und wir gingen munter und vergnügt ob des Him­mels freundlichen Gesichtes vorwärts. An allen gefährlichen Stellen war der Schnee schon herunten und am Lech erfuhren wir mit Staunen, daß es am Montag abends zwei Männer am Flexen schon verlawinet habe, die aber beide bald wieder frei gemacht worden sind. Gestern war natürlich nichts zu fürchten und wir schritten heiter der Stuben zu. Mich ärgerte nur, daß die Stiefel (Überleder) das Wasser des geschmol­zenen Schnees durchließen, weshalb ich am Lech schon meine nassen Socke gegen trockene des Wirtes umtauschte und in Stuben die eingetauschten von der freundlichen Wirtin wieder trocknen lassen mußte. In Stuben erfuhren wir, daß es auf dem Arlberg am Montag abends 23 Pferde und einen Mann mit Schnee überschüttet und eingemacht habe und daß der Mann nur mit genauer Not noch gerettet werden konnte. Wir erfreuten uns unserer Handlungsweise, wonach wir am Montag das Montagsgeschäft (Hochzeit) und am Dienstag das Dienstaggeschäft (Heimreise) vorgenommen haben. Wir erkannten, daß alles zur rechten Zeit getan sein will. Von Lech zur Stuben war ein leidlicher Weg, da die Lecher mit Schlitten um Proviant gefahren waren. Am Flexen waren schon große Schneemassen zusammengerutscht. In Stuben kamen [wir] nach 12 Uhr an, und weil mein bestelltes Fuhrwerk nicht dort war, benützten wir ein anderes, und halb beim Klösterle kroch uns das meinige dann entgegen. In Dalaas traf ich die Theres und den Julius bei meiner Tante Marie und wir blieben noch bis ca. 6 Uhr. Als wir aufbrachen, fing es an zu schneien und zu winden und das Unwetter vergrößerte sich derart, daß das Pferd nicht mehr vorwärts wollte. Das war in stockfinsterer Nacht bei eisiger Straße der unan­genehmste Moment auf meiner ganzen Reise. Beim nächst­erreichbaren Wirtshaus kehrten wir ein und warteten das Unwetter ab. Nach 8 Uhr kamen wir dann gesund und wohlerhalten heim. In Bludenz hatte es gar nicht geschneit, und merkwürdiger Weise konnten wir mit dem Schlitten bis Bings. Daheim nach gehöriger Labung und Wärmung erzählte mir mein Weibchen, daß es nachts vorher mit dem Himmel geweint, statt geschlafen habe. Während meiner Abwesen­heit ist hier ein Kanzlist (Lutz) gestorben. Mit freundlichem Gruß Dein Freund

K. Moosbrugger