FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
301
28. Februar 1867

Lieber Freund!

Von meiner glücklichen Heimreise ist nur wenig zu singen und zu sagen. In Au traf ich den Doktor, der mir interessante Mitteilungen machte. Am Tage vorher hatte er einen Kapu­ziner durch Wein und Widerspruch derart in Hitze gebracht, daß der gute Mann allerlei dummes Zeug schwätzte, wofür ihm seine frommen Brüder nicht danken werden. Man kam natürlich auf mich zu sprechen, und der Pater, der mich persönlich nicht kennt, äußerte u. a.:

„Man hat allen Grund, das Ärgste von ihm zu vermuten, nämlich daß er der Verfasser der Klarstellung sei." „Aber er versteht ja kein Latein!"

„Man sollte glauben, er verstände noch viel nicht, womit er sich abgibt, aus einem Gespräch, das wir kaum zur Hälfte gedruckt, mit Hilfe frommer Leute zum Lesen in die Hände bekommen haben, ergab sich, daß er ein Atheist ist. Man hat dann Feursteins Frau zugeredet, bis die Vollendung des Druckes aufgegeben wurde. - Sein neuer Roman muß auch recht schlecht sein; denn die Anzeige wurde zuerst von der Feldkircherin abgedruckt, so daß sie das Volksblatt gar nicht mehr aufnehmen mochte u.s.w." Ist das nicht interessant? Der erste Band der Sonderlinge liegt nun in siebzehn Bogen vor. Auch einen höflichen Brief von Bergmann samt seinem Werk über die Gemeinden Vorarlbergs hab ich erhalten. Der gutmütige Herr ersucht um einen größeren Beitrag für ein Werk, an dem er schon lang arbeitet, um eine Charakteristik unseres Völkleins. Ich hab höflich abgelehnt und ihn auf die Sonderlinge verwiesen. Jetzt also kriechen die - wieder her und nennen mir ihre Titel und ihren Einfluß, früher wollte sich keiner rühren. Das werde ich ihnen danken! Zur Bemerkung über die Klarstellung in der Landeszeitung schrieb unser Pfarrer: Ganz richtig. Er wußte, daß nur noch ich sie lesen werde und die Vorsteher. -

Gestern erhielt ich das Mannheimer Journal zugesandt und fand folgendes angestrichen: „Eine interessante Schrift unter dem Titel: Klarstellung der Partei der Gleichberechtigung u.s.w. ist dieser Tage erschienen. Dieselbe zieht vorerst die österreichischen Zustände im allgemeinen in den Kreis ihrer Betrachtungen, geht dann auf die Religions-Verhältnisse über und bringt dabei sehr beherzigenswerte Schilderungen der Mißstände in Vorarlberg, die bei den ultramontanen Bestre­bungen allerwärts auch sehr gut auf andere Länder passen. Die Darstellung der sozialen Gebrechen und deren Herein­ziehen in die politischen und religiösen Fragen ist sehr gut gegeben, überhaupt das Schriftchen empfehlenswert."

Diese Abschrift ist wörtlich, wenn Du sie etwa zu einem zweiten Inserat in der Feldkircherin benützen wolltest, nur um die Herren der Landeszeitung zu ärgern und zu zeigen, daß sie das Kraut weder fett noch mager machen können.

Was macht Kunz? Hat er sich noch nicht geäußert? Hier verbreitet sich mit erstaunlicher Schnelle das Gerücht, Pfarrer Rüscher habe nach Dornbirn angehalten. Man hält seine Stellung für so unhaltbar und unerträglich, daß der Unsinn von vielen geglaubt wird. Freilich wollte er auch seinerzeit nach Bezau, aber so eitel wird er denn doch nicht sein. Ich und meine Freunde - hoffen auf dieses Gerücht hin noch nichts. Mit der Bibliothek fängt's langsam an zu gehen. Kunz - das hätt' ich fast vergessen - der Redakteur soll wirklich nach Amerika wollen. In diesem Fall solltest Du doch mit Ganahl reden, wenn Du selbst allenfalls etwas Lust und ­freie Zeit bekommen solltest. Die Zumutung ist wohl etwas stark. Aber wenn Du die Feldkircherin nicht möchtest, hättest Du als ihr Adoptiv-Vater das Recht, auch ihren Namen zu ändern und sie als „Volksstimmen" in die Welt, nicht nur nach Vorarlberg zu schicken. Die Sache verdient Überlegung.

Daß Kunz geht, sagte mir der Wirt zum Sonntag, er be­hauptet, es ganz bestimmt zu wissen.

Auf der Heimreise hab ich im Oberland mehrfach Gelegenheit gehabt, den Eindruck zu beobachten, den das schon überall bekannte Vorgehen des Landtages gegen Rinderer machte. Es wurde viel über Mathis geschimpft, „der ja nach Durch­sicht der Akten eine Neuwahl noch vor der Hauptwahl hätte vornehmen können". Auch Dr. Bickel als Komitee-Mitglied könnte diesen unangenehmen Eindruck noch kennenzulernen Gelegenheit bekommen. Mir ist wieder recht närrisch wohl bei meinen Bauern und ich arbeite, daß es klepft. Isabellens Freundinnen sind erfreut über die guten Nachrichten, die ich von ihr brachte und lassen sie freundlich grüßen. Heut ist schmutziga Dunstag, nachmittags werden ich, Felder und der hiesige Adel nach Au fahren oder gehen. Beim Rößle in Au hat man Stubata und Musik, hier soll man sich nicht mehr regen, damit der Pfarrer in dekanliche Gnade komme. Also fort nach Au, wo man sich regt! Mit Gruß und Handschlag Dein treuer Freund

F. M. Felder