KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
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16. März 1865

Lieber Freund!

Dein Schreiben vom 7. d. M. brachte mir die erste Nachricht, daß Du bedeutend krank gewesen. Ich beeile mich, Dir meine große Teilnahme auszusprechen und zugleich zur Besserung Glück zu wünschen. Ich muß gestehen, daß ich nach Deinem Brief und nach dem Zustand, in dem ich Dich das letzte Mal traf, der Meinung bin, Deine Krankheit habe ihren haupt­sächlichen Grund in psychischen Vorgängen. Du konsumierst durch Denken und Studium zu viel Lebenskraft. Alles Über­maß schadet. Man kann auch im Guten zu viel tun. Eigne Dir eine große Portion Leichtsinn an. Mache, daß Dir alles wieder Wurst und nicht Knödel ist. In Bälde wird Dir dann, wie die Wurst, so auch Schoppernau wieder lieb und wert sein. Es ist gewiß ein krankhafter - überreizter - Zustand, wenn Du in dem schönen Bregenzerwald und in Deinen glücklichen Ver­hältnissen unzufrieden bist. Gegen dieses Gefühl, das Dir Deine Umgebung widerlich macht, sollst Du ankämpfen. Versöhnung und Harmonie soll Dein Losungswort sein. Lieber gar keine Gemütsstimmung - total gleichgültig - als Galle im Herzen. Galle frißt und nagt an der besten Lebenskraft. Lesen sollst Du deshalb doch, aber weniger die aufreizenden Tagesblätter als wahre, erhabene Kunstprodukte. Ein behag­licher Kunstgenuß führt Deiner Seele mehr Lust und Kraft zur Tagesarbeit zu als selbst 20 Zeitungen. Lerne die Lust der Behaglichkeit kennen und genießen. Laß Dir wohl sein, wie David und Salomon, und lustwandle in ihren herrlichen Poesien. Laß keinen Kummer und keine Sorgen, insbesonders aber keinen Ehrgeiz Deinem frei gemachten Herzen nahen. Mach Dich frei von diesen Schwächen der armen Menschheit und Deine Körperschwäche wird Dich auch verlassen. Du siehst, ich mute Dir durch eine negative Operation dasselbe zu, was Pater Zeno durch eine positive bewerkstelligt. In der Tat halte ich dafür, daß die Verschiedenheit des Rezepts nur von der ungleichen Krankheit der Patienten herrührt. ­Bei mir ist alles wohlauf und das Zeug zu einer Julia oder zu einem Augustus allerdings vorhanden. Der Sozialdemokrat wird wohl in Österreich nie verboten werden. Das offizielle Organ unserer Regierung, die Wiener Zeitung, läßt zwischen den Zeilen die Lesenskundigen bereits herauslesen, wie drückend ihr die Herrschaft der Reichen unseres Bürger­standes bereits ist. Die Lassalleschen Lehren sind ihr durchaus nicht zuwider. - Eine Magd werden wir vorderhand aus dem Wald nicht nehmen, weil wir es mit der alten fortprobieren wollen. Anfangs nächsten Monats ziehe ich ins Oberdorf hinauf, wo ich viel mehr Platz haben werde, zu Franz Höfel, wo Du mir jeder Zeit lieber und werter Gast sein wirst. Ich wünsche Dir und dem Wible alles Gute aus Euern körperlichen Leiden und wir grüßen alle aufs freundlichste.

K. Moosbrugger