AN JOSEF NATTER IN UNTERÄGERI/SCHWEIZ

lfndenr: 
413
12. September 1867

Lieber Freund!

„Ein Bauer in Leipzig." So könnte schlechterdings die Auf­schrift eines pikanten Gartenlaube Artikels lauten der über meine letzten Erlebnisse Bericht erstatten wollte. Doch jetzt schreib ich einen Brief und hier dürfte vielleicht genug sein, die glückliche Wiederkehr in die Heimath zu melden. Ich kam in jeder Beziehung reicher und die Reise mit Freund Hilde­brand, welcher mich in Schoppernau abholte, wird mir fürs Leben ein hoher Gewinn sein, dessen Zinsen meinem künfti­gen Schaffen zu gute kommen müssen. Was der Menschen­geist sich in Jahrhunderten errang, ich hab es genossen, hab mich erfreut am Größten, am Schönsten und bin nun neu­kräftig von der Quelle zurück, voll Muth an alles was immer kommen mag. Ich habe so recht das Gefühl gewonnen, daß ich letzten Frühling in meinem berühmt gewordenen Grenz­bothen Artikel „Zwei Geburtstage" meine Stellung sehr rich­tig bezeichnete. Doch da fällt mir eben ein, daß Du davon ja vermuthlich noch gar nichts weißt. Wars mir doch in der letz­ten Zeit rein unmöglich, allen an mich gestellten Anforderun­gen zu genügen. Gott, mir wird ordentlich bang, wenn ich die Menge Briefe sehe, die noch gar nicht - geschrieben sind. Und nun auch noch die Aufträge von Zeitungsredactionenü Und mein Roman! Du siehst, daß an das Heuen kaum noch zu denken ist, besonders da mir auch die nun konstituirte Käshandlungsgesellschaft neuen Muth zu ähnlichem Schaffen giebt.

Die Aufnahme der Sonderlinge ist im Ganzen eine Günstige. Es dürfte nächstens eine neue Auflage nötig sein. Das Urtheil der Landeszeitung laßt sich hören. Die Ultramontanen schei­nen das Werk mit Verständniß zu lesen und mich als Katholi­ken würdigen zu lernen. Wir können es noch erleben, daß Rüscher auch von seiner Partei aufgegeben wird. Die Beweise freilich behalte ich einstweilen für mich. Es dürfte Dir für jetzt genügen, zu erfahren daß ich meinem Ziele mit Riesenschrit­ten näher gekommen bin und gerade meine Feinde haben hiezu mehr beigeholfen, als sie als Freunde im Stande gewe­sen wären. Verdruß ist auch ein Theil des Lebens. Jetzt sind wieder Neuwahlen für die Gemeinden ausgeschrie­ben. Draußen in Vorarlberg sind die Wahlen bereits vorüber und die geheime Abstimmung hat gar wunderliche Resultate zu Tage gefördert. So z B sind die Dicken in Bludenz mit Glanz - durchgefallen und Posthalter Wolf (Socialdemokrat) ist Bürgermeister von Bludenz. Hier freilich rührt es sich weni­ger und nur die Frommen wollen bei uns andere Vertrettung. Ich lache, denn ich komm erst diese Woche von Leipzig und Du glaubst gar nicht, wie kleinlich mir solch Getriebe vorkommt, seit ich dort größern Volks- und Arbeiterver­sammlungen beiwohnte, seit ich Männer mit Klarheit und Verständniß über Fragen reden hörte, welche für sie die wich­tigsten sind, und deren Lösung erst da recht als Bedürfniß empfunden wird. Erwarte daher nicht daß ich Dir heute in aller Eile den ganzen elenden Dorfklatsch auftische sammt allem was drum und dran hängt und nicht werth ist, auf so schönes weißes Papier geschrieben zu werden. Wahrhaft rührend ist mir das tiefe Interesse, welches Deine Base Mariann für meine Angelegenheiten gewann, Noch gestern war es hier und sprach den Wunsch aus, recht bald einen Brief von Dir zu erhalten. Es werde Dir gelegentlich schreiben. Die tägliche Post ist nun ausgeschrieben u die Bewerber haben sich gemeldet wer weiß ich nicht so genau da ich damahls nicht hier war. Sonst wenig Neues von Bedeu­tung; die Hochzeiten, von denen man jetzt redet werden wol alle noch im Gerede sein wenn Du wieder kommst. Man nennt den kleinen Schuhmacher, das Metzgerle, Koarado­buobo usw. Der letztere beginnt sich denn doch etwas einzu­wäldern. Unser Ländchen war heuer von vielen Reisenden besucht - Auch Bergmann war hier - gerade zur Zeit, als ich in Leipzig weilte. Von Zeit zu Zeit entsteht auch das Gerücht, Rüscher gehe fort; da es aber die gewünschte Wirkung nicht mehr thut, wird es gar bald wieder still. Überhaupt scheint dieses fromme Treiben mit der Zeit auch ändern Leuten lächerlich oder verächtlich zu werden.

Kunz Feldkircher-Zeitungsmacher ist nach Amerika ich traf ihn den letzten Abend in Leipzig auf dem bairischen Bahnhof. Das Blatt wird vom 1 Oktober ab vom Gaßner, dem Bruder von Vorstehers Magd herausgegeben. Albrecht ist in Dornbirn und kommt zuweilen heim, um beim Heuen zu helfen. Doch nun bin ich zu Ende für jetzt. Leb wol Es grüßt Dich den Strolz u alle Wälder

Dein Freund Felder