AN JOSEF NATTER [IN GENEUILLE]

lfndenr: 
232
11. September 1866

Lieber Freund!

Deinem letzten Schreiben, welches ich mit viel Vergnügen gelesen, entnehme ich, daß es sehr gemüthlich ist keine Zei­tungen zu lesen, noch gemüthlicher aber sei es, solche zu lesen. - Gemüthlich ists also auf jeden Fall. Nun dagegen hab ich nichts einzuwenden. Auch ich habe längst nicht mehr Zeit mich zu ärgern denn jetzt muß gehandelt werden. Laut nikelsburger Friedensvertrag mit Preußen vom 23 August sind wir östreicher von Deutschland und dem neuen (nord)deut­schen Bund ausgeschlossen. Jetzt gilts zu zeigen daß wir Deutsche sind trotz Nikelsburg und Prag. Tausendjähriges sahen wir in diesem Jahr zusammenstürzen. Hannover als Königreich ist nicht mehr, Frankfurt, Hamburg etc gehört zu Preußen, im Norden liegt nun faktisch der Schwerpunkt Deutschlands und wir im Süden, besonders wir östreicher haben uns zu rühren, wenn wir nicht ganz überholt und wahrhaft Schmerzenskinder werden wollen wie man uns in Frankfurt schon Vorjahren nannte. Nun an mir liegts nicht wenns nicht geht. Daß ich die Unterdörfler so ziemlich jetzt im Sack hätte und es keine Schande mehr ist bei mir gelesen zu haben, daß nun auch der Pfarrer mir gegenüber den Artigen macht; - das und Ähnliches versteht sich wol von selbst, doch das ist mir jetzt ­offen gesagt zu wenig. Ich gehöre nicht mehr nur meinem Dorf. Ich möchte eben hinausgabeln und es freut mich daß mir einmal etwas, wenigstens theilweise, gelungen ist. Die vorarlberger Handelskammer (Fortschrittspartei) hat laut Feldkircher Zeitung, Veranlaßt durch die Nachricht vom bevorstehenden Friedensschluß mit Italien, ein Petit an das Ministerium des Handels abgehen lassen um die bei den Zoll­verträgen zu erwirkende Begünstigung der Mannufakte der Fabrikation, die Käsproduzenten aber, also die halbe Bevölkerung Vorarlbergs, wurden dabei natürlich!!! nicht berücksich­tigt. Infolge dessen machte ich die letzte Woche eine Agita­tionsreise (Nr 3). Es kamen dann in Bezau auf meine und Feu­ersteins meines lieben Freundes Verwendung die Landtagsab­geordneten, so wie auch die wichtigern Vorsteher Au Hütisau etc (Schoppernau war eben durch Deinen Freund gehörig vertretten) zusammen und es wurde Namens der Käsprodu­zenten eine eigene Adresse ans Ministerium des Handels abgeschickt. Was für Folgen das haben wird weis ich noch nicht außer daß ich durch diesen Schritt als Agitator nur gewann so wie auch mein Verein durch die Folgen desselben unberechenbar viel gewinnen kann. Das genauere dieses Vor­ganges wäre wol interessant und ich freue mich schon recht darauf, Dir bald davon erzählen zu können, für jetzt nur so viel: Es regt sich immer mehr, es muß gehen und - es geht! Auf meinen Reisen im Vaterländchen gewinne ich in jeder Beziehung. Man lernt so allerlei kennen was auch für den Literaten Werth hat. Auch den Professor Elsensohn hab ich getroffen. Es ist ein sehr gewöhnlicher Mensch gerade wie sein Buch über unsere Sagen zu dem ich Beiträge lieferte. Das Werk zeichnet sich durch verschiedenes eben nicht zu seinem Vortheil aus und man kann froh sein, daß es nicht mehr gele­sen wird. - Wahrscheinlich bringt die Gartenlaube nächstens einen größern Aufsatz von mir begleitet von einer Zeichnung meines Freundes Feurstein. Der Aufsatz wird ein würdiger Vorgänger der Sonderlinge sein und hier herum nicht in den Papierkorb geworfen werden. Der letztgenannte Roman wird hoffentlich - wenigstens der erste Band - noch diesen Herbst erscheinen. Jetzt habe ich Beiträge fürs Wörterbuch zu schrei­ben einen Auftrag von Dr. Mannhardt zu erledigen für Feuer­steins lithografische Anstalt Volkslieder zu dichten, die Statu­ten einer Salzhandlungsgesellschaft, die Du wirksam finden wirst, zu entwerfen und kurz so viel zu thun daß es - eine Lust ist. Offen gestanden, lebe ich erst diesen Sommer so ganz auf meine Art. Die Stöße von Schriften und Büchern u d g wachsen mit jeder Woche und es fehlt meinem Schaffen auch nicht an Theilnahme. Nächstens erwarte ich den Besuch zweier nammhafter Gelehrten deren Ankunft mir Hildebrand schon vor 14 Tagen meldete. Ich bin begierig sie kennen zu lernen. Sonst sah man nur selten einen Vergnügungsreisen­den, nur jetzt scheint sich dann und wann einer hieher zu verirren.

Daß Du gar keine Bücher zu bekommen scheinst bedaure ich einestheils recht von Herzen, doch wills mir scheinen, das Unglück sei nicht groß wenn Du einmal Zeit hast, das Gele­sene zu verdauen. Deine Briefe beweisen dem der Dich so gut kennt wie ich, daß Du gerade diesen Sommer weit vorge­kommen. Glück zu, auf dem eingeschlagenen Wege können wir mitsammen gehen. Dieses Jahr hat so vieles gekrümmt und verbogen, daß es einem wohl thut, etwas aufrechtes zu sehen.

Hast Du das Norddeutsche Wahlgesetz nicht gelesen.  Ich möchte  Dir die  Freude gönnen, diesen Thriumpf  unserer, Lasalles, Ideen zu sehen. Allgemeines direktes Wahlrecht.

Wo ein Volk eine Absolut sein wollende Regierung zu solchen Zugeständnissen bringt, da ließe sich dabei sein, doch auch auf uns ferne Deutsche mit dem ? wird ein Strahl dieses Lich­tes fallen wenn wir uns nicht allzusehr ducken und nicht zu der Partei gehören die sich im Volks?Blatt breit macht. Ja so, der tausend! So viel ich mich erinnere, hab ich Dir im letzten Briefe von diesem Wunderkinde noch gar nichts gesagt, während ich doch sogar den Herren in Leipzig schon davon erzählte. Nun verlohnt sichs doch noch einen Bogen herzunehmen.

Von den sich durch lange Röcke von andern männlichen Menschenkindern auszeichnenden Vätern unseres engern Vaterlandes wurde längst schmerzlich eine fromme Zeitung vermißt. Nun endlich, im Jahre des Unheils 1866 als die Welt­ereignisse wie noch nie vorher alle Welt zum Lesen drängten, schien der günstige Zeitpunkt zu einem derartigen frommen Unternehmen gekommen und einem Tiefgefühlten Bedürfniß sollte durch das Erscheinen eines - klerikalen Blattes abgehol­fen, wollte sagen, es sollte befriedigt werden. Ich will Dir nicht sagen, auf welche Art das nötige Kapital herbeigezogen wurde. Gut. Im Juli kam unter unsäglich vielen Wehtagen das Probeblatt zur Welt mitsammt dem Landeswappen Vorarl­bergs und wurde sogar bis zum Adlerwirth in Schoppernau versendet. Es war aber damahls eine so aufgeregte Zeit, daß meine guten Bauern nur für Schimpfartikel gegen die Feldkir­cher Zeitung, gegen die Presse usw. nicht vierteljährlich zwei Gulden zahlen wollten. So machte denn das Volks?Blatt mit sammt dem Wappen selbst unter den Bauern nur schlechte Geschäfte. -

Es sollte aber noch ärger kommen.

Das Gelächter der Gebildetem könntest Du Dir selbst den­ken, wenn Du das Probeblatt sähest. Man fand das Blättchen unwerth des Wappens welches zwischen dem Titel war wo ich das Fragzeichen hingemacht habe Dir zum Zeichen daß das Wappen schon auf der dritten Nummer des wöchentlich 2 Mal erscheinenden Blattes weggenommen werden mußte. Du weißt, ich rede immer mit Achtung von einem guten katholischen Blatt, doch hier haben wir kein solches und es ist bezeichnend, daß die Herren hier herum doch gar nichts Anständiges zu Tage fördern. (Register)

Am letzten Sonntag wurde eine neue Bruderschaft verkündet. Die Emporstiege in Schröcken wird vor der Kirchthür gebaut. Unser Pfarrer hat mit der Rößlewirthin in Au, ebenso auch mit dem Doktor Händel bekommen. Die Landwehrler werden demnächst erwartet. Daß es unserm Volk nicht an Kunstsinn fehlt hab ich vorgestern von neuem gesehen. Ich machte mit dem Wible eine Vergnügungsreise auf Schiedein. An der Gadenthür fand ich zu meiner Überraschung vom kleinen Schmiedler Josef folgenden Vers.

Josef Moosbrugger in Schoppernau geboren
War sechszehn Sommer hier und  dann  zum  Söldnerstand erkoren
Er hat es feierlich geschworen Getreu zu dienen Gott und Vaterland
Dieses tröstet ihn in seinem Stand.

Freilich fehlt Platens Glätte, aber was auch wußte der Schrei­ber von Platen und allen Dichtern. Mir war der einfache Aus­druck des Gefühls von diesem Menschen so rührend daß ich Dir ihn mittheilen mußte.

Eben lese ich die Briefe eines sehr verkommenen Wälders die mir Feurstein mittheilte, sie sind sehr interessant. Das wäre ein Talent gewesen, doch ich fürchte das Schlimmste. Ach nur zu häufig haben die Bauern recht mit ihrem Urtheil über gute Köpfe; aber immer sollen sie doch nicht recht haben. Denn sie hier zu widerlegen wäre eben der schönste Sieg über unsere Aristokraten und alles was in diesen Kratten steckt und drum und dran hängt.

Über Änderung im Paßwesen war bisher nichts Neues mehr zu erfahren.

11 September 66

Also noch in dieser Woche wird die Rückkehr der Landwehr erwartet, die Vorbereitungen zum festlichen Empfang sind getroffen. In Leipzig ist nun die Cholera, Hildebrand, der mich nun als „lieber Freund" anredet ist also in Gefahr doch hoffen wir das Beste! Die Bairische Kammer fordert Anschluß an Preußen! Das scheint bald eine allgemeine Forderung zu werden. Mit der Triäselei ists also aus wie sonst noch mit Vielem. Österreich zahlt 45 Millionen an Preußen davon 30,000,000 baar Geld nun wir habens ja. Die Banknoten sind zu Staatsnoten geworden, also nur Schuldverschreibungen von uns. Unsere Schulden sind heuer mehr gewachsen als Korn und Heu.

Sonst von hier wenig Neues da ja dumme Streiche und Bett­schwesterhezen etwas Altes sind. Wie bald wirst Du kommen Schreibe bald und recht viel Deinem

Dich herzlich grüßenden Freund

Franz Michel Felder