AN JOSEF NATTER IN NEUÄGERI/SCHWEIZ

lfndenr: 
389
12. Juli 1867

Lieber Freund

Seit ich fast immer am Schreibtisch sitze, bekommen meine Freunde nur selten noch einen Brief. Sie werden mir aber glauben und sich sogar noch darüber freuen daß ich so man­cherlei zu thun habe. Wenn manches nur etwas fruchtbarer wäre! Ich meine damit nicht meine Dichtungen, sondern ich denke an sehr traurige Wahrheiten. Ich bin nach Bludenz geflohen um geistig u. körperlich sicher zu sein, doch Du wirst ja davon auch im Bund gelesen haben. Auf Ansuchen des Gustav Freitag hab ich dann die ganze Hetze u. meinen Lebenslauf kurz zusammengestellt; der Artikel ist eben in den Grenzbothen erschienen. Auch sonst hab ich durch die Presse gewirkt, doch das gehört nicht aufs Papier - genug - es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Leider aber will unser Amt es mit dem Klerus nicht verderben und legt mir immer und überall Ketten an. Mann Gottes es gibt eine verfluchte Geschichte, wenn das Amt mich noch mehr ärgert, mich völlig zwingt seine Pfiffe an die große Glocke zu hängen wie Ichs jetzt könnte. Mir selbst schadet die Geschichte keineswegs ­gerade das war die rechte Illustration zu den Sonderlingen, drum haben auch meine Freunde so für Veröffentlichung gesorgt. Eine Recension soll eben die Europa gebracht haben. Hildebrand hat mir nur kurz davon gemeldet daß ich damit zufrieden u. froh sein dürfe. Er bringt sie wol selbst mit, denn Dienstag den 16 d M kommt er nach Schoppernau, da bleiben wir dann oder in der Gegend wenigstens bis ich am 5 August wahrscheinlich mit nach Leipzig wandere und fahre. Ich freue mich, dort manchen Freund zu finden. So hat mir der Germa­nisten Club zum Geburtstag, den ich in Bludenz erlebte, ein herrliches Gedicht „an den Dichter der Sonderlinge" überschickt aus dem ich Dir heut nur folgende Kraftstellen mit­theilen will

So wollt ich daß ich wäre

Dein vielgeliebter Wald

Ich schüttelt Dir zur Ehre

Die Tannenhäupter alt

Die Vögelein ließ ich singen

Die schönsten Melodein

Die solln Dir lieber klingen

Als schwarze Raben schrein.

Laß krächzen nur die Raben,

Sie brüten allerwärts

Laß krächzen nur wir haben

Für Dich ein treues Herz

Nie hat das Volk vergessen

Wers treu mit ihm gemeint

Blick auf - schon hats gemessen

Den Kranz für seinen Freund! -

Doch genug, Du siehst wol, daß ich mich dort wieder auf­richte wenn sie mich hier niederschlagen sollten. Ich bin aber nicht niedergeschlagen, sondern trotzig und wehe, wenn ich die mir zur Verfügung stehenden Schleußen benütze, das gesammelte Gift auszuleeren, daß es ihnen in die Galgenge­sichter spritzt. Meine Corespondenz dehnt sich mehr und mehr aus. Interessant dürfte Dir sein zu erfahren, daß ange­regt durch den Gartenlaube Artickel sich auch Leute aus dem Volk, die über ihre argen Verhältnisse hinausstreben an mich wenden und in mir weiß Gott was sehen. Ich hab leider beim besten Willen nicht Zeit mich mit allen zu beschäftigen und möchte lieber auch Ihre gegenseitige Bekanntschaft vermit­teln. Die Sonderlinge gehen gut und soll die erste Auflage nächstens vergriffen sein. Am stärksten verhältnißmäßig wird das Buch in Innsbruck gekauft - auch ein Zeichen der Zeit. Mit den Grenzbothen hab ich mir einen Platz erobert, von dem aus man überall hin kann, als Freund Hildebrand mir Freitags Ansuchen um Beiträge meldete rief er: Nun sind Sie in der Besten gesellschaft: ein Bauer in diesem Kreise, uner­hört! Nun ich bin begierig, mir das alles mal in der Nähe zu besehen.

Die Frommen hier platzen fast vor Ärger, weil sie mich nicht mehr gar so erbärmlich leben u. in anständigen Hosen herum­gehen sehen. Nu! Die verderben mir nichts mehr, sondern ihr Treiben wird mir nur noch nützen. Eben lese ich eine Bespre­chung meines Werkes in der Vorarlberger Landes-Zeitung. Sie ist mit Wärme und Sachkentniß geschrieben und im Ganzen außerordentlich günstig. Ich fange doch auch hier Boden zu gewinnen an mit Hülfe der Deutschen. Der erwähnte Artikel ist von R B[ayer] (Robert Byr). Die Allgemeine hat bei Ankün­digung meines Grenzbothen-Artikels meiner Sonderlinge vor­läufig nur kurz gedacht und sie ein vortreffliches Buch genannt. Daß der Verfasser der Klarstellung sich nannte und die Verfolger der Schrift in die Schranken forderte, haben auch die Schweizerzeitungen gemeldet denn auch in der Schweiz hab ich Freunde und nenne Dir heute nur den Natio­nalrath Dr Joos, der sich brieflich an mich wendete und mir, wie noch mancher, seine Unterstützung antrug. Doch darüber läßt sich besser schwätzen als schreiben. Zudem geht mein Platz mir aus und meine Zeit auch. Wir alle sind gesund. Koarado Buob läßt Dich grüßen. Die Deinen auch Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

F M Felder