KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER

lfndenr: 
677
26. Februar 1869

Lieber Freund!

Ich danke Dir für Deine Glückwünsche. - Ich bin voll Teil­nahme bei den Leiden, die Deiner Seele aus dem Gefühl der Vereinsamung noch immer erwachsen. Offener Blick auf das harmonische Weltganze, unbedingte Unterwerfung unter den Willen jenes Herrn, dem Welt und Völker sich fügen, freier Verzicht auf Aktivität der Seele, der das Einströmen göttlicher Kräfte ermöglicht /: Bereitlegung der Seele für Gnaden Gottes :/ dürften wohl Mittel sein, Dir das Gefühl des Verwachsenseins mit Gott und seinen Getreuen zu geben, neben welchem jenes Leidensgefühl nicht mehr Platz hat. Menschliche Teilnahme, die Du bei allen Gebildeten unsers Volkes finden wirst und findest, ist etwas, ist viel und kann Dir zeitweilig gute Dienste tun, entscheidend und glück­bringend ist aber nur die Teilnahme des Einen, durch den wir sind und ohne den wir nicht bestehen können. Als man dem Sokrates sagte, er solle für Vermögen seiner Kinder sorgen, erwiderte er, der die Xanthippe zum Weib hatte, ent­weder wandeln sie die Wege des Vaters, dann brauchen sie kein Vermögen, oder sie wandeln andere Wege, dann sollen sie sich auf ihren Wegen forthelfen. - /: Dem Sinn nach zitiert :/ Diese Predigt, die wohl, wie ich wünsche, über­flüssig und nicht am Platz ist, soll meinen Standpunkt dartun gegenüber einigen Stellen Deines werten letzten Briefes, worin ein freundschaftlicher Tadel meiner Haltung enthalten ist. Mögest Du hieraus auch entnehmen, daß das, was ich über den Hamm'schen Brief sagte, nicht als „Verübelung Deiner Freude am Erfolg" zu deuten ist. ­Was Du von dem Denkmal für Dein Wible in Deiner Bio­graphie sagst, erzeugt in mir eine Scheu, diese Biographie im Manuskript zu lesen, die Blutsverwandtschaft und das Familiengefühl werden Ursache sein. Es ist mir daher lieber, wenn Du das Werk nicht schickst. Ob Du es veröffentlichst oder nicht, ist lediglich Deine Sache. In jedem Fall soll es als Erzeugnis des deutschen Volks- und Kunstlebens objektiv gegeben und erfaßt werden. Objektiv gegeben wird es sein, objektive Erfassung ist eher möglich, wenn das Werk vom öffentlichen Markt kommt. -

Zu der Sendung von Holland und den Nachrichten von Wien wünsche ich Glück. -

Die Augusta ist nun wieder fort von uns, nachdem sie mir bereits Sorgen gemacht, sie stiftete mit ihrem emanzipierten Wesen noch viel Unheil in meiner Familie. Die Theres hatte wegen ihres Antagonismus in der Kindbett viel zu leiden, ist nun aber wieder ganz gut. Jetzt hätte ich für Dich wieder Bett und Platz, und können die Kinder bald ins Freie, weshalb ich in der angenehmen Lage bin, Dich zum baldigen und beliebig langen Besuch einzuladen, ohne daß mir die Furcht kommt, ich könne nicht entsprechenden Aufenthalt gewähren. Wenn Du etwa das interessante Montafon näher kennen lernen wolltest, kann ich auch gute Wohnung und Pflege bei meinem Schwager oder der Schwägerin verbürgen. ­Daß die Isabell von uns fort will, davon weiß ich nichts. Wenn Dir das Mötele die Mariann nicht lassen will, so appelliere einfach an letztere, die wohl über sich selbst, ohne das Mötele oder ihren Vater verletzen zu müssen, verfügen kann. Wenn das Mötele meint, es komme zu kurz, sage ihm, es soll sich an mich wenden, ich wolle es entschädigen. ­Ich habe vor längerer Zeit an meinen Bruder Jakob und den Schröcker Wirt in wichtigeren Tannberger Gemeindesachen geschrieben und weiß nicht, ob die Briefe bei den schlechten Postverhältnissen abgegeben worden, frage gelegentlich nach und schreibe dann, ob ja oder nein. -

Im 4. Heft d. Js. der Historisch-politischen Blätter ist ein Dr. Delff anläßlich einer Besprechung des Philosophenkon­gresses in Prag mit originellen, kräftigen Gedanken aufge­treten, die es verdienen, beherzigt zu werden, und nament­lich uns Österreichern und Katholiken von großem Wert sein können.

Hier nichts Neues und alles gesund.

Schreibe bald wieder oder komme bald.

Mit Gruß und Handschlag

Dein Freund                                                   K. Moosbrugger