AN JOSEF NATTER IN GENEUILLE

lfndenr: 
211
21. Juli 1866

Lieber Freund!

Endlich ist das Heu glücklich untergebracht und ich finde Zeit, Dir dein liebes Briefchen zu beantworten. Sei nur froh, daß Du keine Zeitungen zu lesen bekommst, denn das erspart Dir manchen Ärger. Die Preußen stehen hart vor Wien, der König von Sachsen ist landsflüchtig, der Kaiser zieht nach Ungarn. Venedig ist an Napoleon verschenkt damit er Öster­reich nicht ganz fallen lasse. Die Stimmung der deutschen Völker vermag ich kurz nicht zu schildern und sage nur so viel: Sogar die A. Allgemeine Zeitung wendet sich gegen die süddeutsche Großmacht. Eine Rekrutenaushebung unter den jetzigen Umständen wäre von der Regierung etwas gewagt. In der Schlacht bei Königsgrätz verlor unsere Nordarmee 100.000 Mann, usw usw.

Genug hievon! Daß meine Käsgesellschaft jetzt nicht zu Stande kommt, könntest Du dir wol denken wenn Du die Aufregung Deiner Landsleute sähest, jeden Sonntag ist mein Arbeitszimmer voll Zeitungsleser. Das macht mir Freude. Es ist wol die erste, vielleicht einzige gute Frucht dieses furchtbar­sten aller Kriege. Meine Korespondenz mit den Freunden in Leipzig ist unterbrochen. Es ist mir seit einem Monath nicht mehr möglich gewesen, einen Brief an Hildebrand zu bringen und doch sollte das höchst nötig geschehen. Ich wollte ich hätte mein Manuskript wieder da es wäre hier wohl sicherer als in Leipzig.

In der Norddeutschen Zeitung erhielt ich letz[t]hin einen län­geren Artikel aus Vorarlberg der eine Biografie Deines Freun­des bringt und den Sonderlingen schon im Voraus Freunde gewinnen soll. Über genanntes Werk äußern sich Kenner überraschend günstig. „Das" schreibt Hildebrand „das ist eine Bereicherung unserer Literatur, für die ich Sie umarmen, küs­sen möchte; so ganz realistisch und doch auch so ideal. Über­all hin begleiten mich jetzt Ihre Gestalten. Die Lösung ist vor­trefflich usw usw."

Das heißt: Es ginge ganz gut, aber es geht nicht, der Krieg verdirbt alles und nimmt einem sogar die Lust am künstleri­schen schaffen. Wenn Du mich fragst was ich denn jetzt wie­der thue so muß ich Dir antworten: „Ich ärgere mich." Wor­über? Das will ich Dir später sagen. Unser Pfarrer fängt an ungemein freundlich gegen mich zu werden, er sieht, daß er als mein Gegner den kürzern zieht. Nun fängt er meine Wege zu gehen an. Viel Kopfarbeit machte ihm und ändern, daß ich meinen jüngsten Buben Hermann taufen ließ. Er zweifelte, ob es je einen christlichen Heiligen dieses Nahmens gegeben, Du siehst, man ist hier noch fromm, d.h. wol stolz. Ja stolz ist man und hält das kleine für schlecht und das Glänzende für groß. Drum diese Sittenlosigkeit, drum ist dem alten Salomon mit den trockenen Knochen alles eitel, drum findet der, der seine Bahn übersprang keinen sittlichen Halt mehr, darum endlich nahm Muxels Josef in Au (Schrecken) vorige Woche einen Strick und erhängte sich, die Passiven belaufen sich auf etwa 20.000 fl. „Da hat mans", sagte der Bischof auf dem Landtag.

Dein letzter Brief hat mich recht gefreut. Er zeigt daß Du noch nicht verseucht bist, da ist Leben und - Fortschritt. Ich brauche dieses Wort absichtlich. Doch nur muthig vorwärts. Dir paßt also die alte Gottesidee von der Schule nicht mehr. Gut. Die Geschichte wird Dich eine neue finden lassen. Es wäre gefehlt, den Wein zu tadeln, weil Du plötzlich die Ent­deckung machtest, daß der den Du bisher bekommen allzu­sehr nach dem alten Faß roch. Das wird sich schon geben, wie im thätigen Leben sich alles findet, also nur vorwärts. Auf meinen Agitationsreisen durch unser Land hab ich den schönsten Lohn für mein Bemühen, einen Freund gefunden. Feuerstein, der Vorsteher in Bezau ist ein Mann, um den ich seine Heimath beneide. Ich glaube nicht, daß unser Ländchen ein halbes Dutzend solche habe. Es ist ein Glück für den gan­zen Wald, daß das erste Dorf ihn zum Leiter hat, den das wird auch andren Gemeinden vortheilhaft sein, in denen sich in der jetzigen Zeit der Rathlosigkeit oft genug zeigt, wie schlimm sie dran sind. Daß ich dabei auch an unsere Heimath denke, brauche ich Dir wol nicht erst zu sagen. Nun aber noch eine Neuigkeit, die Dir beweisen soll, 1) daß der Wälder doch auch von der Zeitströmung mitgenommen wird 2) daß ich nicht ganz umsonst mich heiser schwätze. Wir werden in kurzer Zeit eine tägliche Post bis Schoppernau bekommen, unter den sich um die Stelle bewerbenden ist auch Dein Vetter des Adlerwirths Michel. Wie das gekommen will ich Dir später erzählen. Daß ich die Hand auch im Spil hatte, kannst Du Dir denken. Wenn Michel der Rößlewirthin in Au überligt, könntest Du noch gar Postknecht werden, da er das schwerlich selbst zu übernehmen gedenkt. Die Meinen so wie alle Deine Bekannten sind wol und lassen Dich grüssen.

Unsere Landwehrler stehen an der Tyroler Gränze hart neben Garibaldi, sie sollen schon 40 Mann verloren haben deren Namen ich Dir leider noch nicht mitzutheilen weiß. Die Heuernte ist etwas dürftig ausgefallen, die Preise der Lebensmittel sind im Steigen nächstens werden wir Einquar­tierung verwundeter Soldaten bekommen. Doch genug, der Brief, dem ich meine Photografie beilege, möchte sonst zu schwer werden schreibe bald wieder Deinem Freund

F M Felder