FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
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1. März 1868

Lieber Freund!

Nun ist eine tägliche Post bereit, alle Briefe von meinen Freunden in Empfang zu nehmen und abends 4 Uhr nach Au zu bringen, von wo unser Gemeindediener sie jeden Abend holt. Ich hoffe, daß Du die gute Gelegenheit benützen und mir fleißiger schreiben werdest, als das im letzten Monat geschehen ist.

Unter dem 8. Februar wurde mir vom k.k. Präses in Feld­kirch gemeldet, daß die Sache des Uhrenmachers an das Bezirksgericht Bregenz zur kompetenten Amtshandlung über­wiesen sei. Das Schriftstück wurde vom Förster am 14. in Bezau gesehen. Ich aber erhielt es erst am 22. d. Ms. Unter­dessen wurden von Müller die Zeugen verhört. Ich kann mir das späte Zusenden erklären. Es heißt nämlich in der Bekannt­gebung, die Klage wegen Wahlstörung wurde heute, also am 8. Februar, dem Bezirksgericht Bezau überwiesen. Wäre nun Müller gleich eingeschritten, so hätten unsere Gegner das Wahlrecht verloren. Das aber sollte nicht geschehen. Ja, Müller riet sogar in einem vertrauten Schreiben dem Vor­steher, dem Frieden zuliebe wenigstens einen Gegner in den

Gemeinderat zu bringen. Daß es nicht geschah, hab ich Dir gemeldet. Neu ist, daß Müller unsern Vorsteher vorlud, um ihm vorzustellen, daß meine Klage wegen Wahlstörung nur Händel gebe. Albrecht blieb fest und Müller sagte: Dann werde er eben etwas tun müssen. Es sei ungesetzlich und verstehe sich von selbst, daß man das nicht durchgehen lasse. (Ein Fuhrmann muß renken können!) Dann sagte Müller, dem Uhrenmacher werde man kein großes Schmerzensgeld her­ausbringen. Der Täter sei arm, und der Rößlewirt hab ihn nur festgehalten.

Ich glaube, man könnte von den Tätern (zwei hielten und einer schlug den Uhrenmacher) eine Summe fordern und ihnen das Aufbringen derselben umso mehr überlassen, da der Schläger beim Rößlewirt Knecht und zum Schlagen auf­gefordert ist. Was sagst Du?

Vorgestern war Fastenandacht in Reuthe, der Pfarrer von Bizau predigte vom Glauben: Nicht nur da draußen, sagte er, auch hier nimmt die Glaubenslosigkeit Überhand. Ja, in der Nachbargemeinde Schoppernau glaubt man schon nicht mehr einmal an die Unsterblichkeit der Seele. Nun denke Dir zuerst, wie das Aufsehen machen mußte, und dann sage mir, ob man sich das und Ähnliches gefallen lassen muß. Rüscher verhält sich ruhig, aber in den Nachbar­gemeinden beginnt die Hetzerei. Dieser Tage erhältst Du meinen Gartenlaubenartikel. Lese und mache wie Du willst, dann aber sende ihn an Dr. Hildebrand in Leipzig, Wind­mühlenstraße 29. Er wird ihn wohl nachdrucken lassen, da mit unserer Feldkircherin (der erbärmlichen) doch nichts erreicht würde. Von dem ändern Artikel, den ich zuletzt schickte, hab ich noch gar nichts gehört und nun ihn zurückgefordert, wenn er noch nicht heraus ist. Ich sende ihn auch nach Deutschland, denn hier scheint alles faul. Mein Roman wächst. Lebewohl. Melde bald Erfreuliches. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

F. M. Felder