AN JOSEF FEUERSTEIN IN BEZAU

lfndenr: 
640
10. Dezember 1868

Lieber Freund! Freigesprochen. Juhui!

Diesen frohen Laut hast Du lang nicht mehr von mir gehört aber wenn einmal Wunder für Eins geschehen, darf man sich wol aus seiner Werktagsstimmung erheben.

Das Kasino in Au ist endlich über Reich und arm zu gericht gesessen und hat mich ziemlich gut gehen lassen.

Wenn Du den Roman gelesen hast, wirst Du sehen, welches Opfer hier der Berechnung gebracht, welche Zugeständnisse der - Furcht vor mir und meinem Anhang in Au gemacht wurden. Es hieß: das Buch habe Hiebe, wie vom Verfasser der Sonderlinge zu erwarten sei aber im Ganzen ein großer Fortschritt. Viele neue Gedanken seien geradezu Perlen, die Schreibfehler wolle man dem Autor vergeben.  (Hildebrand hat sie auch stehen lassen) und übrigens stehe das Ganze auf katholischem Boden und sei weder zu empfehlen noch zu verbieten. Siehst Du sagt ichs nicht!

Seit die Herrn die sociale Frage in die Hand nehmen möchten, wagen sie sich nicht und können nicht mehr hinter mich. Drei Kapitel meines Buches, das 11 te 13te und 18te haben sie gegen ihre Gewohnheit ganz mit dem Mantel der christlichen Liebe be­deckt.

Seyffertitz hat mir auf ein Schreiben brieflich und seine Frau mit einer großen Schachtel voll Kinderspielsachen u. Büchern geant­wortet.

Auch Hamm hat geschrieben ich lege den Brief bei. Sei aber so gut, ihn für Dich zu lesen und bald wieder zu schicken. Ich sollt ihn schon nächste Woche haben und möchte Dich auf diese Weise zum Schreiben zwingen.

Meine Antwort kannst Du Dir denken. Ich bath, er möchte sich an die Schillerstiftung wenden. Wir wollen sehen. jetzt lese ich Bornes Schriften die ich mir-aus-angeschafft habe. Du weißt schon warum.

Meine Selbstbiografie wächst auch gewinne ich wieder mehr Lust zu freien Gestaltungen. Ich fühle meine Kräfte wachsen. Meine Kinder sind bei Mariannen gut versorgt und ich auch. An Bezau denk ich noch gern und bitte mir alle Bekannte zu grüssen Reinhardt, Förster, Cärbers Lisabeth, die Stülzo Mari u. besonders Deine Frau. Der Lisabeth - so heißt sie doch - werd ich etwas zu lesen schicken durch Dich. Lebe wol und vergiß nicht

den besten Freund Dein Franz M Felder