AN GUSTAV WAGNER IN LEIPZIG [ENTWURF]

lfndenr: 
200
13. Juni 1866

Hochgeehrter Herr!

Ihr werthes Schreiben vom 3 d Mts samt Beilage hab ich erhalten. Es hat mich und die Meinen recht herzlich gefreut als ein Beweis Ihrer werthen Theilnahme und noch um so mehr da es uns Hoffnung macht Sie in kurzer Zeit hier zu begrüßen. Daran, daß ich erst heute dazu komme, diese Freude, die nur der von der Welt Abgeschlossene sich recht vorstellen kann, Ihnen antwortend auszusprechen ist nur meine s.g. gesellschaftliche Stellung schuld. Ich bin nämlich ein bregenzerwälder Bäuerlein und befinde mich derzeit mit Kind und Rind im Vorsaß Hinterhopfreben, einer Voralp, wo ich Briefe und Zeitungen sehr, sehr langsam erhalte. An Zeit zum Schreiben fehlt es mir in meiner Sommerresidenz nicht. Der Tag ist lang und während die Kühe vor meiner Hütte weiden gibts manche freie Stunde die ich zu meiner Lieblingsbeschäftigung benützen kann.

Auch das „Schwarzokaspale" ist hier entstanden was ihm da und dort noch anzumerken ist. Doch das einfache Lebensbild wurde so freundlich aufgenommen und (in norddeutschen Blättern) so nachsichtig beurtheilt, daß ich, dadurch er­muthigt, wieder dem Drängen eines mir selbst unerklärlichen Etwas nachgab und noch in diesem Jahr ein bereits vollende­tes größeres „Lebens und Characterbild aus dem Bregenzer­wald" veröffentlicht hätte, wenn die Zeitverhältnisse einem derartigen Unternehmen günstig geblieben wären. ­Das, was nun einmal in der Luft liegt, hat auch über unsere Berge herein gefunden, und ich konnte der Versuchung nicht mehr widerstehen, den Kampf des Neuen mit dem berechtig­ten und unberechtigten Alten, wie ich ihn zu beobachten fast täglich Gelegenheit hatte, in einer Dichtung so treu als - mög­lich darzustellen. Eine längere Zeit dauernde Unpäßlichkeit mitten in des Bauern Gnadenzeit im Winter (64/65) war die Ursache, daß das Werkchen so lange nicht fertig wurde.